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Zehn Jahre ohne ETA: „Die Wunden sind noch nicht vernarbt.“

Der Terror der baskischen Untergrundorganisation ETA ist Geschichte. Doch welche Wunden hinterlässt der Konflikt? Ein Gespräch mit dem Journalisten und ETA-Opfer Gorka Landaburu.

23.10.2021
8 Minuten
Journalist und ETA-Opfer Gorka Landaburu auf einer Veranstaltung in der Gedenkstätte für Terroropfer

Im Memorial de las Víctimas del Terrorismo, der Gedenkstätte für die Opfer des Terrorismus, begrüßt man Gorka Landaburu mit einem herzlichen Schulterklopfen. Der Journalist und Buchautor ist ein gern gesehener Gast in Vitoria. Jahrzehntelang hat Landaburu für spanische und französische Medien über den „baskischen Konflikt“ berichtet und geriet schließlich selbst ins Visier der Terror-Organisation. Für unser Gespräch setzen wir uns in den Veranstaltungssaal, in dem Gorka Landaburu später eine Podiumsdiskussion moderieren soll.

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Vor zehn Jahren hat die baskische Terror-Organisation ETA in einem Video einen bedingungslosen Waffenstillstand verkündet. Was für eine Bedeutung hat dieser Tag für Sie?

Es ist das wichtigste Kommuniqué, das die Terrororganisation ETA je veröffentlicht hat. Wenige Tage zuvor war die Internationale Friedenskonferenz von Aiete zu Ende. Im Baskenland und in Spanien rechneten alle damit, dass jetzt die ETA am Zug war. Als das Video im Fernsehen lief, wussten wir, dass das Ende des Terrors gekommen war. Nach dem endgültigen Gewaltverzicht war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Terrororganisation sich 2018 ganz auflöste.

853 Tote gehen auf das Konto der ETA. Was bleibt heute vom Konflikt im Baskenland?

Wir haben die Angst überwunden. Das ist für mich das Wichtigste. Wir schauen nicht mehr unter unser Auto, ob dort eine Bombe klebt. Wir haben keine Leibwächter mehr. Alle, die mit ETA nicht einverstanden waren und deswegen zum Anschlagsziel werden konnten, haben ihre Freiheit wieder. Das ist kaum zu überschätzen! Ich sage immer, dass das Baskenland eigentlich unter zwei Diktaturen gelitten hat: erst unter General Franco, dann unter dem Terror der ETA. Es ist wichtig, sich das immer und immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Damit sich Geschichte nicht wiederholt.

Die Gedenkstätte für Terroropfer im baskischen Vitoria.
Die Gedenkstätte für Terroropfer im baskischen Vitoria.

Gorka Landaburu ist Jahrgang 1951. Er ist in Paris geboren und aufgewachsen. Sein Vater war nach dem spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) nach Frankreich geflohen. Als ehemaliger stellvertretender Regierungschef der baskischen Regionalregierung und Mitglied der baskischen Nationalisten hatte er im Franco-Spanien Repressalien zu fürchten. 1972 kehrte Gorka Landaburu nach ins Baskenland zurück, um für Radio France über den greisen Diktator und die wachsende Opposition gegen sein Regime zu berichten.

Als die ETA 1973 das Auto des designierten Franco-Nachfolgers Luis Carrero Blanco in die Luft sprengte, sorgte das weltweit für Schlagzeilen. Manche sagen, der gewaltsame Tod des erzkonservativen Ministerpräsidenten habe den Übergang von der Diktatur zur Demokratie erleichtert.

Die Tatsache, dass ETA aus dem antifranquistischen Widerstand entstanden ist, hat ihr auf jeden Fall eine Art Heiligenschein verliehen. Das hatte auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun, mit dem Mai 1968. Typen wie Che Guevara, wie Fidel Castro wurden auf der ganzen Welt idealisiert.

