1. RiffReporter /
  2. International /
  3. Koloniales Erbe von Tansania und Deutschland: Der Bismarck Rock in Mwanza und sein Nachbau in Würzburg. Botschafter von Tansania fordert Umbenennung

Koloniales Erbe von Tansania und Deutschland: Der Bismarck Rock in Mwanza und sein Nachbau in Würzburg. Botschafter von Tansania fordert Umbenennung

von
22.12.2020
22 Minuten
Ein Comicbild. Die Szene zeigt unsere Autorin Ramona Seitz während ihrer „Spaziergänge zu Orten mit Bezug zu kolonialem Erbe“ im Oktober 2020. Ramona Seitz ist von hinten abgebildet, wie sie eine Sehenswürdigkeit fotografiert. In einer Gedankenblase abgebildet ist Felsformation im Viktoriasee vor der Küste von Mwanza, Tansania. Diese Felsformation ist als „Bismarck Rock“ bekannt.

Das koloniale Erbe von Deutschland ist vielfältig. Mein Fokus liegt auf dem kolonialen Erbe von Tansania und Deutschland. Hierzu recherchiere ich seit Jahren. Gemeinsam mit dem tansanischen Comiczeichner Marco Tibasima habe ich Bilder entworfen, die Stationen meiner Recherche zeigen. Einige Beiträge mit solchen Graphic Journalism Elementen veröffentliche ich ab Januar 2021 hier auf RiffReporter in meinem Magazin „Pause“. Ich habe spannende Themen und Zusammenhänge recherchiert. Gerne können Sie sich hier für den Newsletter meines Online-Magazins „Pause“ anmelden.

Für diese Beitragsserie habe ich letzte Woche den Botschafter von Tansania Dr. Abdallah Possi interviewt. Es war nicht unser erstes Interview. Ich hatte anlässlich der Eröffnung des Humboldt Forums und eines wenige Tage zuvor veröffentlichten Statement des nigerianischen Botschafters zum Thema Restitution bei der tansanischen Botschaft angefragt, ob ein „Update-Interview“ möglich sei. Im Rahmen meiner Recherchen hatte ich Indizien dafür wahrgenommen, dass möglicherweise auch Tansania dabei ist, eine deutlichere Forderung beim Thema Restitution zu formulieren. Im Interview mit dem Botschafter habe ich hierzu am 14. Oktober 2020 eine Antwort erhalten, mehr dazu später.

Doch was mich überrascht hat, war eine andere Aussage des Botschafters im Kontext von Umbenennungen vor dem Hintergrund der z.B. an deutschen Universitäten geführten Bismarck-Debatte. Abdallah Possi hat in unserem Interview vom 14. Dezember 2020 gefordert, dass sowohl der Bismarck Rock in Mwanza, eine Felsformation vor der Küste der zweitgrößten Stadt Tansanias, als auch der Bismarck-Rock-Nachbau im Würzburger Mwanza-Garten umbenannt werden. Ich habe die betroffenen Städte mit Abdallah Possis Forderung konfrontiert, mit Menschen aus Mwanza und Würzburg gesprochen und Expertïnnen um Einordnungen gebeten.

Das Bild zeigt den Botschafter von Tansania in Deutschland, Dr. Abdallah Possi, an seinem Schreibtisch in der Botschaft in Berlin. Im Hintergrund die Flaggen von Tansania und Deutschland.
Vor zwei Jahren habe ich Dr. Abdallah Possi, den Botschafter von Tansania, zum ersten Mal interviewt. Damals für meine andere Langzeitrecherche zur Situation von Persons with Albinism (PWA) in Tansania. Abdallah Possi ist PWA.

Das gemeinsame, tansanisch-deutsche, koloniale Erbe stammt größtenteils aus der Zeit, in der das heutige Tansania Teil von „Deutsch-Ostafrika“ war. Tansania war von 1885 bis 1918 deutsche Kolonie, auch der Begriff „Schutzgebiet“ war gebräuchlich. Beim Würzburger Mwanza-Garten, inklusive Bismarck-Rock-Nachbildung und einer „afrikanischen“ Hütte auf dem Gelände, verhält es sich anders. Würzburg und Mwanza sind seit 54 Jahren Partnerstädte. Im Jahr 2016, anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft, hat die Stadt Würzburg einen „Mwanza-Garten“ angelegt, auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau. Warum sowohl der Name „Bismarck-Rock“ als auch die „afrikanische“ Hütte in diesem Kontext problematisch sein könnten, darum geht es in meinem Beitrag.

Dieser Text bildet, wie bereits erwähnt, den Auftakt zu einer Serie von Beiträgen zu kolonialem Erbe von Tansania und Deutschland. Ich habe mein RiffReporter-Magazin „Pause“ genannt, weil ich hier schwerpunktmäßig, aber nicht ausschließlich, „Slow Journalism“-Beiträge veröffentlichen werde. Ich rechne dieser Form des Journalismus Beiträge zu, die teilweise aus mehrjährigen Recherchen entstanden sind. Ein Beispiel hierfür ist diese Serie zu kolonialem Erbe. Damit ich diese Arbeit leisten kann, freue ich mich über Ihre einmalige oder monatliche freiwillige Unterstützung für mein RiffReporter-Magazin „Pause“ oder, was natürlich noch besser wäre, schließen Sie gerne eine RiffReporter-Flatrate mit Präferenz für „Pause“ ab. Über die Flatrate erhalten Sie Zugriff auf alle Beiträge auf RiffReporter.

Ich habe mein Magazin „Pause“ als ein „journalistisches Labor“ konzipiert. Das soll heißen, ich versuche, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, neue Wege zu gehen. Beispielsweise habe ich im Oktober 2020 in Berlin Spaziergänge zu Orten mit Bezug zu kolonialem Erbe unternommen. Ausgehend von diesen Spaziergängen habe ich die folgenden fünf thematischen Schwerpunkte gesetzt, die ich in einzelnen Beiträgen ab Januar betrachten werde: Tourismus und koloniales Erbe, Otto von Bismarck, Straßenumbenennungen, Human Remains und Restitution. Ich kombiniere hierfür Text, Bilder und Experteninterviews, manche davon als Video-Konversationen. Letztere habe ich so geführt, dass sie als Podcast angehört werden können. Ich bin gespannt, wie meine ersten Versuche als Podcasterin ankommen werden.

