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Rum: Das Geschäft mit dem Karibik-Feeling

Rum ist der unangefochtene Exportschlager der Karibik-Region. Die meisten Unternehmen auf Martinique sind bis heute in Hand von Nachfahren der französischen Kolonialherren. Mit einer Ausnahme.

30.11.2021
8 Minuten
Ein Mann blickt prüfend auf eine Rum-Probe. Im Hintergrund sind viele Rumfässer aufeinandergestapelt.

Zum Backen viel zu schade: Karibischer Rum hat sich vom Abfallprodukt der kolonialen Zuckerindustrie zum edlen Tropfen mit staatlichem Gütesiegel gemausert. Eins hat sich bis heute aber nicht geändert: Vom Geschäft mit dem Zucker profitiert nach wie vor die weiße Elite.

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Hier, am Fuße des Vulkans Montagne Pelée im Norden der Karibikinsel Martinique, wird der Rum der Marke “Depaz” gebrannt. Laster liefern ununterbrochen neues Zuckerrohr zur Fabrik. Vögel stürzen sich gierig auf die Zuckerrohr-Berge, um Insekten aufzupicken, bevor Bagger die Stängel auf ein Fließband wuchten. Langsam wandert das Zuckerrohr ins Innere der Anlage. Die vom Zucker geschwängerte Luft riecht wie frisch gemähter Rasen, nur viel süßer. Der ungewohnte Geruch ist jedoch mit Vorsicht zu genießen: Mit jedem Schritt zu den riesigen Metall-Töpfen, die auf dem Gelände vor sich hin brodeln, verwandelt sich der prickelnde Duft zu einem modrigen Mief und ist kaum noch zu ertragen.

Das Zuckerrohr wird zu Bergen aufgetürmt, bevor es in der Fabrik weiterverarbeitet wird. Bagger und Laster fahren über die Anlage.
Die Brennerei Depaz im Norden Martiniques ist gut zwischen Feldern und Regenwald versteckt. Das große Wasserrad, das früher ein Bestandteil der Rumproduktion war, dient heute nur noch als Deko.
Weiße Vögel sitzen auf dem Zuckerrohr, das gerade frisch geliefert wird.
Die „piques boeufs“, auf Deutsch „Kuhreiher“, sind geduldete Gäste in den Brennereien. Sie sind eine der häufigsten Reiherarten der warm-gemäßigten Regionen Amerikas.

Auf dem letzten Stück Flachland hinter der Fabrik – kurz bevor der Regenwald die Berglandschaft wie ein grüner Teppich überzieht – wiegt sich das Zuckerrohr der Plantagen im Wind. Das rhythmische Hacken der Macheten der Feldarbeiter, die irgendwo das Rohr schneiden, vermischt sich mit dem Brummen der Erntemaschinen. Das Zuckerrohr gehört so selbstverständlich zum Inselpanorama, dass viele Einheimische gar nicht mehr wissen, dass es ursprünglich aus Papua-Neuguinea und Indonesien stammt. Das unscheinbare schilfartige Gewächs aus der Familie der Süßgräser veränderte den Lauf der Weltgeschichte und besiegelte das Schicksal vieler Menschen.

Ohne Sklavïnnen kein Rum

Seit dem 15. Jahrhundert schiffen Kolonialherren die Zuckerrohrpflanze von den Pazifikinseln auf den südamerikanischen Kontinent und in die Karibik. Dort gedeiht es dank des tropischen Klimas prächtig und wird zum gefragtesten Konsumgut seiner Zeit verarbeitet: Zucker.

Die Nachfrage aus Europa ist groß: Als Süßungsmittel für die Kolonialwaren Kaffee und Tee, aber vor allem als Konservierungsmittel revolutioniert Zucker die Esskultur. Europäische Waren von niedrigem Wert tauschen die Kolonialmächte Spanien, Frankreich, Großbritannien, Portugal und die Niederlanden in Afrika gegen Menschen, die sie als Sklavïnnen für Plantagenarbeit in die Kolonien verschleppen: Der sogenannte transatlantischen Dreieckshandel kommt ins Rollen. Die indigenen arawak- und karibsprachigen Ureinwohnerïnnen der Antillen waren ebenfalls versklavt und zum großen Teil ausgerottet worden.

