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Runde Kuh

Ein Kartenspiel bringt Menschen zusammen, die sich eine neue Art von Landwirtschaft wünschen: eine Agrarwende

von
06.05.2019
12 Minuten
Fünf Fäuste treffen sich in der Mitte eines Tisches, die Fäuste bilden einen Kreis. Auf dem Tisch liegt ein Spielbrett.

Wir brauchen dringend eine neue Landwirtschaft, die nicht nur alle versorgt, sondern auch sorgsam mit allen Beteiligten umgeht: den Bauern, den Bürgern, den Tieren und mit dem Land selbst. Wir wissen es alle, trotzdem bewegt sich zu wenig.

Das Problem ist komplex, es gibt keine einfachen Lösungen. Dabei ist der Hunger nach Veränderung groß. Überall testen landwirtschaftliche Pioniere innovative Lösungen, um den Agrarsektor umweltverträglicher zu gestalten. Von diesen Akteuren erfahren wir jedoch noch viel zu wenig. Das Projekt „Runde Kuh“ will sie mit Menschen zusammenbringen, die sich eine neue Landwirtschaft wünschen. Und die wissen wollen, was jeder Einzelne dazu beitragen kann.

Doch wie debattiert man über Landwirtschaft, ohne sich die Köpfe einzuschlagen? Die Fronten sind vielerorts verhärtet, statt Lösungen zu suchen, schürt man weiter alte Konflikte. Hier setzt das Kartenspiel „Runde Kuh“ an. Es bringt die unterschiedlichen Sichtweisen spielerisch auf den Tisch und lässt sich nur gewinnen, wenn man kooperiert. Im Anschluss kann man besser miteinander reden. Denn während des Spiels lernt man nicht nur die Sichtweisen der anderen kennen, sondern muss sich auch für sie starkmachen. Anders kann man nicht gewinnen.

Das Spiel „Runde Kuh“ ist der Auftakt für mehrere runde Tische zum Thema Agrarwende. Es ist Bestandteil des Projekts „Zu Tisch! Hunger nach Veränderung“, entstanden bei der Masterclass Wissenschaftsjournalismus 2018 der Robert-Bosch-Stiftung.


Ein Mann mit Schirmmütze und in Latzhose sitzt an einem Gartentisch und spielt mit vier weiteren Menschen das Kartenspiel „Runde Kuh“.
Was hat der Milchbauer auf dem Herzen? Das Kartenspiel „Runde Kuh“ erklärt es den Mitspielern

Kartenspiel Runde Kuh

Worum geht es?

Ziel dieses Spiels ist das Aushandeln von Lösungen für eine bessere Landwirtschaft. Dies geschieht mithilfe von Aktionskarten, auf denen Vorschläge stehen.

Zuerst entscheidet sich jeder der fünf Spieler oder Spielerinnen für die Rolle eines landwirtschaftlichen Akteurs. Zur Auswahl stehen: eine Milchbäuerin (oder ein Milchbauer), eine Kuh, eine Verbraucherin (oder ein Verbraucher), eine Fachkraft aus der Molkerei und ein politischer Akteur, etwa eine Landtagsabgeordnete oder ein kommunaler Amtsträger.



Mann mit Schirmmützen und in Gummistiefeln unter einem Apfelbaum. Er stützt sich auf einen Spaten.
Milchbauer Hendrik Harms aus Niedersachsen? Für das Spiel hat sich der Wissenschaftsjournalist und Riffreporter Jakob Vicari sogar eine Latzhose gekauft
Eine Frau unter einem Apfelbaum.
Eine Verbraucherin: Diese Rolle hat die Wissenschaftsjournalistin Nicola Kuhrt eingenommen
Mann im Anzug unter einem Apfelbaum.
Der GEO-Redakteur Bertram Weiß in der Rolle eines Politikers, der sich gegen das Hofsterben engagiert
Eine Frau mit aufgesetzten Kuhohren und Hörnern unter einem Apfelbaum.
Die Kuh soll mitreden: Die Fotografin Eva Häberle leiht dem Milchvieh Stimme und Gestalt
Frau im weißen Kittel unter einem Apfelbaum.
Der Milchmarkt ist ein globaler Markt, weiß die Molkerei-Fachkraft alias Journalistin und Moderatorin Caroline Schmidt-Gross

Sind die Rollen verteilt, werden die Aktionskarten ausgegeben. Jede/r Mitspieler/in erhält zehn. Darauf stehen die unterschiedlichen Forderungen der landwirtschaftlichen Akteure. Doch die Karten sind gemischt, sodass jede/r auch Forderungen auf die Hand bekommt, die nicht seine eigenen sind. Die Kuh erhält beispielsweise zwei Aktionskarten der Molkereifachkraft. Oder die Verbraucherin eine des Milchbauern und zwei der Politikerin. Da das Ziel des Spiels ist, möglichst viele Vorschläge durchzusetzen, bedeutet das: Jede/r Spieler/in muss sich auch für die Forderungen der anderen starkmachen, ob sie ihm/ihr nun gefallen oder nicht. Anders kann man nicht gewinnen.

