Cosquer: Der versunkene Schatz von Marseille

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der prähistorische Fund für immer verschwindet. Aber die Mittelmeerstadt hat einen viele Millionen Euro teuren Weg gefunden, ihn zu konservieren.

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Die Zeichnung menschliche Hände an der Höhlenwand.

Für die meisten Besucher ist das Symboltier der Hafenstadt Marseille sicherlich die omnipräsente und im Vergleich zu anderen Arten wohlgenährte Möwe. Doch vielleicht läuft ihr bald ein anderer Vogel den Rang ab – zum Beispiel ein Pinguin? In der Provence hat er nach heutigem Verständnis zwar nichts zu suchen, vor etwa 30.000 Jahren teilte er sich hier aber mit Löwen, Robben, Bisons und Antilopen den Lebensraum. Quelle dieser Informationen: eine Schatztruhe, genauer gesagt eine Schatzhöhle.

Ein 116 Meter langer Hohlraum und plötzlich…

Marseille, 1985: Auch Berufstaucher haben Lieblingsreviere und für Henri Cosquer gehörte die Felsbucht „Calanque de la Triperie“ zwischen Marseille und Cassis dazu. Wo Touristïnnen die schöne Aussicht genießen oder die steilen Wände erobern, war der 37-Jährige unter Wasser zu Hause – und wunderte sich. In 36 Metern befindet sich eine Öffnung im Stein. Was mag sich dahinter befinden? Diese Frage ließ Cosquer keine Ruhe und über Monate tauchte er hier von seinem Boot „Cro-Magnon“ (ein aus der gleichnamigen Region stammender menschlicher Vorfahr, ähnlich dem Neanderthaler) aus ab. Leicht war das Rätsel im Felsen nicht zu lösen, weil Cosquer nur Meter für Meter voran kam, immer wieder umkehren musste, wenn sein Sauerstoff knapp wurde.

Aber seine Geduld lohnt sich. Als endlich einmal alle Konditionen stimmen, will er den vermeintlichen Unterwassertunnel komplett durchtauchen. Er befestigt eine Schnur am Eingang und entrollt diesen Ariadnefaden als überlebenswichtigen Wegweiser in Richtung Ausgang über die gesamte Strecke des 116 Meter langen Gewölbes, dessen Dunkel nur vom dünnen Strahl Cosquers Taschenlampe durchbrochen wird. Er erreicht das Ende des Stollens und schnuppert – frische Luft.

Henri Cosquer ist in eine unbekannte Höhle eingetaucht, dessen Eingang zwar unter Wasser liegt. Doch das Gewölbe befindet sich im Herzen des Kalkfelsen, oberhalb des Meeresspiegels. Wochen später will Cosquer einigen Kollegen seinen Fund präsentieren, als das Licht seiner Lampe zufällig ein Detail der Höhlendecke beleuchtet und Cosquer die wahrlich unglaubliche Entdeckung macht: Eine Zeichnung menschlicher Hände ziert die Decke. Insgesamt wird er 500 Zeichnungen und Gravuren, 200 Tierfiguren und 70 Fußabdrücke finden, die belegen, dass Homo Sapiens hier gelebt hat.

Querschnitt der Grotte, zeigt den Tunnel und die Gewölbe
Querschnitt der Grotte. Vor 30.000 Jahren lag der Eingang noch oberhalb des Meeresspiegels.

Diese Entdeckung wird von nun an sein Leben bestimmen und den Grundstein für 30 Jahre Forschung legen. „Es stimmt, wir haben über 20 Jahre lang gearbeitet, aber in Marseille zählt die Zeit nicht“, scherzt er an diesem Samstagmorgen des 4. Juni, während er unzählige Autogramme schreibt und für die Kameras posiert. „Seine“ Höhle hat er schon lange nicht mehr gesehen, das letzte Mal im Jahr 2000. Sein Alter erlaube es ihm nicht mehr, sagt der 72-jährige. Und dennoch kann er sie besuchen, diesmal sogar ohne die Strapazen, die das Tauchen mit sich bringt, denn heute wurde die „Cosquer Méditerranée“ eingeweiht, eine perfekte Rekonstruktion des Originals, das nun als Museum der Öffentlichkeit zugänglich ist. Sowohl über als auch unter dem Meeresspiegel bietet die Anlage mit gondelartigen Erkundungsmodulen, ähnlich wie Wägen einer Achterbahn, und Audioeffekten ein authentisches Erlebnis, das in jeder Hinsicht der Atmosphäre der ursprünglichen Entdeckung entsprechen soll.