Karte mit Fokus auf die Karibikinseln Martinique. Rechts davon sieht man Teile Europas und Afrikas, links einen Abschnitt Amerikas.
Das französische Überseegebiet Martinique (im roten Kreis) liegt, umgeben vom karibischen Meer und dem Atlantischen Ozean, mitten im Antillenbogen. Die Insel ist etwa 6.850 Kilometer von Paris und 440 Kilometer von der Küste Venezuelas entfernt.

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Exportschlager aus Abfall

Aus Überresten des aufgekochten Zuckerrohrsafts und den daraus abgeschöpften Zuckerkristallen entsteht ein dunkles, dickflüssiges Abfallprodukt: die Melasse. Durch Gärung und Zugabe von Wasser ähnelt sie einem Zuckerrohr-Schnaps – Rum, beziehungsweise seinem Vorläufer. Auf Martinique nennt man dieses Getränk, das vorerst nur von den Plantagenarbeiterïnnen getrunken wird, „Tafia“.

Wo genau der erste Rum entstand, ist unklar. Klar ist allerdings, dass diese Entdeckung die Ausbeutung der Kolonien weiter befeuert. Egal ob ron auf Kuba, rhum auf La Réunion oder rum in Brasilien – viele Ex-Kolonien zählen heute mindestens eine Rumsorte zu ihrem kulturellen Erbe. Auch in Vietnam, ehemals Teil der französischen Kolonie „Indochina“, gibt es ein lokales Zuckerrohr-Destillat.

Warum der Rum aus Martinique besonders ist

Der Rum der Karibikinseln Martinique und Guadeloupe – die seit 1946 keine französischen Kolonien, sondern Überseegebiete Frankreichs sind – unterscheidet sich von den meisten anderen. Im Jahr 1722 veränderte ein findiger Dominikaner-Mönch namens Labat den Herstellungsprozess. Anstelle der Melasse destillierte er direkt den frisch gepressten Zuckerrohrsaft. Es war die Geburtsstunde des rhum agricole (wörtlich: „landwirtschaftlich hergestellter Rum“).

Im Gegensatz zum industriellen Rum, der von den Riesen des globalen Markts (Bacardi, Captain Morgan und Havana Club) hergestellt wird, ist der rhum agricole kein Nebenprodukt der Zuckerherstellung. Das ist eine Rarität. „90 Prozent aller heute existierenden Rumsorten werden aus Melasse gewonnen“, erklärt Charles Larcher, Präsident des Vereins Coderum, dem Kollektiv aller auf Martinique tätigen Brennereien.

Eine kräftige Karamell-Note und die holzige Würze machen den Geschmack des industriellen Rums aus, der oft in alten Whiskey-Fässern lagert und gerne als Grundlage für Cocktails verwendet wird. Der rhum agricole spielt dagegen mit Aromen lokaler Zutaten wie Kaffee, Tabak oder Früchten und wird auch pur genossen. Das Nationalgetränk Martiniques und Guadeloupes „Ti Punch“ (Kreol für „kleiner Punsch“) wird ausschließlich mit diesem Rum serviert: ein Teelöffel Rohrzucker, frisch gepresster Limettensaft, vier Zentiliter weißer Rum und einmal durchrühren.

Zwei Gläser, die mit Rum und Limetten gefüllt sind, stehen auf einem Tablett.
Ti Punch wird als Aperitif und Digestif getrunken, nach traditioneller Art ohne Eiswürfel.

Der Champagner der Karibik

Um aus der lokalen Varietät eine Spirituose von Weltrang zu machen, fordern die Destillerie-Betreiber Ende der 1990er Jahre ein amtliches Gütesiegel des französischen Staates, das die lokalen Zutaten und die hochwertige Herstellung garantieren soll. Mit Erfolg: Die Rums von Martinique und Guadeloupe sind die einzigen, die die kontrollierte Herkunftsbezeichnung AOC (das steht für Appellation d’origine contrôlée) führen dürfen. Sie spielen somit in derselben kulinarischen Liga wie französischer Champagner.

Ein Glas, das mit gereiftem, karamellfarbenem Rum gefüllt ist.
Nach dem Tourismus ist Rum die größte Einnahmequelle der Insel Martinique: 2.200 Menschen der rund 400.000 Insulanerïnnen produzieren jährlich 16 Millionen Liter Rum, die einen Umsatz von rund 400 Millionen Euro erwirtschaften. Mehr als 80 Prozent der Produktion wird exportiert, entweder aufs französisches Festland oder in rund 100 andere Länder.