Einer der Spieler hält eine Aktionskarte in der Hand. Auf ihr steht die Forderung des Politikers: Er will, dass die Bauern mehr auf Biomilch setzen.
Aktionskarten: Wer fordert was? Und wie lässt sich das durchsetzen?
Auf dem Bild sehen Sie ein Kartenspiel mit einer Kuh darauf
Kartenspiel Runde Kuh

Fünf Rollen mit unterschiedlichen Bedürfnissen

Wer will was?

Jede Rolle hat ganz eigene Vorstellungen und Bedürfnisse: Die Kuh will zum Beispiel mehr Weidegang haben und nicht mehr so viel Milch geben müssen. Außerdem möchte sie ihre Kälber behalten und ist strikt gegen Tiertransporte. Bauer und Bäuerin wollen vor allem von ihrer Arbeit leben können. Sie wünschen sich weniger Bürokratie und mehr Wertschätzung für ihre Arbeit. Die Verbraucherin ist bereit, mehr Geld zu bezahlen, wenn sie dafür gesunde Lebensmittel aus der Region erhält, bei denen auch das Tierwohl berücksichtigt wurde. Die Fachkraft aus der Molkerei kämpft gegen die Schwierigkeiten des globalen Milchmarktes. Deshalb will sie stabile Milchpreise und ein Verbot des Preisdumpings im Handel. Der Politiker möchte Subventionen künftig von nachhaltiger Landwirtschaft abhängig machen. Doch wird die EU mitziehen?

In einem Garten sitzen fünf Menschen an einem Tisch.
Fünf Spieler am Tisch: Sie agieren als Milchbauer/in, Verbraucher/in, Molkereifachkraft, Politiker/in und als Kuh. Die hat auch ein Mitspracherecht
Aufgefächertes Kartendeck und offene Spielbox auf einem Tisch.
Das Kartenspiel „Runde Kuh“: gelb sind die Aktionskarten, blau die Rollenkarten

Spielablauf

Es geht reihum. Die erste Spielerin legt ihren Vorschlag in die Mitte. Auf der Aktionskarte steht der Einsatz, den die Umsetzung des Vorschlags kostet. Um Einsätze bezahlen zu können, hat jede Spieler ein Säckchen mit Münzen, Herzen und Sternen – das sind die unterschiedlichen Währungen, die man für die Aktionen einsetzen muss.

Will man einen Vorschlag unterstützen, muss man also ins Säckchen greifen. Und sich dabei gut überlegen, wie viel man zu geben bereit ist. Denn manche Vorschläge sind happig teuer, weil sie schwer umzusetzen sind – etwa Hofschlachtung statt Tiertransporte. Andere Aktionen könnten dagegen leicht realisiert werden, dafür muss man dann auch weniger bezahlen.

Liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, diskutiert die Runde, ob sie ihn annehmen will. Wer setzt sich dafür ein und gibt dafür wie viel? Wer möchte im Gegenzug was dafür bekommen? Der Einsatz, der nach der Diskussion zusammenkommt, soll ja wieder verteilt werden.

Hat sich die Runde abgesprochen, greift jeder verdeckt seinen Einsatz, verbirgt ihn in der Faust. Dann strecken sich die Fäuste in die Mitte. Auf 3–2–1– wird der Einsatz fallen gelassen. Erst jetzt sieht man, ob der Vorschlag auch tatsächlich angenommen wurde oder ob er nicht doch fehlschlug (wenn zu wenig zusammengekommen ist). Denn wie im wirklichen Leben widersprechen sich auch hier Reden und Handeln. Da hat vielleicht der Politiker versprochen, sich für einen höheren Milchpreis starkzumachen, aber zahlt dann nicht den zugesagten Einsatz. Ist ein Vorschlag gescheitert, verlieren alle ihren Einsatz (der geht dann zur Seite, in die sogenannte Bank).


