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Sélune: Größter Staudammabbruch in Europa

Atlantischer Lachs, Aal und Alse bekommen ihren Fluss zurück

von
29.11.2019
19 Minuten
Alter Staudamm, teils bereits abgebrochen, mit Bagger

Weniger als 40 Prozent der Flüsse in der Europäischen Union sind in einem guten ökologischen Zustand oder haben das Potenzial, diesen zu erreichen. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie schreibt den Mitgliedsländern vor, bis zum Jahr 2027 alle ihre Flüsse in einen guten Zustand bzw. ein gutes Potenzial zu bringen. Ein großes Problem sind die vielen Barrieren. Es wird geschätzt, dass es in Europas Flüssen und Bächen eine Million große und kleine Querbauwerke gibt, die verhindern, dass Fische und andere Organismen wandern können. Die schnellste Methode, einen Fluss zu renaturieren, ihn wieder durchgängig zu machen, ist deshalb ein Dammabbruch. An der Sélune in Frankreich wird genau das derzeit umgesetzt. Es ist der größte Dammabbruch in Europa.

Ein großer alter Staudamm, rechts davon Hinweisschilder.
Staudamm Vézins an der Sélune.

36 Meter hoch, 278 Meter lang, eine massive Konstruktion aus Beton und Stahl mit bogenförmigen Pfeilern. Das ist der Staudamm Vézins am Fluss Sélune in der Normandie. Oder besser gesagt: Das war der Staudamm. Denn seit Juni 2019 wird dieser Staudamm abgebrochen, um dem Atlantischen Lachs, dem Aal, der Alse, dem Neunauge und anderen Fischen wieder den Zugang zu ihren Laichgebieten zu ermöglichen. Dem Abbruch des Staudammes sind zehn Jahre Diskussionen, Untersuchungen, Planungen, wieder Diskussionen, Verzögerungen, Widerstand und schließlich der endgültige Entscheid vorangegangen. Und die Diskussionen und Untersuchungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Am Ende wird man jedoch viel über Staudammabbrüche und ihre Auswirkungen auf ein Flusssystem gelernt haben – nicht nur für Frankreich, sondern für ganz Europa.

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Massiver Eingriff vor 100 Jahren

Im 19. Jahrhundert konnte man im Fluss Sélune, der im Naturpark Normandie-Maine entspringt und nach 85 Kilometern bei Mont-Saint-Michel in den Ärmelkanal mündet, regelmäßig Atlantischen Lachs fischen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden an der Sélune jedoch zwei Staudämme zur Stromerzeugung gebaut: 1916 La Roche-qui-boit, 16 Meter hoch, 125 Meter lang, 14 Kilometer vom Meer entfernt, und 1932 Vézins, 36 Meter hoch, 278 Meter lang und 17 Kilometer von der Mündung entfernt. Fische, die aus dem Atlantik in die Sélune schwimmen, um im Quellbereich zu laichen, haben dazu seit mehr als 100 Jahren keine Chance mehr. Der Lachsbestand ist deshalb massiv zurückgegangen. Und nicht nur in der Sélune, denn in Frankreich gibt es rund 60.000 Querbauwerke, davon 400 große Dämme für Wasserkraftwerke. Für die Loire weiß man, dass dort im 19. Jahrhundert 100.000 Lachse pro Jahr auf ihrer Laichwanderung stromaufwärts zogen, heute sind es nur mehr 1.000.

Schilder verbieten das Baden und Boot fahren im Stausee
Schwimmen durfte man im Stausee Vézins schon länger nicht mehr.
Altes Segelboot und Steg am ehemaligen Stausee-Ufer
Die goldenen Jahre am Stausee sind schon lange vorbei.
Alter, halb abgebrochener Staudamm mit Bagger
Seit Juni 2019 wird der Staudamm Vézins abgebrochen.
Meeresbucht mit dem Monument Mont-Saint-Michel aus der Ferne.
Die Bucht von Mont-Saint-Michel darf nicht durch ausgeschwemmte giftige Sedimente gefährdet werden.
Flussbett mit Pflanzenbewuchs, rechts stehen Metallkäfige mit Steinen
Rechts sieht man die Gabionen in der Yvrande, die die giftigen Sedimente sichern sollen.
Mauer aus Metallkäfigen mit groben Steinen in einem Flussbett.
Die Gabionen in der Yvrande.
Metallkäfige mit Steinen gefüllt im Fluss, rundherum Bewuchs
Eine Barriere aus Gabionen mit Steinen soll verunreinigte Sedimente zurückhalten.
Alte Steinbrücke im Flussbett
Nach dem Ablassen des Stausees tauchen historische Bauten wieder auf.
Tal mit kleinem Fluss und vielen Pflanzen
Nach dem Dammabbruch muss sich die Sélune ihr Bett neu formen.
Gruppe von Wissenschaftlern auf einer Brücke über dem Fluss
Exkursion an die Sélune im Rahmen der Konferenz Ende September 2019.
Demonstranten mit Transparenten vor einem Gemeindegebäude.
Demonstranten von „Les Amis du Barrage“ vor dem Konferenzgebäude in Avranche.
Zaun vor trocken gelegtem Stausee, davor eine Person mit roter Regenjacke
Hier konnte man einst Boot fahren, jetzt ist das Wasser weg.
Kleines Tal mit Schlamm, Erde und Pflanzen.
Man braucht Phantasie, um sich vorzustellen, wie hier nach dem Ablassen des Stauwassers wieder eine schöne Flusslandschaft entstehen kann.
Verfallende Fischerhütte mit Angelsteg hoch über dem Flussbett
Verfallende Fischerhütten und Angelstege sind das einzige, was vom früheren See übrig geblieben ist.
Menschen demonstrieren mit einem Skelett mit grünem Hut.
Gegner und Befürworter des Dammabbruchs treffen aufeinander. Roberto Epple (rechts) stellt sich der Diskussion.
Vier Männer demonstrieren mit einem Transparent.
Demonstranten am Staudamm Vézins.
Ein Transparent mit der Aufschrift „Non 98,89 %“ hängt an einem Zaun.
98,89 Prozent haben bei einer Befragung mit „Nein“ gestimmt, betont die Bürgerinitiative.
Männer im Gespräch.
Roberto Epple (rechts) im Gespräch mit Gegnern des Staudamm-Abbruchs.
Zwei ältere Männer mit Baseballkappen hören einem dritten Mann zu.
Die Gegner des Staudamm-Abbruchs sind skeptisch, doch sie hören zu.
Zwei Männer hinter einem Vortragspult in einem Konferenzsaal
Roger Lebeurrier (links) von Les Amis du Barrage erhält die Gelegenheit, bei der Konferenz deren Standpunkte darzustellen.
Fluss in seinem flachen Tal mit Bewuchs und Wald dahinter
Der Fluss holt sich seine Freiheit rasch wieder zurück.

Ein Video über die Dammabbrüche an Sélune und Poutès von EDF, l’Onema und l’Agence de l’eau Seine-Normandie ist hier zu sehen.

Die nächste Dam Removal Konferenz findet im Mai 2021 statt. Aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie geplant in Utting am Ammersee in Bayern, sondern online.

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Sonja Bettel

Sonja Bettel

Sonja Bettel ist freie Wissenschaftsjournalistin und interessiert sich für große und kleine Vorgänge in der Natur.


Flussreporter

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