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2.700 Kilometer für eine plastikfreie Donau

Kapitän Edgar Wilhelm erzählt über das „cleandanube“ Projekt

6 Minuten
Der vollbärtige Kapitän Edgar Wilhelm steht in Flanellhemd vor seinem Schiff und lächelt über den Brillenrand in die Kamera

Der Chemieprofessor Andreas Fath aus Furtwangen will von April bis Juni 2022 mit seinem Projekt „cleandanube“ 2.700 Kilometer durch die Donau schwimmen und Wasserproben sammeln, um auf die Verschmutzung des Flusses aufmerksam zu machen. Begleitet wird er von der MS Marbach, einem kleinen österreichischen Passagierschiff, das zu einer Forschungsstation umgebaut wird. Kim Shirin Cupal hat den Kapitän der Expedition besucht.

Edgar Wilhelm bahnt sich einen Weg durch eine mit Kisten vollgestellte Kajüte. Noch vor einem Jahr standen hier mit weißem Damast, poliertem Besteck, Kerzen und Blumen gedeckte Tische und eine gut bestückte Bar. Für Hochzeiten, Taufgäste, Politiker-Treffen und so, sagt er. Nun musste das festliche Mobiliar einer Expeditions-Einrichtung weichen, denn die MS Marbach wird für ein Abenteuer aufgerüstet.

In Flanellhemd und Jeans, mit ergrautem Vollbart, Pilotenbrille und einem festen Händedruck stellt sich Edgar Wilhelm als Kapitän der MS Marbach vor. Als Mann mit Seegang, der sein ganzes Leben mit oder auf Schiffen verbracht hat und dessen Ahnenlinie sich in der k.u.k. Marine verläuft. Zuvorkommend klappt er zwei Stühle auf – die derzeit einzige Sitzmöglichkeit in der Kajüte – und lässt sich erschöpft auf einem davon nieder. Dabei blickt er auf das Kistenchaos in Mitten des wohnzimmergroßen Raumes – auf die ganze Arbeit, die noch vor ihm liegt. Bis auf den glatten Fußboden hat er sein Schiff leergeräumt, erzählt er. Seit Pandemiebeginn wurde es ohnehin kaum genutzt, jetzt soll er es innerhalb weniger Wochen in eine Schlaf-, Ess- und Forschungsstätte für acht Personen verwandeln. Eines der vier Stockbetten hat er bereits aufgebaut, die anderen liegen noch unberührt und in Kartons verpackt in der Kajüte herum. Neben einer neuen Waschmaschine stapeln sich Wäscheständer, Kochutensilien und Elektronik zu einem Haufen – das meiste davon bezahlt aus der eigenen Tasche, wie der pensionierte Flussschiffer erklärt. Auf die Frage, warum er sich das alles antue, beugt er sich energisch und mit einem Leuchten in den Augen vor. „Das ist meine Chance als alter Herr noch einmal etwas für die Umwelt zu tun.“

Das Passagierschiff MS Marbach im Hafen des Vereins „FHS – Freunde Historischer  Schiffe“
Die MS Marbach – 16,40 m lang; 4,10 m breit; 5,40 m hoch. Die 24 m2 große Kajüte wird acht Personen zwei Monate lang zum Heim.