Zusammenarbeit mit Comiczeichner aus Tansania

Dieses Graphic Journalism Projekt zu kolonialem Erbe ist nicht die erste journalistische Recherche, die ich gemeinsam mit dem tansanischen Comickünstler Marco Tibasima in Bildern umsetze. Wir arbeiten seit Jahren an einem journalistischen Graphic Novel Projekt zur Situation von Personen mit Albinismus in Tansania. Unsere Arbeiten sind 2019 in der Alliance Française in Dar es Salaam in Tansania ausgestellt worden, in einer Ausstellung kuratiert von Emmanuel Mathias N‘humba. Eine in Deutschland geplante Ausstellung im Würzburger Rathaus ist pandemiebedingt auf das Jahr 2022 verschoben worden. Die Region rund um Würzburgs Partnerstadt Mwanza ist in den Jahren von circa 2005 bis 2015 mit am stärksten von auch tödlichen Attacken auf People with Albinism (PWA) in Tansania betroffen gewesen.

Bei der gemeinsamen Arbeit von Marco Tibasima und mir zu kolonialem Erbe hat es nun einen großen Unterschied gegeben. Ich bin wegen der Corona-Pandemie dieses Jahr nicht nach Tansania gereist. Anders als in den Jahren 2018 und 2019 konnten Marco Tibasima und ich nicht an Ort und Stelle zusammen Bilder entwickeln. Wir haben online kommuniziert, wobei dies in den Monaten Oktober und November 2020 eine große Herausforderung war. Am 28. Oktober 2020 fanden in Tansania die General Elections statt. Im Umfeld der Wahlen ist das Internet massiv gedrosselt worden, teils gab es Zugangsbeschränkungen zu einzelnen Plattformen. Die Einschränkungen des Internetzugangs in Tansania kamen nicht überraschend. Ich habe seit vier Jahren „live“ miterlebt, wie sich die Situation in dem ostafrikanischen Land verändert hat. Im September 2020 hat auch meine Kollegin Bettina Rühl im Magazin „Afrika-Reporter“ auf RiffReporter über die Einschränkungen von Pressefreiheit und anderen Rechten in Tansania berichtet.

Das Bild zeigt RiffReporter-Autorin Ramona Seitz und den tansanischen Comickünstler Marco Tibasima. Sie sitzen gemeinsam an einem Tisch. Vor Ramona Seitz liegt ein Notizbuch. Marco Tibasima zeichnet an seinem elektronischen Zeichen-Pad.
So haben der tansanische Comiczeichner Marco Tibasima und ich früher zusammengearbeitet. Für die grafische Umsetzung meiner journalistischen Recherche zu kolonialem Erbe konnten wir nur online kommunizieren.

Im Herbst 2020 habe ich mir überlegt, wie ich in diesem Pandemiejahr eine möglichst corona-konforme Recherche gestalten könnte. Schließlich habe ich vom 2. bis 6. Oktober 2020 einige Spaziergänge zu Orten mit Bezug zu kolonialem Erbe in Berlin unternommen. Während dieser Spaziergänge war ich allein unterwegs. Wie das so ist im Jahr 2020, über mein Smartphone jedoch war ich mit anderen in Kontakt.

An „Tag 1“ meiner „Spaziergänge in Berlin zu Orten mit Bezug zum kolonialen Erbe“ bin ich zu Fuß vom Hauptbahnhof zum Humboldt Forum unterwegs gewesen. Mein Plan war, Eindrücke und Gedanken zu dem, was ich sehe, höre, rieche und fühle auf mich wirken zu lassen. Die folgende Passage ist ein Ausschnitt aus dem ersten Kapitel der Serie. Ich beschreibe darin eine Begebenheit, die sich am 2. Oktober 2020 genauso abgespielt hat:

Ich stand am Brandenburger Tor und blickte auf mein Mobiltelefon. Binnen Millisekunden wusste ich, das ist es, was aus meiner Textidee eine außergewöhnliche Geschichte machen kann. Eine WhatsApp-Nachricht aus Tansania leuchtete vom Bildschirm meines Smartphones auf. Es ist ein bisschen so wie der Unterschied zwischen einem rohen Stein und einem geschliffenen Diamanten. Dazwischen liegt sehr viel Arbeit. Aber die Arbeit kann man nur machen, wenn man den Stein in Händen hält. Und so stand ich mit meinem Telefon auf der Straße, sah diese Nachricht und konnte nicht anders. Ich musste lachen.

Ja, ich hatte geplant, meine Zeit in Berlin zu nutzen für Spaziergänge zu Orten mit Bezug zu kolonialem Erbe. Doch dann ist aus einem privaten WhatsApp-Chat während meines ersten Spaziergangs – vom Hauptbahnhof zum Humboldt Forum – eine spannende Geschichte entstanden, an deren Beispiel ich zeigen kann, wie komplex und vielschichtig das gemeinsame koloniale Erbe von Deutschland und Tansania ineinander verwoben ist.

Die WhatsApp-Nachricht kam von dem Tansanier Ramadhan Pocha. Was genau in dieser Nachricht steht, das werde ich im Januar in meinem „Kapitel 1“ dieser „Spaziergänge in Berlin“ erzählen. Nur soviel bereits heute: Es geht um Bismarck, und es war mein Bekannter aus Tansania, der unsere WhatsApp-Konversation auf das Thema Otto von Bismarck gebracht hat.

