1. RiffReporter /
  2. Umwelt /
  3. Wenn eine Bäuer*in, eine Wissenschaftlerin*in und eine Veganer*in gleichzeitig mit dir reden

Wenn eine Bäuer*in, eine Wissenschaftlerin*in und eine Veganer*in gleichzeitig mit dir reden

Erfahrungen mit unserer Dialog-Recherche „Das Schweinesystem“

von
28.01.2021
4 Minuten
Ein gehäkeltes Schwein auf einer Neonlampe in Raketenform

Am Anfang stand eine Idee. Und ein Software-Prototyp. Etwa zur selben Zeit, als wir uns mit dem Projekt “Das Schweinesystem” auf das Fleiß-und-Mut-Stipendium bewarben, entstand der Prototyp unserer Dialog-Software Crowdlupe für Redaktionen. Wir wussten, dass es nicht einfach werden würde, kontroverse Gespräche zum Tierwohl mithilfe einer frisch entwickelten Software zu führen. Aber dass es so schwierig werden würde, auch nur die Dialog-Community aufzubauen, hätten wir nicht gedacht.

Gründe zu reden gibt es genug: Die Schweinehaltung in Deutschland ist so prekär und für viele unhaltbar geworden, dass sie eine tiefgreifende Veränderung braucht. In den Medien werden regelmäßig Schlachthofskandale, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie und Tierqualen beschrieben. Dazu fällt der Preis für Schweinefleisch immer weiter und ruiniert Schweinebäuer*innen. Wie kommt es dazu?

Und gibt es Ideen aus anderen Ländern, wie sich das System retten oder reformieren lässt? Denn der Fleischmarkt ist ein globaler Markt. Dass wir Finnland als Vergleichsland ausgewählt haben, mag zunächst erstaunen. Warum haben wir uns nicht für die Niederlande oder Dänemark entschieden, beides Länder mit riesigen Schweinezuchtbetrieben? Weil Finnland – selbst auch ein großes Erzeugerland – einige Dinge anders macht. Auf spannende Weise anders.

Nur wenn wir allen Seiten zuhören, dringen wir zum Grund komplexer Probleme. Wir müssen daher alle Akteur*innen der Schweinewirtschaft zu Wort kommen lassen. Die Dialog-Recherche lässt uns die Perspektive vieler Menschen sehen und mit ihnen in einen Eins-zu-eins-Dialog treten. Wenn wir eine Frage stellen, bündelt unsere Dialog-Software die Antworten und liefert immer neue Recherche-Ansätze.

Doch wie baut man eine Community in zwei Ländern auf?

Von Mumins in Schränken und Tälern

“Hänellä ei ole kaikki muumit laaksossa.” Zu Deutsch: „Die haben doch nicht alle Mumins im Tal.“ So dachten wohl finnische Schweinebauern und -bäuerinnen, als wir auf Englisch und in radebrechendem Finnisch fragten, ob sie nicht Lust hätten, uns Einblicke ins finnische Schweinesystem zu geben. Jedenfalls war die Rückmeldequote erst mal vernichtend. Und auch die deutschen Teilnehmer*innen, die wir uns für unsere Community auserkoren hatten, schienen nicht restlos begeistert von unserer Dialog-Idee. Warum einen Dialog führen, wenn man auch alles in einem Telefoninterview abhandeln kann?

Weil viele unterschiedliche Antworten zu besseren neuen Fragen führen. Und damit zu einem tieferen Verständnis. Vor allem, wenn es um so kontroverse Themen wie “das Schweinesystem” geht.

Wir bei tactile.news sind überzeugt vom Dialog. Wir glauben, das kann ein neuer Ansatz von Journalismus werden, der auf ehrlichem Zuhören basiert. “Das Schweinesystem” ist erst unsere dritte Dialog-Recherche, nach den Projekten „Wem gehört Lüneburg?“ und „#50Survivors – Wie es wirklich ist, Corona überlebt zu haben“.

