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Krieg und Frieden

30.10.2019
6 Minuten
Eine Skulptur zeigt einen amerikanischen Soldaten mit Gewehr und Marschgepäck, im Hintergrund weht die US-amerikanische Fahne

Der Sturm auf die Küste beginnt schon in Paris. Am Bahnhof Saint-Lazare, von wo aus die Züge Richtung Normandie abfahren, erinnert eine großflächige Fotoausstellung an das Vermächtnis des Krieges.

Zu sehen sind Veteranen, die Blumensträuße entgegennehmen. Alte Herren, die jungen Frauen die Hand küssen. Kinder, die in die Kamera strahlen, weil sie in Freiheit leben. Die Fotos erinnern an den 6. Juni 1944 – den Tag, an dem die Alliierten Frankreich von der Nazi-Diktatur befreiten.

Der D-Day, der sich 2019 zum 75. Mal jährt, ist in der Normandie allgegenwärtig. Denkmäler an jeder Ecke. Amerikanische Fahnen. Sherman-Panzer am Straßenrand. An den Laternen hängen Banner, die an gefallene Soldaten erinnern. Am Strand stehen Bunker, die zu modernen Museen umgebaut wurden. Hotels verkaufen Ferngläser, Feldflaschen und Comics, die zum Einschlafen eher ungeeignet sind.

In der Normandie, wo seit einem Dreivierteljahrhundert Frieden herrscht, ist der Krieg noch immer sehr präsent.

Ein ausrangierter Panzer steht vor einem Museum
Panzer erinnern an die Gefechte am Standabschnitt „Utah Beach“
Ein Gedenkstein für die US-Armee 1944 bis 1945
Die US-Armee ist auch heute noch sehr präsent—wenn auch nur in Form von Monumenten.
Ein Bunker am Strand.
Vom Bunker zum Museum: Gedenkstätte in Sainte-Marie-du-Mont
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Wie lebendig die Geschichte noch immer ist, wird im Caen Memorial deutlich. Das private Museum bietet die mit Abstand aufwändigste Ausstellung zum D-Day. Die Atmosphäre ist bewusst düster gehalten. Aus Lautsprechern heulen Sirenen. Kinder flüchten aus brennenden Ruinen. Maschinengewehre rattern – das alles auf Großbildleinwand.

Es sind verstörende Bilder, die den D-Day so zeigen, wie er war: heftig und brutal. Doch es geht nicht nur um Effekthascherei. Die Gedenkstätte informiert auch über die Vorgeschichte: Versailler Vertrag, Hitlers Aufstieg, die Deportation der Juden.

Warum tun sich Urlauber so etwas an, während draußen der Strand wartet? Für Franck Moulin, den Vizedirektor, schließt das eine das andere nicht aus: „Sie können ja baden gehen, aber vielleicht möchten Sie wissen, was an diesem schönen Strand schon passiert ist.“

Für junge Menschen seien die Dimensionen kaum zu begreifen: „20.000 Zivilisten sind allein in der Normandie gestorben. Wir geben die Schrecken des Krieges weiter, damit so etwas nie wieder passiert.“ Auch für Kinder sei die Ausstellung geeignet, betont Moulin:

„Wir sind kein Disneyland, aber wir haben Audioguides, die sich speziell an jüngere Besucher richten.“

Ein Museumsgebäude von außen mit Flaggen verschiedener Nationen
Die Gedenkstätte in Caen bietet die mit Abstand aufwändigste Ausstellung zum Thema.
Eine Skulptur einer Pistole mit einem Knoten im Lauf
Die Skulptur „Non-Violence“ steht vor dem Sitz der Vereinten Nationen in New York. Ein Ableger der verknoteten Pistole steht auch in Caen.

Das Gedenken boomt in der Normandie. Zwischen Kreidefelsen, Backsteinhäusern und Bistros hat sich eine komplette Erinnerungsindustrie angesiedelt. Jedes Jahr zelebrieren Fallschirmsprünge, Volksfeste und „Reenactments“ (nachgestellte Kriegsszenen) die Landung, an der über Zehntausend amerikanische, kanadische und britische Soldaten beteiligt waren.