Das Comic-Bild zeigt eine Landkarte mit Europa oben, darin markiert Deutschland, und Afrika unten, darin markiert Tansania. RiffReporter-Autorin Ramona Seitz ist mit FFP2-Maske abgebildet, wie sie WhatsApp-Nachrichten mit einem Bekannten aus Tansania  austauscht. In einer Nachricht symbolisch das Bild von Otto von Bismarck, da in dieser Konversation über Bismarck gesprochen bzw. geschrieben worden ist.
Am 2. Oktober 2020 war ich im Rahmen meiner „Spaziergänge zu Orten mit Bezug zu kolonialem Erbe in Berlin“ unterwegs vom Hauptbahnhof zum Humboldt Forum. Da erreichte mich eine Nachricht meines Bekannten Ramadhan Pocha aus Tansania. Er brachte das Thema auf Otto von Bismarck.

Um Bismarck geht es auch im heutigen Text. Dass Abdallah Possi die Umbennung des „Bismarck Rock“ in Mwanza fordert, das allein ist keine wirkliche Neuigkeit. Ich weiß aus verlässlichen Quellen, dass er dies schon mehrfach in Gesprächen geäußert hat. Neu ist, dass er die Umbennenung des Bismarck Rock Denkmals in Würzburg fordert. Abdallah Possi ist der Botschafter von Tansania in Deutschland. Während ich seine Aussage zum Bismarck Rock in Mwanza als seine private Meinung einordne, so ist seine Forderung zur Umbenennung des Würzburger Bismarck Rock die Aussage des ranghöchsten Diplomaten von Tansania in Deutschland.

Um was genau geht es? Was ist dieser Bismarck Rock in Mwanza? Wie genau sieht der Würzburger Mwanza-Garten aus? Wie hat die Stadt Würzburg reagiert? Wieso hatte ich gerade letzte Woche den Botschafter um ein Interview gebeten?

Am vergangenen Mittwoch ist in Berlin das Humboldt Forum eröffnet worden. Pandemiebedingt nur online und teilweise, aber es ist nun eröffnet. Einige Tage zuvor hatte der Botschafter von Nigeria in äußerst klaren Worten ein Statement veröffentlicht, in dem die Rückgabe der im Humboldt Forum künftig als eine der Hauptattraktionen ausgestellten Benin-Bronzen gefordert wird.

Das Bild zeigt die Baustelle Berliner Schloss. Ein Kran und zwei Bagger sind zu sehen. Im Hintergrund der Fernsehturm.
Nun ist es eröffnet, das Humboldt Forum. Mir scheint, es gibt da noch mehrere Baustellen. Sowohl das Projekt „Humboldt Forum“ als auch der Ort, das wiederaufgebaute Berliner Schloss, sind umstritten. (Diese Szene habe ich am 2. Oktober 2020 in Berlin fotografiert und der tansanische Comiczeichner Marco Tibasima hat, ausgehend von meinem Foto, diese Illustration erstellt.)

Ausführlich werde ich das Thema Restitution im Kontext des kolonialen Erbes von Deutschland und Tansania in meinen Beiträgen im Jahr 2021 behandeln. Für den heutigen Texte habe ich – auch in Reaktion auf das aktuelle Statement des Botschafters von Nigeria zu den Benin-Bronzen – beim Botschafter von Tansania in Deutschland nachgefragt, ob es neue Forderungen seines Landes gibt und was beispielsweise der aktuelle Stand bezüglich der Dinosaurierskelette im Museum für Naturkunde in Berlin ist. Teile der Dinosaurierskelette wurden während der deutschen Kolonialzeit im heutigen Tansania gefunden und nach Berlin gebracht.

Restitution – die Dinosaurier im Museum für Naturkunde in Berlin

Zum Thema Restitution hat der Botschafter von Tansania Dr. Abdallah Possi mir am 15. Dezember 2020 folgendes Statement gegeben. Da es bei der Wortwahl um Nuancen geht, habe ich mich entschlossen, das englische Original zu veröffentlichen:

“On 30th May 2019, while addressing the Parliament, Hon. Minister of Foreign Affairs and East African Cooperation Prof. Palamagamba John Aidan Mwaluko Kabudi stated inter alia that there was a need for the Government of Tanzania and the German Government to talk about the dinosaur issue. There is a need to take the first step to enhance our capacity, before entering the second step to ask for the repatriation of the remains of the dinosaur.”

Das Comicbild zeigt RiffReporter-Autorin Ramona Seitz, wie sie, ausgestattet mit FFP2-Maske im Berliner Museum für Naturkunde ein Dinosaurierskelett betrachtet. In einer Gedankenblase sieht man Ramona  Seitz und den tansanischen Comiczeichner Marco Tibasima im Garten des House of Culture, National Museum, in Dar es Salaam, Tansania, sitzen. Im Hintergrund ein Dinosaurierskelett, das von einer tansanischen Familie betrachtet wird.
Am 6. Oktober 2020, während meiner „Spaziergänge zu kolonialem Erbe“ war ich im Museum für Naturkunde in Berlin. Die dortigen Dinosaurierskelette stammen größtenteils aus einem Gebiet im heutigen Tansania und wurden, während der deutschen Kolonialzeit, von Deutsch-Ostafrika, nach Berlin gebracht.

Bismarck Rock in Mwanza und der Nachbau in Würzburg

Während der Botschafter von Tansania sich bezüglich Restitution vorsichtig äußert, hat er mich mit einer Forderung in anderer Sache überrascht: Ich habe ihn im Kontext der Debatte um Denkmäler und Namen von beispielsweise Straßen aus der Kolonialzeit um Stellungnahme gebeten zum Namen „Bismarck Rock“ in Mwanza sowie, damit verbunden, zum Namen des „Bismarck Rock im Würzburger Mwanza-Garten“. Mwanza ist Tansanias zweitgrößte Stadt. Seit 54 Jahren pflegen Mwanza und Würzburg eine offizielle Städtepartnerschaft. Der „Bismarck Rock“ in Mwanza ist eine Felsformation im Viktoriasee, direkt vor der Küste der Stadt. Er ist das Wahrzeichen von „Rock City“, wie Mwanza in Tansania auch genannt wird. In Würzburg wurde im Jahr 2016 ein aus Stein gemeißelter Nachbau dieser Felsformation im „Mwanza-Garten“ der Stadt eingeweiht. Auf einer Tafel wird dieses Denkmal explizit als Bismarck-Rock bezeichnet.

