Dialog in der Bibliothek: Wie Psychotherapie aus der Tabu-Zone geholt werden kann

Psychotherapie ist kein Tabu mehr – könnte man meinen. Trotzdem ist darüber wenig bekannt. Das Format „Into Therapy“ will daran etwas ändern.

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Ein Herz, das von einer Mauer umgeben ist, dessen Steine langsam brökeln

Was früher unter vier Augen besprochen wurde, bekommt inzwischen immer mehr Aufmerksamkeit: Auf sozialen Medien trenden Hashtags wie #mentalhealth. Junge Frauen reden auf Instagram über ihre Borderline-Persönlichkeitsstörung, eine Journalistin twittert über Depressionen im Beruf, ein älterer Mann über seinen Aufenthalt in der Psychiatrie. Die Offenheit in sozialen Medien zeigt, dass seelische Erkrankungen und Psychotherapie kein Tabu mehr sein müssen.

Doch nur jeder fünfte Betroffene mit einer psychischen Krankheit begibt sich auch in eine entsprechende ärztliche Behandlung. Laut einer Analyse eines Teams rund um den Forscher Simon Mack von der Hochschule Fresenius vergehen bis zur Behandlung sechs bis sieben Jahre.

Mit ihrem Masterclass-Projekt „into therapy“ wollen die Journalistinnen Corinna Hartmann und Lisbeth Schröder das Thema aus der Tabu-Zone holen. Bei einer Veranstaltung an der Ruhr-Universität Bochum informierten sie mit den mitwirkenden Expertinnen und Experten Interessenten über die verschiedenen Therapieformen und gaben Einblicke zu dem, was hinter verschlossenen Türen passiert.

Die Journalistinnen Corinna Hartmann und Lisbeth Schröder
Die beiden Journalistinnen Corinna Hartmann (links) und Lisbeth Schröder (rechts) haben das Projekt initiiert.

Die Idee für „Into Therapy“

Mit dem Tabu brechen, das einer Psychotherapie anhaftet – das war schon länger das Anliegen der beiden Journalistinnen. Hartmann hat Psychologie studiert, Schröder ihre Masterarbeit zum Thema „Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Medien“ geschrieben. Auch angeregt durch eigene Erfahrung entstand der Wunsch, dass eine Psychotherapie genauso selbstverständlich wird wie der Gang zum Arzt. Als sie die Ausschreibung zur Masterclass Wissenschaftsjournalismus der Riffreporter sahen, die von der Robert Bosch Stiftung gefördert wird, wollten sie die Chance ergreifen: „Wir wollten zusammen mit einer Bibliothek etwas bewegen“, erzählt Schröder. Zudem wollten sie die fachliche Expertise nutzen, die sie durch die Bibliothek der Ruhr-Universität Bochum erlangten. Eine Universität, die mit dem Studiengang „Psychotherapie“ und namenhaften Experten wie Jürgen Margraf, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie, reichlich zur Enttabuisierung und Erforschung der Behandlung beigetragen hat.

Eine Veranstaltung entsteht

Nur wo soll man ansetzen, um etwas zu enttabuisieren und Klischees zu überwinden? In den Medien werden etwa etwa Menschen mit Schizophrenie oft als gewalttätig, Menschen mit Depressionen als unmotiviert dargestellt. Hartmann und Schröder tauschten sich dazu mit den anderen Fellows der Masterclass aus, bekamen Input zu guter Kommunikation etwa von Mai Thi Nguyen-Kim oder Marvin Neumann und erfuhren zum Beispiel bei einem Vortrag von Marie Østergård, Leiterin der renommierten Stadtbibliothek von Aarhus in Dänemark, wie man eine Bibliothek als lebendigen Ort gestalten kann.

Schnell standen die drei Säulen des Projektes: Infos geben, Persönliches erzählen und Hilfsangebote aufzeigen. Die beiden Masterclass-Fellows wollten nicht mit trockenen Vorträgen das Projekt gestalten, sondern mit interaktiven Möglichkeiten, Spaß und auch intimen Geschichten. Somit sollten die Menschen erfahren, welche Therapieform für sie selbst vielleicht geeignet ist, aber auch durch „Peers“, also Gleichaltrige, die Hemmungen verlieren, eine anzufangen. Die Hilfsangebote dienten als letzter Schritt, sich etwa mehr zu seinem eigenen Leiden zu belesen oder konkret zu erfahren, wo man sich in Bochum Hilfe holen könnte. All dies wurde im Vorfeld der Veranstaltung in dem gleichnamigen Social-Media-Kanal „Into Therapy“ gebündelt, der auf das Projekt aufmerksam machen wollte.

Doch zunächst mussten Schröder und Hartmann vieles aufgrund der Corona-Pandemie anpassen: Die zunächst hybrid geplante Veranstaltung konzipierten sie nun komplett digital. Zudem mussten sie sich auf die langen Vorlaufs- und Planungszeiten der Bibliothek einstellen, die sie im schnelleren journalistischen Alltag nicht gewohnt waren. Und auch das Marketing war ein eher neues Feld für die Journalistinnen: Während die Werbung am Anfang eher schleppend verlief und sich relativ wenige Menschen anmeldeten, mussten sie in der Woche vor Beginn einzelne Workshops schließen, da diese komplett ausgebucht waren.

