Krieg in der Ukraine: Wird die Berichterstattung aus Brüssel „gemainstreamt“?

Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist in Europa Krieg. Weltreporter Eric Bonse in Brüssel spricht über die Allgegenwart der Liveticker und den Kampf der Narrative.

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Ein Blick auf das Europaparlament in Brüssel, zu sehen ist auch eine umlaufende Galerie mit großen Fotos.

Eric Bonse ist Auslandskorrespondent in Brüssel und Mitglied des Weltreporter-Netzwerkes. Seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine macht er sich über den Zustand der Berichterstattung Sorgen: Sie würde immer mehr „gemainstreamt“, hat Bonse beobachtet. Bettina Rühl, die ebenfalls Weltreporterin ist und aus Ostafrika berichtet, hat Mitte Juli mit ihm gesprochen.

Eric, wann hast du den letzten Artikel geschrieben, der nicht mit der Ukraine zu tun hatte?

Ja, witzigerweise dann doch heute. Heute gab es nämlich die Eröffnung der Beitrittsverhandlungen mit Albanien und Nordmazedonien. Und das hat nur indirekt mit der Ukraine zu tun, weil die Ukraine ja auch den Kandidatenstatus bekommen hat beim letzten Gipfel. Und da hat man die ganze Zeit über die Ukraine gesprochen. Nun gibt es zum ersten Mal wieder gute Nachrichten aus anderen Nachbarländern der Europäischen Union.

Wie groß ist der Anteil der Ukraine-Berichterstattung an dem, was Du schreibst?

Ich schreibe fast nur noch Beiträge zur Ukraine, zum Krieg und zu den Sanktionen.

Das dürfte schon 80, 90 Prozent ausmachen. Gestern (am 18. Juli) hatten wir die Außenminister in Brüssel, die haben wieder ein neues Sanktionspaket erarbeitet. Und da stand auch wieder die Ukraine im Mittelpunkt, und der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba wurde per Videokonferenz zugeschaltet. Das ist also Routine mittlerweile.

Ein Porträt von Eric Bonse. Ein jüngerer Mann im Jacket, schaut lächelnd und leicht von der Seite in die Kamera © Bernal Revert
Eric Bonse, Weltreporter in Brüssel. © Bernal Revert

Entstehen Deine Aufträge vor allem durch Anfragen oder Angebote von Dir?

Ich habe sehr viel zu tun und eigentlich schon fast zu viel. Ich schreibe vor allem für die taz, die Tageszeitung aus Berlin. Und die gibt sozusagen den Takt vor, weil die eigentlich jeden Tag Anfragen haben, manchmal auch zu mehreren Themen, oder sie brauchen einen Bericht und einen Kommentar. Diese Beiträge kann ich zum Teil zweitverwerten, zum Beispiel in Luxemburg beim Tageblatt. Ansonsten arbeite ich jetzt sehr viel für ein relativ neues Medium, das heißt Table Europe von Table Media mit Sitz in Berlin. Das ist ein Fachdienst mit Newslettern für Insider. Es erinnert ein bisschen an Politico, wer das kennt, aus Washington und aus Brüssel. In Frankreich gibt es einen ähnlichen Dienst, der heißt Contexte und bietet Hintergrundinformationen zur europäischen Politik und zur Europäischen Union für die sogenannten Entscheider. Die sind sehr interessiert auch an den Hintergründen und Details, die andere nicht so interessieren.

Bei unserem letzten digitalen Weltreporter-Stammtisch hatte ich den Eindruck, dass Du Dich ziemlich über die Berichterstattung über die Ukraine ärgerst – Was frustriert oder verärgert Dich daran so?

Na ja, also erst einmal ist es für mich neu und unerfreulich, überhaupt über Krieg schreiben zu müssen. Krieg in Europa galt eine ganze Zeit lang als ausgeschlossen. Wir hatten zwar natürlich die Jugoslawien-Kriege, die haben ja auch fast zehn Jahre gedauert. Das haben die meisten aber schon verdrängt. Und die Europäische Union ist ja nun mal angetreten als Friedensunion und mit dem ausdrücklichen Ziel, Krieg in Europa unmöglich zu machen. Das ist per se schon ärgerlich und traurig auch, dass es so weit gekommen ist.

Und ärgerlich ist auch, dass die Europäische Union sich zu keinem Zeitpunkt die Frage gestellt hat: „Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Warum haben wir eigentlich unser zentrales Ziel verfehlt?“ Was mich außerdem ärgert ist, dass auch diese Berichterstattung sehr stark gemainstreamt wird, wie vorher schon die Berichte über die Corona-Pandemie.

Inwiefern hast Du das in Bezug auf die Corona-Pandemie so empfunden?

Ich weiß nicht, wie weit ihr das auch beobachtet hat, aber schon während der Corona-Pandemie gab es ja diese Newsticker, die praktisch auf allen Online-Angeboten laufen und die dann auch in die Print-Berichterstattung einfließen. Das ist eigentlich auf allen Angeboten dasselbe, ob das jetzt die taz ist oder der Spiegel oder die FAZ. Und das dominiert doch sehr stark die Wahrnehmung und die Berichterstattung. Alles ist angeblich „live“ oder wird so genannt, man wird also geradezu überhäuft mit Informationen, die man zum Teil nicht mehr verarbeiten kann oder will. Und das ist jetzt im Krieg um die Ukraine genauso: Wohin man auch schaut, überall sieht man diese „Liveticker“ und diese Agenturmeldungen, die endlos aneinandergereiht werden. Und da kommen wir zum nächsten Punkt: Diese Liveticker liefern keine Analyse, keinen Kommentar, ganz selten Hintergrund. Es sind fast nur Kurzmeldungen von zwei, drei Zeilen. Und das halte ich eigentlich nicht für angemessen bei so einem wichtigen Ereignis. Man wird eigentlich von der Aktualität und von den so genannten „News“ erschlagen. Man wird in Atem gehalten, aber man kommt nicht dazu, über das Gehörte auch mal nachzudenken und auch mal über Hintergründe zu sprechen. Das halte ich für problematisch.

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Bettina Rühl

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