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Die Menschheit in der Krise

Was Fremdstoffe mit uns machen

von
17.05.2021
7 Minuten
Die Illustration zeigt eine große Gruppe rennender Menschen.

Dieser Text ist ein Kapitel aus dem im Mai erschienenen Sachbuch „Endlager Mensch“ im Rowohlt Verlag von Susanne Donner

Das Blei im Benzin ist schon lange verboten, aber immer noch zirkuliert so viel des Schwermetalls in unserem Blut, dass Kinder in der Folge etwas weniger intelligent sind. Krebs und Unfruchtbarkeit hierzulande sind ebenfalls dem Blei im Blut als einer von sehr vielen Ursachen anzulasten. Das ist nicht strittig, sondern schlicht Stand der Forschung (siehe vorausgegangenes Kapitel). Blei ist ein Fremdstoff unter Zigtausenden, bei dem die Risiken vergleichsweise gut bekannt sind.

Natürlich interessiert uns vor allem, ob unsere eigene Gesundheit unter Fremdstoffen leidet. Selten wird diese Frage jedoch in einen großen Kontext gesetzt, nämlich, was eine zunehmende Belastung insgesamt für das Fortbestehen der Menschheit bedeutet. Ob es der Quecksilbergehalt am Nordpol ist, die Belastung des Wasserhaushaltes mit Süßstoffen und Antibiotika oder des menschlichen Blutes mit perfluorierten Chemikalien – sehr, sehr viele Stoffe spielten vor mehr als zweihundert Jahren keine Rolle, weil sie noch nicht erfunden waren.

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Der Mensch unter mannigfaltigem Umweltstress

Aus evolutionsbiologischer Sicht bedeutet der Cocktail dieser Fremdstoffe einen neuen Umweltstress, an den sich alle Organismen versuchen, anzupassen. Nun ist die allgegenwärtige Fremdstoffbelastung selbst bereits ein multifaktorieller und höchst komplexer Reiz, bedenkt man nur, dass hunderte darunter erbgutschädigend oder gar mutationsauslösend wirken. Es ist aber noch dazu nicht die einzige menschengemachte Veränderung, die sämtliche Organismen einschließlich des Menschen gegenwärtig zur Anpassung zwingt. Die Erderwärmung ist eine ebensolche Neuerung, der komplette Umbau der Landschaften mit massiver Entwaldung und hochintensiv genutzten Agrarflächen ist eine weitere. Bezogen auf den Menschen sind auch die hochkalorische Kost, mangelnde Bewegung infolge von Mobilität und das Leben in vollständig geschlossenen Räumen weitere Neuheiten, an die unser Körper nicht adaptiert ist.

Damit gelangen wir zu einer wichtigen Einsicht: Die sich rasant verändernden Lebensbedingungen setzen alle Organismen, auch den Menschen, einem massiven Umweltstress aus. Ich betone, dass auch die Menschen Teil dessen sind, weil sie seltsamerweise oft ausgespart werden, als wären wir durch einen obskuren Schutzmechanismus von den irdischen Bedingungen abgeschirmt. Dieser zunehmende Druck, sich anzupassen, bedingt eine beschleunigte Evolution. Antibiotika und Fungizide verlieren immer schneller ihre Wirksamkeit, konnten Evolutionsbiologen um Jens Rolff an der Freien Universität Berlin 2020 solide belegen. Es ist auch dieser Effekt, der innerhalb weniger Jahrzehnte dazu führte, dass in der Hochseefischerei gefangene Fische zusehends kleiner wurden, weil die Großen ständig ins Netz gingen. Ebenso führte die Jagd auf Wild mit üppigem Geweih zu Tieren mit weniger imposantem Gehörn. Das sind gut belegte Beispiele «anthropogener Evolution» – der menschengemachten Evolution.

Aber damit nicht genug: Zellen oder Bakterien, die Giften und Strahlung ausgesetzt werden, oder die hungern, mutieren nachweislich bis zu mehrere tausend Mal schneller als gewöhnlich. Das ist eine natürliche Reaktion auf «Umweltstress». Denn das erhöht die Chancen, dass irgendein Mutant mit den neuen Lebensbedingungen besser klarkommt. Höherer Anpassungsstress bedingt also eine höhere Mutationsrate, wie neben anderen die Molekularbiologin Susan Rosenberg nachgewiesen hat. Die Evolution beschleunigt sich.

