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Netto-Null-Fahrplan: Internationale Energieagentur fordert Ende der Investitionen in Kohle, Erdöl und Gas

IEA: Dieses Jahrzehnt ist entscheidend, um bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral zu werden

18.05.2021
4 Minuten
Förderbänder für fossile Brennstoffe im Steinkohlekraftwerk, Silhouette bei Wintersonnenaufgang

Die Internationale Energieagentur (IEA) fordert, ab sofort Investitionen in die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen zu beenden. Das geht aus dem vorgelegten Fahrplan „Net Zero by 2050 A Roadmap for the Global Energy Sector“ hervor.

Der 227-Seiten starke Bericht ist nach Angaben der IEA die erste umfassende Studie, wie der globale Übergang zu einem klimaneutralen Energiesektor gelingen kann. Die Roadmap formuliert zahlreiche Meilensteine aus, die zeigen, wie eine Transformation zu einer Wirtschaft mit Netto-Null-Emissionen funktionieren kann, einschließlich des sofortigen Endes neuer Investitionen in die Gewinnung fossiler Brennstoffe und einer Netto-Null-Stromerzeugung bis 2040.

Die Organisation mit Sitz in Paris wurde 1974 als Reaktion auf die damalige Ölkrise gegründet und fungiert als autonome Einheit der OECD. Die Agentur veröffentlicht regelmäßig den World Energy Outlook, mit der sie die mittel- und längerfristige Entwicklung der Welt-Energieversorgung prognostiziert. Diese Prognosen galten bislang als eher konservativ: Die IEA-Fachleute haben bis vor wenigen Jahren noch auf höhere Investitionen in neue Öl- und Gasfelder gedrungen, weil sonst Versorgungsengpässe drohten. Lange Zeit waren zudem die Vorhersagen der IEA zum möglichen Wachstum der erneuerbaren Energien sehr verhalten. So haben die Energieexperten viele Jahre den globalen Photovoltaik-Ausbau deutlich unterschätzt.

IEA: Sonne und Wind werden immer wichtiger

Das ist vorbei: Die Welt brauche einen „radikalen“ Wechsel hin zu erneuerbaren Energien, um bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen und das 1,5-Grad-Ziel zu sichern, schreibt die IEA nun.

Die Roadmap entwirft einen Plan für eine Netto-Null-Emissions-Wirtschaft, die sich dramatisch von der heutigen Energie-Infrastruktur unterscheiden würde. Die von der Weltwirtschaft verbrauchte Energiemenge müsste nach dem Szenario bis 2050 um acht Prozent sinken – trotz einer angenommenen Verdoppelung des BIP und zwei Milliarden Menschen mehr auf dem Planeten. Das Szenario ist zudem im Einklang mit den SDG-Zielen für nachhaltige Entwicklung so modelliert, dass im Gegensatz zu heute bis 2030 alle Menschen verlässlichen Zugang zu bezahlbarer Energieversorgung haben.

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Die IEA sieht die Energiewelt vor einer massiven Verschiebung hin zu einer elektrifizierten Wirtschaft, vom Verkehr über die Heizung bis hin zur industriellen Niedertemperaturwärme. Der Anteil der Elektrizität am Endenergiebedarf würde von heute 20 Prozent auf fast 50 Prozent im Jahr 2050 steigen. Gleichzeitig würde sich der Anteil flüssiger Brennstoffe von heute 38 Prozent auf 19 Prozent halbieren.

Die erneuerbaren Energien könnten auf diese Weise den Anteil der Kohle an der weltweiten Energieerzeugung bis 2026, Öl und Gas noch vor 2030 überholen.

Bis 2050 sollen die Erneuerbaren zwei Drittel der weltweiten Energieversorgung und fast 90 Prozent der Stromerzeugung abdecken. Die dominante Rolle fällt dabei der Solarenergie zu.

Der Einsatz von Kohle, Öl und Gas müsste schnell und rapide zurückgehen: Im Jahr 2050 würde im IEA-Szenario nur noch etwas mehr als ein Fünftel der gesamten Energieversorgung aus fossilen Brennstoffen stammen. Als Begründung, warum, fossile Brennstoffe nicht vollständig auslaufen, verweist die IEA auf nichtenergetische Verwendungen, wie die chemische Grundstoff-Industrie, sowie auf Energieerzeugung in Kombinationen mit CO2-Abscheidung. Atomkraft trägt in diesem Szenario ein Zehntel der globalen Stromerzeugung im Jahr 2050 bei.

