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Coronavirus: Was, wenn sich fast alle Jüngeren ansteckten?

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17.02.2021
10 Minuten
Eine Menge junger Menschen

Die Impfstoffknappheit in Deutschland könnte bald zu einer vertrackten Situation führen. Zuerst werden die geimpft, die das größte Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken oder gar zu versterben. Denn der am schwersten wiegende Risikofaktor ist das Alter: Ein Mensch von Mitte achtzig verstirbt rund 40-Mal wahrscheinlicher nach einer Coronainfektion als ein Fünfzigjähriger.

Irgendwann, wohl gegen Sommer, werden alle willigen Menschen über 60 geimpft sein. Damit wäre Deutschland nahe an dem, was manche als „fokussierten Schutz der Risikogruppen“ bezeichnen: Die Idee dahinter lautet, man müsse nur die Älteren vor dem Virus schützen, weil es für die Jüngeren kaum gefährlich sei. Das bislang sehr hohe Durchschnittsalter der Coronatoten verstärkt den Eindruck, Covid-19 sei vor allem eine Krankheit der Alten. Alle Maßnahmen, die die ganze Bevölkerung beträfen, Shutdowns etwa, seien daher nicht zu rechtfertigen, könnte es heißen. Bis die knapp 60 Millionen Jüngeren mit vermeintlich geringerem Risiko geimpft sind, soweit sie denn wollen, würden weitere Monate vergehen. Dass Deutschland so lange weiter im Pandemie-Modus fahren soll, könnte auch in der Politik immer mehr hinterfragt werden.

Der Gedanke mag aus der Sicht des Einzelnen einleuchten. Ein Fünfzigjähriger, dessen Risiko nach einer Coronainfektion zu sterben bei etwa 0,2 Prozent liegt, wird vielleicht abwinken und sich nach Monaten des mehr oder weniger freiwilligen Rückzugs ins soziale Leben stürzen. Doch aus der Perspektive der gesamten Gesellschaft sieht das Laufenlassen des Virus weit weniger akzeptabel aus. Bei den Jüngeren schlägt zwar die Tödlichkeit oder das krank-machende Potenzial des Virus viel weniger ins Kontor; dafür aber die schiere Masse an Menschen und eine rasante Dynamik bei ungehinderter Verbreitung des Virus. Das Sterberisiko der Jüngeren liegt bei nur wenigen Hunderstel bis Zehntel Prozent. Dennoch würden die sehr großen Zahlen an täglich Infizierten zu sehr großen Zahlen an Kranken, schweren Verläufen und Toten führen. Es fällt schwer, sich das vorzustellen, denn die Maßnahmen haben bislang exorbitante Infektionszahlen verhindert. Deutschland hat eine rasche „Durchseuchung“ bislang schlicht nicht erlebt. Was nicht heißt, dass es nicht passieren könnte.

Worst-Case: Binnen weniger Monate fast alle Jüngeren infiziert

Das Worst-Case-Szenario sähe wie folgt aus. Fielen alle Eindämmungsmaßnahmen, breitete sich das Virus ungehindert unter den noch nicht immunisierten aus. Jeder neu Infizierte würde durchschnittlich drei weitere Personen mit Sars-CoV-2 anstecken. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen explodierte regelrecht. Nach einigen Wochen träfen die aktuell ansteckenden Menschen auf immer weniger andere, die das Virus noch nicht hatten, also noch empfänglich sind. Die Ausbreitung würde immer langsamer wachsen. Wenn etwa drei Viertel infiziert waren, setzt die so genannte „Herdenimmunität“ ein: Die Fallzahlen überschreiten einen höchsten Punkt und sinken dann wieder. Es gäbe zwar zunächst noch sehr viele tägliche Neuinfektionen, aber von Tag zu Tag viel weniger. Es dauerte jedoch noch Wochen, bis die Welle ganz abebbte. Bis dahin hätten über 90 Prozent der Personen die Infektion durchgemacht.

