1. RiffReporter /
  2. Umwelt /
  3. Zu früh geblüht…

Zu früh geblüht…

Gestrandet und hilflos: Drei Hyazinthen aus dem Supermarkt

15 Minuten
Auf dem field-writing-Klappschreibtisch im Park stehen drei Hyazinthen im Topf. Sie stammen aus dem Supermarkt und sind längst verblüht. Ihre Freilebenden Artgenossen in der Erde blühen dagegen gerade auf.

Wie ich drei Hyazinthen auswildern will und warum ihnen ein Jahreszeiten-Sprung von einigen Monaten rückwärts droht.

Anfang Februar bekam ich drei Hyazinthen geschenkt, frisch aus dem Supermarkt und kurz vor dem Aufblühen. Die Blüten waren noch ein Knäuel aus Knospen auf einem dicken runden Stängel über der Zwiebel, umringt und beschützt von den grünen Schwertern der Blätter. Zusammengeballt zu kleinen Fäusten drängten sich die Knospen im Knäuel dicht an dicht nebeneinander, scheinbar still, und doch vor revolutionären Kräften brodelnd.

Ein Platz im Warmen

Nur im Hemd und T-Shirt suchte ich in meiner Wohnung nach einem geeigneten Platz. Ich platzierte die Hyazinthen auf einer Fensterbank. Viel Nordlicht und ein paar schwache Strahlen Abendsonne. Draußen baumelten die Kohlmeisen an den Knödeln und pickten Körner durch das gelbe Plastiknetz. Ahorn und Apfelbaum waren kahl, der Boden hartgefroren. Die Augen der Hyazinthen waren geschlossen. Sie nahmen mich nicht wahr. Nichts wollten sie für wahrnehmen, als ihre eigenen verwirrten Träume. Damals dachte ich, es sind doch nur drei Hyazinthen.

Wie im Handel üblich, waren die Hyazinthen lediglich mit dem aller nötigsten versorgt, um ihren Blüh-Job zu erfüllen. Sie drängten sich in einem lächerlich kleinen Plastiktopf. Der Topf war so klein, dass die Zwiebeln darin gar keinen Platz haben. Sie lagen frei in der Luft und stießen gegeneinander. Nur ihre Unterseiten und ihr Wurzeln tauchten in eine Handvoll Erde. Die Zwiebeln waren umhüllt von einer vertrockneten knisternden Papierhaut. Gerade dick genug, um vor Blicken zu schützen. Von diese spröden Hülle verborgen, in den saftigen Schichten der Zwiebel, braute sich in diesen zauberischen alchemistischen Kugelsphären eine duftende Überraschung zusammen. Und tief in der Zwiebelmitte schlummerte der Traum von einer Aufgabe in der Welt.

Drei Zwiebeln von Hyazinthen in einem kleinen Plastik-Topf auf der Fensterbank.
In solch winzigen Töpfen reisen Hyazinthen durchs Rentabal

Kein Regen für die revolutionäre Front

Die Hyazinthen kannten keinen Regen, keine Tropfen die vorher Wolken waren. Fast jeden Tag neigte ich den Ausgießer meiner roten Gießkanne gnädig zu den drei Zwiebeln und tränkte die Erde unter ihnen mit Leitungswasser. Niemals fiel Morgentau. Mit der warmen Luft aus dem Heizkörper wuchsen die Blütenstängel in die Höhe. Zusammengeballt zu kleinen Fäusten drängten sich die Knospen im Knäuel dicht an dicht nebeneinander, scheinbar still, und doch vor revolutionären Kräften brodelnd. Rasant entfalteten sich die Fäuste zu kleinen Trompeten mit einem Trichter aus vier Spitzen. Jede der drei Hyazinthen blühte in einer anderen Farbe. Eine Hyazinthe blühte lila, eine weiß und eine rosa. Die Blütenstände so dicht wie Trauben und so perfekt und glänzend – dachte ich doch öfters, sie seien aus Plastik. Nach allen Seiten ragten die Blüten, wie Trichterlautsprecher am Mast. Sie blieben jedoch stumm. Welche Melodie von welchem Stück Erde hätten sie summen können?