Für “Das Schweinesystem” schwebte uns eine Community vor, in der sowohl Tierschutzaktivist*innen, Wissenschaftler*innen, Vermarkter*innen als auch Landwirt*innen und Politiker*innen am Dialog teilnehmen sollten. Das ist eine sehr große Spannweite. Doch gerade die Verschiedenheit der Menschen und ihrer Ansichten ist für uns ein großes Plus. Und zeigt uns immer wieder: Es gibt keine einfachen Antworten.

Nach intensiver und wochenlanger Überzeugungsarbeit hatten wir schließlich 58 finnische und deutsche Menschen in unserer Community versammelt. Uff.

Kostenfreier Newsletter: Das Beste aus dem Riff

Tragen Sie sich hier ein – dann stellen wir Ihnen kostenfrei wöchentlich die besten Beiträge der über 100 Journalistinnen und Journalisten unserer Genossenschaft vor.

Dialog auf Knopfdruck

Am 26. Oktober um 12:59 Uhr ging es los. Ich drückte auf den pinkfarbenen Button „Neue Frage stellen“. Nach Hinweisen zum Datenschutz interessierte uns als Erstes: Welche drei Dinge machen ein gutes Schweineleben aus? Wir bekamen Fotos von glücklichen Schweinen im Matsch und sauberen auf Stroh. Und viele gute Stichworte: Artgerechtes Mutter-Kind-Verhalten, ausreichend Platz, um sich auch mal aus dem Weg gehen zu können, ein Außenbereich mit Blick auf den Himmel, Beschäftigung gegen die Langeweile, Wühlmöglichkeiten. Aber auch der Wunsch nach einem Leben ohne Schlachtung am Ende. Gute Punkte – und am allerwichtigsten: Antworten. Der Dialog klappte.

Wir lernten, dass schon eine unserer grundlegenden, offenen Annahmen nicht zutrifft: Anders, als wir vermutet hatten, sind gar nicht alle Akteur*innen daran interessiert, das System zu verbessern. Manche wollen es am liebsten abschaffen. So schreibt eine Teilnehmerin: „Aus meiner Sicht muss dieser Markt beendet werden, weil Schweine als fühlende Lebewesen keine Güter und Waren in irgendeinem Markt sein sollten.“

Wir ließen uns nicht entmutigen. Wenn es mit Schweinebäuer*innen klappt, so sagten wir uns, klappt es mit jedem. Ich stellte neben meinen Laptop eine Mumin-Figur. Denn nun ging es um Antworten aus Finnland. Wir hatten einen Fragenkatalog entwickelt und von zwei finnischen Kolleginnen übersetzen lassen. Dann waren wir bereit, zuzuhören.

Wenn Recherche alles komplizierter macht

Mit fast jeder Antwort wurde die Welt komplexer. Bislang haben wir mehr als 450 Antworten bekommen. Manche sind nur einen Satz lang, andere sind kleine Abhandlungen. Sie sind der Ausgangspunkt für unsere weitere Recherche.

Wir haben nach einem guten Schweineleben gefragt, um ein Foto vom Arbeitsplatz unserer Community-Teilnehmer*innen gebeten, uns nach Erfahrungen mit der Ferkelkastration und dem Geschmack von Eberfleisch erkundigt. Wir haben gefragt, ob es zu viele oder zu wenige Kontrollen gibt, ob finnische und deutsche Verbraucher*innen Schweineohren kaufen würden und wie viele von ihnen bereit wären, für mehr Tierwohl zu bezahlen. Und wir haben die Frage gestellt, ob das deutsche Schweinesystem womöglich ein Auslaufmodell ist.

Natürlich können wir nicht viel verraten, schließlich werten wir noch aus. Doch es war spürbar, wie das Vertrauen der Community zu uns wuchs. Die abwehrende Haltung einiger Teilnehmer*innen löste sich immer mehr auf und führte zu konstruktiven Vorschlägen. Das Dialogsystem wurde als ein vertrauenswürdiger Kommunikationsraum akzeptiert.

