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Konflikt mit Vorgeschichte: Wie Frankfurt seit langem vom fernen Vogelsberg lebt

Ohne Wasser aus der hügeligen Region hätte die Finanzmetropole nicht so stark wachsen können. Doch die Menschen wehrten sich von Anfang an gegen den Export

23.09.2021
3 Minuten
Schild Wasserschutzgebiet vor einem abgeernteten Getreidefeld und einem Waldsaum

Frankfurt am Main und das Rhein-Main-Gebiet sind auf Trinkwasser aus weit entfernten Gegenden angewiesen. Das schafft auch Spannungen, denn wenn zu viel Wasser abgepumpt wird, sinkt der Grundwasserspiegel. In der Region Vogelsberg schaut man besonders skeptisch auf den großen Durst der Finanzmetropole – und das schon länger.

Angefangen hat die Suche nach auswärtigen Ressourcen für Frankfurter Trinkwasser im 19. Jahrhundert, wie die Forscher und Buchautoren Thomas Kluge und Engelbert Schramm recherchiert haben.

Die Bevölkerung der Stadt wuchs damals schnell, Die neuen Frankfurterïnnen brauchten mehr sauberes Wasser als die Stadt hatte, „Die Frage der Wasserversorgung der Stadt duldet keinen Aufschub endlicher Lösung“, machte 1869 Oberbürgermeister Daniel Heinrich Mumm von Schwarzenstein in der Stadtverordnetenversammlung deutlich. Eine Wasserleitung zu fernen Quellen musste her.

Schon vier Jahre zuvor hatten der Arzt Georg Kerner und der Ingenieur Peter Schmick vorgeschlagen, eine Fernleitung zum Vogelsberg zu bauen, „von deren Ausführung eine Wasserversorgung von seltener Vollkommenheit erwartet werden darf.“ Im Vogelsberg, zig Kilometer nordöstlich von Frankfurt, gab es viel sauberes Quellwasser.

Widerstand gegen Wasserlieferung

Als Vorteil der fernen Quellen führten die Herren aus: „Sie entspringen in einer von der Kultur noch nicht beleckten und derselben auch sehr schwer zugänglichen Gegend aus dem Felsengestein am hohen Vogelsberg.“ Das mit der kulturellen Unbelecktheit war eine Fehleinschätzung. Denn es gab durchaus Bewohnerïnnen in dem Mittelgebirge. Und die sträubten sich bereits damals sehr gegen die Idee, Wasser von ihren Quellen für Frankfurt abzweigen – schließlich hatten sie selbst einen wachsenden Bedarf: Müller zum Beispiel brauchten das Wasser für ihre Mühlen, Bauern wässerten Wiesen, um Futter fürs Vieh wachsen zu lassen. Wassermangel konnte sie in wirtschaftliche Not bringen.

Dennoch floss Ende 1873 zum ersten Mal Wasser aus Quellen im Vogelsberg in den Wasserspeicher der Stadt.

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Straßenschild Wasserleitungsweg
Die Fernwasserleitung, die Trinkwasser von weit her, aus Vogelsberg und Spessart in die Stadt führt, ist für Frankfurterïnnen eines eigenen Straßennamens würdig.

Die Anbindung zusätzlicher Quellen blieb ein zähes Geschäft Die Wasserleitung nach Frankfurt war auf lange Zeit nur zur Hälfte ausgelastet. Und im Vogelsberg gab es offenbar immer noch Menschen, denen der Abfluss ihres Wassers nach Frankfurt Sorgen und Verdruss bereitete. So schweren Verdruss, dass man in Frankfurter Amtsstuben auf Tätlichkeiten gefasst war. Als Indiz dafür führen die Buchautoren Kluge und Schramm Kostenaufstellungen in alten Frankfurter Akten für Wächterhäuschen auf, die wohl zum Schutz der Leitung vor deren Gegnern errichtet wurden.

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Hostorsiche Karte von 1909 zeigt den Verlauf der Wasserleitung aus Vogelsberg und Spessart nach Frankfurt.
Fernwasserleitung im Jahr 1909. Bei der Erschließung der ersten Quellen für die Fernleitung nach Frankfurt achteten die Wasserwerks-Ingenieure und Techniker darauf, dass sie nicht auffielen bei den Bewohnerïnnen im Vogelsberg.

Erst 1909, mehr als drei Jahrzehnte nach Inbetriebnahme der Fernleitung in den Vogelsberg, hatte Frankfurt Zugriff auf so viel fernes Quellwasser, dass diese ausgelastet war.

Wasser-Konflikte hielten an

Spätestens Ende der 1970er Jahre nahmen die Konflikte zwischen Vogelsbergerïnnen und der Frankfurter Wasserbeschaffung wieder zu. „Landschaft totgepumpt“ lautete 1978 die Überschrift eines Artikels im Spiegel. Im Vogelsberg saugten Wasserwerke so viel Wasser ab, dass im Städtchen Nidda der Grundwasserspiegel um acht Meter sank. Die Folgen waren gravierend, der Boden verlor Stabilität. In Nidda trug er die Fundamente vieler Häuser nicht mehr. Sie bekamen Setzungsrisse, das neue Schwimmbad der Stadt sackte ab, die Stadtkirche erlitt schweren Schaden, und ein Kindergarten musste sogar abgerissen werden.

Trotzdem wollten Frankfurt und die Wasserwerke damals noch mehr Wasser haben. Bis zum Jahr 2000 sollte die Fördermenge verdreifacht werden. Der damalige hessische Ministerpräsident machte einen Versuch, Vogelsbergerïnnen zu überzeugen, die um ihr Wasser und ihre Existenz bangten: Wenn sie Kartoffeln nach Frankfurt verkaufen wollten, müssten sie auch das Wasser zum Kochen derselben mitliefern, forderte Holger Börner.

Wieder spitzte sich die Lage derart zu, dass Gewalt in der Luft lag. Wasserwerke ließen ihre Pumpenhäuser bewachen, nachdem es zu Brandstiftungen gekommen war.

Heute ist der Umgang durchweg friedlich. Aber Konflikte um Wasser, das Frankfurt und die Rhein-Main-Region aus der Ferne beziehen, gibt es immer noch – mehr dazu in unserem ausführlichen Report.

Korrekturhinweis: Der fehlerhaft wiedergegebene Name des Frankfurter Oberbürgermeisters von 1869 wurde berichtigt in Daniel Heinrich Mumm von Schwarzenstein.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen wurden vom European Journalism Centre durch das Programm „European Development Journalism Grants“ gefördert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

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Rainer B. Langen

Rainer B. Langen

Einem ganz bestimmten Fluss fühlt sich Rainer B. Langen als Rheinländer schon mal sowieso besonders nah: dem Rhein. Als freier Wissenschaftsjournalist kann er aber auch an anderen fließenden Gewässern nicht achtlos vorübergehen. Da passt es gut, dass es jetzt Flussreporter gibt.


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Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

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