Mit Infos, Geschichten und praktischen Hilfestellungen

Nach Monaten der Vorbereitung kam der Tag der Veranstaltung. Zunächst der Vortrag von Professor Jürgen Margraf: Hier erfuhren die Teilnehmenden unter anderen, welche Effekte eine Therapie haben kann. Margraf gab ihnen aber auch praktische Alltagstipps: Zum Beispiel, sich mindestens eine positive Aktivität am Tag einzuplanen. Für den Forscher selbst ist dies etwa, sich einen richtig guten Kaffee zu machen. Für andere kann es ein Spaziergang sein, ein Treffen mit einer Freundin oder das Tanzen am Abend.

Der Tiefenpsychologe Bernhard Strauß und der Verhaltenstherapeut Wolfgang Lutz diskutierten darüber, welche Therapieform nun die beste sei. Bei der psychodynamischen Therapie schaut man sich eher unbewusste Konflikte genauer an, die eine wichtige Rolle bei der Entstehung psychischer Erkrankungen spielen. Bei der Verhaltenstherapie behandelt man eher Konflikte im Hier und Jetzt. Das Fazit: Die Therapieformen verschwimmen nicht selten in der Praxis und oft käme es eher auf die Beziehung zum Therapeuten oder zur Therapeutin an, ob die Behandlung wirklich Erfolgschancen hat.

Bei einem „Therapie-Café“ konnten sich Teilnehmende über ihre Psychotherapie austauschen. Dafür suchten Hartmann und Schröder im Vorfeld drei Studierende, die bereit waren, über ihre Erfahrungen zu berichten. Mit ihnen fingen sie das Gespräch an. Am Anfang hatte der Großteil der Teilnehmenden die Kamera ausgeschaltet und die Fragen wurden vor allem über den Chat gestellt. Als jedoch mehr darüber gesprochen wurde, warum Menschen, die eine Psychotherapie machen, immer noch stigmatisiert werden, änderte sich etwas: Immer mehr der Zuschauenden schalteten plötzlich ihre Kamera ein, begannen von ihren Erfahrungen zu erzählen und stellten die Fragen öffentlich.

Eine der drei Studierenden erzählt: Warum ich beim Therapie-Café mitgemacht habe:

„Niemand von uns muss sich alleine zuhause mit seinen Problemen quälen, weil er denkt als “verrückt" abgestempelt zu werden. Auch nicht, wenn er den Schritt tut, einen Therapeuten aufzusuchen. Neben dem normalen täglichen Wahnsinn drückt aktuell auch Corona aufs Gemüt. Wer sich eine Grippe einfängt, schämt sich doch auch nicht zu sehr dafür, damit zu seinem Hausarzt zu gehen, um sich medizinisch betreuen zu lassen. Es wird Zeit, mit Stereotypen und unangebrachtem Scham aufzuräumen! Das Leben ist viel zu kurz und vor allem zu schön, um sich in seinen Problemen zu verlieren. Wer sich Hilfe sucht kann nur gewinnen!"

Ein besonders beliebter Teil der Veranstaltung war der Workshop „Smarte Ziele setzen, das Wohlbefinden fördern“ mit Svenja Schaumburg von der Ruhr-Universität Bochum. Die Psychologin übertrug hier die Erfahrung aus den für die Universität konzipierten Online-Gruppentrainings auf das Format der beiden Journalistinnen. Die Teilnehmenden erfuhren dabei, was ein gutes Ziel beinhaltet: Es muss möglichst konkret und spezifisch sein, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert – also klar sein, bis wann das Ziel am besten erreicht werden kann.

Zuletzt galt es aber auch, den Teilnehmenden praktische Tipps zu geben: So erfuhren sie etwa bei der Fragerunde zur Ersten Hilfe der Psychologischen Studienberatung und des Behandlungszentrums für psychische Gesundheit in Bochum, an wen sie sich in einem Krisenfall wenden können und was etwa bei einer entsprechenden Beratung geschieht. Bei dem Rechercheworkshop hingegen lernten die Teilnehmenden mehr über ihre eigene oder die Erkrankung anderer zu recherchieren. Mit den Ressourcen der Universität konnten sie gezielt nach Fachliteratur suchen. Zudem erzählten die Journalistinnen, was sie selbst bei ihrer Recherche nutzen – etwa das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen DSM-5 oder Leitlinien, an denen sich Ärzte auch bei der Behandlung anderer Krankheiten orientieren können. Als Beispiel wurde zu einer Spinnenphobie recherchiert.

Lockerer, informeller und offener Rahmen

Alles in allem haben etwa 130 Menschen an den Veranstaltungen teilgenommen. Hartmann und Schröder freut es, dass sich so viele für das Thema Psychotherapie interessiert haben. Im Nachhinein haben sie über eine Umfrage sehr positive Rückmeldung bekommen: So schrieb etwa eine Person, die teilgenommen hatte, dass es ein „super guter, lockerer, informeller und offener Rahmen“ gewesen sei. Eine andere fand es etwa interessant, dass verschiedene Therapieschulen wie etwa die Verhaltenstherapie und die psychodynamischen Verfahren besprochen wurden. Die Experten seien nicht so festgefahren gewesen.

Noch eine Weile bespielten die beiden Journalistinnen den Account „Into Therapy“, widmen sich nun aber eher in ihrer alltäglichen journalistischen Arbeit dem Thema Psychotherapie. Für sie ist es immer noch wichtig, dass offener darüber geredet wird. Und dass die Behandlung genau so selbstverständlich wird wie der Gang zum Arzt.

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