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Naturschutzverbände: Die Isel in Osttirol muss samt ihrer Zuflüsse geschützt werden

Der WWF und der Verein Erholungslandschaft Osttirol haben den Naturschutz für das gesamte Flusseinzugsgebiet beantragt

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28.05.2021
7 Minuten
Breiter Fluss mit Schotterbänken und Bäumen in alpiner Landschaft

Der Naturschutzverein WWF Österreich und der Verein Erholungslandschaft Osttirol (VEO) haben am 27. Mai 2021 einen ungewöhnlichen Schritt gesetzt: Sie haben beim Land Tirol den Antrag gestellt, die Isel und ihre Zuflüsse Tauernbach, Schwarzach und Kalserbach zur Gänze unter Naturschutz zu stellen. Nur so könne das europaweit einzigartige Gletscherfluss-System samt der dort vorkommenden sehr seltenen Deutschen Tamariske und anderer Arten ausreichend geschützt werden.

Die Isel in Osttirol und ihre Zuflüsse Tauernbach, Schwarzach und Kalserbach bilden ein einzigartiges Gletscherfluss-System mit großer Vielfalt an Standorten und einigen streng geschützten Arten wie der Deutschen Tamariske (Myricaria germanica). Großflächigere Vorkommen dieser Pionierpflanze, die auf Schotterbänken gedeiht und an die Dynamik eines Gebirgsflusses angepasst ist, gibt es in Österreich nur noch am Tiroler Lech und an der Isel. Wobei laut Studien die Bestände an der Isel und ihren Nebenflüssen auf einer doppelt so großen Fläche wachsen wie am Lech und die „komplexeste und genetisch am stärksten strukturierte Metapopulation im Alpenraum“ darstellen (Zitat aus: Wiedmer, A., & Scheidegger, C. (2014). Genetische Untersuchung zur Deutschen Tamariske in Tirol.).

Von besonderer Bedeutung im Isel-Fluss-System sind außerdem die tirolweit größte Population des stark gefährdeten Flussuferläufers (Actitis hypoleucos), das Vorkommen der Fledermausart Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros), stark gefährdeter Insektenarten wie der Tuerks Dornschrecke (Tetrix tuerki) oder des Kiesbank-Grashüpfers (Chorthippus pullus). Bei den Fischen sind vor allem der Huchen und die Äsche von herausragender Bedeutung.

Pflanzen auf Schotter
Die Deutsche Tamariske ist eine Pionierpflanze und braucht Umschichtungen des Schotters im Fluss, um gedeihen zu können.
Braun-weißer Vogel auf einem Stück Holz stehend.
Der Flussuferläufer brütet auf Kiesbänken und braucht deshalb natürliche Flüsse.
Fische als Paar im Wasser auf Kies
Zwei Äschen beim Ablaichen.

Über mehrere Jahrzehnten bemühten sich verschiedene lokale, nationale und internationale Naturschutzgruppen und Wissenschaftlerïnnen darum, dass diese einmalige Flusslandschaft unter Schutz gestellt wird. Trotzdem hat das Land Tirol sie erst im Jahr 2015, nach einem Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Kommission, als Natura 2000 Gebiet nachnominiert. Im Jahr 2018 wurde es verordnet.

In einem Mahnschreiben an die Republik Österreich hatte die Europäische Kommission 2013 explizit das Gebiet des „Öffentlichen Wasserguts der Isel und ihrer Zubringer Schwarzach, Tauernbach und Kalserbach“ genannt. Das Land Tirol hat die Zuflüsse aber nur zum Teil nominiert, was von Fachleuten sowie Natur- und Umweltschutzorganisationen wie dem WWF und anderen mehrfach als nicht fachlich begründet kritisiert wurde. Ausgenommen sind nämlich Bereiche an den drei Bächen, an denen Wasserkraftwerke geplant sind.

Die Tiroler Landesregierung will nun ein Naturschutzgebiet Isel ausweisen, das sich mit dem Natura 2000 Gebiet deckt, also wieder nicht den ausreichenden Schutz der gesamten Gletscherflusslandschaft garantiert.

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WWF und VEO stellen Antrag auf Naturschutz für gesamtes Flusssystem der Isel

Die Isel sei samt ihren Zubringern als Referenzfluss für die Wissenschaft, als Hotspot der Biodiversität und Motor der Regionalentwicklung von größter Bedeutung, schreiben der WWF Österreich und der Verein Erholungslandschaft Osttirol (VEO) am 27. Mai 2021 in einem Brief an die für Naturschutz zuständige Tiroler Landeshauptmannstellvertreterin Ingrid Felipe. Mit diesem Brief stellen sie den Antrag auf vollständige Ausweisung der Isel samt ihrer Zuflüsse Kalserbach, Tauernbach und Schwarzach als Naturschutzgebiet.