„cleandanube – swimming for a pure and plastic-free river“

Die MS Marbach – ein ehemaliges Fährschiff aus den 1980er Jahren – verlässt Ende April ihren Heimathafen an der Donau beim Kraftwerk Greifenstein in Niederösterreich und fährt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde flussaufwärts Richtung Bayern. „Dort geht dann die eigentliche Reise los“, erklärt Edgar Wilhelm. Am 25. April im bayerischen Kehlheim an der Donau wird er eine Expeditions-Gruppe an Bord nehmen. Ein siebenköpfiges Team bestehend aus Studentïnnen, Filmemacherïnnen und dem Projektleiter Mario Kümmel der Association for Wildlife Protection (AWP). Alle Aufmerksamkeit gilt allerdings der Person Andreas Fath: Der Professor für Chemie an der Hochschule Furtwangen in Baden-Württemberg will 2.700 Kilometer der Donau durchschwimmen – vom Schwarzwald bis zur Mündung ins Schwarze Meer. Die kleine Gruppe auf der MS Marbach wird indes über den schwimmenden Professor wachen, ihn filmen und bei der täglichen Analyse der Wasserproben unterstützen. Während der zweimonatigen Reise plant Andreas Fath, den Fluss auf Mikroplastik und andere Substanzen zu untersuchen und die Resultate im Liveticker über die Projekt-Webseite zu veröffentlichen. „cleandanube“ nennt sich das Unterfangen, „swimming for a pure and plastic-free river“.

„Wenn man das alles in der Donau sieht und über die Donau liest, dann wird einem ja schlecht“, sagt Kapitän Edgar Wilhelm und haut dabei auf den Klapptisch vor sich. Mit „das alles“ meint er die vier Tonnen Plastik, welche die Donau tagtäglich in das Schwarze Meer schwemme. Er habe die wachsende Verschmutzung über die Jahre mitbeobachten können. Zwar schwimme man nicht mehr in Kloaken, dafür durch ganze Abfallfelder. Einige Donaustaaten würden weder funktionierende Pfandsysteme noch wirksame Müllvermeidungsstrategien verfolgen. Das Resultat: Plastiksackerl, Plastikflaschen, Plastikverpackungen am Flussufer, in der Strömung und am Grund des Flusses. „Im Schwarzen Meer sind teils auch keine Fische mehr, so dreckig ist das. Das ist ein Wahnsinn“, schimpft der Kapitän.

Drohenfoto von der Donau von oben
Die Donau beim Kraftwerk Greifenstein in Niederösterreich. Links der Heimathafen der MS Marbach.

Vom Projekt „cleandanube“ habe er durch Gespräche mit Kollegen erfahren. Man habe ihm erzählt, dass so ein paar Spinner die Donau runterschwimmen wollen und dass die ein Schiff suchen würden, erinnert er sich. Das hat ihm natürlich gleich gefallen. „Und so habe ich gesagt, da muss ich mit. Weil das ist die Chance!“. Nur mit verrückten Projekten würden Menschen wachgerüttelt und Förderungen lukriert, ist er sich sicher. Und genau daran würden Andreas Fath und sein Team arbeiten. In täglichen Etappen mit Längen von bis zu 70 Kilometern, bei einer anfänglichen Wassertemperatur von nur 9,8 Grad, wird Andreas Fath den zweitlängsten Fluss Europas durchschwimmen. Das mag unvorstellbar klingen, doch er habe Fath bereits beim Probeschwimmen beobachten können, sagt Edgar Wilhelm: „Und man sieht, dass der im Wasser und mit dem Wasser lebt. Also wenn der zwei Tempi macht, dann glauben Sie, der ist ein Motorboot.“

Etwa acht Stunden täglich wird Andreas Fath in der Donau schwimmen. Der Kapitän wird währenddessen aufpassen, dass ihn niemand überfährt. „Schauen, dass er keinem Schiff und nix in die Quere kommt“, erklärt er. Und sollte Fath müde werden und eine Pause brauchen, wird die MS Marbach zur Stelle sein und Anker werfen. Auch auf das Einhalten der Gesetze, wie auf das Schwimmverbot in den Stauzonen der Wasserkraftwerke, will der Kapitän achten. „Die anderen müssen schauen, dass er genug zum Essen und zum Trinken hat und ich kümmere mich um das Schiff und um den Schwimmer. Fertig.“

Schwimmer in Neoprenanzug
Im Frühling 2022 durschwimmt Andreas Fath die gesamte Donau vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer.
Andreas Fath im Neoprenanzug im Wasser mit Wasserprobe in der Hand
Analysiert und verglichen werden die Belastung durch Mikroplastik, die Werte von Phosphat und Nitrat, die Leitfähigkeit, der PH-Wert, der CSB- Wert, der Sauerstoffgehalt sowie die Trübung der Donau.

