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Projektmanagement

Paul Spies über die neuen Teamstrukturen im Museum

von
24.04.2017
6 Minuten
Portrait eines etwa fünfzigjährigen, dunkelhaarigen Mannes vor einem historistischen Gemälde.

„Manche Leute finden das toll, andere sagen: du schwebst.“ sagt Paul Spies. Der Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin hat zwei Jobs, zwei Baustellen, die wohl kaum jemand gleichzeitig angenommen hätte. Erste Baustelle: Das Märkische Museum mit Dependancen wie der Nikolaikirche, dem Ephraim Palais und dem Museumsdorf Düppel. Zweite Baustelle: Die Berlin-Ausstellung im Humboldt-Forum, das 2019 eröffnet werden soll. Thematischer Schwerpunkt wird die Geschichte der Stadt Berlin sein und ihrer internationalen Kontakte, multimedial und partizipativ auf dem neuesten Stand der Kunstvermittlung inszeniert. Paul Spies berät das Intendanten-Trio des Humboldt-Forums, Neal McGregor, Horst Bredekamp und Hermann Parzinger, was nach den Recherchen der Süddeutschen Zeitung zum Planungschaos im Berliner Schloss kein einfacher Job (SZ, 10.4. 2017, S. 9) sein kann.

Spies ist international auf Podien und als Redner gefragt. Sein aus Amsterdam importiertes Museumsmodell erregt Aufsehen. Niemand in Deutschland hat bisher so entschieden dem Museum eine radikale Verjüngungskur verordnet. Spies setzt auf flexibles Projektmanagement anstelle hierarchischer Personalstrukturen. Das habe er unabhängig von dem in der IT-Branche entwickelten Agile Management konzipiert, erzählt Spies.

Agile Management

In Berlin war für ihn der Titel „Generaldirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin“ vorgesehen. Er lehnte ab, Direktor würde reichen. Auch wenn der Museumsmanager auf solche Insignien der Macht verzichtet, macht er keine Abstriche, wenn es um die Sache angeht. 2016 sei das Jahr des Ankommens und der Masterpläne gewesen, der Einführung des Projekt-Managements und neuer Teamstrukturen. 2017 sei das Jahr der Probe, des Ausprobierens neuer Formate im Bereich Ausstellung und Vermittlung gewesen, ein Testlauf für die Zukunft des „Stadtmuseums Berlin“ wie das Märkische Museum demnächst heißen soll.

So plausibel das klingt, so aufwendig ist die Umsetzung. Das Denken in Zielgruppen, die Frage nach der Relevanz der Ausstellungsthemen und neue Formen der Partizipation haben sich zwar viele Museen auf die Fahnen geschrieben, doch nur wenigen glückt die Umsetzung. „Obwohl ich toll finde, dass Inhalte im Museum immer wichtig sind, weil das unser Produkt ist, brauchen wir ein anderes Denken“, sagt Spies. Manager einzustellen, die von der Sache keine Ahnung hätten, sei keine Lösung. Der Schlüssel liegt für ihn in der Etablierung offener Teamstrukturen. „Wenn man eine Zusammenarbeit schaffen kann, in der Kommunikation und Kollegialität im Zentrum stehen, dann kann man sehr viel mehr Kreativität von den Leuten erwarten.“

Große weiß getünchte Halle, die wie ein Kirchenschiff aussieht. Einige Skulpturen stehen im Raum, ein Gemälde hängt an der Stirnwand.
Das Märkische Museum in Berlin wurde im 19. Jahrhundert in Form einer Hallenkirche gebaut. Blick in die große Halle.

