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Medikamente aus dem Schließfach

Wie HIV-Positive in Südafrika während der Corona-Pandemie versorgt werden und was Forscher auf eine HIV-Impfung hoffen lässt

7 Minuten
Ein Südafrikaner trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „HIV Positive“, mit einer Geste unterstreicht er, was er sagt, er klärt über HIV und Aids auf

Mitten im chaotisch-quirligen Zentrum der südafrikanischen Wirtschaftsmetropole Johannesburg steigt Florence B. aus einem Minibustaxi. Sie geht an ein paar Straßenhändlern vorbei und biegt dann in eine ruhigere Seitenstraße ein. Die 37-Jährige ist auf dem Weg zur Klinik. Alle zwei Monate holt sie dort eine neue Ration Medikamente ab. Sie ist eine von rund 7.8 Millionen HIV-positiven Südafrikanerïnnen. In ihrer Heimat leben mehr Menschen mit dem Virus als irgendwo sonst auf der Welt.

Auch das staatliche Behandlungsprogramm ist das weltweit umfangreichste: Gut 70 Prozent der Infizierten nehmen antiretrovirale Medikamente ein, die der Staat ihnen kostenlos zur Verfügung stellt. „HIV ist heute kein Todesurteil mehr“, betont Florence B., als sie den kleinen Innenhof der Klinik betritt und ihre Hände desinfiziert „Seit 19 Jahren lebe ich schon mit dem Virus und es geht mir gut.“

Damit das so bleibt, nimmt sie ihre Termine in der Klinik gewissenhaft wahr, kommt regelmäßig zu den Check-Ups und holt ihre Medikamente ab. Auch während der Corona-Pandemie und des harten Lockdowns habe sie keine Ausnahme gemacht, obwohl sie anfangs große Angst vor diesem neuen Virus hatte – ebenso wie vor der Polizei, die den Lockdown vor allem zu Beginn mit aller Härte und teils Gewalt durchsetzte.

Ein Blick auf die Hochhäuser, die die Skyline der südafrikanischen Wirtschaftsmetropole Johannesburg prägen.
Skyline von Johannesburg

Ein paar Frauen stehen vor dem Eingang zur Klinik, im Wartezimmer sitzen Patienten in pandemischem Abstand auf Plastikstühlen. Vor einem knappen Jahr habe auch sie noch hier gesessen, erzählt Florence B. „Ich musste normalerweise vier Stunden warten, bis ich an der Reihe war und meine Medikamente erhalten habe. Aber jetzt brauche ich dafür nur noch ein paar Minuten.“

Sie geht zu einer Wand mit dutzenden bunten Schließfächern, in die ein Touchscreen integriert ist, greift in ihre Handtasche und holt ihr Handy heraus. „Ich erhalte eine SMS sobald meine Zwei-Monats-Packung Medikamente eingetroffen ist“, erklärt sie. Teil der Nachricht ist ein Code, den sie nun über den Touchscreen eintippt. Die Nummer des Schließfachs wird angezeigt, es öffnet sich automatisch. Florence B. muss ihre Medikamente nur noch herausholen.

Medikamente aus dem Schließfach haben Vorteile

„Es ist so einfach“, sagt sie. „Ich muss nicht mehr stundenlang Schlange stehen und die Krankenschwestern entlastet das auch. Die Zeit, in der sie uns früher unsere Pillen gegeben haben, können sie jetzt für andere Aufgaben nutzen.“ Das ist ganz im Sinne des Erfinders: Right ePharmacy, ein Tochterunternehmen der NGO Right2Care, hat diese „Smart Lockers“ entwickelt. Nahezu zeitgleich zum Projektbeginn brach die Corona-Pandemie aus.

Daraufhin sei der Ausbau der elektronischen Schließfächer in drei Provinzen Südafrikas mit Hochdruck vorangetrieben worden, sagt die Programm-Managerin und Pharmazeutin Belinda Meyer. „Der Vorteil ist, dass der direkte Kontakt auf ein Minimum reduziert wird: Sowohl zwischen den Patienten als auch zum Klinikpersonal. Das bedeutet für alle einen besseren Schutz.“ Die Nachfrage sei vor allem unter jüngeren Südafrikanern groß, so Meyer.