Das Wunder der Zwiebeln

Manchmal stand ich beim Fenster und wunderte mich, woher die Hyazinthen ihre Kraft schöpften. Überhaupt ihre Substanz? In den Zwiebeln war gar kein Platz gewesen für diese riesigen Blüten. Und aus dem lächerlich kleinen Topf konnten sie unmöglich so viel Nährstoffe aufgenommen haben. Zwiebelgewächse sind ein Zauberwerk der Natur. Sie taten so beiläufig, als wäre das kein Kunststück. Dabei lieben sie Applaus. Mit ihrer duftenden Botschaft sind Hyazinthen es gewohnt, die Welt zu verändern. Keine Revolution war je so verträumt und heimtückisch. Ihre Parolen klingen so fein wie Jasmin, wirken aber süß und betörend. Wer anfällig ist für Frühlingsgefühle, den reißt der Hyazinthenduft in die Falle. Gelangt der Hyazinthenduft in die Nase, ist die Verwandlung so unumkehrbar wie der Tod: Die leichtesten Opfer sind junge Männer beim Anblick junger Frauen. Der Duft der Hyazinthe wirkt schon in kleinen Dosen: Wenige Moleküle an den Rezeptoren einer Jünglingsnase machen aus Sympathie rasende Liebe, aus Schwärmerei schmerzhaftes Schmachten. Geriet ich in ihren Duft, zwangen sie auch mich zu schmachten. Einen Atemzug lang war ich fern von mir selbst, ohne Kontrolle über meine Geheimnisse.

Was die drei Hyazinthen wohl von mir dachten?

Wenn ich nicht da war, tuschelten sie bestimmt miteinander. Immer stand ich in anderen Schalen vor ihnen. Eine Zwiebel mit wandelnden Wurzeln und wechselnden Gewändern. Mit meiner Gießkanne war ich für sie der Regen und der Morgentau. Der das Thermostat am Heizkörper ein paar Grad weiterdreht und damit das Klima ändert. Der Lieder aus vielen Ländern kennt, und aus Lautsprechern abspielt. Länder, in denen ich nie gewesen bin. Melodien aus Zeiten, in denen es mich noch nicht gab. Hyazinthen dagegen sind von ihrer Heimat losgerissen und reisen von Gewächshaus zu Gewächshaus. Sie haben nichts als ihre eigene reinste Gegenwart.

Atmete ich ihren Duft, war ich fern von mir. Atmete ich aus, kehrte ich langsam zu mir zurück. Wo war ich gewesen? Betrachtete ich mich durch die Augen der Hyazinthen? In meinem Kopf fand ich gehauchte Worte, die ich wohl mitgebracht hatte. Es war nur ein kurzer geflüsterter Dialog: „Sprich mit uns“. Und: „Ich darf nicht“. Mehr Worte haben wir nicht gewechselt, die Hyazinthen und ich. Es gibt also doch noch eine Sprache, zwischen Mensch und Blume, aber sie ist so gut wie verboten. Denn so wie ich die Pflanzen nicht vermenschlichen darf, sind auch die Hyazinthen angehalten, uns Menschen nicht einzuweihen. Es gäbe viel zu erzählen.

Jetzt sind die drei Hyazinthen verblüht.

Die kräftigen runden Blütenstängel stehen schief. Die kleinen lila, rosa und weißen Blütentrichter sind alle ähnlich braun und welken. Auch riechen sie nach nichts. Die Zwiebeln rüsten sich für den langen Sommer-Schlaf und lassen die Blätter hängen. Die Spannkraft pumpt sich zurück in die Zwiebeln. Schicht für Schicht schwillt an mit zauberischen Kräften. Alle Energie wird nun eingelagert: Im nächsten Frühjahr wollen die Hyazinthen neue Fäuste recken, neue Trompeten an den Mast reihen und neue Botschaften senden. Wen werden sie nächstes Jahr zum Schmachten zwingen. Und welches Lied von welcher Erde können sie singen? Falls sie überhaupt überleben… soll ich sie einfach entsorgen? Die Garten-Ratgeber raten dazu, die Blätter vertrocknen zu lassen, abzuschneiden und die Zwiebel bis zum Herbst kühl und trocken zu lagern. Dann, im Herbst solle man sie im Garten eingraben. So viel Aufwand für ein kleines Geschenk? Daran hängt eine Pflege-Aufgabe für ein dreiviertel Jahr! Und in meinem Garten ist gar kein Platz dafür.

In dem Töpfchen können die Zwiebeln definitiv nicht bleiben. Es ist einfach zu klein, um darin ein Jahr lang zu ruhen. Am liebsten würde ich die drei Schönheiten gleich auswildern. Aber wohin?