Wenn einer dermaßen an die von Hierarchien und eng umrissenen Disziplinen geprägten Fundamente einer jahrhundertealten Institution rührt, muss man fragen, woher er seine Gewissheiten nimmt. Spies leitete von 2009 bis 2015 erfolgreich das Amsterdam Museum, wo es ihm gelungen ist, flexible Teamstrukturen zu schaffen und damit das Museum nach vorne zu bringen. Das sei ein evolutionärer Prozess gewesen, fünf Jahre habe das gedauert, erinnert er sich. Er habe die Rolle des Coaches eingenommen. „Das ist einer, der an der Seitenlinie steht und sich überlegt, wie kann ich das besser zusammenspielen lassen.“

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Im Internet kursiert ein Foto, das Paul Spies im Kostüm des holländischen 17. Jahrhundert zeigt, ganz in schwarz, Pluderhosen und Weste, die Arme in die Hüften gestemmt. Ein Mann, der glücklich ist über das, was er geschaffen hat. Ein bisschen schaut er in die Kamera wie die selbstbewussten Bürger Amsterdams, die sich während des Goldenen Zeitalters gemeinsam auf Gruppenporträts verewigen ließen. Der Schnappschuss scheint in der Amsterdamer Eremitage aufgenommen worden zu sein. Seit 2014 läuft dort die international gefeierte Ausstellung „Porträtgalerie des Goldenen Zeitalters“, die Spies als Direktor des Amsterdam Museums angestoßen hat. Dreißig monumentale holländische Gruppenporträts, für die kein Platz in den Räumen des Amsterdamer Stadtmuseums war, lagerten in verschiedenen Depots. In der weitläufigen Eremitage hingegen stand ein ganzer Flügel leer. Der Musemsdirektor überzeugte Politik, Kolleginnen und Sponsoren von seiner Idee und erwirtschaftete trotz hoher Projektkosten einen satten Überschuss.

Hertha-Fans gefragt

Paul Spies’ Ausstellungsprogramm für 2017 illustriert die Strategien des neuen Direktors. Anlässlich des 125. Jubiläums von Herta BSC feiert im Sommer die Ausstellung „Hauptstadtfußball“ im Museum Ephraim Palais die Bedeutung des Fußballsports für Berlin. Schon jetzt können Fans Erinnerungsstücke aus ihrer persönlichen Sammlung per E-Mail als Exponate vorschlagen. Die Nikolaikirche hingegen soll ein Ort „spektakulärer“ Kunstprojekte und der gesellschaftlichen Debatten werden. Die vor kurzem eröffnete Ausstellung „Sankt Luther“ etwa setzt sich kritisch mit dem Luther-Kult zu Lebzeiten des Reformators auseinander. So wurde damals ein von Luther getragenes Messgewand in kleine Fetzen zerlegt, die – ganz in katholischer Tradition – als Reliquien verehrt wurden. Anfang Mai startet eine der sogenannten Probeausstellungen für das Märkische Museum. „Berlin 1937 – Im Schatten von morgen“ demonstriert anhand von 50 Alltagsdingen, wie die Nationalsozialisten in den Jahren nach der Olympiade 1936 und vor den Novemberprogromen 1938 das öffentliche Leben ideologisch infiltrierten.

Zwei Männer stehen vor einer Wand, auf die – in unterschiedlicher Höhe – einzelne gerahmte Ausstellungsexponate gehängt sind.
Kurator Albrecht Henkys (re.) erläutert Paul Spies die von ihm kuratierte Luther-Ausstellung in der Nikolaikirche.

Die Ausstellungen sind Sache der Projektleiter, der Direktor ist zwischen den verschiedenen Dependancen und dem Humboldt-Forum unterwegs. Gleichwohl bietet er beim Gespräch Tee an. Die Sekretärin ist krank, der Earl Grey ist schnell gemacht. Paul Spies ist jemand, der früh gelernt hat zu improvisieren. Bereits als Student der Archäologie und der Kunstgeschichte erhielt er 1987 gemeinsam mit zwei Freunden einen anspruchsvollen Auftrag. Das Trio sollte Begleitprogramme für die Jubiläumsfeier der Glorious Revolution entwickeln. Es ging um die Geschichte des niederländischen Statthalters Wilhelm III. und seiner englischen Frau Mary, die am Ende gemeinsam die englische Krone übernahmen.