ETA bestand in ihrer Anfangszeit aus einer Vielzahl aus Strömungen. Ich war ja selbst mal bei einer, bei der sogenannten ETA-VI. Asamblea (ETA – Sechste Vollversammlung). Das war eine Abspaltung Anfang der 1970er Jahre. Wir waren Pseudo-Trotzkisten und haben uns immer klar gegen Gewalt ausgesprochen. Aber wir wollten irgendetwas gegen die Franco-Diktatur tun und ein Weg war damals eben ETA.

General Franco starb 1975, Spanien gab sich drei Jahre später eine demokratische Fassung und das Baskenland bekam 1979 mit dem „Statut von Guernica“ einen weitreichenden Autonomiestatus. Die ETA aber bombte weiter – und hatte keine Probleme, Nachwuchs zu rekrutieren. Warum?

Das Versprechen der ETA, mit einem „befreiten Baskenland“ auch den Sozialismus, eine bessere, gerechtere Gesellschaft zu bringen, war für viele junge Leute attraktiv. Und 15-, 16-Jährige sind einfach zu manipulieren. Das hat das politische Umfeld der ETA ausgenutzt. Man hat Teenagern ein Plakat in die Hände gedrückt und ihnen gesagt: „So verteidigst du dein Volk“. Wenn sie 18 Jahre alt waren, war es dann ein Molotov-Cocktail, mit 20 eine Pistole, damit sie als „Gudari“, als „Soldaten“ ihr Land verteidigen konnten. Viele waren von ihren Familien vorgeprägt. Der baskische Nationalismus – das Gefühl, anders, eben baskisch, zu sein – hat eine lange Tradition.

Das Gefühl ‚anders‘ zu sein, muss ja nicht zwangsläufig in den Terror führen.

Nein, es ging ja auch nur eine Minderheit den Weg der Gewalt. Mir persönlich war immer klar, dass man zwischen Diktatur und Demokratie unterscheiden muss. In einer Demokratie darf Gewalt keinen Platz haben. Mit dem Beginn der Demokratie hatte die ETA ihre Existenzberechtigung verwirkt. Aber das haben viele im Baskenland anders gesehen. Sie haben geschwiegen und die Gewalt geduldet. Meistens aus Angst, manche vielleicht auch aus Groll.

Gorka Landaburu hat nicht geschwiegen. In seinen Texten prangerte der Journalist die Anschläge der ETA als Morde an. Er kritisierte aber auch scharf Polizeifolter, Staatswillkür und die staatlich finanzierten Todesschwadronen der GAL, die in den 1980er-Jahren Dutzende vermeintliche und echte ETA-Mitglieder tötete.

Mit einer Handvoll Gleichgesinnter schloss er sich der Bewegung „Gesto por la Paz“ an. Jedes Mal, wenn die ETA wieder zugeschlagen hatte, stellte er sich auf den Dorfplatz, um der Toten zu gedenken. Politische Abzeichen und Slogans waren tabu. Auch wenn ein ETA-Terrorist umgekommen oder gefoltert worden war, zeigten Landaburu und seine Mitstreiter Gesicht. Die bedingungslose Verurteilung von Gewalt war eine Provokation im Baskenland. Bei jeder Kundgebung stand „Gesto por la Paz“ eine Gruppe Gegendemonstranten gegenüber, meist aus dem Sympathisanten-Umfeld der ETA.

Der baskische Journalist und Autor Gorka Landaburu auf einer Veranstaltung im Memorial para las Víctimas del Terrorismo.
Der Journalist und Autor Gorka Landaburu will Dialog zwischen Opfern und Tätern.

Wie fühlt man sich dabei?