Die ideale neue Heimat

Wenn ich nun draußen unterwegs bin, suche ich nach einem geeigneten Standort. An jedem Flecken Erde stelle ich mir gedanklich immer die Frage: Würden sich die Zwiebeln der Hyazinthen hier wohlfühlen?

Die Vorfahren meiner Hyazinthen lebten wild auf felsigen Hängen und Schotterfluren im Mittelmeerraum. Mit Wind vom Meer und aus der Ferne klackert Geröll unter Ziegenhufen. Bis in Höhen von 2000 Metern findet man Hyazinthen in der Türkei, in Syrien und im Libanon.

Wittstock liegt auf einer Höhe von 66 Metern über Normalnull. Die Böden sind überwiegend sandig und so trocken, dass Regentropfen abperlen. Wo sollen die Zwiebeln meiner drei Hyazinthen unterkommen?

Am Ufer der Dosse vielleicht? Das ist eine feuchte Wiese unter alten Weiden, dicht bedeckt mit vertrocknetem Gras, das aussieht wie gekämmte blonde Locken.

Oder unter dem Rasen einer kleinen Verkehrsinsel? Hier wären sie ungestört, niemand würde auf ihnen herumtrampeln und selbst Wühlmäuse meiden dieses vom Verkehr umbrauste Rund. Aber würden sich die Hyazinthen hier wohlfühlen?

Wilde Artgenossen

Auf einer Wiese im Park entdecke ich freilebende Hyazinthen. Zwischen Bahnhof und Stadtmauer hat die Landesgartenschau vor zwei Jahren Frühblüher gepflanzt. Als Willkommensgruß an die Gäste, wenn sie aus dem Zug steigen und durch die Blumenarrangements schlendern. Die Gartenschau ist nun woanders. Die Frühblüher wissen nichts davon und sind wiedergekommen. Ich beschließe: Hier sollen meine Hyazinthen Heimat finden, in direkter Nachbarschaft ihren Artgenossen.

Prüfe die Erde

Es gibt Maulwürfe im Park. Deren Hügel auf der Wiese sind dunkel und krümelig. Es sieht aus, als wäre der Boden angereicht mit Blumenerde. Nicht unwahrscheinlich, dass im Zuge der Landesgartenschau auch dieses Stück Wiese „aufgewertet“ wurde. Meine Hyazinthenzwiebeln könnten sich also durchaus wohl fühlen hier unter dem Parkrasen. In direkter Nachbarschaft wachsen Gänseblümchen und Schlüsselblumen. Narzissen sind ebenfalls schon zu sehen. Ihre Blütenblätter drängen sich engverschlungen in der gelbschimmernden Knospe.


Eine bereits verblühte Hyazinthe im Topf steht neben ihren freilebenden Artgenossen im Park. Die freilebenden Hyazinthen beginnen zu Beginn des Frühlings eben erst zu blühen.
Zwei Monate zu früh geblüht. Hyazinthen im Topf sind ihren wilden Artgenossen im Garten weit voraus.

Das Ende der Reise

Schon am nächsten Tag will ich meine Hyazinthen in den Park pflanzen. Noch stehen sie auf der warmen Fensterbank. Sie sind durch die Fensterscheibe vom Aprilwetter getrennt. Schon immer sind sie vom Wetter draußen getrennt. Sie kommen aus einer ganz anderen Welt. Auf dem kleinen Plastiktopf ist laut EU-Vorschrift ein „Pflanzenpass“ mit verschiedenen Nummern aufgedruckt. Mit diesen lässt sich übers Internet ihre Reise bis zu mir rekonstruieren. Ursprünglich stammen Hyazinthen aus Kleinasien. Schon vor 500 Jahren kamen sie nach Holland. Und dort, rund 3.000 Kilometer von ihrer ursprünglichen Heimat entfernt, wurden meine drei Zwiebeln gezüchtet und vermehrt. Aufgewachsen sind sie dann im Gewächshaus einer Gärtnerei in Düsseldorf. Kurz vor der Blüte haben sie nochmal den Standort gewechselt. Weitere rund 500 Kilometer reisten sie in einem LKW zum Supermarkt nach Wittstock. Dort wurden sie gekauft und mir geschenkt. Sie haben etwa zwei Monate früher geblüht als die Hyazinthen auf der Wiese. Und dort – im Erdreich zwischen anderen Hyazinthen – sollen sie endlich ankommen und eine Heimat finden.

