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Alan Turing im Theater

Wenn das Publikum Daten für die KI liefert

von
18.05.2021
7 Minuten
Das Foto zeigt perspektivisch verzerrt die 360-Grad-Rundumsicht eines weißen Raumes. Schwarze Linien auf dem Boden deuten Türen an und weitere Räume. Im Fokus stehen Alan Turings Schreibtisch, sein Bett und seine „Alptraumkammer“, wo er experimentierte.

CRIS ist, erfahren wir zu Beginn, eine Künstliche Intelligenz, KI. Sie moderiert eine Zoom-Konferenz. Deren Teilnehmerïnnen sind wir, Inhaberïnnen von Tickets für die Performance „reconstructing: Alan_Turing“ vom Büro für Eskapismus. Ungefähr zwölf Accounts sind zusammengekommen, vor einigen Bildschirmen sitzen zwei Personen. Vorgestellt wird uns CRIS von einer Mitarbeiterin der so genannten Turing’s Eternal Mind Foundation, die uns anschließend für die Dauer Spiels mit der KI allein lässt.

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Es ist kein klassisches Escape Game

Es ist kein klassisches Escape Game, in dem wir rätseln müssen, wie wir gemeinsam aus einem Raum herausfinden. Aber ja, wir betreten online einen Raum, in dem Hinweise hinterlegt sind. Durch Anklicken von Gegenständen erhalten wir mehr Informationen über den Tod von Alan Turing, dessen Zimmer hier nachempfunden ist – abstrakt genug komplett in Weiß.

Das Bild zeigt von schräg oben eine typische Glasflasche wie aus Apotheken oder Labors mit Glasstopfen. Nach einem Klick auf die Flasche erfährt man, dass sie Zyanidpulver enthält.
Alan Turing experimentierte mit Zyankali. Wir können das Fläschchen anklicken und erfahren dann mehr. Unsere Ergebnisse diskutieren wir anschließend mit anderen Teilnehmerïnnen und der Künstlichen Intelligenz.

Alan Turing: Wegbereiter der Informatik und Homosexueller

Alan Turing starb 1954 mit nur 41 Jahren an einer Zyankali-Vergiftung. Eine gerichtliche Untersuchung kam damals zu dem Ergebnis, dass es Suizid gewesen sein müsse. Turing ist Wegbereiter der theoretischen Informatik. Während des Zweiten Weltkrieges half er, Nazi-Codes zu entschlüsseln. Als Homosexueller kam er mit dem damaligen Gesetz in Konflikt. Die „Turing’s Eternal Mind Foundation“ zeigt uns innerhalb des Spiels weitere Interessen Turings.

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Immersion: Unpolitischer Eskapismus?

Der Mann ist eine umfassend interessante Persönlichkeit, in der viele gesellschaftliche Diskussionsstränge zusammenfließen. Das hat das Büro für Eskapismus gereizt, eine Theateraufführung dazu zu entwickeln.

Miriam Wendschoff: „Wir verstehen Eskapismus überhaupt nicht als unpolitisch, sondern als vorübergehendes Eintauchen in eine andere Welt. Wir glauben, dass man sich in dieser Parallelwelt mit Themen intensiv beschäftigen kann, weil es ein geschützter Rahmen ist. Unsere erste Inszenierung hat im Stadtraum stattgefunden. Dabei haben wir viel damit gespielt, dass es zu einer Verwischung kommt: Was ist inszeniert, was ist noch real? Das ist der Versuch, in die reale Welt eine kleine Parallelwelt einzubauen, in der man auch mal kurz verschwinden kann.“

Das Büro für Eskapismus ist ein junges Kollektiv von Theatermacherinnen, das sich mit Immersion beschäftigt: Wie lässt sich weitest möglich in eine fiktive Welt eintauchen?

Die beiden jungen Frauen sind im Profil zu sehen. Sie blicken sich an, vor einem dunkelroten Hintergrund.
Miriam Wendschoff (links) und Katharina Laage (rechts) sind der Kern vom „Büro für Eskapismus“. Miriam Wendschoff ist Dramaturgin, Katharina Laage Szenen- und Kostümbildnerin.

Die beiden „Macherinnen“ hinter der Produktion „reconstructing: Alan_Turing“, Miriam Wendschoff und Katharina Laage, haben in Hildesheim und Hannover studiert. Das Kollektiv zeigt gerade seine ersten Produktionen. Das Stück zu Alan Turing wurde zuerst für die Bühne entwickelt und der Prozess von Workshops zu Recherche und Spieleentwicklung begleitet.

Wegen Corona geht das Theater – wieder einmal – online

Die Uraufführung war für Februar in Hannover geplant – für zwei bis sechs Personen, die sich gemeinsam rund 80 Minuten durch die Kulisse bewegen. Das müsste auch mit Publikum ausprobiert werden. Aber wegen Corona waren Proben und eine Performance vor Ort noch nicht möglich. So haben die Ruhrfestspiele jetzt die Online-Version koproduziert – eine Zoomkonferenz für etwa 15 Accounts. Auf den „Parcours“ werden wir per Link im Chat gesetzt.