Zarautz ist ein kleiner Ort. Jeder kennt sich. Mir gegenüber, auf der anderen Seite, stand manchmal ein Cousin, manchmal mein Schwager. Der war selbst ETA-Mitglied und neun Jahre in Haft. Hier im Baskenland hat jeder jemanden in der Familie, der zur ETA gehörte oder der als Sympathisant oder manchmal auch völlig Unbeteiligter von der Polizei verhaftet oder gefoltert worden war. Dazu kamen die staatlichen Todesschwadronen der GAL, die mehrere Dutzend Menschen auf dem Gewissen hatten. Ich konnte die hasserfüllten Blicke der Menschen bis zu einem gewissen Grad verstehen, aber mir war klar, dass wir diese Spirale der Gewalt durchbrechen mussten – mit Aktionen wie unserem friedlichen Protest.

Wann begann die Unterstützung der ETA zu schwinden?

Das begann in den 1990er Jahren, als die ETA auf die Strategie der „Sozialisierung des Leids“ setzte. Richteten sich die Anschläge zunächst vor allem gegen Repräsentanten des Staats, nahm die Terrorgruppe jetzt ganz bewusst den Tod zufällig Anwesender in Kauf, so wie beim Anschlag auf den Supermarkt Hipercor in Barcelona, bei dem 21 Menschen starben. Zu unseren Kundgebungen kamen immer mehr: Aus 30 wurden 50, 60, 80 Menschen – für einen kleinen Ort wie Zarautz ist das viel. Als die ETA 1997 dann Miguel Ángel Blanco ermordete, einen jungen, unbekannten Stadtrat, erfasste eine Welle der Empörung nicht nur das Baskenland, sondern ganz Spanien. Hunderttausende demonstrierten. Das war ein Wendepunkt. Denn in diesem Moment begannen wir die Angst zu verlieren. Die Zeit des Schweigens war vorbei.

Den letzten Satz unterstreicht Gorka Landaburu mit beiden Händen. An mehreren Fingern der rechten und linken Hand fehlt das oberste Glied: Verletzungen, verursacht von der Briefbombe, die die ETA ihm 2001 schickte. Auch sein Gehör und sein linkes Auge wurden geschädigt. In einer Fernsehbotschaft wandte er sich noch vom Krankenhausbett aus an die ETA: „Ihr habt meine Hände verstümmelt, mich halbblind und halbtaub gemacht. Aber wenn ihr mich zum Schweigen bringen wollt, hättet ihr meine Zunge abschneiden sollen. Ich bin Journalist und werde weiterreden.“

Haben Sie nie daran gedacht, aufzugeben?

Nein. Aber ich bin ja auch ein privilegiertes Opfer. Ich stand in der Öffentlichkeit, meine politische Haltung war bekannt. Das hat mich nicht geschützt, aber mir zumindest Respekt eingebracht. Nach dem Attentat kamen Leute auf mich zu und sagten: ‚Gorka, du weißt, dass wir zur Izquierda Abertzale (der ETA-nahen radikalen Linken) gehören. Aber was sie mit dir gemacht haben, heißen wir nicht gut.

Wussten Sie, dass die ETA Sie im Visier hatte?

Ja, das war mir klar. Ich war schon mehrfacht bedroht worden, zuerst 1983, wegen kritischer Artikel gegen die Gewalt der ETA. Doch damals erhielt ich auch Drohbriefe von der rechtsextremen Organisation „Triple A“ wegen meiner angeblich kommunistischen Umtriebe. Von zwei Seiten bedroht zu werden, hat mit geschützt. 15 Jahre später meldete sich dann das spanische Innenministerium bei mir, es hatte meinen Namen auf einer Liste gefunden und stellte mir Leibwächter zur Seite. Gegen die Briefbombe hat das nicht geholfen.

Der Museumsleiter unterbricht das Gespräch. In wenigen Minuten beginnt die Podiumsdiskussion mit Patrick Radden Keefe. Der Schriftsteller lebt in New York, die Internetverbindung muss noch getestet werden. Landaburu soll mit Keefe über Parallelen zwischen ETA und IRA diskutieren – und über das Gedenken an den Terror. Das Thema ist ihm wichtig, auch wegen seines Enkels.

Hat niemand die Post durchleuchtet?