Voraussetzung sei, dass ein Arzt ihnen einen stabilen Gesundheitszustand bescheinigt und ein Rezept ausstellt, das für sechs bis zwölf Monate gilt. Die Medikamente werden dann im zwei-Monats-Takt ausgegeben. Das gilt nicht nur für HIV-Patienten, sondern auch für andere chronisch Kranke wie Diabetiker. „Wir haben darauf geachtet, dass diese Schließfächer nicht ausschließlich mit HIV in Verbindung gebracht werden“, erklärt Meyer. Denn eine Infektion mit dem Virus wird vielerorts in Südafrika noch immer als Stigma wahrgenommen. Nicht jede Patientin redet so offen darüber wie Florence B.

Eine Straßenschlucht im Zentrum von Johannesburg, an den Straßenrändern parken Autos, Fusßgänger sind unterwegs. Vorne rechts im Bild wachsen ein paar Bäume.
Downtown Johannesburg

Die anonymen, automatisierten Schließfächer unterstützen die CCMDD-Strategie des südafrikanischen Gesundheitsministeriums für zentralen Vertrieb und Ausgabe von Medikamenten für chronisch Kranke. Denn das staatliche Gesundheitssystem ist ebenso chronisch überlastet. „Apotheker arbeiten überwiegend im privaten Gesundheitssektor“, so Belinda Meyer. Dort sind Arbeitsbedingungen und Bezahlung besser. „In einer staatlichen Klinik übernehmen meist Krankenschwestern alle Aufgaben.“ Es sei ein permanenter Kampf gegen lange Warteschlangen.

Right ePharmacy und andere Unternehmen in Südafrika bieten deshalb weitere automatisierte Lösungen an. Sie seien die „Zukunft der Apotheken“, meint Belinda Meyer. In vielen Ländern der Welt gäbe es sie schon, aber nicht alle internationale Lösungen könnten auch eins zu eins umgesetzt werden. Roboterarme, die in Apotheken Medikamente aus den Regalen holen, könnten beispielsweise Schachteln gut greifen.

Aber: „Hier in Südafrika werden Medikamente aus Kostengründen in preiswerteren Verpackungen geliefert und in Plastiksäckchen verpackt. Damit ist der Greifarm überfordert.“ Eine deutsche Firma habe daher extra Saugnäpfe entwickelt, die dieses Problem lösen. Das sei eher die Ausnahme als die Regel, viele Hersteller seien nicht bereit individuelle Lösungen für den afrikanischen Markt zu suchen, da sie in Europa lukrativere Geschäfte machten.

Bei Ausschreitungen wurden Medikamenten-Automaten zerstört

Ebenso innovativ wie beliebt waren auch die Medikamenten-Automaten in einigen dichtbesiedelten Townships rund um Johannesburg, die an Geldautomaten erinnern. Hergestellt hatte sie ein deutsches Unternehmen, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit hatte das Projekt gefördert. Aber bei den schweren Ausschreitungen, die Teile Südafrikas im Juli erschütterten, wurden fast alle dieser Automaten zerstört. „Es bricht mir das Herz, denn es ist fraglich, ob wir sie wieder aufbauen können“ sagt Belinda Meyer.

Nicht nur für sie war es ein herber Rückschlag, sondern auch für Patienten und medizinisches Personal. Automatisierte Lösungen entlasten beide: Krankenschwestern und Apothekerïnnen haben mehr Zeit für Patienten und anspruchsvollere Aufgaben, dadurch verbessert sich auch die medizinische Versorgung. Je einfacher es für Patienten ist, ihre Medikamente zu bekommen, desto geringer ist auch das Risiko, dass sie ihre Behandlung unterbrechen oder ganz beenden.

Wer bereits in Behandlung war, hat sie nicht abgebrochen

Auch deshalb war die Sorge zu Beginn der Corona-Pandemie und angesichts des harten Lockdowns groß, dass HIV-Patienten aus Angst vor Ansteckung oder mangelnden Transportmöglichkeiten keinen Zugang zu Medikamenten haben. Eine Studie des Forschungsinstituts Caprisa in städtischen und ländlichen Kliniken der Provinz Kwazulu- Natal entkräftet diese Befürchtung jedoch größtenteils. Wer bereits in Behandlung gewesen sei, habe diese in der Regel auch nicht abgebrochen, sagt der Co-Autor der Studie, Nigel Garrett.