Dass sich ein Großteil der Menschen einer Region schnell infizieren können, hat sich in der aktuellen Pandemie schon gezeigt. Mehr als die Hälfte der Bürger der norditalienischen Stadt Bergamo hatten schon im Juni 2020 Antikörper gebildet. Im brasilianischen Manaus sollen sich, ebenfalls laut einer Antikörperstudie, zwischen Mai und August 2020 zwei Drittel der zwei Millionen Einwohner angesteckt haben. Covid-19-Kranke fluteten in die Kliniken, viele Menschen starben. Mit zwei Dritteln seiner Einwohner immunisiert, müsste Manaus eigentlich Herdenimmunität erreicht haben, sodass sich eine zweite Welle nicht mehr hätte aufbauen können. Dennoch gab es dort im Januar eine solche. Das lässt an der Antikörperstudie zweifeln. Es könnte aber auch an einer neuen Variante des Virus liegen, die in Manaus kursierte und womöglich die Immunabwehr von bereits gegen Sars-CoV-2 immunisierten Menschen umgeht.

Was aber würde es für Deutschland bedeuten, wenn es eine „Welle der Jüngeren“ gäbe, die einen Großteil der Deutschen unter 60 Jahren erfasst? Das Wissen über das neue Coronavirus ist in den letzten Monaten soweit gewachsen, dass sich dieses Worst-Case-Szenario in Zahlen beschreiben lässt. Die Realität ist freilich ungleich komplexer als ein solches Rechenexempel. Dieses soll deshalb nur Größenordnungen schätzen, etwa ob es um tausende Tote und Kranke geht, zehn- oder gar hunderttausende.

Nicht nur das Virus der Alten

Wie gefährlich das Virus ist, machen viele an seiner Tödlichkeit fest. Diese ist gar nicht so leicht zu bestimmen, da viele Infizierte wegen fehlender oder milder Symptome nicht getestet werden. Doch gab es weltweit Antikörperstudien, die diese Dunkelziffer zuverlässiger ausleuchten als die üblichen PCR-Tests. Dabei erhoben Forscher oft auch das Alter der Probanden. Weitere Studien fassten Antikörperstudien hoher Qualität aus verschiedenen Ländern zusammen, verglichen die Ergebnisse mit den jeweiligen Todesstatistiken und kamen so zu einer nach Alter abgestuften Sterblichkeitsrate, also das Risiko, an einer Infektion mit Sars-CoV2 zu sterben. Mehrere solcher Studien ergaben übereinstimmend, dass das Risiko mit dem Alter exponentiell ansteigt: Es verdoppelt sich alle etwa sechs bis acht Jahre. Daher rührt die extreme Ungleichheit zwischen Jüngeren und Älteren vor dem Virus.

Aber auch zwischen jüngeren Altersgruppen unterscheidet sich das Risiko noch stark. Ist es für 10-Jährige fast verschwindend gering, erreicht es für 45-Jährige etwas mehr als 0,1 Prozent, das heißt bei 10.000 Infizierten erwartet man etwa 10 Todesfälle. Das entspricht ungefähr der Tödlichkeit der saisonalen Grippe. Doch bis zum Alter von 60 Jahren verdoppelt sich dieser Wert noch fast dreimal und erreicht etwa 0,7 Prozent. Bei 10.000 Infektionen in dieser Altersgruppe sterben also etwa 70 Personen. Ein weiterer Unterschied zur saisonalen Grippe ist hier wichtig: Eine Influenzawelle erreicht bei weitem nicht so viele Menschen wie Sars-CoV2 es könnte: Selbst in der heftigen Grippesaison 2018 haben sich „nur“ rund 18 Millionen Deutsche angesteckt.

Zehntausende Tote unter 60 Jahren

Zusammen mit Daten zur Altersstruktur der Deutschen vom Statistischen Bundesamt kann man nun für jedes Lebensalter berechnen, wie viele Menschen im oben skizzierten Worst-Case-Szenario sterben würden. Zwar tragen die schon geimpften Senioren zur Immunität der Gesamtbevölkerung bei, wodurch die Herdenimmunität nicht mehr so weit weg sein könnte. Doch Virologen wie Christian Drosten betonen, dass das Konzept der Herdenimmunität idealisiert sei. Es gilt für Bevölkerungen, die sich homogen vermischen. Eine reale Gesellschaft jedoch besteht aus vielen Teilen, die wenig Kontakt pflegen. So erscheint die Annahme, dass die meist aktiveren Jungen eine eigene Teilbevölkerung bilden, plausibel und damit die Annahme, dass sich 90 Prozent der bis 60-Jährigen, etwa 53 Millionen Menschen, mit dem Virus infizieren.