Eine Felsformation im Viktoriasee vor der Küste von Mwanza in  Tansania
Der „Bismarck Rock“ in Mwanza

Wie sieht der „Bismarck Rock“ im Würzburger Mwanza-Garten aus und in welchem Kontext wird er präsentiert? Es handelt sich um einen aus 60 Tonnen Stein gemeißelten Nachbau des Originals.

Das Bild zeigt eine Felsformation, welche die Formen der in Mwanza, Tansania, als „Bismarck Rock“ bekannten Felsen hat. Im Hintergrund eine „afrikanische“ Hütte.
Der „Bismarck Rock“ im Würzburger Mwanza-Garten

Doch bemerkenswert fand ich am Tag der Einweihung an diesem Mwanza-Garten noch etwas anderes. Denn dort steht auch der Nachbau einer „afrikanischen“ Hütte.

Ich war am Tag der Einweihung dort und weiß somit, dass dieser Garten mit großer Freude und mit guten Absichten eingeweiht worden ist. Allerdings hat mich als Zuschauerin schon damals ein befremdliches Gefühl beschlichen. Denn gerade die Hütte ruft bei mir Konnotationen aus anderen Kontexten wie den Völkerschauen und Menschenzoos im Rahmen der früheren Kolonialausstellungen hervor. Ich weiß, weil ich bei der Einweihung dort war, dass dies nicht so gemeint ist. Das ändert aber nichts am Aussehen des Mwanza-Gartens und somit dem Kontext, in welchem der Würzburger „Bismarck Rock“ präsentiert wird. Im September 2020 wurde im ARD-Fernsehen eine ARTE-Dokumentation von 2017 wiederholt: „Die Wilden“ in den Menschenzoos. Damals, Anfang Juni 2016, bei der Eröffnung des Würzburger Mwanza-Gartens kannte ich diese Dokumentation noch nicht. Doch die Thematik der Kolonialausstellungen war mir bekannt. Ich vermute, nur wenige der Anwesenden wussten um diesen Teil unserer Geschichte.

Ein parkähnlicher Garten an einem Hügel, mit grünem Rasen. Eine Treppe führt hinauf zu einer „afrikanischen“ Hütte, welche links oben auf dem Bild zu sehen ist. Rechts im Bild eine Felsformation, welche die Formen des Bismarck Rock in Mwanza hat.
Der Würzburger Mwanza-Garten mit Bismarck Rock und „afrikanischer“ Hütte

Botschafter Possi fordert Umbenennung der Bismarck Rocks

Wie hat der Botschafter von Tansania Dr. Abdallah Possi nun meine Frage beantwortet? Angesprochen auf die Namen „Bismarck Rock“ in Mwanza und „Bismarck Rock“ im Würzburger Mwanza-Garten fordert er: „These too should be renamed, just as other Tanzanian streets with German names were later renamed.“

Stellungnahme der Stadt Würzburg

Die Stadt Würzburg nimmt hierzu, auf meine Anfrage hin, wie folgt Stellung: „Die Stadt Würzburg steht mit seiner Partnerstadt Mwanza im ständigen Austausch, auch über das Thema Erinnerungskultur. Zu diesem Thema fanden bereits verschiedene Aktionen statt, unter anderem seit rund fünf Jahren verschiedene ASA-Projekte zum Thema postkoloniales Erbe. Unabhängig davon überarbeitet die Stadt Würzburg derzeit alle Beschilderungen zu den Partnerstädten im Partnerschaftsgarten.“

Wie wird der Vorschlag in der Stadt Mwanza bewertet?

Wie wird das Statement von Abdallah Possi in der Stadt Mwanza aufgefasst? Ich habe mit Hosiana Kusiga gesprochen. Sie ist die Leiterin des „Urban Planning Department“ der Stadt Mwanza. Hosiana Kusiga war vom City Director im Jahr 2016 zur Einweihung des Mwanza-Gartens nach Würzburg gesandt worden, um ihn dort zu repräsentieren. Hierbei wurde sie begleitet vom Public Relations Officer und einem Stadtrat.

Eine tansanische Frau hält im historischen Würzburger Rathaus eine Rede. Vertreter der Städte Würzburg und Mwanza stehen neben dem Rednerpult.
Hosianna Kusiga spricht 2016 anlässlich der Eröffnung des Mwanza-Gartens beim Festakt im Würzburger Rathaus

Ich konnte am 20. Dezember 2020 Hosiana Kusiga telefonisch interviewen. Sie sagt: „Ich denke, wir können nicht alles löschen, was wir in Mwanza als Erinnerung an die deutsche Vergangenheit haben. Wir sollten manches bewahren, damit auch unsere Kinder und deren Kinder davon erfahren. Wenn wir alles umbenennen, dann verlieren wir einen Teil unserer Geschichte. Und selbst wenn wir den Namen ändern möchten, dann braucht es hierfür die Zusammenarbeit von vielen Beteiligten. Diejenigen, die entscheiden sollten, ob der Bismarck Rock umbenannt wird, das ist die Bevölkerung von Mwanza, repräsentiert von den Stadträtinnen und Stadträten. Wenn jemand das Thema in den Stadtrat einbringt, wird man das Thema behandeln und auch „wazee“, Älteste, oder andere Expertïnnen nach ihrer Meinung fragen. Wir alle zusammen werden entscheiden, ob oder ob nicht der Name Bismarck Rock umbenannt wird. Ich persönlich wünsche mir, dass manches erhalten bleibt, um uns, unsere Kinder und Enkelkinder an die Vergangenheit zu erinnern.“

Kusiga verweist auf ein anderes Umbenennungsthema, das „Gunzert Haus“ (früher in der Literatur auch als Robert-Koch-Haus bezeichnet), ein aus der deutschen Kolonialzeit stammendes Haus, repräsentativ auf einem Hügel im Zentrum der Stadt gelegen. Für dieses Haus haben kürzlich Dr. Delphine Kessy und Team den Vorschlag in die Debatte eingebracht, das Gunzert Haus, wenn nötig, „Mwanza Museum“ zu nennen oder ihm einen anderen Namen zu geben, der von den Mwanza Colonial Heritage Stakeholders vorgeschlagen werden könnte. Dr. Delphine Kessy von der St. Augustine University of Tanzania leitet das Team der Restaurierung des Gunzert Hauses. Hosiana Kusiga sagt hierzu: „Auch wenn wir möglicherweise das Gunzert Haus künftig „Mwanza Museum“ nennen, so können andere Namen, die an die deutsche Kolonialzeit erinnern, durchaus erhalten bleiben, damit die Geschichte präsent bleibt. Das ist meine persönliche Meinung“.