Kälteeinbruch

Heute herrscht eine arktische Kälte. Ich bin mit meinen drei Hyazinthen auf dem Weg zum Park. Mit dem eisigen Wind aus Nordwest kommen Bilder von kahlen weiten Schneefeldern angeweht. Eine Polar-Landschaft sendet ihren Hauch nach Brandenburg. Das Wetter ist bedrohlich. Unvermittelt tauchen Wolken schwarz wie Amselbäuche am Himmel auf. Graupelschauer wehen aus ihnen heraus. Die Eiskörnchen hüpfen im Gras und bleiben zwischen den Frühblühern liegen.

Ohrfeigen aus Wind

Ein viel zu warmer März hat die Blumen aus dem Boden gelockt. Sie haben ihre grünen gewellten Schwerter durch die Grasnarbe geschoben, und stehen nun tiefgrün unter Graupelwolken. Inmitten dieser Schwertbüschel ragen die Stiele heraus. Aus den Knospen quellen die ersten Blütenstände. Nach allen Seiten ragen die gelben und lila Blüten, wie Trichterlautsprecher am Mast. Sie sind bereit, ihre duftende Botschaft zu verkünden. Stattdessen fangen sie sich Ohrfeigen ein. Der April mit seinem Eiswind schlägt hartherzig zu. Frierend und zitternd wünschen sich die Blüten zurück in den Schutz der Erde. Einige Blüten sehen verschrumpelt aus, als hätte der Frost sie verdorrt.

Klimatischer Hechtsprung rückwärts

Sorgenvoll schaue ich auf meine Hyazinthen im Topf: Von der Fensterbank in dieses Sauwetter – werden die wärmegewöhnten Zwiebeln diesen klimatischen Hechtsprung rückwärts überleben? Diese Hyazinthen haben ihr ganzes Leben in einer Jahreszeit verbracht, die abgekoppelt ist von denen, die wir kennen. Die Jahreszeiten, die wir kennen, werden bestimmt von planetaren Kräften: Vom größer und kleiner werdenden Winkel der Erde zur Sonne. Diese kosmische Bewegung bewirkt die Jahreszeiten: den Winter, den Frühling, den Sommer und den Herbst. Scheint die Sonne flach auf die Erde gibt es Kälte und Schnee, steht sie steil über uns, wird es heiß und trocken. Alle Lebewesen auf der Erde müssen seit Millionen Jahren diesem Zyklus folgen. Meine drei Hyazinthen mussten das nicht.

Eine neue Jahreszeit: Das Rentabal!

Meine Hyazinthen kennen keine Jahreszeiten. Sie kommen aus dem Rentabal. Ich nenne es so, weil ich kein gebräuchliches Wort für die Räume finde, in denen meine Hyazinthen bisher gelebt haben. Das Rentabal hat sich abgekoppelt vom Winkel der Erde zur Sonne. Das Rentabal besteht aus künstlichem Klima. Das Rentabal entsteht dort, wo sich Angebot und Nachfrage treffen und Produkte aushecken. Das Rentabal hat beliebigen Zugang zur Natur und bedient sich rücksichtslos. Das Rentabal läßt Pflanzen und Tiere absatzdienlich wachsen. Das Rentabal macht Pflanzen und Tiere rentabel. Das Rentabal agiert global. Rentabel und global, das sind die beiden Wesenskerne. Daher hat das Rentabal seinen Namen.

Im Rentabal…

…gibt es im Winter weiße Rosen und rote Tomaten. Wenn es schneit, liefert das Rentabal Kiwis, Heidelbeeren und Bananen. Im Rentabal gibt es, obwohl die Schafe hier noch kaum trächtig sind, Lammfleisch aus Neuseeland. Es braucht nur einen Hochseefrachter, schon wird in meinem Schmortopf aus Winter Frühling.

Das Rentabal, diese künstliche Jahreszeit besteht aus Gewächshäusern, Dünger, Gentechnik, Kühlcontainern und Frachtflugzeugen. Und weil die Kunden Farben und Duft von Hyazinthen schon genießen wollen, lange bevor sie draußen überhaupt aus der Erde sprießen, erzeugt das Rentabal im Gewächshaus Hyazinthen. Das Rentabal macht aus Frühblühern Noch-viel-früher-Blüher.


Wie kalt können die?