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Das würde rechnerisch zu 40.000 bis 80.000 Todesfällen führen. Die Spannbreite ergibt sich aus der statistischen Unsicherheit, die die Forscher für ihre Berechnung der Sterberate angegeben haben. Will man nur eine Größenordnung angeben, lässt sich sagen: Es würden einige zehntausend Menschen unter 60 Jahren sterben.

Wie weit aktuelle Daten aus Deutschland hierzu passen, lässt sich derzeit nicht sagen. Bekannt ist: Bislang 2200 Menschen unter 60 sind laut RKI an einer Coronainfektion gestorben. Rund 1,7 Millionen Corona-Fälle zählte die Behörde in der Altersgruppe. Innerhalb dieser steckten sich überproportional viele Menschen zwischen 20 und 30 Jahren an. Unbekannt ist jedoch die Dunkelziffer in den jeweiligen Altersgruppen. RKI-Chef Lothar Wieler schätzte die Dunkelziffer im Januar auf das zwei bis fünffache der Meldezahlen. Demnach wären deutlich unter zehn Millionen jüngere Menschen immun gegen Sars-CoV-2. Eine heftige „Welle der Jungen“ könnte noch losbrechen.

Eine solche würde wahrscheinlich auch viele nicht-geimpfte Senioren erreichen. In dieser Gruppe wären dann wegen der hohen Sterblichkeitsrate viele weitere Tote zu beklagen. Dennoch soll es im folgenden nur um den jüngeren Teil des Landes gehen.

Zehntausende schwere Verläufe

Die Anzahl der Verstorbenen ist ein mögliches Maß für die Gefahr durch Sars-CoV-2. Bislang zielt die deutsche Pandemiebekämpfung aber vor allem darauf ab, die Kliniken nicht zu überlasten – und so zu verhindern, dass wegen Personalmangels oder zu wenig Beatmungsgeräten noch mehr Menschen sterben. Wie schwer verläuft also die Covid-Erkrankung bei Menschen unter 60?

Das lässt sich daran bemessen, wie viele Infizierte ins Krankenhaus kommen, wie viele Patienten in die Intensivstation und wie viele dort künstlich beatmet werden müssen. Man könnte hoffen, dass Junge und Gesunde selten genug schwer erkranken, so dass die Krankenhäuser ihre Zahl zu bewältigen vermögen. Studien jedoch bestätigen das nicht.

So haben britische Forscher vom Imperial College in London geschätzt, wie die Wahrscheinlichkeit, nach einer Infektion ins Krankenhaus zu müssen, mit dem Alter variiert. Dafür nutzten sie Daten von 17700 Patienten in britischen Kliniken aus der ersten Welle der Pandemie. Wie bei der Sterblichkeitsrate beinhaltet die Schätzung auch die Dunkelziffer unerkannter Infektionen. Das Risiko steigt, ähnlich wie beim Sterberisiko, mit zunehmendem Alter immer schärfer an. Von einigen Zehntel Prozent bei Kindern über fünf Jahren bis vier Prozent bei 59-Jährigen. Zum Vergleich: Bei 75-Jährigen erreicht es 50 Prozent. Das Ergebnis scheint auf Deutschland übertragbar. Ein Diagramm der Ständigen Impfkommission zeigt einen ähnlichen Anstieg mit dem Alter wie die britische Studie (Epidemisches Bulletin 2/21 des RKI, Abb. 4).

Wendet man also die Daten der britischen Studie auf die deutsche Bevölkerung unter 60 Jahren an, lässt sich ausrechnen, wie viele Covid-19-Patienten aus dieser Gruppe in die Kliniken müssten. Es wäre mehr als eine halbe Million. Das entspricht der Gesamtzahl der Krankenhausbetten in Deutschland. Es wären dreimal so viele Covid-19-Patienten, wie seit Beginn der Pandemie bis Anfang Februar an deutschen Kliniken behandelt wurden. Konzentrierte sich die Welle auf drei oder vier Monate, stünden Krankenhäuser sicherlich unter Druck.