Nehmen wir das Eberfleisch und sein manchmal unangenehmer Geruch. Er ist der Hauptgrund dafür, warum männliche Ferkel kastriert werden. Die Dialog-Recherche hat uns hier ganz neue Erkenntnisse geliefert. Das Problem ist zwar komplizierter, als wir dachten. Doch es gibt auch weit mehr Möglichkeiten, es zu lösen.

Ein Tool für schwierige Zeiten

Zu Beginn dachte ich, dass der Dialog mit den fast 60 Teilnehmer*innen des Schweinesystems anstrengend sein würde. Tatsächlich machte es uns großen Spaß, immer wieder neue Fragen zu stellen. Das Mitteilungsbedürfnis der Teilnehmer*innen war riesig. Und ich kann sagen, die Form der Dialog-Recherche hat sich auch im dritten Einsatz bewährt. Im “Schweinesystem” zeigte sich, dass sie sogar coronasicher ist. Sie gibt Reporter*innen in schwierigen Zeiten neue Möglichkeiten, Perspektiven einzufangen, abseits des Videoanrufs, der Online- und Literaturrecherche. Noch ist es ein wenig früh zu sagen: Ende gut, alles gut. Aber die finnische Übersetzung für diesen Satz habe ich mir schon bereitgelegt: Loppu hyvin, kaikki hyvin.

Unterstützen Sie „Das Schweinesystem“ mit einem Betrag Ihrer Wahl. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.
Christina Barilaro

Christina Barilaro

tactile.news ist ein journalistisches Innvoationslabor mit Sitz in Lüneburg. Als Partner für Redaktionen bietet das Lab Workshops, Design Sprints und Formatentwicklungen an. Im Team mit Entwickler*innen, Maker*innen, Designer*innen und Social-Media-Expert*innen entsteht Treibstoff für überraschenden, einzigartigen Journalismus – ausgezeichnet etwa mit dem Deutschen Reporterpreis oder nominiert für den Grimme Online Award.

Für tactile.news schreiben Isabelle Buckow, Astrid Csuraji, Jakob Vicari und Bertram Weiß.


Das Schweinesystem

Die Schweinehaltung in Deutschland ist mittlerweile an so vielen Stellen prekär und öffentlich in die Kritik geraten, dass sie an einer tiefgreifenden Neugestaltung nicht mehr vorbeikommt. An allen Ecken und Enden zeigen sich schwerwiegende Probleme: der Schlachthofskandal bei Tönnies, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, Bilder von Tierqual in den Medien. Auf der anderen Seite ein Preis für Schweinefleisch, der immer stärker verfällt und Schweinebauern ruiniert. So kann es nicht weitergehen. Das weiß jede*r, der mit diesem Markt zu tun hat. Nur wie man der Abwärtsspirale wieder entkommen kann, darauf gibt es bislang keine Antwort. Wie weiter?

Die Antwort wollen wir mit unserer Dialogrecherche Schweinesystem finden. Der Arbeitstitel "Schweinesystem" ist kein Urteil. Er beschreibt unseren Willen, das System und seine Stellschrauben zu verstehen. Wir recherchieren ergebnisoffen, Wir befragen über mehrere Wochen verschiedene Menschen: Verbraucher*innen, Wissenschaftler*innen, Landwirt*innen. Sie antworten uns direkt per E-Mail oder Messenger. Wir hören zu. Denn wir sind gespannt auf neue Perspektiven. Und erst danach reisen unsere Reporter*innen Katharina Jakob und Jens Eber gemeinsam mit Filmemacher Oliver Eberhardt los, um vor Ort zu recherchieren. Einfach mal neue Fragen stellen, neue Welten erkunden, Natürlich hier im Riff.

Unsere Recherche wird unterstützt durch das Kartographen-Stipendium 2020 von Fleiß und Mut. Verein zur Förderung journalistischer Weiterbildung für hochqualifizierte Recherchen e. V., ermöglicht durch die »Stiftung Mercator«.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Christina Barilaro

Große Bäckerstr. 10
21335 Lüneburg

E-Mail: kontakt@tactile.news

www: https://tactile.news

Tel: +49 4131 7998561

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Lektorat: Katharina Jakob
Faktencheck: Katharina Jakob
Fotografie: Christina Barilaro