Der Roboter – dein Freund und Pfleger? Wie die Technik die Medizin revolutioniert

Die Debatte um Roboter in der Pflege ist oft polarisiert. Fehlt älteren Menschen dadurch der persönliche Kontakt? Oder kann so der Pflegenotstand gelöst werden? Journalistin Katharina Elsner schaute sich das in Rostock genauer an

6 Minuten
Roborter Pepper vor einer Tafel mit Post-Its in der Stadtbibliothek

Ein Roboter wie aus dem Bilderbuch: Er hat ein Gesicht mit Augen, Nase und Mund, spricht wie ein Mensch, spielt Spiele, muntert auf. Der Roboter mit großen Augen, Display auf der Brust und etwa so groß wie ein Schulkind, heißt Pepper. Seit 2014 ist er im Einsatz, als Tourguide, Cheerleader oder Erzieher. Und jetzt nutzte ihn die Journalistin Katharina Elsner, um die Rolle von Robotern in der Pflege zu diskutieren.

Im Rahmen der „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“ der Riffreporter, die von der Robert Bosch Stiftung gefördert wird, bot Elsner im September 2021 in der Stadtbibliothek Rostock die Veranstaltung „Der Roboter – Dein Freund und Pfleger?“ an. Teilnehmenden konnten dabei auch erfahren, wie man mit intelligenten Steckdosen seine Verwandten im Alltag begleiten kann oder wie Maschinen sogar für mehr Gesellschaft sorgen können.

Die Zukunft „nahbar und erlebbar“ vermitteln

Zunächst ging es Elsner darum zu zeigen, was technisch alles möglich ist. Dazu entwickelte sie einen audiovisuellen Rundgang, bei dem sich die Besucherïnnen an den Computern der Bibliothek durch Szenarien für das Leben im Jahr 2040 klicken konnten. Hauptperson war die 74-jährige, fiktive Person Elli Altenburg, die anhand der Recherchen von Elsner erschaffen wurde. „Oft werden Zahlen und Fakten zu Robotern in der Pflege nur hingeschleudert“, erzählt die Journalistin, „aber niemand weiß, wie das wirklich ist.“ Elsner wollte das Thema „nahbar und erlebbar“ vermitteln. Dazu sprach sie etwa mit Wissenschaftlerïnnen, einer Pflegedienstleiterin oder einem Philosophen.

Auszug aus dem audiovisuellen Rundgang

Elli ist 74 Jahre alt. Seit ihr Mann vor ein paar Jahren an Krebs gestorben ist, lebt sie allein in ihrem Haus im Westen Rostocks. Früher hat sie als Lehrerin an einer Grundschule unterrichtet, jetzt ackert sie oft in ihrem Garten […] Eigentlich geht es ihr gut. Aber Elli hat ein Problem. Ihre Tochter Mina lebt in Berlin, ihr Sohn Karl arbeitet in München […] Sie videotelefonieren zwar regelmäßig, aber seit einigen Monaten sorgen sich die Kinder um ihre alleinlebende Mutter. […] Was können Mina und Karl für ihre Mutter Elli tun? Wie kann sie weiter selbstbestimmt und selbstständig leben und wohnen? Wer kümmert sich um die Alten, die zurückbleiben? Einige Wissenschaftler:innen im Land suchen für diese Probleme Lösungen. Ihre Idee: Künstliche Intelligenz.

Schon jetzt wird die Technologie eingesetzt

Oft ginge es weniger um komplexe Roboter, die mit einem sprechen können, sondern um simplere Technologien, erklärt Elsner. So zum Beispiel intelligente Steckdosen, die am Fernseher oder dem Wasserkocher angeschlossen werden können oder Sensoren unter dem Bett. Über eine App merken Angehörige somit, ob ihre Mutter aufgestanden ist oder etwas Ungewöhnliches passiert. Über ein Interview, das Elsner mit der Geschäftsführerin der entsprechenden Firma aufgezeichnet hatte, konnten die Besucherïnnen in der Bibliothek dann mehr erfahren. Abgesehen von den zukünftigen Entwicklungen, erklärt die Journalistin, werden schon jetzt nach und nach Roboter im Krankenhaus eingesetzt. Diese erinnern Patientïnnen etwa daran zu trinken, indem sie ähnlich wie mobile Getränkeautomaten die gewünschte Flüssigkeit liefern.