Die Briefbombe kam im Umschlag einer Zeitschrift, die ich abonniert hatte. Ich selbst habe meinem Leibwächter gesagt ‚Lass doch, ich mach das auf‘. Den Fehler habe ich selbst zu verantworten (lacht).

Denken Sie oft daran zurück?

Kaum. Aber manchmal erinnert mich der Alltag daran. Wenn ich wieder mal zehn Minuten brauche, um mein Hemd zuzuknöpfen oder mir die Schuhe zu schnüren. Dann hilft mir meistens meine Frau.

Vielerorts genießen ETA-Terroristen noch heute Heldenstatus. In Hernani erinnert ein Graffitti an Häftlinge aus dem Ort und fordert „Alle nach Hause“.
Vielerorts genießen ETA-Terroristen noch heute Heldenstatus. In Hernani erinnert ein Graffitti an Häftlinge aus dem Ort.

Der Terror der ETA ist seit zehn Jahren Geschichte. Studien zufolge haben viele junge Leute nur ein rudimentäres Wissen über die Terrororganisation. Die baskische Regionalregierung erarbeitet gerade Unterrichtsmaterialien zu dem Thema. Was sollte Ihrer Meinung nach eines Tages über ETA in den Geschichtsbüchern stehen?

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Egal ob in der Schule oder an Gedenkorten wie diesem: Beim Erinnern an den Terror muss eine ethische Überlegung im Mittelpunkt stehen. Es geht um Werte, und der wichtigste Wert ist das Recht auf Leben. Jemanden umzubringen, weil er andere Ideen, andere Vorstellungen hat, ist grundsätzlich falsch. Gewalt darf in einer Demokratie keinen Platz haben. Das müssen wir den jungen Leuten erklären. Ich will, dass mein 20-monatiger Enkel in Frieden aufwächst – und das geht nur, wenn wir uns alle auf diesen einen verbindlichen Grundkonsens einigen.

Gibt es diesen Grundkonsens im Baskenland?

Keiner wünscht sich die Zeit des Terrors zurück, das ist klar – aber beim Eingeständnis der eigenen Verantwortung hat das ehemalige Unterstützerumfeld der ETA noch mehr Hausaufgaben zu erledigen als wir Opfer. Sie haben sich zwar für das verursachte Leid entschuldigt, aber ein Eingeständnis, dass der bewaffnete Kampf falsch war, steht noch aus. Nur dann kann Versöhnung gelingen.

Haben Sie der ETA verziehen?

Ich versuche mich oft, in die Terroristen hineinzuversetzen. Viele von ihnen sitzen seit 20, 30 Jahren im Gefängnis, bis vor kurzem unter härtesten Haftbedingungen. Wenn sie aus dem Knast kommen, sind sie alt und grau. Und wofür das Ganze? Für nichts! Das ist erschütternd. Mit vielen von ihnen habe ich persönlich gesprochen.

Zwischen 2009 und 2011, kurz vor dem endgültigen Waffenstillstand, nahm der Journalist als Berater an Opfer-Täter-Begegnungen der „Via Nanclares“ teil, einer Resozialisierungsmaßnahme, die Ex-Terroristen, die der Organisation öffentlich abgeschworen hatten, den Weg in die Normalität erleichtern sollte.

Beim Abschied eines dieser Treffen kamen zwei der Ex-Terroristen auf mich zu und sagten, sie hätten zu dem Kommando gehört, das mir damals die Briefbombe geschickt hat. Sie haben mich um Verzeihung gebeten. Das hat mich betroffen gemacht. Ich habe ihnen geantwortet: Das freut mich. Für mich, aber auch für euch. Ich werde mich dafür einsetzen, dass ihr so schnell wie möglich aus der Haft kommt. Im Auto überkam mich dann ein Gefühl der tiefen Erleichterung – und Befriedigung: Ich habe mir gesagt: Genau das ist der Weg. Reden, reden, reden. Reden und erinnern.

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Julia Macher

Julia Macher

Julia Macher berichtet seit 2004 über Barcelona, Katalonien, Spanien.


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