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Nur Drogen werden aussortiert

Das „Unclaimed Baggage Center“ in Alabama verkauft Gepäck, das Reisende auf USA-Flügen verlieren.

16.03.2021
7 Minuten
Ein Mitarbeiter des Bodenpersonals hält Signalstäbe in die Höhe, um ein Flugzeug einzuweisen.

Hinweis: Dieser Artikel wurde im Frühjahr 2020 erstmals veröffentlicht. Eventuell sind bestimmte Zahlen und Daten nicht mehr aktuell.

Eric Rebarchik kann sein Glück kaum fassen. Eigentlich wollte der 47-jährige Familienvater nur ein Geburtstagsgeschenk für seine Tochter finden. Doch dann das: ein Unterhemd mit verstärkter Innentasche.

„Das ist ja der Wahnsinn“, freut sich der Mann, der mit seinen sorgsam frisierten grauen Haaren dem Bestseller-Autor Frank Schätzing ähnelt. „Ich wusste gar nicht, dass es solche Klamotten gibt“, sagt er euphorisch. Die Innentasche sei „superpraktisch für alle, die verdeckt eine Waffe tragen möchten.“ Und damit auch für ihn.

Solche Sätze, die für europäische Ohren erst mal befremdlich klingen, gehen Rebarchik leicht über die Lippen. Er lebt in Scottsboro, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Alabama, in der Waffen zum Alltag gehören.

„Superpraktisch für alle, die verdeckt eine Waffe tragen möchten.“

Die Menschen dort sind schon immer mit ihren Gewehren in die Berge gefahren, um auf die Jagd zu gehen. Unten, in der Stadt, muss die verdeckt getragene Pistole genügen – um sich verteidigen zu können, wie es hier heißt. Eine Mentalität, die trotz aller Schießereien in den USA noch immer sehr lebendig ist.

Der Ort, an dem Rebarchik mit seiner Tochter shoppen geht, ist das Unclaimed Baggage Center. So heißt ein lagerhallengroßer Komplex, in dem verloren gegangenes Fluggast-Gepäck verkauft wird. Statistisch gesehen gehen in den USA nur 0,03 Prozent aller Rollkoffer, Rucksäcke und Tragetaschen verloren, die Passagiere mit an Bord nehmen.

Doch in einem Land, in dem täglich fast drei Millionen Menschen ein Flugzeug betreten oder verlassen, ergibt selbst ein Promillewert eine riesige Menge. 90 Tage haben Passagiere normalerweise Zeit, ihre Habseligkeiten bei der Airline geltend zu machen und wieder abzuholen. Alles, was danach noch übrig ist, landet in Scottsboro.

Ein grauhaariger Mann betrachtet ein Unterhemd in einem Supermarkt.
Volltreffer: Eric Rebarchik hat ein Unterhemd ergattert, in dem man eine Waffe verstecken kann.
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Rein optisch sieht das Unclaimed Baggage Center nicht besonders markant aus: ein eingeschossiger, beigefarbener Flachbau mit angeschlossenem Parkplatz. Drinnen reihen sich Kleiderständer, Bücherregale und Glasvitrinen aneinander, ein Anblick wie in einem Secondhand-Kaufhaus, inklusive leicht müffelnder Kleidung.

Trotzdem hat es die Firma, die 1970 gegründet wurde, inzwischen zu internationaler Bekanntheit geschafft. Schon viele Kilometer vor Scottsboro künden Werbetafeln am Straßenrand von dem ungewöhnlichen Einkaufserlebnis. Dass die meisten Schilder inzwischen stark ausgebleicht sind, unterstreicht den Effekt nur: Die meisten Verkaufsartikel haben schließlich auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel.

„Wir empfehlen immer einen Besuch unter der Woche“, sagt Brenda Cantrell, die Sprecherin des Unternehmens. „Am Wochenende kann man hier vor Leuten nicht treten. An besonderen Aktionstagen kampieren die Menschen sogar auf dem Parkplatz.“

Den meisten gehe es darum, ein Schnäppchen zu ergattern, ein gut erhaltenes Hemd, ein Paar Turnschuhe oder einen Laptop. Die eigentliche Faszination liege aber in der Vorgeschichte der Gegenstände: Welche Gespräche wurden wohl einst auf dem nie abgeholten Handy geführt? Hat die verspiegelte Sonnenbrille vielleicht mal ein Mafia-Boss getragen? Und wem gehörte dieses stilvolle Kleid?

Ein Parkplatz vor einem Warenhaus.
Unspektakuläre Fassade, interessanter Inhalt: Im „Unclaimed Baggage Center“ wird alles verkauft, was in Flugzeugen liegen bleibt.

