Folgen des Ukraine-Kriegs: Wegen Preisanstieg hungern Menschen in Flüchtlingslagern

Die Vereinten Nationen bekommen Flüchtlinge in afrikanischen und anderen Ländern nicht mehr satt. In Kenia wurden die Lebensmittelrationen über Wochen halbiert.

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Zu sehen ist eine völlig ausgetrockente Landschaft. Ein Junge zieht einen großen Ast hinter sich her, Brennholz, das er zum nahen Flüchtlingslager bringt.

Kürzlich hätten Jugendliche einen Sack mit Maismehl gestohlen, erzählt David Ochieng, Programmdirektor der Hilfsorganisation Handicap International im Flüchtlingslager Kakuma im Norden von Kenia. Beim Gespräch über das Internet sagt der 42-Jährige: „Mir zeigt das, wie groß die Not der Menschen ist.“ Und das, obwohl sich die Flüchtlinge in den Lagern in der Obhut der Vereinten Nationen befinden. Sie sollten in Sicherheit und gut versorgt sein.

Keine festen Zuwendungen

Die Realität ist eine andere. Für die Menschen in Kakuma und in anderen Lagern ist das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen zuständig. Die Ernährung der Menschen übernimmt das UN-Welternährungsprogramm (WFP). Obwohl sie ein klares Mandat haben, bekommen die beiden UN-Organisationen von den Vereinten Nationen nur eine minimale feste Zuwendung. Im Wesentlichen werden sie auf freiwilliger Basis von Regierungen, zwischenstaatlichen Organisationen, Unternehmen, Stiftungen und Privatpersonen finanziert.

Wegen gestiegener Preise reichen sogar mehr Spenden nicht mehr

Wenn in Krisenzeiten der finanzielle Spielraum der Geber kleiner wird, sind viele in der Regel weniger großzügig. Derzeit spenden sie aber laut dem Welternährungsprogramm trotz der globalen Krise besonders viel, jedenfalls was Gelder für Kenia angeht. Offenbar zeigen die alarmierenden Berichte über die Folgen der extremen Dürre am Horn von Afrika Wirkung. Jedenfalls stiegen die Gesamtmittel für die Arbeit des WFP in Kenia in der ersten Jahreshälfte 2022 im Vergleich zu 2021 an. Einige der beständigsten Unterstützer des Welternährungsprogramms – die USA, Japan, Korea und die EU – haben ihre Beiträge erhöht. Mehrere andere staatliche und privatwirtschaftliche Organisationen haben zum ersten Mal für das WFP in Kenia gespendet. Zu den neuen Gebern gehören Neuseeland, Frankreich, Italien, Norwegen sowie eine Reihe von Privatunternehmen und Stiftungen. Aber wegen der gestiegenen Preise reicht selbst das höhere Spendenvolumen nicht, um alle satt zu kriegen.

Weltweit sind die Mittel von UNHCR und WFP derzeit allerdings besonders knapp: Sie reichen noch nicht einmal, um alle Flüchtlinge satt zu kriegen. Denn rund um den Globus sind so viele Menschen auf der Flucht wie noch nie: mehr als 100 Millionen, wie der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, Ende Mai mitteilte. Der russische Einmarsch in der Ukraine im Februar hat den drastischen Anstieg mit verursacht: Ende August zählte das UN-Flüchtlingswerk UNHCR sieben Millionen ukrainische Flüchtlinge in Europa. Millionen weitere Ukrainer sind Vertriebene innerhalb des eigenen Landes.

So viele Flüchtlinge wie noch nie

Gleichzeitig war es auch infolge des Kriegs in der Ukraine weltweit noch nie so teuer, Menschen auf der Flucht zu helfen. Die Preise für Getreide, Speiseöl, therapeutische Zusatznahrung für Mangelernährte, Treibstoff und viele weitere Produkte und Dienstleistungen sind seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine im Februar drastisch gestiegen. Das schlägt sich im globalen Budget des WFP nieder. Die monatlichen Betriebskosten liegen um fast 74 Millionen US-Dollar über dem Durchschnitt des Jahres 2019 – ein Anstieg um mehr als 40 Prozent. Früher hätte man von dem Geld, das heute jeden Monat von der Inflation aufgebraucht wird, monatlich vier Millionen Menschen ernähren können.

Männer und Frauen beladen ihre Esel mit Säcken. Das Logo des WFP ist zu erkennen.
Nach einer Lebensmittelverteilung durch das WFP schnellen Menschen im Norden Kenias Säcke mit Sorghum, Hülsenfrüchte und Öl auf ihre Esel.

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Bettina Rühl

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