Das sei keine übliche Vorgangsweise des WWF, erklärte Marianne Götsch, Kampagnenleiterin zum Schutz der Isel, bei einer Pressekonferenz am 27.5., sie sei aber notwendig. Die Menge an Strom, die mit den geplanten Wasserkraftwerken an Kalserbach, Tauernbach und Schwarzach erzeugt werden könnte, wäre gering, der Schaden für das Flussökosystem aber hoch, ergänzte Renate Hölzl, Obfrau des VEO.

Grafik Karte Osttirol mit Flüssen. Grün markiert sind geplante Schutzgebiete, rot ausgenommene Gebiete mit Kraftwerksplänen.
Ein Vergleich der Gebiete im Einzugsgebiet der Isel, die laut Land Tirol und laut WWF und VEO geschützt werden sollen.

Die Isel besticht durch Dynamik und große Schotterbänke

Die Isel wird auf 2.400 Meter Seehöhe vom Gletscher Umbalkees gespeist, fließt über die Umbaltal Wasserfälle, durch das Virgental, vorbei an Matrei bis zur Bezirkshauptstadt Lienz, wo sie nach etwas mehr als 57 Kilometern in die Drau mündet.

Abgesehen vom Lienzer Stadtgebiet und ein paar Sicherungsmaßahmen ist die Isel großteils unverbaut und kann sich mit großen Schotterbänken ausbreiten. Ein seltener Anblick im Alpenraum.

Zu verdanken ist das dem Wasserbauer Alfred Thenius, erzählte uns kürzlich Klaus Michor, Geschäftsführer der Firma Revital integrative Naturraumplanung mit Sitz in Nußdorf-Debant bei Lienz, der wiederholt an der Isel gearbeitet hat: „Alfred Thenius ist oft bei mir im Büro aufgetaucht. Der hatte mit Ökologie nichts am Hut, er war ein klassischer Techniker und Wasserbauer. Aber er hat schon in den 1970er Jahren gesagt, der Fluss braucht mehr Platz, weil wir werden Katastrophenereignisse haben, Geschiebemengen werden kommen. Er hat deshalb große Aufweitungsbereiche an der Isel gebaut, die heute ökologisch wertvolle Strukturen sind.“ Und das in einer Zeit, als man in ganz Österreich Flüsse kanalisiert hat.

Für die Deutsche Tamariske sind diese Schotterinseln und Umlagerungen essentiell. Der bis zu zwei Meter hohe Strauch hat tiefe Wurzeln sowie Samen, die gut fliegen können und sehr rasch keimen. Sie kann dadurch auf Schotterflächen, die bei einem Hochwasser überflutet und umgeschichtet wurden, schnell wieder wachsen. Andererseits übersteht sie Trockenheit und Hitze auf der Schotterbank. Die Deutsche Tamariske braucht aber viel Licht. Fehlt einem Fluss die Dynamik durch Hochwässer, führt er insgesamt zu wenig Wasser oder wird nicht ausreichend Schotter nachgeliefert, weil er an Kraftwerken zurückgehalten wird, breiten sich auf den Flächen Weiden und Erlen aus, die viel Schatten werfen, und die Tamariske hat keine Chance mehr.

Derzeit kann die Tamariske noch an der Isel und an einzelnen Stellen ihrer Zuflüsse bestehen. Jeder weitere Eingriff durch Kraftwerke, die Wasserausleitungen und Geschieberückhalt bedeuten, könnte die Bestände jedoch insgesamt gefährden und den genetischen Austausch zwischen den Standorten reduzieren.

Fluss mit Sandbank und Pflanzen darauf
Am Kalserbach in Osttirol gibt es an einigen Stellen, wie hier bei der Aufweitung bei Lesach, noch reiche Bestände der Deutschen Tamariske.

Vernetzung ist wichtig für den Fluss

Die Unterschutzstellung des gesamten Einzugsgebietes der Isel ist aber nicht nur für die Deutsche Tamariske von Bedeutung, sondern auch für andere Arten und das gesamte Fluss-Ökosystem, erläuterte der Fließgewässerökologe Leopold Füreder von der Universität Innsbruck, der auch Vorsitzender der Naturfreunde Tirol ist, bei der Pressekonferenz: „Die Dimensionen in einem Flusssystem haben sich über Jahrtausende evolutiv eingestellt und es hat sich eine ganz besondere Biodiversität entwickelt. Man darf deshalb einem Fluss nicht nach der Reihe seine Arme abschneiden.“

Ein Fluss muss sich in alle Richtungen vernetzen können, um ökologisch intakt zu sein: Longitudinal – also flussaufwärts und flussabwärts, lateral – also seitlich zum Ufer, zur Aue und zur Landschaft, vertikal – also zum Flussbett, zum Untergrund und zum Grundwasser. Es muss eine natürliche Abflussdynamik, bestimmt durch Jahreszeit und Niederschlag bestehen, und der Fluss darf nicht oder nur sehr gering seitlich oder im Bett verbaut sein, weil sonst der Austausch von Wasser, Nährstoffen, Sauerstoff und Lebewesen nicht funktionieren kann. Auch für die Nahrungsnetze und den genetischen Austausch ist die Durchgängigkeit eines Flusses in alle Richtungen entscheidend. Die Isel und der Tiroler Lech seien diesbezüglich etwas Besonders, sagt Leopold Füreder.