Fünf Spieler am Gartentisch, die ihre Arme zur Tischmitte ausstrecken.
Sich für die Sichtweisen der Gegenspieler starkmachen: Nur so kann man gewinnen

Veto und Bluff

Jede Spielerin kann einmal ein Veto einlegen. Auch dann ist der Einsatz aller Mitspieler weg. Dieses Veto wird durch einen Holzstein symbolisiert, der wie die Währungen im Säckchen liegt.

Man kann aber auch bluffen, das heißt: Man spricht sich öffentlich für einen Vorschlag aus, zahlt dann aber nicht. Auch dann ist ein Vorschlag gescheitert. Das Spiel ist beendet, sobald die erste Person das individuelle Spielziel auf ihrer Rollenkarte erreicht hat.

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Was ist das individuelle Rollenziel?

Jeder Spieler muss vier seiner zehn Vorschläge durchbringen: zwei teure und zwei billige. Das gilt für alle. Doch jeder Einzelne muss überdies noch ein eigenes Rollenziel erfüllen: in Form neuer Einsätze.. Hatte die Bäuerin zu Beginn des Kartenspiels jeweils zehn Herzen, zehn Sterne und zehn Münzen in ihrem Säckchen, muss sie am Ende fünf Herzen haben, dafür 15 Münzen und 10 Sterne. Oder der Politiker: Sein Säckchen beinhaltet anfangs zehn Herzen, fünf Münzen und 15 Sterne. Zum Schluss sollte er, will er das Spiel gewinnen, aber 15 Herzen und zehn Münzen haben, dafür nur fünf Sterne.

Gewinnen ist also schwer, genauso wie die Sache, um die es geht.

Katharina Jakob zeigt einen runden Spielstein.
Vetostein: Jede Spielerin hat einen zur Verfügung und kann damit einen Vorschlag platzen lassen

Wozu das alles?

Das Kartenspiel „Runde Kuh“ ist der Auftakt eines Projekts mit dem Namen:

Zu Tisch! Hunger nach Veränderung

Das Projekt „Zu Tisch! Hunger nach Veränderung“ will Menschen an runden Tischen zusammenbringen, die sich für eine neue Landwirtschaft einsetzen. Diese Runden dienen dem Austausch: Was machen wir bereits? Wo wollen wir hin? Und was kann jeder Einzelne tun, um zu einer umweltverträglichen Landwirtschaft beizutragen?

Bislang wurde das Kartenspiel „Runde Kuh“ in mehreren Bibliotheken und an der Universität Göttingen gespielt und weiter verbessert. Drei Runde Tische waren für 2020 in Planung mit dem Auftakt beim Silbersalz-Festival in Halle. Nun ist Corona-bedingt eine Pause eingetreten. Sobald ein Runder Tisch wieder möglich ist, geht es weiter.





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Katharina Jakob

Katharina Jakob

Katharina Jakob ist freie Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin in Hamburg. Sie arbeitet vor allem zu den Fachgebieten Landwirtschaft und Agrarwende. Weitere Schwerpunkte sind die Erforschung der tierischen Intelligenz und historische Themen.


Zu Tisch – Hunger nach Veränderung

Überall im Land suchen Menschen nach neuen Lösungen, um Landwirtschaft umweltverträglicher und tiergerechter zu gestalten.

Das Projekt „Zu Tisch! Hunger nach Veränderung“ will solche Menschen zusammenbringen.

An Runden Tischen werden wir uns darüber austauschen, was bereits geschieht. Und was jede/r Einzelne dazu beitragen kann, damit wir die Agrarwende schaffen.

Doch vor der Gesprächsrunde SPIELEN WIR KARTEN!

Mein Kartenspiel "Runde Kuh" macht die unterschiedlichen Positionen aller Beteiligten erfahrbar: Die SpielerInnen schlüpfen in die Rolle einer LandwirtIn, einer PolitikerIn, einer VerbraucherIn, einer HändlerIn – und einer Kuh. Und lernen auf spielerische Art die Sichtweise der anderen kennen, denn viel zu oft fehlt uns der Einblick in die Beweggründe der anderen. Was treibt einen Milchbauern um? Warum entscheidet sich eine Verbraucherin so und nicht anders? Wonach richtet sich eine Politikerin und wonach ein Molkerist? Die Bedürfnisse der Beteiligten widersprechen sich vielfach. Wie lässt sich trotzdem eine Lösung finden? Die allen gerecht wird?

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Ihre Katharina Jakob


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