Jetzt stehe ich mit meinen drei Hyazinthen aus dem Rentabal unschlüssig in der Kälte. Wenn ich sie nicht umbringen, sondern ihnen in der Natur eine Chance geben will, muss ich sie mit der aktuellen Jahreszeit synchronisieren. Meine Hyazinthen sind seit drei Wochen verblüht. Die da draußen fangen indes gerade an zu sprießen. Das entspricht einer Zeitumstellung von zwei Monaten. Ich schaue die Hyazinthen an, wie sie mit ihren nackten Zwiebeln auf der Blumenerde liegen. Sie schauen weg und schweigen. Wieso fühle ich mich für sie verantwortlich? Sie haben bestimmt nur ein 1,99 Euro gekostet. Nächstes Jahr gibt es wieder welche. Und ich mache mir so viele Gedanken? Muss ich mich um das Leben dieser Hyazinthen kümmern oder sind sie einfach nur billige Saisonware? Soll ich sie einfach aus dem Topf nehmen und ins Gebüsch werfen?


Field writer Gerhard Richter sitzt an seinem Klappschreibtisch auf einer Wiese und schreibt auf seiner Hermes Baby Reiseschreibmaschine. Auf der Wiese wachsen Hyazinthen. Es ist kalt.
Fieldwriter Gerhard Richter schreibt auf einer Wiese, auf der Hyazinthen wachsen. Es ist kalt.

Die Entscheidung

In der dunklen Wolkendecke sammelt sich lichtschwer ein heller Fleck und drängt nach unten. Bald brechen die Sonnenstrahlen durch. Braune Eichenblätter vom vergangenen Herbst segeln ruckweise über die Grashalme. Die Graupelkörner schmelzen. Zwei Krähen balgen sich laut krächzend um einen Fund aus dem Abfallkorb. Am Rand der Wiese ragen alte Bäume in den Himmel. In den höchsten Astgabeln hängen Krähennester. Bald ist Brutzeit und entsprechend wichtigtuerisch ist das Geschrei. Ich niese.

Der 10 Uhr-Zug fährt in den Bahnhof ein. Fröstelnd Wartende steigen vom Bahnsteig dankbar ins Warme. Ankömmlinge ziehen auf dem Weg durch den Park den Schal fester um den Hals. Meine Hyazinthen frieren. Ich kann es spüren. Mindestens drei Blätter haben gelbe Flecken bekommen. Himmelherrgott, ich werde sie umbringen hier draußen.

Beschämt und hilflos

Ich muss abbrechen, stecke die Hyazinthen unter meine Wolljacke und eile nach Hause. Als Erstes bringe ich den Topf mit den Hyazinthen ins Haus. Kaum bin ich mit den Hyazinthen durch die Wohnungstür, spüre ich zum ersten Mal, dass ich ihr Leben in der Hand habe. Ganz kurz habe ich das Gefühl als würden die Wurzeln irritiert und erleichtert strampeln, wie ein Kleinkind, das man hochnimmt. Im Augenblick ihrer Rettung offenbaren die Hyazinthen ihr Wesen: Kraftvoll und kühl erhaben über ringsum Schmachtende. Nun aber sind sie beschämt und ihrer Würde beraubt – ohne einen festen Platz im Erdreich und angewiesen auf fremde Hilfe.

Ahnung von Klima

Gleich darauf stehen sie wieder auf dem Fensterbrett, müde, mit hängenden, geknickten Blättern. Durch die Glasscheibe dringt das klare Licht des arktischen Apriltages. Drinnen der wärmende Luftstrom des Heizkörpers. Die Hyazinthen erinnern mich nicht mehr an Plastik. Eher wirken sie organisch und erschöpft. Gestrandete Reisende, herausgefallen aus dem unaufhörlich anwachsenden Warenstrom des Rentabal. Wo sind sie Zuhause? Dass sie irgendwo fest verwurzelt sind, kann man angesichts des lächerlich kleinen Plastiktopfs nicht wirklich behaupten. Zumal sie in diesem Topf Klimazonen durchreist haben, die es erst seit ein paar Jahrzehnten gibt. Gewächshäuser, LKW, Supermärkte und meine zentralbeheizte Wohnung. Von Frühling, Sommer, Herbst und Winter haben die Hyazinthen sicherlich eine genetisch verankerte Ahnung. Ihr Erleben findet jedoch keinen Takt, keinen Lebensrhythmus. Wann greifen die klimatischen Zahnräder des Rentabal und der Erde mal ineinander?