Doch vor den Ergebnissen der kompletten Flussanalyse fürchtet sich Edgar Wilhelm, der bereits 20 Jahre lang mit seiner MS Marbach die Donau befährt, schon ein wenig: „Wer weiß, was da für Sachen rauskommen!“ Auch seine Frau Brigitte habe ihn gebeten, sich das bitte genau zu überlegen. Sie mache sich Sorgen wegen der Konsequenzen, die das Projekt nach sich ziehen könnte. Doch was solle er denn machen? Seit 2020 ist er pensioniert, er hat Zeit, Kraft und etwas Geld. „Das ist mein Beitrag. Da muss ich mit“, sagt Edgar Wilhelm. Natürlich würde sich Brigitte Sorgen machen. „Welche Frau würde sich keine Sorgen machen, vor allem, wenn man sich gern hat. Und wir sind jetzt 52 Jahre verheiratet und mögen uns immer noch.“ Aber die Gruppe werde bestimmt kein Risiko eingehen, vor allem nicht in der Ukraine. Zwar fließt nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Donau – etwa 170 Kilometer – an der Grenze zwischen Ukraine und Rumänien entlang, aber vorsichtig müsse man sein. „Dort werden wir dann schon sehen, wie wir das machen“.

Bevor der ukrainische Flussteil passiert werden soll, steht sowieso noch ein langer Weg bevor: Der große Auftakt von „cleandanube“ findet Mitte April im Schwarzwald in Deutschland statt. Am 19. April wird Andreas Fath in Furtwangen von der Breg, einem der beiden Quellflüsse der Donau, und in Donaueschingen vom zweiten Quellfluss Brigach Wasserproben nehmen und – sobald das Wasser tief genug ist – losschwimmen. Voraussichtlich am 25. April wird er mit Kapitän Edgar Wilhelm im bayerischen Kehlheim zusammentreffen. Knappe zwei Wochen werden sie brauchen, bis die MS Marbach am 6. Mai in Wien anlegen kann. Hier ist der größte Zwischenstopp geplant: Ein Tag voller Veranstaltungen am Donaukanal, eine Übergabe von Wasserproben an die Universität Wien, Workshops, Wettschwimmen und Konzerte am Veranstaltungsort „Central Garden“ am linksufrigen Donaukanal. Danach wird die Reise fortgesetzt, bis das Team Ende Juni – „so Politik und alles passt“ – sicher am Schwarzen Meer ankommen wird.

Karte der Donau mit der eingezeichneten Schwimmstrecke und den Stationen, die Andreas Fath absolvieren will.
Projektkarte „cleandanube“: Andreas Fath wird den Fluss auf der gesamten „schwimmbaren“ Strecke durchschwimmen – eine Distanz von ca. 2.700 km.

Mit einem abschließenden Klaps auf den Tisch erhebt sich Kapitän Edgar Wilhelm und führt hinaus auf den Bug des Schiffes. Dort steht rot und glänzend der neue Gasgriller. Dass man halt wirklich für alle kochen und was Gscheit‘s essen kann, sagt er. Das Expeditionsteam besteht aus zwei Veganern, einem Vegetarier und ein paar Fleischessern. Also eine total gemischte Küche, resümiert der Kapitän und lacht; da werden sich schon spannende Geschichten ergeben, die er plant in seinem täglichen online Blog niederzuschreiben. Und danach? Nach zwei Monaten Abenteuer auf engstem Raum? Dann wird er ganz langsam zurückfahren, sagt er, allein draußen auf dem Wasser sein, „das bedeutet Freiheit.“

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Kim Shirin Cupal

Kim Shirin Cupal


Flussreporter

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