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Kommentar: Babylonische Sprachverwirrung mit magischen Worten

In diesem Jahr nun fand der Digital-Gipfel der Bundesregierung nur virtuell statt – pandemiebedingt eben. Das hat sich erheblich auf den Gipfel ausgewirkt.

05.12.2020
2 Minuten
Kommentator: Diigtal-Gipfel der Bundesregierung 2020

Eigentlich passiert so etwas ja beim Turmbau: Sprachverwirrung. Aber Gipfel sind mindestens so hoch wie der projektierte Turm zu Babel. Und Digital-Gipfel sind gewissermaßen die höchsten aller Gipfel. Insofern kann Sprachverwirrung dort schon allein aus mythischen Gründen geschehen.

Auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung haben allerdings keine mythischen Ursachen zur Sprachverwirrung geführt, sondern politische – und vermutlich auch technische. Wenngleich zu befürchten ist, dass die technischen Gründe nicht nur in der vollkommen mangelhaften Tonqualität lagen die diesen virtuellen Gipfel auszeichnete.

Die vorproduzierten Einspieler ministerialer Persönlichkeiten und die diversen Werbefilmchen über die schöne neue Digitalzukunft waren da noch tontechnisch in Ordnung. Was von den unterschiedlichen Foren geboten wurde, war technisch schlimm und inhaltlich überwiegend ein Desaster.

Viel Lob, wie gut das klappt mit der Digitalisierung, viel Aufforderung an das Volk, sich doch endlich mit den tollen Möglichkeiten dieser wunderbaren digitalen Zukunft anzufreunden, viel Beschwörung, dass die Corona-Krise als Katalysator die Digitalisierungsprozesse beschleunigen möge.

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Wobei es aber konkret geht, wenn von „Digitalisierung“ gesprochen wird, das blieb unklar. Ist neu, hipp und irgendwie ganz toll – ach ja: Und notwendig für die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Mehr muss man ja nun wirklich nicht dazu sagen.

Tech-Bingo

Es gab auch Beispiele für gelungene Digitalisierung: Die Blackbox, mit der in den Autos alle Fahrdaten gesammelt werden, gehört genauso dazu wie die Lernplattform des Hasso-Plattner-Instituts oder das Office-Paket von Microsoft samt Teams. Künstliche Intelligenz, neuronale Netze, Deep Learning, prädiktive Analyse dürfen natürlich nicht vergessen werden und prägten das Tech-Bingo auf dem Digital-Gipfel.

Und an diesem Tech-Bingo beteiligten sich alle, die auf dem Gipfel waren, auch ganz eifrig. So merkte niemand, dass zwar alle unablässig von AI, Challenges, Tracing, Big Data und ähnlichem sprachen, aber niemand wusste, was sein Vorredner oder Mitdiskutant eigentlich genau meinte.

Eine Sprachverwirrung babylonischen Ausmaßes. Folglich fehlten auf dem Digital-Gipfel konkrete Verabredungen, klare Ziele und hilfreiche Lösungsvorschläge. Und zwar nicht nur beim digitalen Lernen, sondern auch in den anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen. Denn wenn alle aneinander vorbeireden, nicht miteinander diskutieren, sondern nacheinander ihre Sicht der Dinge präsentieren, dann können wir von solch einer Veranstaltungen auch keine hilfreichen oder interessante Anregungen erwarten, wie wir mit den unterschiedlichen digitalen Techniken denn umgehen wollen.

Magie statt Technologie

So passierte auf diesem Digital-Gipfel der Bundesregierung nicht nur, was auf den vorherigen Gipfeln seit mehr als zehn Jahren auch immer wieder geschah: Man redete über Breitband, Green IT und Start-ups, ohne über konkrete Lösungsvorschläge für die zahlreichen Probleme zu diskutieren. Nein! Auf diesem Gipfel ging man einen Schritt weiter: Man erhob „Digitalisierung“ in den Rang eines magischen Wortes.

Das hat einen ganz gravierenden Vorteil: Magische Worte muss man nur sagen, dann wirken sie. Man muss sich nicht auf konkrete Wortbedeutungen einigen, sich nicht mit Problemen herumschlagen, die sich aus einzelnen Begriffsdimensionen ergeben und nach technologischen Lösungen verlangen. Nein, man sagt einfach nur feierlich: Digitalisierung. Und schon ist die Zukunft hell, das Leben wunderbar und die Freude groß.

Da stört es auch nicht, wenn die technische Qualität auf diesem Digital-Gipfel so war wie der Zustand der informationstechnischen Infrastruktur in diesem Land: miserabel.

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Peter Welchering

Peter Welchering

Peter Welchering Technik- und Wissenschaftsjournalist

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Lektorat: Hilde Mayer-Reinach
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