Zum Tag der Einweihung des Mwanza-Gartens in Würzburg sagt Hosiana Kusiga: „Um ganz ehrlich zu sein, ich war geschockt und zwar positiv geschockt. Ich war so überwältigt vor Glück. Diese Nachbildung des Bismarck Rock ist so authentisch, als hätte man den Bismarck Rock von Tansania dorthin verfrachtet. Wir fühlten uns so geehrt und wir waren sehr glücklich. Vielleicht – vielleicht – haben wir nicht kritisch genug das Ganze hinterfragt. Aber als ich den Felsen und die Hütte dort gesehen habe, war ich so glücklich. Denn ich habe das reale Objekt, den Bismarck Rock in Mwanza dort repliziert gesehen. Für mich persönlich ist soweit alles gut.“

Auch Unterstützung aus Tansania für die Forderung nach Umbenennung

Bereits im Jahr 2018 habe ich in Dar es Salaam Isack Abeneko ausführlich interviewt, einen freien Künstler aus Tansania, unter anderem bekannt durch seine Beteiligung an Co-Produktionen von ASEDEVA und Flinn Works wie „Maji Maji Flava“ und „Fear&Fever“. Er hat mir von „Vinyago – Indigenous Voices“ erzählt, einem von ASEDEVA initiierten Projekt zu spirituellen Masken. Jetzt habe ich ihn um seine Experten-Meinung zur Gestaltung des im Jahr 2016 eingeweihten Würzburger Mwanza-Gartens gefragt. Er kennt Deutschland, in Würzburg war er jedoch noch nicht. Da er aber seit über zehn Jahren zu deutsch-tansanischem kolonialen Erbe forscht und performt, war ich gespannt auf seine Meinung.

Ein Portraitfoto des Tansaniers Isack Abeneko
„Der Name, Bismarck Rock’ ist ein Problem, und dass so eine Hütte dort aufgebaut worden ist. Denn, welche Botschaft will man damit senden?“, sagt Isack Abeneko

Bezüglich der Gestaltung des Würzburger Mwanza-Gartens sagt Isack Abeneko: „Ich bin ein bisschen sprachlos. Denn es ist schockierend, eine schockierende Erinnerung, zu sehen, wie andere Leute von uns denken und die Kultur präsentieren, unsere Lebensweise.“

Er fügt hinzu: „Es ist schockierend, das im Jahr 2020 zu sehen. Vor dem Hintergrund, dass wir in einer Zeit leben, in der wir versuchen, die Fehler der kolonialen Vergangenheit zu korrigieren. Dieser Mwanza-Garten wirkt wie eine Erinnerung an die Kolonialzeit, wie eine Verherrlichung dieser Zeit. Andererseits, wenn wir auf die Städtepartnerschaft blicken, es ist eine positive Idee, so etwas gemeinsam zu gestalten. Aber der Inhalt, etwas wiederaufleben zu lassen, was seit längerem, seit der Kolonialzeit, als problematisch gesehen wird, das ist ein Problem. Der Name „Bismarck Rock“ ist ein Problem, und dass so eine Hütte dort aufgebaut worden ist. Denn, welche Botschaft will man damit senden?“

Abeneko weiter: „Die Kolonialisten haben Dinge gesammelt von den ethnischen Gruppen und deren Kultur Dinge genommen, welche diese benutzt hatten als ein Prozess, um zu beweisen, dass die lokale Bevölkerung unterlegen ist, nicht entwickelt. Objekte von bestimmten Stämmen, von bestimmten Gruppen von Leuten, wurden genommen und mit ihren Objekten verglichen. Wenn man also Dinge präsentiert wie in der Kolonialzeit, dann ist dies ein problematisches Szenario. Gerade diese Hütte bewerte ich als problematisch. Allerdings möchte ich hinzufügen, dass es insofern gut gemacht ist, dass das wohl partnerschaftlich geplant wurde, es war eine Zusammenarbeit zwischen den Städten Mwanza und Würzburg. Das ist vorbildlich. Und dennoch, man muss sich bewusst machen, was man konstruiert, was man wie präsentiert. Oder wie man etwas nennt. Wenn man Dingen einen Namen gibt, will man damit eine Botschaft senden, als die Gemeinschaft, die man heute ist. Bismarck hat eine bedeutende koloniale Vergangenheit, und er hat viel im kolonialen Kontext getan. Was bedeutet es also, diese Dinge nach Bismarck zu benennen? Wie interpretieren das die Menschen heutzutage? Das ist für mich der Punkt, wo problematische Fragen aufgeworfen werden. Wieso nennt man dieses Ding nicht „Mwanza Rocks“? Das könnte ein Name sein, der heutzutage passt und die Städtepartnerschaft widerspiegelt. Aber Bismarck, wieso Bismarck? Inwiefern ist der Name „Bismarck“ für diese Felsformation heute noch relevant?“

Ganz wichtig ist Isack Abeneko einzuordnen, wieso er fordert, diesen Würzburger „Bismarck Rock“ umzubenennen in beispielsweise „Mwanza Rocks“. Abeneko erklärt: „Es geht darum, Geschichte einzuordnen, zu erklären, in Kontext zu setzen. Klar zu machen, wieso diese Themen auch für die Leute heute noch relevant sind. Erklärtafeln können hier sinnvoll sein, wenn sie so gestaltet sind, dass sie begreifbar machen, warum die Geschichte relevant ist. Wenn ich den Namen „Mwanza Rocks“ vorschlage, will ich damit keineswegs die Geschichte auslöschen. Ich will dafür sensibilisieren, dass die Art und Weise, wie über die Geschichte gesprochen wird, wie sie vermittelt wird, besser wird. Das Wesentliche ist: Was lehrt die Geschichte die Menschen von heute? Was für eine symbolische Sprache vermittelt beispielsweise der Begriff „Bismarck Rock“ in Mwanza Leuten, die noch nie in Deutschland waren oder der Begriff „Bismarck Rock“ im Würzburger „Mwanza-Garten“ Leuten, die noch nie in Mwanza waren?“, so Isack Abeneko.