Wenn es um die Belastung der Kliniken geht, ist indessen meist von den Intensivstationen die Rede. Immer wieder betonen Mediziner, dass auch viele jüngere Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen behandelt werden müssten. Das Durchschnittsalter der Patienten lag Ende 2020 bei 70 Jahren, wie das Sciencemediacenter von Reinhard Busse, einem Experten für Management im Gesundheitswesen, erfahren hat. Im letzten Sommer hat Christian Karagiannidis von der Universitätsklinik Witten/Herdecke die Daten von Covid-19-Patienten an 920 deutschen Kliniken ausgewertet. Gut 1700 von ihnen musste beatmet werden. Ein Viertel dieser Patienten war unter 60 Jahre alt.

Die Helios Kliniken haben nach der ersten Welle den Anteil ihrer Covid-Patienten bestimmt, die in die Intensivstation mussten. Bei den unter 60-Jährigen betrug er fünfzehn Prozent. Künstlich beatmet werden mussten neun Prozent der jüngeren Patienten. Von der halben Million Covid-Patienten müssten demnach rund 75.000 in die Intensivstation und 45.000 an die Beatmungsgeräte. Als Größenordnung ausgedrückt, hätte man es mit zehntausenden von schweren und schwersten Verläufen zu tun.

Würde das Gesundheitssystem standhalten?

Wie stark das Gesundheitssystem unter einer „Welle der Jungen“ ächzen, oder ob es gar zusammenbrechen würde, hängt nicht allein von der Gesamtzahl der Kranken ab, sondern vor allem davon, wie schnell die Welle sie in die Kliniken zwingen würde. Binnen eines knappen Jahres ließe sich die Anzahl wohl bewältigen. Seit Beginn der Pandemie durchliefen über 70.000 Covid-Patienten deutsche Intensivstationen, also etwa diese Größenordnung. Dies gelang allerdings nur unter starker Dauerbelastung. Am Höhepunkt der zweiten Welle meldeten mehr als die Hälfte der deutschen Intensivstationen eine eingeschränkte Betriebsfähigkeit. Würde sich die „Welle der Jungen“ auf wenige Monate konzentrieren, wäre ein Kollaps des Gesundheitssystems wahrscheinlich.

Abwegig ist dieses Szeanrio nicht, da Sars-CoV-2 sehr infektiös ist und sich explosionsartig ausbreiten kann. Wie schnell das Virus schlimmstenfalls um sich greifen könnte, lässt sich mit einem relativ einfachen epidemiologischen Modell beschreiben (das so genannte SEIR-Modell). Anwenden lassen sich diese mit Programmen, die es online gibt. Ich, promovierter Physiker, habe das mit zwei solcher Tools (hier und hier) getan.

Das Modell hat Stellschrauben, die mitbestimmen, wie scharf die Welle ansteigt. Dazu gehört etwa die Zeit, die ein Infizierter ansteckend ist. Solche virologischen Daten sind mit Unsicherheiten behaftet. Innerhalb dieser habe ich die Stellschrauben variiert. So schätze ich, in welcher Größenordnung sich die Zahl der täglichen Neuinfektionen bewegen würde. Ich habe auch geprüft, wie sich die Zahlen verändern, wenn ein Viertel der Jüngeren schon immun wäre, sei es durch eine Infektion in den ersten beiden Wellen oder durch eine Impfung.

Modellrechnung: Eine Million Neuinfektionen pro Tag

Eine wichtige Stellschraube des Modells ist der genannte Reproduktionsfaktor oder R-Wert, also die durchschnittliche Zahl der Personen, die ein infektiöser Mensch ansteckt. Je höher dieser ist, desto schlagartiger steigen die Infektionszahlen. Der R-Wert hängt von Schutzmaßnahmen und deren Niveau ab. Ganz ohne solche beträgt er beim neuen Coronavirus ungefähr 3, jeder Infizierte steckt also im Schnitt drei Menschen an.

Was zeigt nun die Modellrechnung? Die ungebremste Welle würde etwa drei bis vier Monate andauern. Während der rasantesten Phase könnten sich täglich rund eine Million Menschen anstecken. Mit Hilfe der oben gezeigten Studienergebnisse lässt sich abschätzen, was das für das Gesundheitssystem bedeuten würde. Ein einziger solcher Tag würde rund 10.000 Krankenhauseinweisungen nach sich ziehen, darunter etwa 1.500 Intensivpatienten, sowie rund 1.000 Todesfälle. Solche Szenarien sind es, die Epidemiologen seit Beginn der Pandemie nervös machen. Wie sich zeigt, sind sie auch dann nicht vom Tisch, wenn das Virus nur noch unter Jüngeren kursieren würde.