Das Foto zeigt einen angebissenen Apfel, abstrakt in Weiß, mit scharfem Schatten.
Ein Apfel liegt im Zimmer. Er verbirgt Hinweise auf Alan Turing und seinen Tod. Wenn wir ihn anklicken, erfahren wir mehr.

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Unsere Aufgabe ist es nun, Informationen für CRIS zu generieren. Wir diskutieren zuerst in drei Kleingruppen die Hinweise und imitieren dann Gesichtsausdrücke von Turing, um uns in ihn hineinzuversetzen und seine Persönlichkeit zu interpretieren. Das Verhältnis von Künstlicher Intelligenz, Empathie und interpretierender Kreativität steht plötzlich sehr konkret im Mittelpunkt – aber alles passiert so en passant. Schließlich diskutieren wir alle gemeinsam die Wahrscheinlichkeiten von Mord, Unfall und Selbstmord. Dabei sprechen wir uns nur noch mit Nummern an. Denn schon zu Beginn hat die freundliche Mitarbeiterin der Foundation unsere Namen gelöscht und durch Ziffern ersetzt.

Mit diesen Ziffern werden wir auch von CRIS angesprochen.

Schnell wird klar, dass sie (er?) uns ständig beobachtet, klassifiziert und auf unsere von ihr diagnostizierten vermeintlichen Bedürfnisse eingeht. Ein leichter Grusel schleicht sich ein, welche Rolle wir hier tatsächlich spielen und um was es hier eigentlich geht.

Wie weit vertrauen wir einer Künstlichen Intelligenz?

Nun, letztlich geht es tatsächlich vor allem um Vertrauen. Die Performerinnen schaffen zu Beginn eine ruhige Atmosphäre und zeigen verschiedene Möglichkeiten für Notausgänge auf, ebenso einige Trigger wie zum Beispiel Suizid. Außerdem stehen sie am Ende für Fragen sehr offen zur Verfügung. Wir müssen den anderen Teilnehmerïnnen vertrauen, um ins Gespräch zu kommen; auf einen aufmerksamen Umgang miteinander werden wir zu Beginn freundlich hingewiesen – jede:r soll zu Wort kommen. Schließlich sollen wir auch der Foundation vertrauen. Und dem Büro für Eskapismus. Und vor allem: CRIS.

Theaterempfehlung für Jugendliche und Erwachsene

Aber allzu viel darf man hier nicht verraten, wenn das Spiel noch funktionieren soll.

Ob der Abend gut läuft, hängt sicher auch davon ab, wer mitspielt. Ich habe eine lebendige, angenehme Runde erlebt. Alles in allem ist das eine sehr umsichtig gestaltete Veranstaltung, die sicher auch schon für Jugendliche ab ca. 14, 15 Jahren geeignet ist.

***

Ausführlich mit KI für alle beschäftigt sich RiffReporter Christian J. Meier. Außerdem ist KI immer wieder auch ein Thema bei unseren Zukunftsreportern.

Die Ruhrfestspiele haben kurzfristig weitere Termine für das Theatre Game angesetzt. Spieltermine lassen sich aber auch der Seite des Büros für Eskapismus entnehmen.

Für andere Theatergruppen, die im öffentlichen Raum arbeiten möchten, geben die Performerinnen hier Tipps zu Organisation und Dramaturgie.

Mehr über Online- und Theatre Gaming findet ihr bei uns hier über eine Performance auf Telegram von MachinaEx oder hier über Immersion im Theater. Beschäftigt haben wir uns auch mit einem Kinderstück, das Roboter auf die Bühne bringt.

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Christiane Enkeler

Christiane Enkeler

Christiane Enkeler arbeitet u.a. für öffentlich-rechtliche Sender zu Kultur, Bildung, Wissenschaft und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen in verschiedenen, auch kreativen Formaten und aus unterschiedlichen Perspektiven.


Junges Theater

Das Gegenwartstheater für Kinder- und Jugendliche grenzt sich schon lange nicht mehr strikt von einem Theater für Erwachsene ab. Publikum und Ensembles verhandeln gemeinsam gesellschaftlich Relevantes, philosophisch Tiefgehendes und sinnlich Bereicherndes. Hier findet sich dazu Fundiertes und Experimentelles, für Klein, Mittel und Groß, für Neugierige und Nerds, für Interessierte, Inkludierte, Intellektuelle und Intelligente.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Christiane Enkeler

c/o Rechtsanwalt Sven Wolf
Elberfelder Straße 39
42853 Remscheid

E-Mail: c.enkeler@posteo.de

www: https://www.torial.com/christiane.enkeler

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Ulf Buschmann
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