20 Jahre eine Beraterfirma geleitet

Für diesen Job gründeten die drei Studenten die Agentur D’ARTS, eine auf Beratung von Museen spezialisierte Firma, die Paul Spies zwanzig Jahre lang leitete. Nach dem ersten Projekt habe das Team bereits über ein großes Netzwerk verfügt. Inzwischen sind die Aufgaben komplexer, die Verantwortung ist größer, der Blick auf vieles ist anders geworden. Wenn er sagt, er habe früher auf Daten gesetzt, ihm sei dann aber klar geworden sei, dass er eigentlich nie eine Entscheidung aufgrund von Daten getroffen habe, klingt das nach Verhaltensökonomie. Daten seien nur ein Instrument, alles werde jedoch am Ende aufgrund von Gefühlen entschieden, sagt Paul Spies. Es gebe keine Wahrheit, nur Wahrheiten und Umstände.

Das Gespräch kommt nun aber nicht auf die Psychologie des Ausstellens, sondern auf Herman Wijffels, den niederländischen Banker und Wirtschaftspolitiker. Der habe Paul Spies 2010 zu einem Symposium nach Portugal eingeladen, als einzigen Teilnehmer aus der Kultur. Wijffels habe über Nachhaltigkeit gesprochen, darüber, dass ihm als Sohn eines Bauern die Bilanz mit der Natur wichtig geblieben sei. Für Spies wurde dieser Gedanke zur Klammer aller seiner Überlegungen als Museumsmanager: „Man muss der Natur mehr Raum lassen. Wir machen alles kaputt auf dieser Welt. Wir brennen alles ab, Grundstoffe, Brennstoffe, aber auch Arbeit, Leute.“

Ein historisches reetgedecktes Gebäude im Museumsdorf Düppel
Museumsdorf Düppel: Mittelalterliche Stimmung mitten in Berlin.

Eben deshalb liegt ihm ausgerechnet das Museumsdorf Düppel in Zehlendorf besonders am Herzen, wo anschaulich werde, wie die Menschen früher noch mehr mit der Natur gelebt haben. Korn mähen, Hufeisen schmieden, Brotbacken, das war im Mittelalter schwere Handarbeit. Im Düppel lässt sich das Leben von damals nachempfinden. Für Paul Spies stimmt in dem bereits 1975 auf Initiative von Landesarchäologen rekonstruierten Dorf alles: das Thema, die Mitmach-Angebote, das Bürgerengagement. Noch in diesem Jahr soll das Freilichtmuseum ein neues Besuchergebäude erhalten, einen Parkplatz, mehr Personal. Die Saison hat gerade begonnen. Mit Musik und Tanz wurde der Winter ausgetrieben, ganz im Sinne eines lebendigen Museums, wie Paul Spies es vorschwebt.

Dem Holländer hat sein Erfolg Recht gegeben hat. Doch begreift er seine Strategie nicht als Patentlösung für alle Museen. Er wisse, dass viele Kollegen neue Wege beschreiten, aber sein radikales Umdenken ablehnen. „Ich finde es arrogant zu sagen, es ist ein Modell für alle“, sagt Paul Spies und nippt an seinem Tee.

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Carmela Thiele

Carmela Thiele

Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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Die Museen sind in einem tektonischen Verschiebeprozess begriffen. Sie erfüllen als Gatekeeper des Wissens eine wichtige gesellschaftliche Rolle, bieten aber auch multiple Erfahrungsräume und dienen als praktisches Labor des Denkens. DebatteMuseum verfolgt diesen Prozess der Veränderung und der Reorganisation. Das Online-Magazin berichtet seit 2017 über die vielfältige Museumsszene, neue Ausstellungsformen und Vermittlungsstrategien. Es schreiben Carmela Thiele und Gäste.

Nach Katrin Ströbel und Clemens von Wedemeyer hat Bettina Munk das aktuelle Titelbild für DebatteMuseum zur Verfügung gestellt. Es zeigt die Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1 in der Ausstellung Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016. 

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