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So schön kann Schrott sein

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07.02.2020
5 Minuten
Zwei Männer gehen mit Metalldetektoren über ein Feld

Ohne Rum auf Schatzsuche? Für Carmen Ritter unvorstellbar. „Irgendwie muss man doch in Gang kommen“, sagt der 52-jährige Kanadier und nimmt einen großen Schluck aus dem Flachmann.

Ein Mann mittleren Alters, der auf einem Acker Hochprozentiges trinkt, morgens um 7.45 Uhr: „Mir ist schon klar, dass das etwas komisch wirkt“, sagt Ritter. „Aber wir sind ja auch komisch. Und wir haben alle unsere Rituale.“

Es ist kalt und trüb an diesem Morgen, doch Ritter und seine Mitreisenden sind bester Laune. Mit Metalldetektoren schlendern sie über ein Feld an der Grenze zwischen England und Wales. Es ist eine einsame Gegend, in der Verkehrsschilder auf Walisisch beschriftet sind: „Ysgol“ für Schule, „Araf“ für „langsam fahren“.

Vor allem die Männer sind angetan

Ansonsten kaum ein Zeichen von Zivilisation: Hecken, so hoch wie Lastwagen. Landwirtschaft, so weit das Auge reicht. Wären in der Ferne keine Stromleitungen, könnte jeden Augenblick ein mittelalterlicher Graf vorbeigeritten kommen.

Genau diese Stimmung lässt Menschen wie Carmen Ritter um die halbe Welt fliegen. Die Natur. Die Einsamkeit. Der Gedanke, ganz nah dran an etwas zu sein, das schon Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende zurückliegt.

„Metal Detecting Holidays“ heißen solche Urlaube, die vor allem im englischsprachigen Raum beliebt sind. In Großbritannien buhlen gleich mehrere Anbieter um zahlungskräftige Schatzsucher (vor allem Männer), die es auf historische Munition, Münzen und Schmuck abgesehen haben.

Ein Mann mit kariertem Hemd und Schirmmütze gräbt mit einem kleinen Spaten im Boden eines Ackers.
Carmen Ritter buddelt. Handschuhe und regenfeste Kleidung sind für die Schatzsucher ein Muss.

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Was genau die Männer finden, spielt für sie meist nur eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, die „Schätze“ – die sich oft genug als Schrott entpuppen – können mit eigener Kraft ans Tageslicht befördert werden.

„Ich fühle mich 20 Jahre jünger“, schwärmt Ritter, während er den Metalldetektor über das Feld schwenkt. Seine Freunde in der Heimat können mit seinem ungewöhnlichen Hobby nichts anfangen.

„Die schütteln den Kopf, weil ich zehn Stunden im Dreck wühle und dafür auch noch Geld bezahle. Aber für mich ist es etwas Besonderes. Ich bin draußen im Freien, laufe zehn Meilen am Tag und fühle mich wie ein Abenteurer.“

Wie eine Tatort-Begehung

Tatsächlich hat der Anblick etwas Abenteuerliches: Wenn die Männer mit ihren Geräten in einer Reihe über den Acker laufen, sehen sie wie Polizisten bei einer Tatort-Begehung aus. Oder, mit etwas Fantasie, wie Minenräumer in einem Kriegsgebiet.

Ihre Ausrüstung bringen die meisten selbst mit: Metalldetektoren, Spaten, Schaufeln. Und, ganz wichtig, Regenausrüstung. „Wir machen das bei jedem Wetter“, erklärt Ritter. „Wenn es regnet, graben wir. Wenn es schneit, graben wir – sogar, wenn der Boden gefroren ist. Dann dauert es eben etwas länger.“

Metalldetektor, Schaufel und Spaten liegen nebeneinander auf dem Asphalt.
Metalldetektor, Schaufel, Spaten: Die meisten Teilnehmer bringen ihre eigene Ausrüstung mit.
Zwei Männer laufen mit Schaufel und Metalldetektor über einen Acker.
Wer sucht, der findet. Oder auch nicht.

In Nordamerika ist die Schatzsuche durch Fernseh- und Youtube-Sendungen schon länger populär. Aber: Ein Land, das erst 1776 seine Unabhängigkeit erklärte, erscheint vielen Hobby-Archäologen als geradezu jungfräulich. „Richtige“ Geschichte, so die allgemeine Überzeugung, gibt es nur im alten Europa.

„Wir befinden uns hier gewissermaßen im historischen Ground Zero“, sagt Chris Langston, Reiseleiter und Gründer der Firma „Metal Detecting Holidays“. Manche seiner Kunden entdeckten schon am ersten Tag eine mittelalterliche Münze.

„Für mich ist das fast Routine“, meint der 46-Jährige, „aber diese Leute flippen völlig aus, wie bei einem Drogenschuss. Die klatschen sich ab und springen vor Freude in die Luft.“

Die meisten Reisegruppen führt Langston an die englisch-walisische Grenze. Im 13. Jahrhundert errichtete der englische König Edward I. dort eine Unzahl von Festungen, um die aufsässigen Waliser zu unterjochen.

Der genaue Ort bleibt geheim

„Hier kannst du eigentlich überall graben und wirst fündig“, sagt Langston. Der genaue Ort, den er ansteuert, soll trotzdem geheim bleiben – zum einen aus finanziellem Eigeninteresse, zum anderen, um den fragilen Frieden mit den Anwohnern nicht zu gefährden.

Bevor Langston mit seinen Gästen loszieht, fragt er die Eigentümer der betreffenden Grundstücke um Erlaubnis. Auch während der Tour ruft er die Teilnehmer regelmäßig zur Ruhe: Bitte nicht zu laut jauchzen, wenn irgendwo eine viktorianische Münze oder ein römischer Ring auftaucht! Der Bauer könnte sonst einen Schreck kriegen.