Menschen, die in einer Gondel sitzen und die Höhlenwände betrachten.
Ein bisschen wie in der Achterbahn: Besucherïnnen erkunden die Grotte in Gondeln.

Mit einem Aufzug gelangen die Besucherïnnen in das nur wenige Meter tiefe zweite Erdgeschoss. Die ehemaligen Kellerräume wurden umgebaut und dienen nun der Ausstellung. Bevor sich die Aufzugtür öffnet, meldet die Anzeige: Ziel erreicht, –36 Meter. Únd obwohl man es doch eigentlich besser weiß, tritt der beabsichtigte Effekt ein: Sofort macht sich Adreajnalin im Körper bemerkbar, die Sinne sind erfolgreich getäuscht.

Je sechs Personen passen in eine Gondel – und das prähistorische Abenteuer kann beginnen. 30 Minuten dauert die Expedition durch die verschiedenen Kammern der Grotte, in der jedes Details aus dem Original übernommen wurde: Der Audioguide erklärt im Detail, was es zu sehen gibt und wo die Forschung aktuell steht. Neben einem versteinertem Krebs und den Spuren eines schon lange erloschenen Feuers, verweist er auf die Furchen, die menschliche Finger an den Wänden hinterlassen haben. Allerdings ist immer noch ungeklärt, was es damit auf sich hat. Eventuell wurde der an Mineralien reiche Schlick schon vor 30.000 Jahren abgetragen und zur Körperpflege genutzt.

Neben den Handabdrücken sehen die Besucherïnnen auch Zeichnungen. Die aus vergleichbaren Höhlen bereits bekannten weiblichen Vulven sind dabei. Es gibt aber auch ein Unikum: Quallen sind hier zu sehen. Noch in keiner anderen Grotte aus dieser Zeit sind Hinweise bekannt, dass die Frühmenschen maritimes Leben kannten oder schätzten.

Zeichnung von Pinguinen an der Höhlenwand
Meereslebewesen sind ein absolutes Novum der Höhlenmalerei. Hier sieht man eine heute ausgestorbene Art des Riesen-Pinguins.
Erhelltes Gewölbe der echten Grotte, an den Wänden befinden sich Zeichnungen von Pferden
Foto der echten Grotte

Rettungsaktion für 23 Millionen Euro

Anhand von 3D-Plänen wurden auf 1750 Quadratmetern jeder Millimeter in Handarbeit nachgebildet. Cosquer Méditerranée ist jedoch nicht nur ein Kunstwerk und ein Einblick zu einem weltweit einzigartigen prähistorischen Erbe. Es ist auch eine Rettungsaktion, denn der ansteigende Meeresspiegel wird die paläolithische Höhle überschwemmen, sie also komplett mit Wasser füllen und so die Spuren des urzeitlichen Lebens zerstören. Um sie zu erhalten, hat die Region Provence-Alpes-Côte d’Azur gemeinsam mit dem privaten Kultur-und Denkmalschutzinstitut Kléber Rossillon 23 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die künstliche Grotte herzustellen und den Betrieb bis 2045 zu gewährleisten.

Dieser neue Knotenpunkt zwischen Kultur und Wissenschaft in Marseille wurde gerade erst eröffnet und ist an den Wochenenden bereits völlig ausgebucht. „Beeindruckend“ und „bewegend“ waren die häufigsten Kommentare der ersten Besucher.

„Ich danke vor allem den Künstlern. Es stimmt, ich habe die Höhle entdeckt, aber ihnen ist es zu verdanken, dass sie erhalten bleibt. Bravo!“, sagt Henri Cosquer am Tag der Eröffnung. Heute wirft Cro-Magnon – oder vielmehr eine Version, die die Zeit etwas länger überdauert hat als das Original – am Eingang des Museums Anker. Und aufdem Dach thront ein überdimensionaler Pinguin.

Henri Consquer sitzt auf einem Stuhl im Museum und schaut in die Kamera
Henri Consquer bei der Einweihung am 4. Juni 2022

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Lektorat: Susanne Wedlich

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