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Zum Tag der Erde: Naturschutz muss gerechter werden

Symptombekämpfung im Naturschutz reicht nicht. Interview mit der Umweltwissenschaftlerin Julie Zähringer.

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22.04.2020
8 Minuten
Nur ein paar Bäume haben die Feuersbrunst in Morondava auf Madagaskar überlebt.

Wir müssen die Hälfte der Erde unter Schutz stellen. Nur so kann die Biodiversität gerettet und ein Massenaussterben verhindert werden. Dies fordern und behaupten viele Naturschützerinnen und Naturschützer. Einer der prominentesten unter ihnen ist der Biologe und Ameisenforscher E.O. Wilson, der 2016 ein Buch verfasste mit dem programmatischen Titel „Die Hälfte der Erde“. Wilsons Stiftung zum Schutz der Biodiversität hat bereits ein „Half-Earth“-Projekt ins Leben gerufen, das für die Idee wirbt.

Mit Erfolg: Die „Hälfte der Erde“ taucht immer wieder auf, wenn es darum geht, über Schutzmassnahmen auf globaler Ebene zu diskutieren. Der „Global Deal for Nature“, den eine Reihe von Ökologen vor einem Jahr vorgestellt haben, hat das Ziel übernommen, zumindest mittelfristig: Bis ins Jahr 2030 sollen 30 Prozent der Erde offiziell geschützt werden, bis 2050 sollen es dann 50 Prozent sein.

Damit gehen Wilson sowie die Initianten des „Global Deal for Nature“ weit über die bisherigen Ziele hinaus. Gemäss der Biodiversitätskonvention sollen 17 Prozent der Landmasse sowie 10 Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden – und zwar bis ins laufende Jahr. Im Herbst hätte die Staatengemeinschaft Bilanz ziehen sowie neue Meilensteine im Biodiversitätsschutz definieren sollen. Doch wegen der Corona-Krise ist die internationale Konferenz verschoben worden.

Eine Milliarde Menschen betroffen

Zeit also, „Half-Earth“ kritisch zu betrachten. Denn oft wird bei dieser Idee, die aus Sicht des Naturschutzes einleuchtet, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sprich: den Menschen, die von solchen Schutzmassnahmen betroffen wären.

Die Rechnung gemacht haben Forscherinnen der Universitäten Cambridge und Bern. Ihr Resultat, das sie Ende 2019 in „Nature Sustainability“ veröffentlichten, ist eindrücklich: Würde die halbe Erde geschützt, wäre eine Milliarde Menschen direkt davon betroffen.

Eine der rechnenden Forscherinnen ist Julie Zähringer vom „Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt“ der Universität Bern. Die Umweltwissenschaftlerin untersucht in ihrer Arbeit, wie sich Landnutzungsänderungen auf die Bevölkerung vor Ort auswirken: Wie leben Menschen an den Rändern von Naturreservaten? Mit welchen Problemen haben sie zu kämpfen?

Ihre Feldforschung hat sie unter anderem nach Madagaskar geführt. Dabei hat sie festgestellt: Die Forderung nach mehr Schutzgebieten kommt oft aus den reichen Industrieländern, umsetzen müssen sie dann die armen Entwicklungsländer.

„Die Flugbegleiter“ haben mit Julie Zähringer gesprochen und wollten von ihr wissen, wer denn vor allem von „Half-Earth“ betroffen wäre und wie ein gerechter Naturschutz aussieht, der die Bedürfnisse und Interessen der Menschen angemessen berücksichtigt.

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Julie Zähringer schreitet in Madagaskar durch einen Fluss und begleitet Einheimische. Die Forscherin der Universität Bern hat in Madagaskar erforscht, wie die örtliche Bevölkerung auf Änderungen der Landnutzung reagiert.
Julie Zähringer von der Universität Bern hat in Madagaskar erforscht, wie die örtliche Bevölkerung auf Änderungen der Landnutzung reagiert.
Porträt der Umweltwissenschaftlerin Julie Zähringer, Centre for Development and Environment (CDE), Universität Bern.
Umweltwissenschaftlerin Julie Zähringer, Centre for Development and Environment (CDE), Universität Bern.
Julie Zähringer im Gespräch mit Madagassen: Damit Naturschutzmassnahmen akzeptiert werden, müssen die Betroffenen in alle Planungsschritte miteinbezogen werden.
Julie Zähringer im Gespräch mit Madagassen: Damit Naturschutzmassnahmen akzeptiert werden, müssen die Betroffenen in alle Planungsschritte miteinbezogen werden.
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Dr. Markus Hofmann

Dr. Markus Hofmann

Markus Hofmann, Vogelbeobachter mit Schweizer Feldornithologie-Diplom, hat als Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung über Umwelt- und Klimapolitik berichtet und arbeitet seit 2016 beim Schweizer Radio SRF.


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