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Bürgerïnnen müssen einbezogen werden

Ein ganzes Kapitel des Reports ist den notwendigen Verhaltensänderungen für diese massive Transformation gewidmet. „Der Übergang zu Netto-Null ist für die Menschen, um die geht es. Es ist von entscheidender Bedeutung, sich bewusst zu machen, dass nicht jeder Arbeiter in der fossilen Brennstoffindustrie in einen Job mit sauberer Energie wechseln kann. Also müssen Regierungen die Ausbildung fördern und Ressourcen bereitstellen, um neue Möglichkeiten zu ermöglichen“ schreibt Fatih Birol, geschäftsführender Direktor der IEA im Vorwort des Reports. Dazu sei es notwendig, Bürgerïnnen aktiv in den gesamten Prozess einzubinden, damit sie sich als Teil des Übergangs fühlen können.

Gesellschaftliche Normen und persönliche Entscheidungen werden eine zentrale Rolle dabei spielen, das Energiesystem auf einen nachhaltigen Pfad zu lenken, schreiben die Autoren der Roadmap.

Ganz explizit wird dabei die dringend notwendige Abkehr vom verschwenderischen Energieverbrauch genannt, etwa bei der ineffizienten Beheizung von Gebäuden. Als wesentlicher Punkt werden auch Energiesparmaßnahmen beim Verkehr betont. Die Autoren schlagen ein Tempolimit von Autobahnen von 100 km/h vor, sowie eine Verlagerung der Mobilität weg vom eigenen Auto hin zu mehr Fahrradfahren und Zu-Fuß-gehen, sowie Ridesharing und Bussen für Fahrten in den Städten. Regionalflüge sollen wo immer möglich durch Hochgeschwindigkeitszüge ersetzt werden.

Die IEA schreibt, 2021 sei ein „kritisches Jahr zu Beginn eines kritischen Jahrzehnts für diese Bemühungen“, die damit beginnen müssten, das Energiesystem der Welt von einem von fossilen Brennstoffen dominierten in eine Zukunft umzuwandeln, „die überwiegend von erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind angetrieben wird.“ Ohne deutlich beschleunigte Innovationen in „saubere“ Energien sei das Erreichen von Netto-Null-Emissionen bis 2050 nicht zu erreichen, schreiben die Autoren der IEA-Roadmap.

Signal vor der Weltklimakonferenz

Das Papier soll laut IEA die Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen im November im schottischen Glasgow vorbereiten und dürfte Signalwirkung haben. Die Forderung der Energieagentur nach einem Investitionsstopp für neue Öl- und Gasvorkommen könnte nun viele Politikerïnnen und Energieunternehmen unter Druck setzen.

Der Bericht sieht es unter anderem als notwendig an, dass die am wenigsten effizienten Kohlekraftwerke bis 2030 abgeschaltet werden. Verbleibende Kohlekraftwerke, die bis 2040 noch in Betrieb sind, sollen nachgerüstet werden, fordert die IEA.

Das könnte nicht zuletzt auch die Debatte um Deutschlands Kohleausstieg, der bislang für das Jahr 2038 geplant ist, neu befeuern, nach dem Ende April bereits das Bundesverfassungsgericht für die weitere Emissionsreduktion ab dem Jahr 2031 konkrete Maßgaben angemahnt hatte.

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Daniela Becker

Daniela Becker

Daniela Becker ist Umweltwissenschaftlerin und arbeitet seit 2010 als freie Journalistin zu den Themen erneuerbare Energien, Energie- und Verkehrswende, Klimaschutz und Clean-Tech.


EnergiePerspektiven

Der Weg zu einer Energieversorgung, die völlig ohne Öl und Gas auskommt, führt über viele verschiedene Technologien, Akteure und Ansätze.

Die EINE Energiewende gibt es nicht: Vielmehr muss an diversen kleinen und großen Stellschrauben gedreht werden, damit schließlich alle Räder ineinander greifen. Der Aufbruch ins postfossile Zeitalter ist kein einfacher Prozess und erfordert einen steten Soll-Ist-Vergleich. EnergiePerspektiven möchte aufzeigen, welche Chancen die Energiewende birgt und welche Herausforderungen sie bewältigen muss.

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