Zum 75. Jahrestag reisten Donald Trump und Emmanuel Macron an, um und Kränze niederzulegen. Veteranen weinten an den Gräbern ihrer gefallenen Kameraden, fotografiert von Touristen. Der Andrang war so groß, dass viele Hotels keine Reservierungen mehr annehmen.

Um den Besuchern Jahr um Jahr etwas zu bieten, investieren viele Museen in ihre Ausstellungen. Allein das Falaise Memorial, das die Erlebnisse der Zivilisten dokumentiert, hat einhundert Interviews mit Zeitzeugen aufgenommen.

„Es ist wahrscheinlich das letzte Jahr, dass Veteranen bei den Feierlichkeiten dabei sind“, befürchtet Franck Moulin. „Wir befinden uns an einem Wendepunkt, an der Grenze zwischen Erinnerung und Geschichte.“

Ein Mann fotografiert einen Strand
Strand von Arromanches-les-Bains: Der Krieg als Touristen-Attraktion
Ein Plakat erinnert an einen gefallenen Soldaten.
Die „Helden des Krieges“ hängen an jedem Laternenmast.
Ein Blumenstrauß mit Aufschrift „In Remembrance“
Überall in der Normandie wird der Toten gedacht.
Eine Skulptur zeigt Soldaten, die aus einem Schiff springen.
Je weniger Zeitzeugen es gibt, desto stärker investiert die Region in materielle Erinnerungen.

Noch aber gibt es Menschen, die bereit sind, ihre Erlebnisse an künftige Generationen weiterzugeben. Gerard Verdonk zum Beispiel. Der 93-Jährige wirkt noch immer sehr agil. Graue Haare, wache Augen, weiße Hose. Flotten Schrittes öffnet er die Tür seines Hauses, in dem er seit dem Tod seiner Frau alleine lebt.

„An den 6. Juni 1944 kann ich mich gut erinnern“, sagt Verdonk. „Alles war ganz normal. Morgens hat mein Vater noch mit dem Bürgermeister Kaffee getrunken.“ Dass die Alliierten gelandet waren, erfuhr er durch Zufall. „Wir hatten zwei deutsche Offiziere belauscht, die sich unterhielten.“

Die Wehrmacht ahnte nicht, dass Verdonk Deutsch verstand – seine Familie war aus den Niederlanden eingewandert.

Von Bombardierungen und Gefechten blieb die Familie verschont, weil sich ihr Bauernhof abseits der Städte befand. Im Laufe des Tages sei ihm ein kanadischer Soldat begegnet, berichtet der Zeitzeuge. „Der war schwarz bemalt, alles in Tarnfarben.“ Während sich der Strand mit Tausenden von Booten füllte, hätten sich die Deutschen aus dem Staub gemacht. Empfand er den Tag als Befreiung?

„Es war eben Krieg“, meint Verdonk nüchtern.

Ein alter Mann in einem Vorgarten
Zeitzeuge Gerard Verdonk: „Ich empfinde – nichts.“

Was die Bewertung der Geschichte angeht, hält sich der alte Mann zurück. Auffällig positiv spricht er über die deutschen Besatzer.

„Bei uns im Dorf haben sie keine Verbrechen verübt. Natürlich haben wir mit ihnen geredet.“ War er ein Kollaborateur? „Nein, nein, wir waren alle in der Résistance“, beteuert Verdonk. Regelmäßig habe seine Familie Informationen an die Alliierten weitergegeben.

„Ich hatte trotzdem keine schlechten Erlebnisse mit den Deutschen“, sagt er noch einmal. „Ich empfinde – nichts.“

Es sind solche Gespräche, die Normandie-Besucher in Zukunft kaum noch führen können. Die kleinen Widersprüche, die Nachfragen, das Deuten – schwierig, wenn man einer Videoaufzeichnung gegenübersitzt.

Umso lebendiger ist die Geschichte ausgerechnet an einem Ort des Todes. Auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof (der öffentlich zugänglich ist) legen Armee-Angehörige täglich einen Kranz nieder.