Ich war, wie bereits erwähnt, im Jahr 2016 bei der Eröffnung des Würzburger Mwanza-Gartens dabei. Ich hatte an diesem Tag nicht geplant, dazu journalistisch zu berichten, ich war vielmehr dabei, letzte Informationen zu sammeln für eine Filmdokumentation über 50 Jahre Städtepartnerschaft von Mwanza und Würzburg, die ich gemeinsam mit dem Filmemacher Martin Naujocks gemacht habe, und die später im Jahr 2016 im Mainfranken Theater präsentiert wurde. Ich hatte nur mein iPad dabei, keine professionelle Kamera. Doch beim Anblick des Mwanza Gartens hielt ich das Ganze dann doch für überregional berichtenswert – regional hatten u.a. Main-Post und TV Mainfranken berichtet. Ich habe meine Fotos daraufhin der Deutschen Welle angeboten. DW Kiswahili hat zwei davon veröffentlicht. Die Einweihung war ein freudiges Ereignis. Bürgerïnnen aus Mwanza und Bürgerïnnen aus Würzburg haben gemeinsam gefeiert, wie das folgende auf Facebook öffentlich zugängliche Video der Main-Post zeigt. Ich bin in diesem Video der Main-Post übrigens auch zu sehen, ich bin bei Sekunde 15 die „Frau mit iPad“.

Wie bewerten Bürgerïnnen den Würzburger Bismarck Rock?

Bei meiner Arbeit ist mir wichtig, nicht nur Funktionsträgerïnnen und Expertïnnen zu zitieren. Wenn möglich, versuche ich auch Bürgerïnnen zu Wort kommen zu lassen. Wie haben sie diese Einweihung empfunden? Wie sehen sie den Mwanza-Garten in Würzburg?

Ich habe mit Mabugo Audax Laurian gesprochen. Der Vierzigjährige ist in Mwanza geboren und hat dort gelebt, bis er mit 28 Jahren nach Deutschland gekommen ist. Er arbeitet in Herzogenaurach bei einem Sportartikelhersteller. Vor vier Jahren war er für die Einweihung des Mwanza-Gartens nach Würzburg gefahren.

Einige Menschen, vier davon Tansanierïnnen, vor dem Würzburger Bismarck Rock
Mabugo Audax Laurian (rechts) am Tag der Einweihung des Würzburger Bismarck Rock Nachbaus

Mabugo Audax Laurian erinnert sich mit großer Freude an diesen Tag: „Das erste war eine große Überraschung. Als ich im Vorfeld der Feier gehört hatte, dass es jetzt in Würzburg einen Bismarck Rock gibt, das war eine große Überraschung. Als ich dann diesen so realitätsgetreuen Bismarck Rock in Würzburg gesehen habe, das war so eine Überraschung. Ich finde, das war eine gute Idee.“

Auf meine Frage, ob er einen lokalen Namen für diese Felsformation kennt, sagt er, dass er diese Felsen immer nur als Bismarck Rock gekannt habe. Einen anderen Namen dafür kenne er nicht.

Angesprochen auf die Hütte, sagt er: „Zuerst einmal möchte ich sagen: Als ich dort hingefahren bin, zu dieser Einweihung, da hatte ich nicht damit gerechnet so einen schönen Garten vorzufinden. Der Garten ist schön. Über das Design habe ich mich sehr gefreut. Ich finde auch, diese Hütte ist gut. Der Designer, der sie entworfen hat, hat das gut gemacht. Es ist ja so, ich wohne in Deutschland, so weit weg von meiner Heimat Mwanza und dann finde ich in diesem Land etwas aus meiner Heimat. Das hat damals bei mir wirklich sehr große Gefühle ausgelöst. Große Freude. – Ich hatte damals keinerlei negative Gedanken über die Hütte. Ich verstehe, dass manche Leute damit Armut und schlimme Szenen aus der kolonialen Vergangenheit verbinden, aber ich habe das damals nicht gedacht. Ich glaube auch nicht, dass Besucher diesen Ort negativ auffassen. Ich glaube nicht, dass jemand gegen diese Hütte ist.“

Meinungen können sich ändern

Ebenfalls am Tag der Einweihung in Würzburg anwesend war Dominik Weber. Der 27-Jährige ist in Würzburg aufgewachsen und war schon mehrmals in Mwanza. Auch er hat den Festakt zur Einweihung als durchweg positiv empfunden, allerdings bewertet er den Mwanza-Garten inzwischen differenzierter.

Drei Personen in einem Park
Der in Würzburg aufgewachsene Dominik Weber (links) mit Mabugo Audax Laurian und Anja Lösch am Tag der Einweihung des Würzburger Mwanza-Gartens im Jahr 2016

Kostenfreien Newsletter bestellen

Sie möchten regelmäßig über neue Beiträge dieses Magazins informiert werden? Dann bestellen Sie hier unseren kostenlosen Newsletter.