Der Mensch drückt das Gaspedal der Evolution

Eine erhöhte Mutationsrate könnte nebenbei die Zunahme an Krebserkrankungen, die wir beobachten, mit erklären. Ein Gedanke, der mir gar nicht abwegig erscheint und den ich hier als wichtige These zur Diskussion stellen möchte. Diese ist nicht wissenschaftlich belegt, wurde aber meines Wissens auch kaum so formuliert und geprüft. Oft heißt es pauschal, die Zunahme der Krebserkrankungen entspringe der vermehrten Diagnostik, die es sicher auch gibt. Begreift man die sich rasant verändernden Lebensbedingungen als Ursachen für enormen Anpasssungsstress, dann erscheinen die typischen Zivilisationskrankheiten von Diabetes über Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunkrankheiten von Allergien über Asthma bis zu rheumatoider Arthritis und Rückenleiden schlicht als Anpassungskrankheiten. Sie sind die Konsequenzen der anthropogenen und beschleunigten Evolution. Wir haben die Lebensbedingungen, auch unsere eigenen, im Turbotempo verändert. Der menschliche Körper kann mit der Geschwindigkeit, die wir vorgelegt haben, nicht mehr Schritt halten, sonst würde ihm weder Fast Food noch Feinstaub schaden. Der Mensch wird krank.

Aber diese Anpassungsstörungen sind leider kein vergänglicher Schnupfen, sondern dauern so lange an wie die veränderten Lebensbedingungen und die mangelnde Anpassung. Gewöhnlich lebenslang. Wir sehen sie als chronische Krankheiten in den Statistiken. 48 Prozent der Bundesbürger geben in einer Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung von 2017 mindestens ein oder mehrere chronische Leiden an.

Das Phänomen ist allerdings global: Die Folge dieser Entwicklung ist, dass die Menschheit zunehmend an Vitalität einbüßt. Dieser Trend müsste uns zur Räson rufen. Das zunehmende Siechtum der Menschen verbunden mit viel Leid kann nur enden, wenn jeder Einzelne und die Menschheit insgesamt die Vitalität pflegt, sich als Teil des Ökosystems begreift und so gesehen selbstverständlich einen intakten Lebensraum hütet.

Die Folgen der anthropogenen Turboevolution sind im Übrigen allumfassend: Das massive Artensterben ist ebenfalls eine sichtbare Folge. Die ausgelöschten Tiere und Pflanzen konnten sich nicht schnell genug anpassen. Und bei verschiedenen Überlebenden, seien es Bienen, Frösche, Korallen, Großtiere oder Menschenaffen, beobachten Ökologen und Biologen nun zunehmendes Siechtum: Krankheiten, neue Infektionskrankheiten, Probleme mit dem Immunsystem, Fehlbildungen, Populationsrückgänge, alles irgendwie multifaktoriell. Vereinfacht gesagt: Die noch Lebenden leiden unter Anpassungsproblemen an die anthropogene Evolution – an Nahrungsmangel, weil ihre angestammten Lebensräume so winzig geworden sind, an neuen Infektionserregern, die wir ihnen im Takt der Flugzeuge und Frachtschiffe bringen, an neuen Pestiziden, die ihnen zusetzen, ohne sie allesamt auf einen Schlag umzubringen.

Die Generalisten bleiben, die Spezialisten sterben aus

Es sind oft die Generalisten mit kurzen Vermehrungszyklen, die sich zunächst anpassen können, vom Kabeljau bis zum Reh. Aber die Spezialisten und jene Spezies mit langen Vermehrungszyklen bleiben auf der Strecke, sind zunehmend bedroht, wie alle Großtiere Afrikas etwa. Und wir Menschen, sind wir Generalisten oder Spezialisten? Die Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel hat einmal zu mir gesagt, keine Spezies komme mit so unterschiedlichen Lebensbedingungen zurecht. Wir können nur von Fisch leben wie die Inuit oder wie die Massai vom Blut lebender Rinder, ein paar Wurzeln und Früchten. So gesehen könnten wir Generalisten sein. Aber es dauert lange, bis Menschen Nachwuchs bekommen. Und wir Europäer sind nicht die Inuit. Menschen in modernen Zivilisationen führen hochspezialisierte Lebensweisen. Die Versorgung schon mit Nahrung und mit Wasser ist hochgradig arbeitsteilig und von anderen Voraussetzungen wie verfügbarem elektrischem Strom abhängig. Wenn die Tomaten aus Spanien nicht kommen, wachsen sie nicht so schnell in erforderlicher Menge in Brandenburg. Was der Strom und die Tomaten mit Anpassungsstress zu tun haben? Die Fremdstoffbelastung ist eine weiterer starker Umweltstressor, den wir Menschen setzen. Er verursacht zusätzlich zu vielen anderen Umweltveränderungen erheblichen Anpassungsdruck und eine erhöhte Mutationsrate. Diese führt im besten Fall zu einer Diversifikation der Spezies Mensch mit ein paar gut Angepassten und als Kollateralschaden zu eingeschränkter Vitalität bei vielen.

Je größer der selbstverursachte Anpassungsstress, desto eher erreicht der Versuch der Turboanpassung der Spezies Mensch einen krisenhaften Zustand. Und Krisen, die Corona-Pandemie ist nur eine davon, sind unvorhersehbar in ihrem Verlauf. Nicht nur die Versorgung mit Medikamenten kann dann ausbleiben. Dieser Perspektivwechsel, das Denken in ökosystemischen und evolutiven Zusammenhängen, macht eines schlagartig klar: Wir unternehmen ein brandgefährliches Selbstexperiment mit völlig ungewissem Ausgang. Es ist höchste Zeit, niemand kann sagen, ob es schon zu spät ist, den Fuß vom Gaspedal auf die Bremse zu wechseln. Um unserer selbst willen.