„Schauen Sie bitte jetzt Richtung Fahne“, sagt ein Guide, während im Hintergrund die amerikanische Nationalhymne per Glockenspiel erklingt. Manche salutieren, andere weinen in ihre Taschentücher. Ein bewegender Moment, selbst für diejenigen, die nie im Krieg waren.

Weiße Kreuze stehen nebeneinander. Vor einem liegt ein Blumenstrauß.
Amerikanischer Soldatenfriedhof in Colleville-sur-Mer
Ein älterer Herr im Anzug gestikuliert inmitten einer Gruppe von Menschen
Anthony Lewis arbeitet als Guide auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof.
Menschen stehen vor einer Statue
Gedenkzeremonie auf dem US-amerikanischen Soldatenfriedhof in Colleville-sur-Mer
Ein Friedhof mit einigen steinernen Kreuzen und einer Erhöhung samt Kreuz-Denkmal.
Auch der deutsche Soldatenfriedhof in La Cambe ist öffentlich zugänglich.

Fünfzig Kilometer weiter westlich, in Turqueville, bindet sich Francisca Muntinga einen Schal um, der die Stars and Stripes der amerikanischen Flagge zeigt. Die 69-Jährige betreibt mit ihrem Mann Tonnis ein Bed-and-Breakfast, das jedes Jahr eine D-Day-Feier ausrichtet. Mit den amerikanischen Stammgästen ist das Ehepaar inzwischen gut befreundet.

„Ein Pilot hat mir seine Bomberjacke geschenkt“, erzählt Tonnis Muntinga voller Stolz. Veteranen, die beim D-Day dabei waren, dürfen kostenlos bei ihnen übernachten.

„Für uns ist das ein Zeichen des Respekts. Diese Leute haben ihr Leben für unsere Freiheit riskiert.“

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Ein älteres Ehepaar, er trägt Bomberjacke, sie einen Schal mit der US-Flagge
Tonnis und Francisca-Muntinga betreiben ein Gästehaus in Turqueville.

In Arromanches, wo die Alliierten im Juni 1944 einen künstlichen Hafen errichteten, ragen noch heute einige Betonblöcke aus dem Wasser. Doch das Leben geht weiter.

Am Strand spielen Kinder Fußball, im Restaurant unterhalten sich junge Amerikaner über französischen Wein. In diesem Moment scheint das Zitat zu stimmen, das auf einem Museumsbanner steht:

„Seht nur die Kinder lachen und spielen. Die Sonne von heute trocknet die Tränen von gestern.“

Der Text wurde zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht.

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Steve Przybilla

Steve Przybilla

Steve Przybilla (Jg. 1985) ist freier Journalist. Zu seinen Schwerpunkten gehören USA-Reportagen sowie Mobilitäts- und Datenschutz-Themen. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, der NZZ und bei FAZ Quarterly.


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"Amerika ist wunderschön -- wenn nur die Amerikaner nicht wären." Als Steve Przybilla seinen ersten USA-Flug buchte, fasste ein Reisebüro-Mitarbeiter das Land mit genau diesem Satz zusammen.

Das Erlebnis ist lange her, das Reisebüro längst geschlossen. Was geblieben ist, ist Steves unstillbare Neugier auf dieses verrückte, unbekannte, uns Europäern oft fremde und gerade deswegen so faszinierende Land. Seit 15 Jahren bereist Steve für verschiedene Medien (u.a Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Spiegel online) als Reporter die USA.

In seinem Online-Magazin nimmt Sie Steve mit auf seine Recherchen. In unregelmäßigen Abständen erscheinen hier Reportagen, die eine Perspektive jenseits der üblichen Klischees bieten. Wir entdecken Amerika, indem wir Washington hinter uns lassen. Indem wir Kifferïnnen interviewen, Separatistïnnen besuchen, einem Botox-Doktor aufs Skalpell schauen und "Black Lives Matter"-Aktivistïnnen auch dann noch begleiten, wenn ihre Demo längst vorbei ist. Waffenrecht, Todesstrafe und Abtreibungsstreit? Auch das ist Amerika. Aber eben nicht nur.

Durch dieses Eintauchen ins pralle Leben entsteht ein mehrdimensionaler und trotzdem kritischer Blick auf ein Land, das sich ständig wandelt. Und Sie sind dabei.

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