An den Tag der Einweihung erinnert sich Dominik Weber folgendermaßen: „Ich hatte mir damals nicht die Frage gestellt, ob es hier um Bismarck geht, sondern habe das eher als Partnerschaftsaktion gesehen, die die beiden Städte miteinander vereint. Den Bismarck Rock habe ich also viel mehr als Wahrzeichen von Mwanza gesehen.“ Er fügt hinzu: „Die Frage, wie der Bismarck Rock heißt, ist allerdings eine andere Frage. Den Bismarck Rock selber aus Würzburg zu entfernen, fände ich falsch, weil diese Felsformation, die ist für mich das Merkmal von Mwanza, und ich fand es sehr schön, dass das dargestellt wurde in Würzburg. Das ist aber losgelöst von der Frage, ob man das anders benennen muss.“

Er erklärt seine inzwischen differenziertere Meinung so: „Wenn man sich Bismarck und seine Geschichte in Bezug auf Deutsch-Ostafrika anschaut, dann ist das schon sehr kritisch, dass wir da noch so einen „Fels in der Brandung“ sozusagen noch stehen lassen mit diesem durchaus historisch befleckten Namen“.

Angesprochen auf die Hütte im Mwanza-Garten, sagt Dominik Weber: „Bei mir ist das Bewusstsein erst in den letzten Jahren so richtig entstanden, dass, wenn man ein sehr traditionelles Bild von, Afrika‘ zeichnet, man in dem Fall dann auch das Bild von Tansania mit dem Bild von, Afrika‘ vermischt. Und das Bild von, Afrika‘ ist halt Armut, das sind Strohhütten und Lehmhütten, und eben nicht das Innovative, das man dort heute auffindet, wenn man durch die Innenstadt von Mwanza geht. Denn darum geht es ja. Das ist ja die Partnerschaft zur Stadt Mwanza. Wenn man dort durch die Innenstadt geht, dann wird man, bis auf den Bismarck Rock, nichts wiedererkennen, was man im Partnerschaftsgarten findet.“

Kolonialismus als Thema in der Schule

Soweit die Meinungen über den Mwanza-Garten in Würzburg. Ich selber frage mich immer mehr, wieso ich und so viele andere in meiner Generation, die wir in den 90er Jahren zur Schule gegangen sind, aber auch die Generationen vor und nach uns, nicht mehr über Kolonialismus in der Schule gelernt haben. Mein Wissen habe ich mir größtenteils im Studium oder durch Eigeninitiative angeeignet. Vor einigen Tagen bin ich über Twitter auf ein interessantes Interview von Ralf Caspary mit Andreas Eckert, Historiker von der Humboldt Universität in Berlin, aufmerksam geworden. Ich verlinke es für interessierte Leserïnnen. Darin geht es um (ich zitiere aus dem Einleitungstext des SWR): „Die deutsche Kolonialgeschichte wird in den Schulen zu wenig thematisiert. Woran liegt das? Was müsste sich dort ändern? Und welche Punkte beim Thema Kolonialismus blenden wir in der öffentlichen Diskussion immer noch aus?“

Kontext: Bismarck

Zurück vom Würzburger Mwanza Garten und Bismarck Rock zur übergeordneten Bismarck-Debatte im Rahmen von kolonialem Erbe. Warum gibt es diese Debatte um Otto von Bismarck? Im Detail werde ich dies in meinen Beiträgen im Jahr 2021 hier in meinem Magazin „Pause“ thematisieren. Es ist eine Debatte, in der es sich lohnt, ins Detail zu gehen. Denn, wie mehrere andere aktuelle Debatten, werden dabei oftmals verschiedene Aspekte vermischt. Das kann dazu führen, dass die Gespräche zunehmend emotionaler und weniger sachlich geführt werden. Auf verschiedenen Seiten fühlen sich Menschen möglicherweise sogar verletzt.

Eine kurze Einordnung hierzu füge ich schon heute diesem Text bei. Sie stammt von Jürgen Zimmerer, einem Historiker mit Schwerpunkt Kolonialismus und Genozid. An der Universität Hamburg hat er eine Professur für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika. Er ist dort Direktor des Projektverbunds „Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die (frühe) Globalisierung“. Aktuell führt er im Rahmen einer Gesprächsreihe öffentliche Online-Expertengespräche zum Thema „Bismarck Global – Bismarck: Lokaler Held, globaler Schurke? Ambivalenzen eines (nationalen) Helden.“

Jürgen Zimmerer gibt folgenden Kontext zur Bismarck-Debatte: „Bismarck ist nicht nur ein deutscher Erinnerungsort, sondern ein globaler. Er steht nicht nur für den Eintritt des Deutschen Kaiserreichs in den Kreis der formalen Kolonialmächte, sondern auch für die Berliner Afrika Konferenz, auf der die koloniale Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter die europäischen Mächte völkerrechtlich abgesichert wurde. Ohne Bismarck gäbe es etwa Kamerun, Tansania oder Namibia in der heutigen Form wohl nicht; eine Sicht, die auch Kollegïnnen in Afrika bestätigen. Wenn man Bismarcks als Staatenbegründers gedenkt, muss man ihn als multiplen Staatenbegründer sehen. Alles andere wäre eurozentrische Verengung. Es ist Teil der in Deutschland lange Zeit vorherrschenden kolonialen Amnesie, dass in unserer Erinnerung an Bismarck diese koloniale und globale Bedeutung ausgeklammert wird. In einem modernen, weltoffenen Deutschland muss aber eben auch auf die globale Seite des „Reichsgründers“ hingewiesen werden, gerade auch auf die Folgen, die außerhalb Deutschlands bis heute spürbar sind.“

Professor Jürgen Zimmerer in seinem Büro an der Universität Hamburg
Der Historiker Jürgen Zimmerer sagt: „Es ist Teil der in Deutschland lange Zeit vorherrschenden kolonialen Amnesie, dass in unserer Erinnerung an Bismarck diese koloniale und globale Bedeutung ausgeklammert wird.“

Jürgen Zimmerer, Delphine Kessy und ein Vertreter der Stadt Würzburg sind unter den Interviewpartnerïnnen, mit denen ich im Jahr 2021 einzelne Themen aus dem komplexen Konstrukt „Koloniales Erbe“ in Gesprächen vertiefen werde.

Wenn Sie dieser Beitrag neugierig gemacht hat auf die Folge-Beiträge und auf Texte von mir zu anderen Themen, so freue ich mich, wenn Sie sich hier für den Newsletter meines Online-Magazins „Pause“ anmelden.