Am häufigsten landen Jacken, Sonnenbrillen, Kopfhörer, Bücher und kleine Elektrogeräte im Unclaimed Baggage Center – Gegenstände, die Fluggäste als Handgepäck mit sich führen und beim Aussteigen vergessen.

Erst danach folgen komplette Koffer, die in der Regel durch technische Probleme verloren gehen: Manche fallen vom Band, bei anderen löst sich der Griff, an dem der Barcode hängt. Wieder andere gelangen an ihr Ziel, werden dort aber trotzdem nicht abgeholt.

Warum? „Das fragen wir uns natürlich auch oft“, sagt Cantrell. In einigen Fällen spiele durchaus ein krimineller Hintergrund eine Rolle. „Sie glauben gar nicht, was wir so alles finden“, sagt sie. „Drogen, Waffen, Bargeld – alles dabei. Solche Dinge übergeben wir natürlich den Behörden.“

Ein Drittel landet im Müll

Bevor die Gegenstände in den Verkaufsraum gelangen, prüfe man sie eingehend, versichert Cantrell. Die Speicher von elektronischen Geräten würden gelöscht, rund 50.000 Kleidungsstücke pro Monat gereinigt.

Wie viele Fundstücke insgesamt beim Unclaimed Baggage Center eingehen, verrät das Unternehmen mit Verweis auf das Geschäftsgeheimnis nicht. Nur so viel: Das Geschäftsmodell fußt darauf, den Airlines ihre Fundstücke abzukaufen und hinterher möglichst profitabel wieder zu veräußern.

Doch längst nicht alles ist verwertbar: „Ein Drittel kommt am Ende in den Verkauf“, sagt Cantrell. Ein weiteres Drittel spende man an karitative Organisationen, den Rest müsse man leider entsorgen.

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Ein Kleiderständer, an dem ein Schild hängt: „Unclaimed Cargo“
Verkaufsraum im Unclaimed Baggage Center
Ein Regal mit Schuhen.
Keine Angst vor Schweißfüßen: Die Fundstücke werden vorab alle gewaschen.

Wenn man durch die Halle schlendert, fällt auf, wie gemischt das Publikum ist. Männer mit Tarnanzug und Trump-Mütze fachsimpeln über Angelruten; Highschool-Girls durchstöbern die Handtaschen-Kollektion. Zwei Männer, die Spanisch sprechen, suchen Arbeitsschuhe.

Lourie Castell hat es auf den Schmuck in der Vitrine abgesehen. „Ich komme bestimmt einmal pro Woche hier her“, sagt die 54-Jährige. „Diese Woche habe ich eine Isomatte gekauft, letztes Jahr ein neues Handy für meinen Sohn. In einer Kleinstadt wie Scottsboro würde man so etwas sonst nie finden.“

Edith Carrington, 61, sucht bunte, afrikanische Kleider – und wird fündig. Nach einer Stunde im Center ist ihr Einkaufswagen bereits so voll, dass er überquillt.

Die Preise bewegen sich auf einem Niveau, wie man es von Secondhand-Läden kennt. Bücher gibt es ab fünf Dollar, Angeln ab 20 Dollar, Schlafsäcke kosten zehn Euro aufwärts. Doch es gibt Ausnahmen: Objekte, die ausschließlich hinter Sicherheitsglas ausgestellt werden.

Der teuerste Artikel, der bisher verkauft wurde, ist eine Rolex-Uhr für 32.000 Dollar, gefolgt von einer Diamant-Halskette, die für 15.000 Dollar an eine neue Besitzerin ging.

Eine Frau Anfang 60 schiebt einen prallgefüllten Einkaufswagen durch ein Warenhaus.
Edith Carrington sucht bunte, afrikanische Kleider – und wird fündig.
Eine Frau hockt neben einer Schmuckvitrine.
Nicht nur Ramsch, sondern auch Schmuck und Uhren für mehrere Tausend Dollar kann man erwerben.
Nahaufnahme einer jungen blonden Frau.
Firmensprecherin Branda Cantrell. Wie viele Fundstücke pro Jahr in Alabama landen, verrät sie nicht.

„Gerade bei den Diamanten haben wir ab und zu Leute, die behaupten, es seien ihre“, erzählt Center-Sprecherin Cantrell. „Die hätten sie dann natürlich gerne kostenlos zurück.“ Meist seien solche Sprüche nicht ernst gemeint. Doch in der Geschichte des Gepäckzentrums habe es tatsächlich schon zwei Fälle gegeben, in denen Personen in Scottsboro ihre rechtmäßigen Besitztümer wiederentdeckten.