Viele Menschen, die in der Stadtbibliothek stehen
Besuch einer Pflegeklasse bei dem Projekt

Die Ergebnisse der Recherchen vertiefte die Journalistin im Gespräch mit den Besucherïnnen. Insgesamt über zwei Wochen hinweg verlegte sie ihren Schreibtisch in die Stadtbibliothek. Pepper diente als „Ice breaker“, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Meinungen zur Robotern in der Pflege reichten dabei von „das wird ganz schlimm, wenn die uns ersetzen“ bis „wenn sie uns unterstützen können, warum nicht?“, erzählt Elsner. Vor allem eine Frage hätte dominiert: „Inwiefern ersetzen sie wirklich den menschlichen Kontakt?“

Auszug aus dem audiovisuellen Rundgang:

Wird Elli nach ihrem Schlaganfall von einem Roboter trainiert werden? Sebastian Bader, Informatiker an der Universität Rostock: „Wenn wir in der Lage wären, […] dass durch IT-gestützte Assistenzsysteme mehr Leute eine Übung machen können, dann ist das doch gut. Dann haben wir ja was gewonnen. […] Ob das jetzt die perfekte Therapie vergleichbar mit einem menschlichen Therapeuten ist, das wage ich zu bezweifeln. Aber aktuell ist es einfach so: Es geht gar nicht und wenn wir es ermöglichen, einen Schritt zu tun, dann ist es gut.“

Bei der Debatte um Roboter in der Pflege müssen wir uns als Gesellschaft fragen: Wie soll das aussehen?

Katharina Elsner, Journalistin

Die Frage, inwiefern Roboter den menschlichen Kontakt ersetzen, floss schließlich in einen Diskussionsabend zu dem Thema ein. Elsners Experten waren hierbei die Pflegedienstleiterin Franziska Busse von der Rostocker Heimstiftung im Pflegewohnpark Lütten Klein und die Wissenschaftlerin Stefanie Köhler vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, die mit intelligenten Uhren Demenzerkrankten helfen will. Zudem waren auch der Informatiker Sebastian Bader von der Universität Rostock dabei, der einen Roboter entwickelt, der in der Therapie nach Schlaganfällen eingesetzt werden soll, Steffi Beckert, Mitgründerin der App, die helfen soll, alleinlebende Ältere zu begleiten und der Philosoph Christian Klager von der Universität Rostock, der die ethischen Fragen der Techniknutzung erklärte.

Raus aus der journalistischen Komfortzone

Ein Argument für die Roboter lautete bei der Diskussion, dass die Menschen sogar durch die Maschinen mehr Gesellschaft bekommen könnten, wenn es an den entsprechenden Pflegekräften mangele. Elsner hält vor allem für wichtig, dass der Fortschritt nicht gedankenlos passiere: „Bei der Nutzung des Smartphones stand kein politischer Prozess dahinter“, sagt sie. „Von den einen auf den anderen Tag hatten alle eines.“ Bei der Debatte um Roboter in der Pflege müssten wir uns als Gesellschaft fragen: Wie soll das aussehen? Sollen sie nur ergänzend funktionieren, große Konzerne den Markt bestimmen und wer zahlt für die zusätzlichen Helfer? Die Bewohnerïnnen des Pflegeheimes, die Steuerzahlerïnnen oder doch jemand anderes?

Am Ende blieben viele Fragen noch offen, aber Elsner ist zufrieden: Expertïnnen ins Boot zu holen, die Podiumsdiskussion zu organisieren, die Menschen mit Pepper für das Thema zu interessieren – all das hätte gut funktioniert. Elsner überlegt, das Projekt fortzuführen – vielleicht in einem kleineren Rahmen und auch an öffentlichen Orten wie dem Einkaufszentrum, der Bushaltestelle oder dem Rostocker Stadthafen. Für sie habe sich die Veranstaltung schon jetzt gelohnt, sagt sie Sie hatte den Mut, die Veranstaltung durchzuziehen, sich aus ihrer journalistischen Komfortzone herumzubewegen und etwas Neues auszuprobieren.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

RiffReporter eG

Buchtstr. 13
28195 Bremen

E-Mail: info@riffreporter.de

Tel: +49 421 24359394

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Christian Schwägerl

VGWort Pixel