„Das hier ist eine Gegend, in der die Leute am Sonntagmorgen in die Kirche gehen“, mahnt der Reiseleiter. „Leute, die schon vorher Krach machen, kommen hier nicht gut an.“

Ein Mann Mitte 40 lehnt an einem Heuballen.
Chris Langston organisiert die „Metal Detecting Holidays“.
Nahaufnahme einer Handfläche, in der eine Münze liegt.
Carmen Ritter zeigt seinen Fund, einen Penny aus dem Jahre 1932.
Zu sehen ist die Display-Anzeige eines Metalldetektors
Die Schatzsucher verlassen sich auf ihren Instinkt und auf ihre Technik.

Wobei Lärm noch das geringste Problem ist, mit dem Kulturschützer zu kämpfen haben. Je beliebter das Hobby in Großbritannien wird, desto öfter berichten Medien über Möchtegern-Abenteurer, die verbotenerweise an denkmalgeschützten Stätten graben, zum Beispiel am Hadrianswall zwischen England und Schottland.

Streit bricht auch dann aus, wenn wirklich etwas Wertvolles gefunden wurde. So zog die Church of Scotland kürzlich vor Gericht, nachdem ein Schatzsucher auf ihrem Gelände eine Sammlung von Wikinger-Schmuck gefunden hatte. Beide Parteien streiten nun darüber, wer welchen Anteil erhält. Der Wert der Entdeckung: zwei Millionen britische Pfund.

Kein Wunder also, dass die Schatzsuche für Touristen streng reguliert ist. Fundstücke, die über 50 Jahre alt sind, dürfen ohne Export-Genehmigung nicht außer Landes geschafft werden.

Schatzsuche kann im Gefängnis enden

„Geht man trotzdem durch den Zoll, endet man in einer Gefängniszelle“, sagt Reiseleiter Langston. Seine Firma arbeite mit einem Archäologen zusammen, um schwierige Fälle von vornherein auszuschließen.

Doch den meisten seiner Kunden gehe es gar nicht darum, mit wertvollen Relikten nach Hause zu fahren. „Ihnen reicht es, ihren Fund zu dokumentieren. Das ist die wahre Genugtuung.“

So sieht es auch Ken Cunliffe, ein US-Amerikaner, der zweimal pro Jahr nach Großbritannien fliegt, um im Matsch zu wühlen. „Meistens findet man Müll“, sagt er, „aber ich hatte auch schon eine Münze aus dem 12. Jahrhundert.“

Ein Mann hält das vordere Ende eines Metalldetektors in die Kamera. Er steht mitten auf einem großen Feld.
Der US-Amerikaner Ken Cunliffe fliegt zweimal pro Jahr nach Großbritannien, um auf Schatzsuche zu gehen
Zwei Männer stehen auf einem Feld und reden.
Tour-Leiter Chris Langston (links) und Schatzsucher Carmen Ritter im Gespräch.

Mitgenommen habe er nie etwas, beteuert Cunliffe. „Was würde mir das auch nützen, zu Hause eine alte Münze aufzubahren? Ich spende sie lieber an ein Museum, wo sie sinnvoller aufgehoben ist.“ Vorher stellt er seine Errungenschaften allerdings auf seine Website (www.detectorist.com), um anderen Sammlern davon zu berichten.

Cunliffe braucht den Kick, die Euphorie, die Anerkennung. „Früher bin ich Autorennen gefahren“, sagt der 53-Jährige, der hauptberuflich als IT-Ingenieur arbeitet. Irgendwann sei die Rennstrecke in seiner Heimat New Jersey geschlossen worden, weshalb er sich einen neuen Zeitvertreib suchte.

Ehering am Seeufer gerettet

„Ich habe mein Wohnmobil verkauft und reise von dem Geld durch die Welt. Mich fasziniert die Vorstellung, ganz nah mit der Geschichte verbunden zu sein. Ob Computer, Medizin, Flugzeuge: Alles, was für uns heute selbstverständlich ist, war damals unvorstellbar.“

Manchmal bringt die Schatzsuche sogar denjenigen Freude, die damit eigentlich nichts am Hut haben. So auch bei Carmen Ritter. „Ein Freund von mir hatte seinen Ehering an einem See-Ufer verloren“, erzählt der Kanadier. „Da habe ich meinen Metall-Detektor geschnappt und so lange gesucht, bis ich das Ding tatsächlich gefunden habe.“

Sein Kumpel sei außer sich vor Freude gewesen, erzählt der Schatzsucher. Plötzlich lachte niemand mehr über das seltsame Hobby.

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Der Text ist zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.

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Steve Przybilla

Steve Przybilla

Steve Przybilla (Jg. 1985) ist freier Journalist. Zu seinen Schwerpunkten gehören USA-Reportagen sowie Mobilitäts- und Datenschutz-Themen. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, der NZZ und bei FAZ Quarterly.


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"Amerika ist wunderschön -- wenn nur die Amerikaner nicht wären." Als Steve Przybilla seinen ersten USA-Flug buchte, fasste ein Reisebüro-Mitarbeiter das Land mit genau diesem Satz zusammen.

Das Erlebnis ist lange her, das Reisebüro längst geschlossen. Was geblieben ist, ist Steves unstillbare Neugier auf dieses verrückte, unbekannte, uns Europäern oft fremde und gerade deswegen so faszinierende Land. Seit 15 Jahren bereist Steve für verschiedene Medien (u.a Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Spiegel online) als Reporter die USA.

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