Frühestens im Juni, in einer milden Nacht, werde ich sie in die warme Erde auswildern.


Mittsommer-Plan

Wird es diese warme Juni-Nacht überhaupt noch geben? Das Rentabal ist längst aus den Gefriercontainern und Gewächshäusern entwichen. Es hat sich von den Heiz- und Kühlsystemen fortgeschlichen und ist aufgestiegen zu den Wolken. Der Jetstream ist infiziert und schwächelt. Polare Luft keilt in die Warmfront über Europa und streut Graupel auf Hyazinthen und Narzissen. Das Wetter verliert sein Gedächtnis. Wann war es zuletzt so warm im März und wann so kalt im April?

Wer es definitiv nicht wissen kann, sind meine drei Hyazinthen. Wer es auch nicht wissen kann, sind die Hyazinthen im Park. Vor zwei Jahren erst wurden sie auf der Wiese zwangsangesiedelt. Das hiesige Klima in seinem Tausendjahresverlauf ist ihren Genen ganz unvertraut, der Zell-Speicher für Klimageschichte noch leer.

Es ist fast Mai

Bei meinem nächsten Besuch im Park stehe ich vor armseligen Blumen. Die dunkelblauen Hyazinthen mickern. Die rosaroten sehen traurig aus.

Diesen unterkühlten April hindurch mussten sie blühen, leichtgläubig haben sie dem März vertraut. Ihre Blüten sind nie ausgereift. Die Diktatur des Frosts hat die Revolution der kleinen Fäuste unterdrückt. Sie haben sich nur zögernd und nur unvollständig entfaltet. Aus den verbeulten Trompeten kamen nur ein Hüsteln und Keuchen. Nie haben die Hyazinthen den Duftklang des Frühlings gesungen, der Herzen öffnet und Paarung unvermeidlich macht.

Ich horche auf ihren feinen Duft, rieche aber etwas ganz anderes: Eine Wolke Parfum weht von einem Narzissen-Feld herüber, in dem eine Gruppe junger Frauen mit blondierten Haaren, Miniröcken und Stöckelschuhen herumstakst. Sie Frauen sind das Motiv eines Foto-Shootings. Kichernd und schwankend gehen sie für jedes Bild zwischen den gelben schwankenden Blütenköpfen in die Hocke, sich gegenseitig umarmend und stützend. Auf Zuruf der Fotografin lächeln sie und suchen, nachdem das Bild im Kasten ist, eine neue Pose. Auf den Fotos wird niemand sehen, wie kalt es im Narzissen-Feld war. Ein Frühlingsbild, das die Mode will, egal was Natur grad bietet.

Ich will aber nicht das Parfum der Fotografierten riechen, sondern den revolutionären Duft des Frühlings.

Ich lege mich flach auf die Erde.

Dicht vor meinem Gesicht ragt der rosarote Lautsprechermast einer Hyazinthe. Nur der mittlere Teil ist erblüht. Der untere schon braun und verwelkt, die Blüten an der Spitze sind noch fest verschlossen. Sie hoffen auf wärmere Tage. Auf diese abwartende Weise haben die Hyazinthen den April ausgesessen. Den Blühdrang gedrosselt, um so viel wie möglich aufzusparen für die Zeit, in der die Bienen fliegen.

Ich atme ein. Die kalte Luft schmeckt ein wenig nach Erde und Gras, und ja, auch nach dem Duft der Hyazinthe. In mir weitet sich ein Raum, darin leuchtet ein großes Ja! Wie gern würde ich meine drei Hyazinthen einreihen in diesen herrlichen alljährlichen Aufruhr der Natur.

Ein kleiner Topf mit drei Hyazinthen steht zwischen den Flügeln eines Doppelfensters in einem Zwischenklima. Die Hyazinthen sind kurz vor dem Austreiben.
Ein kleiner Topf mit drei Hyazinthen steht zwischen den flügeln eines Doppelfensters in einem Zwischenklima.

Hoffen auf den Herbst

Den Sommer verbringen die Zwiebeln meiner drei Hyazinthen dann auf der Fensterbank.