Profit nur für die weiße Elite

Rum ist vieles in der Karibik: Geschichte, Kultur, Stolz und Business. Doch auf Martinique wirkt das Machtgefälle der kolonialen Ära bis heute nach. Zwar bietet der Rum auch der Afro-Bevölkerung Einkommensquellen – als Feld- oder Fabrikarbeiterïnnen, Landwirte und Landwirtinnen oder Technikerïnnen. Und sie sind natürlich auch Konsumentïnnen. Doch die Bevölkerungsgruppe, die Millionen mit dem Rum verdient, macht weniger als ein Prozent der Einwohnerïnnen aus und bleibt in eigenen Siedlungen unter sich: die békés, direkte Nachfahren der weißen Kolonistïnnen.

Diese wirtschaftliche und soziale Elite besitzt 52 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, 40 Prozent der Unternehmen im Großhandel, kontrolliert 50 Prozent des Lebensmittelimports und 90 Prozent der Geschäfte in der Lebensmittelindustrie.

Franck Dormoy führt heute die Destillerie „La Favorite“, einer der bekanntesten der insgesamt 14 lokalen Betriebe, die sein Urgroßvater 1905 einem anderen Kolonisten namens Charles abkauft. Dormoy und Charles sind nur zwei von vielen Namen, die bereits ab Mitte des 17. Jahrhunderts auftauchen und seitdem nichts von ihrer Vormachtstellung eingebüßt haben.

Im Ersten Weltkrieg boomt der Rum

Zunächst spielt Rum auf dem europäischen Markt keine tragende Rolle. Doch mit dem Ersten Weltkrieg ändert sich die Lage. Wein, Cognac und andere hochprozentige Getränke werden knapp. Die Bauern kämpfen an der Front, die Forderung nach starkem Alkohol wird lauter. Die Folge: Das Geschäft mit dem Rum boomt, und viele, auch kleinere karibische Betriebe, beginnen erfolgreich zu exportieren. Doch mit dem Ende des Kriegs ist es mit der Toleranz vorbei. Der französische Spirituosenmarkt akzeptiert die Invasion des karibischen Rums nicht mehr.

Auf den Ersten Weltkrieg folgt der Handelskrieg

In einem Interview mit der Zeitung Le Monde Ende 1920 fordern einige Spirituosen-Unternehmen vom französischen Staat, „dass Rum aus unseren Kolonien nur noch bis zu einer bestimmten Menge kostenlos in die Metropole eingeführt werden darf". Mit Erfolg. Die staatliche Regulierung kommt in Form eines Kontingents-Gesetzes am 31. Dezember 1922.

Ein paar wenige Destillerien auf Martinique bekommen ein Kontingent zugeschrieben, auf das sie hohe Einfuhrzölle zahlen müssen. Zu den wenigen Auserwählten gehören die Brennereien der békés und Betriebe, die von Festlandfranzosen geführt werden. Als Protektionismus zugunsten der einheimischen Wein- und Champagner-Industrie will Frankreich die Einführung des Kontingents nicht verstanden wissen. Der französische Staat erklärte diese für notwendig, um „eine Überproduktion, die den Markt nach unten destabilisieren könnte“, zu vermeiden.

Der Literat Raphaël Confiant und Begründer der literarischen Bewegung Creolité ist anderer Meinung: „Das Kontingent-Gesetz ist dafür verantwortlich, dass nur die großen Destillerien – also die der Franzosen und der Nachfahren der Kolonisten – ihren Platz im französischen Markt behaupten konnten“, sagt Confiant. „Es handelte sich wohl eher darum, eine unabhängige Wirtschaft in den Kolonien im Keim zu ersticken und Machtverhältnisse zu sichern.“

Ausnahme auf Martinique: die Destillerie Madkaud

Doch es gibt Gegenwind. Auf Martinique befindet sich die einzige Rum-Destillerie der französischen Antillen, die nicht auf eine weiße Kolonistenfamilie zurückgeht. Gegründet hat sie ein junger schwarzer Mann, der als erster seiner Familie frei geboren wurde.

