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Wir und der Waschbär

Vier Begegnungen mit einem Waschbären, die kaum etwas über den dreisten Kleinbären verraten, aber dafür viel über uns Menschen. Ein Feldreport von Gerhard Richter.

13.06.2020
12 Minuten
ein Waschbär geht über den frisch gemähten Rasen

Das erste Mal sah ich den Waschbären auf dem Foto auf meinem Mobiltelefon, das meine Frau mir per SMS ins Büro geschickt hatte.

Der Waschbär stand auf der Außen-Treppe zu unserer Wohnung und schaute geradewegs zum Fenster, aus dem heraus meine Frau fotografierte. Diese Treppe ist im Innenhof eines sehr alten Gemäuers, in dem auch drei Hunde meist frei herumstreunen und jeden anbellen, der seine Nase zur Toreinfahrt hereinsteckt. Von den Hunden war auf dem Foto nichts zu sehen, nur dieser graue struppige Vierbeiner auf unserer Treppe.

Waschbär oder Marderhund?

Ich war mir nicht sicher, ob dieses Tier auch wirklich ein Waschbär war, oder vielleicht auch ein Marderhund, von denen es in unserer waldreichen Gegend auch welche geben soll. Einen Marderhund habe ich noch nie lebend gesehen. Sie begegnen mir nur in Form ihrer Pelze als flauschiger Rand um die Kapuzen der Winterparkas der Gymnasiastinnen, die dazu neigen, alle gemeinsam einer Mode zu folgen.

Bei Wikipedia verglich ich das Foto eines Marderhundes mit dem, welches meine Frau mir geschickt hatte. Es gab eine gewisse Ähnlichkeit. Dann googelte ich den Waschbären und schnell war klar, dass tatsächlich ein Vertreter dieser Kleinbären unsere Treppe erklommen hatte.

Eine Familiengeschichte

Waschbären, las ich, gibt es erst seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Europa und nur, weil wir Menschen diese Bären aus Nordamerika importiert haben. Waschbären können gut schwimmen, aber ohne unsere Hilfe hätten die nachtaktiven Räuber den Atlantik nie überquert. Waschbären fressen alles: Würmer, Nüsse, Kröten, Obst, Käfer, Mäuse und Eier. Außerdem sind sie nachtaktiv. Unser Waschbär hatte sich um 11.32 Uhr bei Sonnenschein ablichten lassen. Ich schreibe unser Waschbär, weil er nach der nächsten Begegnung für meine Familie zum Hauptdarsteller einer gefährlichen, haarsträubenden, komischen, aufwühlenden und traurigen Geschichte wurde.

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Gerhard Richter

Gerhard Richter

Seit 2006 arbeitet Gerhard Richter als freier Journalist. Dutzende Reportagen und Features für Deutschlandfunk Kultur, WDR, BR und SWR.

Daneben liebt Gerhard Richter Interviews an der Schreibmaschine (Galerie der verlorenen Heimat) oder das von ihm entwickelte Field Writing. Derzeit Fellow der Masterclass Wissenschaftsjournalismus der Robert-Bosch-Stiftung mit einem Projekt zu Bodentierchen.


Field Writing

Es ist ein Mythos, dass wir ein Teil der Natur sind. Dann könnten wir doch gut miteinander. Aber die Natur spricht nicht mehr mit uns. Oder doch? Gerhard Richter wagt einen letzten Versuch.

Der Journalist Gerhard Richter beschäftigt sich immer wieder mit dem Verhältnis von Mensch und Natur.

Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Welche Rolle spielen wir dabei?

Seit 2018 setzt sich Gerhard Richter regelmäßig mit seiner Hermes Baby Reiseschreibmaschine in markante Teile der Landschaft und schreibt Texte. Darin schilderte er die Umgebung und seine Reflexionen dazu. Als Journalist verlässt er damit die herkömmlichen Recherchewege. Sein Gesprächspartner ist die Natur selber. Diese Art des Schreibens nennt er Field Writing.

Die so entstandenen "Feldreporte" veröffentlicht Gerhard Richter auf dieser Koralle.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Gerhard Richter

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16909 Wittstock

www: http://autor-gerhard-richter.de

E-Mail: post@autor-gerhard-richter.de

Tel: +49 170 2377428

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Lektorat: Ulf Buschmann
Fotografie: Radhika Sicheneder