Damit ich diese Arbeit leisten kann, freue ich mich über Ihre einmalige oder monatliche freiwillige Unterstützung für mein RiffReporter-Magazin „Pause“ oder, was natürlich noch besser wäre, schließen Sie gerne eine RiffReporter-Flatrate mit Präferenz für „Pause“ ab. Über die Flatrate erhalten Sie Zugriff auf alle Beiträge auf RiffReporter.

Bei uns auf RiffReporter gibt es übrigens viele tolle Magazine. Einige Beispiele, die Sie interessieren könnten:

Carmela Thiele verfolgt seit drei Jahren die Debatten um die innere und äußere Modernisierung der Museen in Deutschland und anderswo.

Für das RiffReporter-Magazin Flugbegleiter hat Joachim Budde am 18. November 2020 ein Interview geführt mit Bernhard Misof, dem neuen Direktor des Museums Koenig: „Wie Bonn und Hamburg das Naturkundemuseum der Zukunft schaffen wollen.“

Wenn Sie sich für Themen aus Afrika interessieren, dann empfehle ich Ihnen das Magazin „Afrika-Reporter“ hier bei uns auf RiffReporter. Dort berichten Sarah Mersch, Bettina Rühl und Leonie March regelmäßig. Am 11. September 2020 ist dort zum Beispiel ein Beitrag von Bettina Rühl zu Tansania erschienen: „Wahlkampf in Tansania: Der „Bulldozer“ macht auf Demokratie“

Ebenfalls interessant im Kontext meiner Artikelserie ist das Magazin „Fotograf mit Zweifeln“ meines RiffReporter-Kollegen Björn Göttlicher. Im Jahr 2018 hat Björn Göttlicher mich in Tansania begleitet, schwerpunktmäßig bei Interviews für meine Langzeitrecherche über die Situation von Personen mit Albinismus in Tansania. Aber Björn Göttlicher war auch mit dabei, als ich den Künstler Isack Abeneko vor zwei Jahren in Dar es Salaam zu seinem Projekt „Vinyago“ zu Kolonialismus und Masken interviewt habe. In seiner Podcast-Folge „Fotografieren in Afrika“ diskutiert Björn Göttlicher mit namhaften Fotografie-Experten.

Ganz wichtig ist mir außerdem auf die Social-Media-Kontaktdaten von Marco Tibasima hinzuweisen, der meine Bildentwürfe in diese beeindruckenden Illustrationen umgesetzt hat. Sie finden ihn hier auf Instagram, Facebook und Twitter.

Als weiterführende externe Links füge ich bei:

Meine RiffReporter-Kollegin Gretchen Vogel hat das Museum für Naturkunde in Berlin besucht und im März 2019 für das Science Magazine (auf Englisch) geschrieben über „Natural history museums face their own past“.

Das im Text genannte Interview mit Andreas Eckert auf SWR vom 11.12.2020 über „Das Thema Kolonialismus wird in der Schule kaum behandelt“.

Zum Thema „Kolonialismus“ hat auch das Team von Jan Böhmermann und seinem „ZDF Magazin Royal“ eine sehr informative Kurzfassung als Antwort auf diese Frage produziert. Sie beginnen ihr Video vom 11. Dezember 2020 mit Christoph Kolumbus.

Zum Thema „Bismarck“ veranstalten, wie ebenfalls im Text erwähnt, Jürgen Zimmerer und sein Team eine öffentliche Online-Reihe von Expertïnnengesprächen zum Thema „Bismarck Global – Bismarck: Lokaler Held, globaler Schurke? Ambivalenzen eines (nationalen) Helden“.

Transparenzhinweis:

Neben meiner Tätigkeit als Journalistin bin ich als Privatperson Mitglied von M.W.A.N.Z.A. e.V.

Unterstützen Sie „Pause“ mit einem Betrag Ihrer Wahl. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.
Ramona Seitz

Ramona Seitz

Ramona Seitz ist freie Journalistin. Tiefgründige Recherchen, teils über Jahre („Slow Journalism“) und deren kreative Umsetzung faszinieren sie. Aktuell arbeitet sie u.a. an einem Multimedia-Projekt über Verschwörungsmythen am Beispiel der Situation von Persons with Albinism in Tansania und an einem Comics-Journalismus-Projekt zu kolonialem Erbe. Auf ihren Reisen in v.a. Ostafrika recherchiert sie auch zu Gesundheitsthemen, u.a. Bilharziose, HIV oder Malaria, insbesondere in der Region am Viktoriasee. Außerdem beschäftigt sie sich mit Themen wie Achtsamkeit, Meditationen und Yoga.


Pause

Seit einigen Jahren liegt mein Fokus auf (Ost-)afrika, insbesondere Tansania. Tiefgründige Recherchen, teils über Jahre ("Slow Journalism") und deren kreative Umsetzung faszinieren mich. Aktuell arbeite ich an einem Multimedia-Projekt über Albinismus in Tansania und einem Comics-Journalismus-Projekt zu kolonialem Erbe. Seit Jahren recherchiere ich auf meinen Reisen auch zu Gesundheitsthemen, u.a. Bilharziose, HIV oder Malaria, insbesondere in der Region am Viktoriasee.

Außerdem beschäftige ich mich mit Themen wie Achtsamkeit, Meditationen und Yoga.

Den Titel "Pause" habe ich übrigens gewählt, weil ich pausieren wie das englische Verb "to pause" verstehe: als aktive Aufforderung, innezuhalten. Innezuhalten, Abstand zu gewinnen und offen zu bleiben für neue Perspektiven.

Viele interessante Momente bei der Lektüre meiner Beiträge wünsche ich Ihnen!

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Ramona Seitz

Kaiser-Joseph-Straße 254
79098 Freiburg im Breisgau

E-Mail: rs@ramonaseitz.de

www: https://www.ramonaseitz.de

Tel: +49 761 55724944

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Carmela Thiele
Faktencheck: Ramona Seitz
Übersetzung: Ramona Seitz
Lektorat: Steve Przybilla