„Ein Mann hatte 2017 auf dem Rückflug von Paris seine drei Koffer verloren“, so Cantrell. „Ein paar Monate später war seine Freundin durch Zufall hier. Sie hatte noch die Fotos seines teuren italienischen Maßanzugs auf dem Handy – genau der Anzug, der bei uns auf dem Bügel hing.“ In diesem Fall, sagt Cantrell, habe man die Kleidung zurückgegeben.

Namensschilder nicht vergessen!

Ein anderes Mal war ein Ehepaar von der Fluggesellschaft schon entschädigt worden, entdeckte dann aber Monate später ihre Ski-Ausrüstung im Unclaimed Baggage Center. „Sie haben sie uns wieder abgekauft, weil sie so sehr daran hingen“, sagt Cantrell.

Ihre Tipps für alle Reisenden: „Legen Sie immer ein Namensschild in den Koffer, fotografieren Sie Ihr Hab und Gut und notieren Sie Details und Seriennummern ihrer Geräte.“ Wer bei seiner Airline einen schwarzen Laptop als Verlust melde, habe schon verloren.

„In den Fundbüros gibt es Hunderte, wenn nicht Tausende solcher Geräte. Sie ohne Seriennummer oder sonstige Angaben zuzuordnen, ist so gut wie unmöglich.“

Blick in den Verkaufsraum eines Warenhauses.
Handtaschen, Sonnenbrillen, Portmonees: In Scottsboro gibt es nichts, was es nicht gibt.

Laut Montrealer Abkommen müssen Airlines für verspätetes, beschädigtes oder verloren gegangenes Gepäck haften, allerdings nur bis zu einer Summe von 1350 Euro. Für alles, was darüber hinaus geht, empfiehlt sich eine Gepäckversicherung. Der Verlust sollte sofort am Flughafen bei der Airline schriftlich gemeldet werden.

Kommt das Gepäck am Zielort nicht oder verspätet an, darf Ersatzbedarf in angemessenem Umfang gekauft werden. Die Fluggesellschaft muss diese Einkäufe erstatten – Luxusartikel gehören Gerichtsurteilen zufolge aber nicht dazu.

Was war das bizarrste Fundstück, das je im Unclaimed Baggage Center angekommen ist?

„Eine Rakete“, sagt Cantrell ohne zu zögern. Ausgestopfte Tiere und Bargeld-Bündel rangierten gleich dahinter.

„Manchmal wünschte ich, dass diese Taschen sprechen könnten“, sagt die Center-Mitarbeiterin. Sie überlegt kurz. „Am Ende ist es natürlich besser so, wie es ist. Das Mysterium gehört bei uns schließlich dazu.“

Eingang eines Kaufhauses.
Die Fahnen dürfen nicht fehlen: Unclaimed Baggage Center im US-Bundesstaat Alabama

Der Text ist zuerst im Forum-Wochenmagazin erschienen.

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Steve Przybilla

Steve Przybilla

Steve Przybilla (Jg. 1985) ist freier Journalist. Zu seinen Schwerpunkten gehören USA-Reportagen sowie Mobilitäts- und Datenschutz-Themen. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, der NZZ und bei FAZ Quarterly.


USA-Reporter

"Amerika ist wunderschön -- wenn nur die Amerikaner nicht wären." Als Steve Przybilla seinen ersten USA-Flug buchte, fasste ein Reisebüro-Mitarbeiter das Land mit genau diesem Satz zusammen.

Das Erlebnis ist lange her, das Reisebüro längst geschlossen. Was geblieben ist, ist Steves unstillbare Neugier auf dieses verrückte, unbekannte, uns Europäern oft fremde und gerade deswegen so faszinierende Land. Seit 15 Jahren bereist Steve für verschiedene Medien (u.a Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Spiegel online) als Reporter die USA.

In seinem Online-Magazin nimmt Sie Steve mit auf seine Recherchen. In unregelmäßigen Abständen erscheinen hier Reportagen, die eine Perspektive jenseits der üblichen Klischees bieten. Wir entdecken Amerika, indem wir Washington hinter uns lassen. Indem wir Kifferïnnen interviewen, Separatistïnnen besuchen, einem Botox-Doktor aufs Skalpell schauen und "Black Lives Matter"-Aktivistïnnen auch dann noch begleiten, wenn ihre Demo längst vorbei ist. Waffenrecht, Todesstrafe und Abtreibungsstreit? Auch das ist Amerika. Aber eben nicht nur.

Durch dieses Eintauchen ins pralle Leben entsteht ein mehrdimensionaler und trotzdem kritischer Blick auf ein Land, das sich ständig wandelt. Und Sie sind dabei.

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