Vier Generationen der Familie Madkaud. Der Gründer des familiären Rum-Betriebes links. Es folgt sein Sohn Léonce, sein Enkel Léonce Junior und rechts sein Urenkel Stéphane, der heute der Geschäftsführer ist.
Félicien Madkaud gründet 1895, also 46 Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien, seine eigene Destillerie. Stéphane Madkaud, sein Urenkel und heutiger Geschäftsführer des Unternehmens, erzählt eine etwas andere Geschichte des Rums auf Martinique.

Der Vater des Firmengründers hatte noch eine Sklaven-Nummer

Félicien Madkaud war der Sohn von Louis. Nur Louis, kein Nachname, dafür eine Nummer im Sklaven-Register, seine war die 105. Seiner Mutter gab man den französischen Namen „Monique”. Ihr richtiger Name ist nicht bekannt. Monique wurde als freie Frau um 1820 im Kongo geboren und später als Sklavin nach Martinique verschleppt.

„Den Namen ‘Madkaud’ gaben sie sich erst 1849 in Anlehnung an Admiral Mackau, einen französischen Politiker, der die ersten Gesetze zur Abschaffung der Sklaverei von 1845 verfasst hat, die es Sklaven erlaubten, Eigentum zu besitzen und schließlich auch ihre Freiheit zu erkaufen. Mackau ist eine Figur, die meine Vorfahren besonders zu mögen schienen, so sehr, dass sie seinen Nachnamen beanspruchten!“, erklärt Stéphane Madkaud.

Auch wenn Félicien Madkaud keine Leibeigenschaft mehr erlebte, führten er und seine Familie ein Leben in Armut. Doch er durfte die Schule besuchen. „Barfuß und nur mit einer Schnur, die seine Hose hielt“, sagt Stéphane Madkaud. Dank seiner Schulausbildung konnte er sich zum Schnapsbrenner ausbilden lassen. Später kaufte er eine heruntergekommene Zuckerfabrik und baute sie zur Destillerie um.

Ein Trick rettet die Destillerie

Das Kontingent-Gesetz überlebte das Familienunternehmen – nun unter der Führung des Sohnes Léonce – durch einen Trick: Die Familie Madkaud bildete einen Zusammenschluss mit anderen Brennern. Sie produzierten weiterhin unterschiedliche Rums, jedoch in der derselben Anlage. Da die Quote pro Destillerie und nicht pro Marke galt, waren die Chancen größer, die Export-Zuteilung zu erhalten und bezahlen zu können.

Bis heute teilt sich die Marke Madkaud die Destillerie-Anlage mit anderen Marken. Seit 2006 hat Stéphane Madkaud das Familienunternehmen unter dem Namen „Héritiers Madkaud“ übernommen, was so viel bedeutet wie „die Erben Madkaud“.

Neuer Afro-Stolz als Verkaufsargument

Auf ihrem Instagram-Kanal postet die Firma Hashtags wie #uneautrehistoiredurhum („eine andere Geschichte des Rums“) oder #lespritmatinik („der Geist Martiniques“ auf Kreol) unter den Werbe-Bildern der Rumflaschen. Damit scheint der Betrieb den Nerv der Zeit zu treffen. Denn bei den Kundïnnen kommt die Besinnung auf die Wurzeln gut an.

Nahaufnahme einer Rumflasche. Sie steht im Sand, im Hintergrund sieht man Wellen brechen und Regenwald.
Auf einigen Flaschen prangt das Portrait des Gründers Félicien. Ein starker Kontrast zu vielen anderen Marken, die lieber mit Inselpanorama und Tropenfeeling werben.

Auch die martinikanische Bloggerin Nèl, die über Alltagsrassismus schreibt und ein kostenloses Verzeichnis der Unternehmen der afrodéscendants der Karibik erstellen möchte, ist so auf den Geschmack des Madkaud-Rums gekommen. „Mit diesem Getränk kaufst du nicht nur guten Rum. Für mich ist es ein weiterer Schritt, um die Identität des karibischen Volkes zu stärken.“

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Giorgia Grimaldi

Giorgia Grimaldi

Giorgia Grimaldi ist eine italodeutsche Journalistin in Frankreich. Aus ihrer aktuellen Wahlheimatstadt Marseille berichtet sie für deutschsprachige Medien über politisches Geschehen, Umwelt und Feminismus. Dabei fokussiert sie sich gerne auf den Süden Frankreichs und die Überseegebiete (DOM-TOM), Regionen, die gerne von der allgemeinen Berichterstattung vergessen werden.


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Lektorat: Ulrike Prinz
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