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Im Schutz der toten Krone

Fieldwriter Gerhard Richter schreibt im Geäst eines umgestürzten Baumes und findet dort einen uralten Frieden und eine neue Uhr.

09.05.2020
7 Minuten
Gerhard Richter läuft zu seinem Klapptisch neben dem toten Geäst eines umgestürzten Baumes

Ein Elefantenfriedhof sieht bestimmt ganz ähnlich aus. Wie Knochen toter Kolosse verwittert das Holz dieses umgestürzten Baumes, bleich wie Elfenbein. Die Baumkrone liegt nun da als vom Leben verlassenes, weithin sichtbares Gerippe. Manche Äste ragen mit seltsamen Verrenkungen in den Himmel, andere stecken im Boden. Ein mächtiger Baum ist hier in die Knie gegangen. Er sinkt nun langsam der Erde entgegen und flüstert Weisheiten.

Löcher wie Augen

Diese Pappel muss sehr alt geworden sein. Sie hatte drei Stämme. Sie sind schon vor Jahren auseinandergebrochen. Die einzelnen Stämme strebten einst nach oben. Nun liegen sie flach und zeigen in verschiedene Himmelsrichtungen. Die Krone, in der ich sitze, stürzte nach Südwesten. Alle kleineren Zweige sind bereits abgefallen. Wo sie früher aus dem Ast gewachsen sind, klaffen nun faulige Löcher; manche wirken wie Augen. Es sind Einfallstore für Feuchtigkeit, Moder und Pilze. Aber noch halten die starken Äste der Krone den Stamm von der Erde ab. Sie stemmen sich förmlich gegen den endgültigen Zerfall. Die Äste, die nach oben ragen, zeigen wie knotige arthritische Finger in den Himmel, wo die Sonne auf ihrem Lauf durch den Nachmittagshimmel ihre zerstörerischen Strahlen aussendet und alles brüchig werden lässt.

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Gerhard Richter

Gerhard Richter

Seit 2006 arbeitet Gerhard Richter als freier Journalist. Dutzende Reportagen und Features für Deutschlandfunk Kultur, WDR, BR und SWR.

Daneben liebt Gerhard Richter Interviews an der Schreibmaschine (Galerie der verlorenen Heimat) oder das von ihm entwickelte Field Writing. Derzeit Fellow der Masterclass Wissenschaftsjournalismus der Robert-Bosch-Stiftung mit einem Projekt zu Bodentierchen.


Field Writing

Es ist ein Mythos, dass wir ein Teil der Natur sind. Dann könnten wir doch gut miteinander. Aber die Natur spricht nicht mehr mit uns. Oder doch? Gerhard Richter wagt einen letzten Versuch.

Der Journalist Gerhard Richter beschäftigt sich immer wieder mit dem Verhältnis von Mensch und Natur.

Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Welche Rolle spielen wir dabei?

Seit 2018 setzt sich Gerhard Richter regelmäßig mit seiner Hermes Baby Reiseschreibmaschine in markante Teile der Landschaft und schreibt Texte. Darin schilderte er die Umgebung und seine Reflexionen dazu. Als Journalist verlässt er damit die herkömmlichen Recherchewege. Sein Gesprächspartner ist die Natur selber. Diese Art des Schreibens nennt er Field Writing.

Die so entstandenen "Feldreporte" veröffentlicht Gerhard Richter auf dieser Koralle.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Gerhard Richter

Kirchplatz 12
16909 Wittstock

www: http://autor-gerhard-richter.de

E-Mail: post@autor-gerhard-richter.de

Tel: +49 170 2377428

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Lektorat: Ulf Buschmann
Fotografie: Gerhard Richter