Die neuen, ansteckenderen Virusmutanten drohen das Szenario zu verschärfen. Ich habe ihren Effekt durch einen auf 3,5 erhöhten R-Wert ausgetestet. Die Welle würde sich auf noch kürzere Zeit konzentrieren. An der genannten Größenordnungen würde sich aber nichts ändern.

Dass die Seuche sich völlig ungehindert ausbreiten wird, ist freilich ein Worst-Case-Szenario. Auch ohne staatliche Maßnahmen würde eine „Welle der Jungen“ wohl dadurch gedämpft, dass viele Menschen ihre Kontakte freiwillig einschränken würden, schon aus Angst vor Ansteckung. Aber auch dann kann die Welle heftig verlaufen. Wenn der freiwillige Kontaktverzicht den R-Wert auf 1,5 halbiert, würde sich die Welle gemäß des SEIR-Modells auf rund ein halbes Jahr erstrecken. Während des rasantesten Anstiegs gäbe es rund eine halbe Million Fälle täglich. Die Zahl der täglichen Krankenhauseinweisungen und Todesfälle würde sich also etwa halbieren.

Welle von Krankmeldungen

Aber wie realistisch sind solche Infektionszahlen? Dass für Deutschland 100.000 tägliche, registrierte Neuinfektionen möglich sind, zeigte sich etwa in England oder Portugal, wo diese Größenordnung bezogen auf die jeweilige Einwohnerzahl im Januar 2021 erreicht wurde. Da es noch eine Dunkelziffer gibt, sind auch mehrere hunderttausend Infektionen täglich realistisch, erst recht, wenn die Lockerungen umfassend wären.

Die Kliniken würde das mindestens unter erheblichen Druck setzen. Doch nicht nur die: Die Wirtschaft müsste zeitweise auf eine riesige Zahl von Arbeitskräfte verzichten. Der Krankenstand wäre enorm. Zwar haben unter Jüngeren rund 90 Prozent keine oder nur milde Symptome, laut einer Metastudie von Andrew Levin vom Dartmouth College in Hanover, USA. Doch bei 50 Millionen Infizierten würden eben 5 Millionen starke Symptome ausbilden, die während einer Pandemie mindestens ein Grund fürs Zuhausebleiben wären. Dazu kommt, dass manche Covid-19-Erkrankung monatelange Beschwerden nach sich zieht, ein Phänomen mit dem Namen „Long-Covid“. Ein halbes Jahr nach den ersten Symptomen litten fast zwei Drittel entlassener Covid-Patienten unter Müdigkeit und Muskelschwäche, wie eine chinesische Studie ergab, in der 1700 Patienten nach ihrer akuten Covid-Erkrankung beobachtet wurden. Ein Viertel klagte über Schlafprobleme, ein weiteres Viertel über Angst und Depressionen. Long-Covid würde demnach einen Teil der Krankheitslast in die Länge ziehen.

Die Pandemie lässt sich also nach dem Impfen der Älteren nicht für beendet erklären. Eine ungehinderte Ausbreitung von Sars-CoV-2 in der jüngeren deutschen Bevölkerung würde in kurzer Zeit die gleiche Last an Tod und Leid verursachen, wie die gesamte Pandemie in Deutschland bislang (Stand Februar 2021) und würde wahrscheinlich das Gesundheitssystem überlasten.

Gleich, welche Maßnahmen im Sommer und im Herbst neben dem Impfen etabliert sein werden, Shutdowns, Hygienekonzepte, Masken – es empfiehlt sich, sie ausgewogen anzuwenden, bis auch die Jüngeren geimpft sind.

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Dr. Christian J. Meier

Dr. Christian J. Meier

schreibt seit 2005 Artikel und Sachbücher über Wissenschaft, Technik und Digitalisierung für verschiedene Verlage. Er hat eine Neigung für umstrittene Themen wie Nanotechnologie oder KI, die die Zukunft grundlegend verändern können. Über die Zukunft schreibt er zudem in fiktionalen Texten. Einige seiner Kurzgeschichten wurden publiziert. Aktuell ist sein erster Thriller „K.I. – Wer das Schicksal programmiert“ erschienen.


Covid-19: Ein Virus bedroht die Welt

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