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Unwissenheit und das große Bild erkennen

Das große Ganze in den Blick zu nehmen, ist so wichtig, gerade, weil das Kleine kompliziert und unergründlich ist: Die Menschheit verwendet viele Chemikalien und weiß über sie nicht sonderlich viel. Wir sind von zigtausenden Fremdstoffen umgeben, essen sie, atmen sie ein, trinken sie, nehmen sie über die Haut auf, und niemand weiß ganz genau, was sie im Einzelnen und schon gar im Gemisch in den Geweben bewirken. «Die innere Vermüllung des Menschen ist ein Experiment», sagt die Toxikologin Marike Kolossa-Gehring vom Umweltbundesamt.

Selten benennen wir unsere Unwissenheit so ehrlich. Ob im Journalismus oder in der Wissenschaft, alle wollen immerzu alles plausibel erklären. Doch je tiefer man in ein Forschungsgebiet eintaucht, desto mehr Fragen tauchen auf. Die Endlichkeit des Wissens und die Unermesslichkeit des Unwissens machen wir uns wenig bewusst – auch aus Angst, weil das Ungewissheit bedeutet, eine Terra incognita, in der Kontrolle und technische Lösungen nicht greifen können. Diese Einsicht kann auch tröstlich sein. Schließlich betrifft das Unwissen alle Menschen gleichermaßen. Die letzten Universalgelehrten sind schon lange verstorben, und niemand kann das gegenwärtige Wissen aller Menschen auch nur ansatzweise auf sich versammeln, ganz zu schweigen von dem Wissen, das pausenlos verlorengeht, weil es nicht gepflegt wird. Das ist ein Eingeständnis an unsere eigene Begrenztheit. Der Mensch, ein kleines Licht.

Bewusstsein für das menschliche Unwissen ist jedoch kein Aufruf, das Streben nach Erkenntnis sein zu lassen. Mitnichten, jedes Wissen ermöglicht fundiertere und nuancierte Entscheidungen. Hätten die Bewohner Roms oder Londons vor 1700 Jahren gewusst, dass das Blei an den vielen Kindergräbern in ihren Städten schuld ist, hätten sie etwas dagegen tun können. Und trotzdem blieben Ungewissheiten bestehen, würde man noch so intensiv forschen (siehe Kapitel: Mehr wissen). Demütig müssten wir in Anbetracht dieser Begrenztheit sein. Handlungsunfähig sind wir aber deshalb nicht. Und weil wir nicht sonderlich gut wissen, was wir im Ökosystem anrichten, sind Respekt und Vorsicht geboten, solange einem am Fortbestehen der Menschheit liegt.

Eine andere Orientierung

Schon lange haben Politiker deshalb das Vorsorgeprinzip proklamiert. Danach sollten wir so wenig wie möglich Chemikalien ausgesetzt werden. Es ist der Grundsatz der EU-Chemikalienverordnung Reach (siehe Kapitel: Im Dschungel der Chemikalien). Momentan ist das allerdings eher ein Lippenbekenntnis, wie dieses Buch (Endlager Mensch, Rowohlt Verlag) erahnen lässt. Aber schlüssig ist der Grundsatz dennoch.

Nur, man müsste ihn weiterdenken und ausdifferenzieren: Ein lückenloses Grundsatzverbot von langlebigen Chemikalien, die mehrere Jahre in der Umwelt überdauern, würde zum Beispiel dazu beitragen, nachfolgenden Generationen ein weniger schweres Schadstofferbe zu übertragen. Hinter solchen Forderungen aber steht ein fundamentaler Wertewandel: Heute geht es darum, der Wirtschaft durchaus zu ermöglichen, in einem abgesteckten Rahmen ihre Produkte zu vermarkten. Das Wirtschaften und der Wohlstand der Gegenwart sind handlungsleitend.

Das ist eine zu enge, monetäre und momenthafte Ausrichtung. Sie wird über kurz oder lang nicht fortbestehen können. Wir brauchen ein weitsichtigeres Denken in Kreisläufen, das keine Trennung zwischen Mensch und Umwelt vollzieht. Denn dieses Buch lehrt, was der Mensch massenhaft in die Umwelt entlässt, fällt unausweichlich auf ihn zurück. Er selbst ist sein Endlager. In diesem Sinne: Die Lebensgrundlage zu erhalten, Schadstoffe zu vermeiden, vor allem solche, die lange bleiben oder schon akut sehr giftig sind, wäre ein tragfähigerer Weg. Ein Zusammenleben und Wirtschaften unter dieser Maxime sähe nur ganz anders aus.

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Susanne Donner

Susanne Donner

Die Wahrheit hat viele Farben.


Anthropozän

Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. In diesem Themenmagazin erkunden wir die Menschenzeit.

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