Ein intakter Fluss mit ausreichend Raum „leistet“ auch etwas für uns Menschen: Er bietet mit seinen Auen Schutz vor Überflutungen bei Hochwasser und speichert das Wasser für Trockenzeiten, er beeinflusst das lokale Klima, z.B. durch Kühlung an heißen Tagen, er reinigt das Wasser und die Luft. Nicht zuletzt sind Flüsse auch zur Erholung wichtig. Die Isel sei ein Anziehungspunkt für Touristen und Naherholungsraum für die Bevölkerung, sagt Renate Hölzl. Der neue Iseltrail, ein Wanderweg am Fluss von Lienz bis zum Umbalkees, ist sehr beliebt. Die Bevölkerung sei schon sehr sensibilisiert, wie wertvoll die Isel ist, die Landesregierung müsse deshalb auf den Antrag zur Unterschutzstellung des gesamten Flussgebietes reagieren, sagt die Obfrau des VEO. So wurden in den vergangenen Wochen von Bürgerïnnen mehr als 1.000 Kunst-Postkarten für den Schutz der Isel an den Landeshauptmann geschickt.

Der festgeschriebene Schutzzweck eines so wertvollen Gebiets sollte der außergewöhnlichen biologischen Vielfalt Rechnung tragen, indem alle relevanten vorkommenden Lebensräume und Arten gelistet und berücksichtigt werden. Dies geschieht durch eine umfassende Schutzgebietsausweisung sowie darauf aufbauend die Erstellung und Umsetzung eines fachlich fundierten Schutzgebiets-Managementplans mit konkreten Erhaltungszielen und Maßnahmen.

(aus dem Brief von WWF und VEO an Ingrid Felipe vom 27.5.2021)

Rafting-Boot auf breitem Gletscherfluss in alpiner Landschaft
Die Isel ist wegen ihrer Dynamik und der vielfältigen Landschaft auch bei Raftern beliebt.

Kraftwerkspläne an Isel-Zuflüssen

Pläne für Kraftwerke an der Isel und ihren Zuflüssen gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder. Aktuell laufen Verfahren für den Tauernbach, wo die Tiroler Wasserkraft AG (TIWAG) bei Gruben ein Ausleitungskraftwerk bauen möchte. Dieses Verfahren liege derzeit beim Höchstgericht, sagt Marianne Götsch.

Am Kalserbach bei Haslach ist seit Jahren ein Wasserkraftwerk der Gemeinde Kals geplant, wo ebenfalls das Genehmigungsverfahren läuft. Laut WWF würde der Rückstau des Einlaufbauwerks bis in die unter Natura 2000 geschützte Aufweitung bei Lesach reichen. Der zuständige Tiroler Landesrat Josef Geisler sagte dazu gegenüber der Tiroler Tageszeitung, er werde keine Weisung für einen Bescheid erteilen.

Am Kalserbach gibt es bereits kurz vor der Mündung in die Isel eine Ausleitung für das Kraftwerk der TIWAG bei Huben, wodurch der Bach an dieser Stelle zeitweise trocken falle, kritisiert die Plattform Netzwerk Wasser Osttirol. Das Wasser wird an anderer Stelle wieder in die Isel geleitet, die Verbindung zum Kalserbach für Geschiebe und Organismen ist dadurch teilweise behindert.

Auch an der Schwarzach gibt es ein Kraftwerk, das erweitert werden soll. Aus Anlass der Genehmigung forderte der WWF Österreich bereits im Jänner 2021, dass das gesamte Isel-Fluss-System unter Schutz gestellt werden solle.

Gebirgsfluss mit Schotter und Bewuchs
Der Rückstau des Kraftwerks Kalserbach-Haslach würde bis in dieses wertvolle und unter Natura 2000-Schutz stehende Gebiet reichen.

Die laufenden Verfahren bedeuten, dass die Zeit für den Schutz der Isel drängt. Der WWF hofft deshalb auf rasche Antwort von der Tiroler Landesregierung und auf Gespräche mit Ingrid Felipe.

Unterstützt wird der Antrag für ein Naturschutzgebiet für die Isel samt ihrer Zubringerflüsse vom Botaniker und Vorsitzenden des Biodiversitätsrates Franz Essl, dem Ökologen Leopold Füreder, der Hydrobiologin Susanne Muhar, dem Botaniker Peter Schönswetter und dem Gewässerökologen Gabriel Singer.

Zwei Frauen und ein Mann stehen am Flussufer und halten ein Transparent mit der Aufschrift: Echter Schutz für die Isel jetzt!
Marianne Götsch vom WWF, Renate Hölzl vom Verein Erholungslandschaft Osttirol und Wolfgang Retter von Netzwerk Wasser Osttirol mit ihrer Forderung an der Isel.
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Sonja Bettel

Sonja Bettel

Sonja Bettel ist freie Wissenschaftsjournalistin und interessiert sich für große und kleine Vorgänge in der Natur.


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