Blind Erfahrungen machen: Eine Veranstaltung zur Barrierefreiheit im Internet

Viele Menschen haben eine Seheinschränkung. Trotzdem sind die wenigsten Webseiten barrierefrei. Anna Baldig zeigte bei „blind Erfahrungen machen“ in Berlin Hürden und Lösungen auf

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Anna Baldig, eine junge Frau, sitzt an einem orangefarbenen Gartentisch vor der Fensterfront der Bibliothek auf grünem Rasen. Hinter ihr ist ein Zeltdach aufgespannt, auf einem Banner steht „RiffReporter“.

Aus unserem Alltag sind digitale Bildschirmen nicht mehr wegzudenken. Internet und soziale Medien erschließen Informationen, Kontakte und Interaktion. Doch was, wenn man nur eingeschränkt oder gar nicht sieht? Das betrifft laut Statistischem Bundesamt allein in Deutschland Hunderttausende Menschen.

Die Journalistin Anna Baldig hat in ihrem Projekt „Blind Erfahrungen machen“ im Rahmen der Masterclass Wissenschaftsjournalismus untersucht, wie blinde oder seheingeschränkte Menschen durchs Internet navigieren – und was die Anbieter von Webseiten und die Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien tun können, um barrierefreien Zugang zu ermöglichen. Interessierte konnten in einer Projektwoche an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) sogenannte Screenreader ausprobieren und erfahren, wie man als blinde Person journalistisch tätig ist.

Die Vorrecherche

Anna Baldig erhoffte sich von dem Projekt vor allem eines: Für das Thema zu sensibilisieren. Ihrer Ansicht nach sind barrierefreie Angebote breitflächig möglich. „Die Herausforderung ist nur, Barrierefreiheit von Anfang mitzudenken“, sagt sie. Schon bei der Entwicklung, der Grafik und dem Design müsste daran gedacht werden, dass die Inhalte am Ende jedem zugänglich sein müssen. Auch auf der Produktionsseite würde sie sich mehr Diversität wünschen – indem es zum Beispiel mehr blinde oder sehbehinderte Reporterïnnen gibt.

Aber wie sollte das am Besten umgesetzt werden? Zunächst wollte Baldig mehr Wissen sammeln. Hierzu führte sie Interviews mit blinden und sehbehinderten Menschen.

„Viele Lokal- und Tageszeitungen sind leider nicht barrierefrei in der Onlineversion und zudem auch mit Werbeanzeigen versehen, was mir die Nutzung etwas erschwert”, sagte einer von Baldigs Interviewpartnern.

Fotos ohne Bildunterschriften sind für Menschen mit Seheinschränkungen leere Felder. Die unstrukturierte Navigation einer Webseite hindert sie am schnellen Lesen. Und an schlecht bis gar nicht barrierefreien E-Papern scheitert auch der sogenannte Screenreader, mit dem Texte vorgelesen werden können. Für Menschen mit Behinderung ist das Sammeln von Informationen Anna Baldig zufolge „mühsam, langwierig und lückenhaft.“

älterer Mann hält ein Handy in der Hand und lässt sich vermutlich gerade etwas vorsprechen. Blindenstock in der anderen Hand, verschwommener Hintergrund
Wie kann man das Smartphone nutzen, um sich im Internet zurechtzufinden?

Blind Bildbeschreibungen lauschen

Baldig begann deswegen im Rahmen der von der Robert Bosch Stiftung geförderten Masterclass Wissenschaftsjournalismus eine Kooperation mit der ZLB. Sie entwickelte für die Veranstaltungswoche drei Projektformate: Bei einer offenen Sprechstunde konnten Interessierte vor allem Fragen zur Barrierefreiheit im Netz, aber auch generell zum Journalismus stellen. Im zweiten Format ging es darum, selbst die Erfahrungen einer blinden Person zu machen.

Dafür erhielten die Teilnehmerïnnen Augenmasken und konnten den Screenreader ausprobieren. Für den dritten Teil arbeitete Baldig mit der blinden Reporterin Susanne Emmermann zusammen. Auch hierbei wurden die Projektteilnehmerïnnen sensibilisiert, indem sie Augenmasken erhalten haben und ihre Sinne stimuliert wurden. So lauschten sie verschiedenen Bildbeschreibungen und erfuhren dabei, wie blinde oder sehbehinderte Reporterïnnen arbeiten.

Baldigs Fazit: Viele Menschen, mit denen sie gesprochen oder gearbeitete hatte, hatten keine Vorstellung davon, wie sich blinde und sehbehinderte Menschen im Internet bewegen. Der größte Effekt sei immer dann eingetreten, wenn sie ihnen begreiflich machen konnte, dass blinde und sehbehinderte Menschen mit einem Screenreader arbeiten und somit eine Webseite eher einer langen Liste gleicht. Auch Baldig selbst benutzt seit der Masterclass einen Screenreader.

Derzeit überlegt sie, ob sie das Projekt noch einmal anbietet – vielleicht wieder in Kooperation mit einer Bibliothek oder auch mit gemeinnützigen Vereinen.

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