Im Herbst will ich sie nach draußen setzen. Im September stelle ich den Topf von der Fensterbank ins Fenster. Wir bewohnen ein Fachwerkhaus mit altertümlichen Doppelfenstern. Zwischen den beiden Fensterflügeln herrscht ein eigenes Klima. Kühler als drinnen und wärmer als draußen. In dieser Zwischenwelt sollen sich die Hyazinthen akklimatisieren.

Aber dann verpasse ich irgendwie den richtigen Moment für´s Auswildern. Der Oktober vergeht. Und auch der November. Ich achte gar nicht auf die Zwiebeln. Das ist ein Fehler!

Anfang Dezember treibt eine Hyazinthe aus, schiebt neben der Zwiebel einen spitzen Trieb aus der Erde.

Die Signale zum Austreiben kommen vielleicht aus dem Discounter. Dort steht eine Palette mit kleinen Töpfen und großen Amaryllis-Zwiebeln darin. Das Rentabal spuckt die nächsten Früherblüher auf den Markt. Zwischen Lebkuchen und Adventsgestecken keimen die ersten Blätter, andere Amaryllis sind schon voll erblüht.

Draußen schneit es auch schon! Der Boden ist weiß und gefroren. Meine Hyazinthe kann ich jetzt unmöglich aus dem Fenster nehmen und den Frösten draußen ausliefern. Seit langem schaue ich sie mir genauer an.

Die blaue Faust

Über einer meiner Zwiebeln entdecke ich zwischen vertrockneten Blättern des Vorjahres ein blaues Fäustchen. Es ist klein und zart und umschließt eine noch geheime Frühlings Botschaft. Die kleine Knospenfaust will sich schon entfalten, während draußen die Welt für die nächsten Monate im Frost erstarrt. Meine Hyazinthen blühen jetzt vier Monate zu früh!

Das Rentabal hat rücksichtslos alles verdreht und verschoben. Lebende Hyazinthen aus Kleinasien, Amaryllis aus Südafrika landen in völlig falschen Klimazonen. Ein Irrsinn! Mir würde es vollkommen genügen, im Frühling draußen Hyazinthen blühen zu sehen. Sie wären am rechten Ort und ihr Duft käme zur rechten Zeit.

Ich wünschte, die blaue Faust würde riesig werden, und das Rentabal in Stücke schlagen.

Töpfe mit Frühblühern werden im Supermarkt zum Sonderpreis angeboten.
Topfpflanzen im Discounter

Die Recherchen zu diesem Artikel wurden im Rahmen des Förderprogramms „Neustart“ von der VG Wort aus Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gefördert.

Lesen Sie jetzt:

Gerhard Richter

Gerhard Richter

Seit 2006 arbeitet Gerhard Richter als freier Journalist. Dutzende Reportagen und Features für Deutschlandfunk Kultur, WDR, BR und SWR.

Gerhard Richter liebt Interviews an der Schreibmaschine (Galerie der verlorenen Heimat). Für die Riffreporter hat er das Format Field Writing entwickelt: Draußen Schreiben. Mit Klappschreibtisch und Schreibmaschine. Den Dialog mit der Landschaft aufnehmen. Gerhard Richter war 2020/21 Fellow der Masterclass Wissenschaftsjournalismus der Robert-Bosch-Stiftung mit einem Projekt zu Bodentierchen.


Field Writing

Es ist ein Mythos, dass wir ein Teil der Natur sind. Dann könnten wir doch gut miteinander. Aber die Natur spricht nicht mehr mit uns. Oder doch? Gerhard Richter wagt einen letzten Versuch.

Der Journalist Gerhard Richter beschäftigt sich immer wieder mit dem Verhältnis von Mensch und Natur.

Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Welche Rolle spielen wir dabei?

Seit 2018 setzt sich Gerhard Richter regelmäßig mit seiner Hermes Baby Reiseschreibmaschine in markante Teile der Landschaft und schreibt Texte. Darin schilderte er die Umgebung und seine Reflexionen dazu. Als Journalist verlässt er damit die herkömmlichen Recherchewege. Sein Gesprächspartner ist die Natur selber. Diese Art des Schreibens nennt er Field Writing.

Die so entstandenen „Feldreporte“ veröffentlicht Gerhard Richter hier bei den Riffreportern

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Gerhard Richter

Kirchplatz 12
16909 Wittstock

www: http://autor-gerhard-richter.de

E-Mail: post@autor-gerhard-richter.de

Tel: +49 170 2377428

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Lektorat: Ulrike Prinz

Fotografie: Gerhard Richter

VGWort Pixel