Der Fluss des Wissens

Science March: Zum Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft in Zeiten von Donald Trump.

12 Minuten
Foto einer Rasenfläche auf dem die Sprinkler aktiviert sind. Im Hintergrund kann man das Washington Memorial erkennen.

Vor 300 Millionen Jahren bildeten die Appalachen, aus denen heute der durch Washington fließende Potomac-Fluss kommt, eine zusammenhängende Kette mit dem Antiatlasgebirge in Marokko – das sogenannte Herzynische System.

Der Potomac selbst, der zwischen Pentagon und Weißem Haus liegt und die „National Mall“ abschließt, ist nach Angaben des US Geological Service ein vergleichsweise junger Fluss. Er entstand in den vergangenen zwei bis drei Millionen Jahren in Folge mehrerer Eiszeiten, die dazu beitrugen, das heutige Einzugsgebiet zu formen.

Erdgeschichtlich betrachtet einen Wimpernschlag von nur 267 Jahren ist es wiederum her, dass ein 18-jähriger Mann namens George Washington, der später Präsident der Vereinigten Staaten und Namensgeber ihrer Hauptstadt werden sollte, an den Ufern dieses Flusses als Landvermesser tätig war. Er trug damit auch zur Landnahme von den Ureinwohnern bei, die den Fluss Patowmeck nannten.

Ein Fluss, viele Perspektiven: Einem Geologen, einer Klimatologin, einer Historikerin und einem Kulturanthropologen, die am Samstag auf der National Mall zwischen Kongress und Lincoln Memorial zum „March for Science“ zusammenkamen, konnten sehr unterschiedliche Dinge durch den Kopf gehen, wenn sie am Ende der „Mall“ den Potomac-Fluss sahen.

Das ist das Besondere, das Wunderbare an der Wissenschaft: Sie hat ein gemeinsames Repertoire an Methoden. Zugleich beinhaltet Wissenschaft die unterschiedlichsten Aspekte und Phänomene des Daseins, von der tiefen Erdgeschichte bis zu den Verwinkelungen europäischer Beutezüge. Das Reich der Wissenschaft reicht vom Kleinsten, wie dem Planckschen Wirkungsquantum, bis zur Frage, ob es mehrere Universen gibt, es spannt sich von den Mechanismen der Bakterienevolution bis zu den inneren Universen der menschlichen Psyche.

Das Reich der Wissenschaft ist deshalb auch unendlich größer als das Reich eines Donald Trump, dem es mit wenigen groben Äußerungen zur Klimapolitik, mit einem Budgetentwurf, der Mittel von der Forschung zum Militär verschiebt und mit einem populistischen Politikstil, der sich gegen Experten und Intellektuelle richtet, gelungen ist, ein Ereignis auszulösen, das es so noch nicht gegeben hat.

Bildergalerie vom March for Science in Washington:

Eine Demonstration. Es werden zwei Flaggen der USA hochgehalten. Bei der einen sind die Sterne in der Ecke oben links durch die Erde ersetzt.
Mehrere Zehntausend Menschen haben am Samstag rund um die Welt für Wissenschaft demonstriert. In Washington versammelten sich Demonstranten auf der National Mall in Sichtweite des Weißen Hauses.
Eine Frau hält ein Schild hoch. Darauf steht: Mad Scientist
Anlaß für den „March for Science“ waren geplante Kürzungen in der Gesundheits- und Umweltforschung in den USA.
Ein Mann hält ein Schild hoch, darauf ist ein Schaltkreis zu sehen und das Wort: Resist
Im Zentrum der Kritik stand auch der Umgang der Regierung Trump mit wissenschaftlichen Informationen.
Ein junger Mann hält ein Schild hoch: Trump has a small sample size and no control
In Washington regnete es während der Demonstration stark, dennoch standen bis Mittag mehrere Tausend Menschen an, um auf das Veranstaltungsgelände zu gelangen.
Zwei Männer sind verkleidet und halten ein Schild hoch. Darauf steht „Science is not a liberal conspiracy“ und „e = mc hoch 2“
Redner wie der Direktor der kalifornischen Academy of Sciences und der Wissenschaftskommunikatir Bill Nye attackierten die Trump-Regierung scharf. Viele Demonstranten aber verbreiteten mit ihren Schildern und Verkleidungen gute Stimmung.
Ein Mann hält ein Schild hoch. Darauf ist ein Foto von Donald Trump und die Worte: Thank Science for your hair.
Demonstrationen fanden nach Angaben der Veranstalter weltweit an 600 Orten statt, in Berlin kamen rund 11.000 Menschen.
Eine junge Frau hält ein Schild hoch: Grab Them by the data.
In Washington nahmen sehr viele junge Menschen teil, die nicht nur für Wissenschaftsförderung, sondern auch für Klimaschutz demonstrierten.
Eine Frau hält ein Schild hoch. Darauf: Bacteria – the only culture some people have.
Der „March for Science“ fiel mit dem „Earth Day“ zusammen, der traditionell am 22. April stattfindet.
Ein Junge hält ein Schild hoch: Think like a proton – stay positive.
Die Demonstranten versuchten, auf die Bedeutung wissenschaftlicher Forschung für die Gesellschaft hinzuweisen.
Eine Frau hält ein Schild hoch mit einer Erde mit weiblichen Gesicht. Daneben steht „Her pussy grabs back“
Viele Demonstranten bezogen sich mit ihren Schildern auf Äußerungen des US-Präsidenten Donald Trump.
Ein Jogger vor einer Reihe amerikanischer Flaggen.
Patriotismus ist in den USA überragend wichtig, aber was passiert, wenn er dauerhaft durch „America First“ ersetzt würde?
Das Kapitol, von Bäumen verdeckt
Nähe zur Macht: Das Kapitol, vom Botanischen Garten an der „Mall“ aus gesehen.
Menschen vor Schaukästen mit Schmetterlingen
In der Ausstellung „Objects of Wonder“ am Washingtoner Naturkundemuseum ist Vielfalt ein zentrales Thema.