Auch er erwähnt die CCMDD-Strategie für die Versorgung chronisch Kranker, die sich in der Pandemie bewährt habe. Ein anderes Ergebnis der Studie ist jedoch weniger erfreulich: „Die Zahl der HIV-Tests hat sich während des Lockdowns halbiert und ist seitdem kaum gestiegen. Das bedeutet, dass die Leute nicht wissen, dass sie infiziert sind und auch nicht mit der Behandlung beginnen.“ HIV-Test-Kampagnen seien zugunsten der Corona-Aufklärung eingestellt worden. „Mit einem Schlag drehte sich alles nur noch um Covid-19.“

Eine Betonbrücke, auf deren Pfleiler große Porträts gemalt wurden, führt in die Innenstadt von Durban. Hochhäuser sind zu sehen, davor Straßenhändler und Minibus-Taxis.
Nicht weit von hier forscht Caprisa

Nigel Garrett steht im Labor der Caprisa-Forschungsklinik im Zentrum der südafrikanischen Hafenstadt Durban. Er leitet die Abteilung für HIV-Pathogenese und Impfforschung. Auch in diesen Bereichen habe seit März 2020 Corona dominiert, erzählt er. Sein Team war bestens für die neue Aufgabe gerüstet: Es ist Teil eines internationalen Netzwerks von Forschern, renommiert im Bereich klinischer Studien, alle Voraussetzungen waren erfüllt. „Das war wirklich großartig. Alles ging extrem schnell. Und plötzlich führten wir zwei Programme gleichzeitig durch.“

Denn die HIV-Forschung ging trotzdem weiter: Alle laufenden Studien wurden fortgesetzt und sogar eine neue begonnen. Obwohl es teils Verzögerungen bei der Rekrutierung von Studienteilnehmern gegeben habe. „Das mussten wir natürlich den Geldgebern erklären“, so Garrett. „Aber im Gegensatz zu anderen Einrichtungen mussten wir nie schließen. Insgesamt bin ich wirklich stolz darauf, was wir trotz allem im Bereich HIV geleistet haben.“

Hoffnung auf auf Fortschritte in der HIV-Forschung

Begeistert erzählt er von einer ganzen Reihe Forschungsprojekten zu HIV-Prävention, Behandlung und Impfung. Corona scheint den ohnehin ehrgeizigen Wissenschaftler weiter angespornt zu haben. Die Forschung zeige, was möglich sei, wenn alle an einem Strang zögen und entsprechend Gelder zur Verfügung gestellt würden. „Wir haben viel durch die Covid-19-Forschung gelernt. Und hoffentlich können wir einige dieser Erkenntnisse nun auch für die HIV-Forschung nutzen.“

Niemand habe vorher gedacht, dass die unterschiedlichen Phasen, die klinische Studien durchlaufen, auch parallel durchgeführt werden könnten. Das könnte die Forschung in anderen Bereichen künftig beschleunigen. Auch in Bezug auf Antikörper seien wichtige Erkenntnisse gewonnen worden, die sich zumindest teilweise auf HIV übertragen ließen.

„Das HI-Virus umgeht das Immunsystem natürlich wesentlich eleganter, außerdem mutiert es stärker und ist weniger stabil. Daher ist es schwieriger einen wirksamen Impfstoff zu finden.“ Eine besondere Hoffnung liegt nun auf der mRNA-Technologie, die bei Covid-19-Vakzinen ihren wissenschaftlichen Durchbruch hatte. Begeistert erzählt Garrett von einer bevorstehenden Studie mit Corona- und HIV-Patienten.

… und auf eine Impfung gegen HIV

Außerdem habe das Pharmaunternehmen Moderna die weltweit erste Studie eines mRNA-Impfstoffes gegen HIV angekündigt. Dabei gehe es um „kleine Proteinsequenzen“, die vom Immunsystem erkannt werden. „Vielleicht können wir das Immunsystem so in eine bestimmte Richtung lenken, statt es nur mit einem Stoff zu konfrontieren. Wahrscheinlich lässt sich das dann auch besser testen. Wenn das möglich ist, wäre das aus meiner Sicht revolutionär.“

Eine Impfung gegen HIV wünscht sich auch Florence B. Sobald es möglich war, hat sie sich gegen Corona impfen lassen: „Ich musste nicht zweimal darüber nachdenken und hatte auch keine Nebenwirkungen.“ Doch ihr ist auch klar, dass die HIV-Forschung langsamer vorankommt. „Vielleicht können sich meine Kinder später einmal impfen lassen“, sagt sie, als sie sich mit ihren Medikamenten in der Handtasche wieder auf den Heimweg macht. Für sie ist schon die Tatsache, dass sie nicht den halben Tag in der Klinik verbringen musste revolutionär.

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Leonie March

Leonie March

Leonie March lebt und arbeitet seit 2009 als freie Auslandskorrespondentin in Südafrika.


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