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Schafft es Plastik bis ins Trinkwasser?

Wohin Kunststoffe in der Umwelt wandern und wie gut die Natur das Grundwasser schützt

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18.05.2021
13 Minuten
Eine junge Frau schöpft mit den Händen frisches Wasser aus dem Strahl eines Brunnens.

Mikroplastik ist fast überall, im Meer, in Flüssen, im Boden und in der Luft. Doch beim Trinkwasser kommt es an seine Grenzen – dank einer Kombination aus natürlichen Filterprozessen und menschlicher Technik.

Die Wissenschaftlerin Chelsea Rochman und ihr Kollege Timothy Hoellein nennen es „die globale Odyssee des Mikroplastiks“: Kleinste Teile von Kunststoffen, wie der Abrieb von Autoreifen, die Fasern synthetischer Kleidung oder die Fragmente von Verpackungen und Gegenständen aus Plastik, machen sich auf große Reise um die Welt. Sie wandern von Ort zu Ort, von Flüssen ins Meer, durch die Luft in den Boden, aus dem Schnee auf das Eis.

Parallel zu den natürlichen Kreisläufen auf der Erde sind neue, menschengemachte Kreisläufe entstanden. Es sind Wanderungen von Stoffen, die die Menschen in die Welt gesetzt haben. Den reiselustigen Überresten des synthetischen Zeitalters scheinen kaum Grenzen gesetzt.

Mikroplastik kommt einfach überall hin. Oder doch nicht?

Zu Plastik in der Umwelt liest man selten gute Nachrichten, aber hier ist eine: Es gibt tatsächlich Orte, die Mikroplastik nicht so leicht erreicht, die den kleinen Partikeln und Fasern Grenzen setzen. Diese Orte befinden sich unter der Erde im Gestein, und sie versorgen Milliarden Menschen mit dem lebensnotwendigen Gut Trinkwasser.

Eine ziemlich geniale Einrichtung sorgt dafür, dass es so sauber wie möglich bleibt und sich nur wenige Partikel von der Oberfläche dorthin verirren – die Natur selbst.

Ein glasklarer Quellteich in den Bergen.
Wasser nahe der Quelle in den Bergen des Machairas-Waldes auf der Insel Zypern.

Ein natürlicher Wasserfilter

Grundwasser ist deshalb eine so hervorragende Trinkwasser-Quelle, weil es mehrere natürliche Filterprozesse durchläuft. Wenn Wasser in den Boden gelangt – etwa nach Regenfällen, von bewässerten Feldern, aus Straßengräben oder dem Klärwerk – sickert es zunächst in eine fruchtbare, krümelige Bodenschicht, die Lebensraum für eine Vielzahl kleiner und kleinster Organismen ist.

Es begegnet Bakterien und Pilzen, von denen einige bestimmte Schadstoffe abbauen können, und passiert Bodenpartikel, die gelöste Substanzen aus dem Wasser filtern. Auf dem Weg nach unten fließt das Wasser durch die winzigen Gänge und Poren, die das Leben dort geschaffen hat, wie die Tunnel der Regenwürmer und die Kanäle der Pflanzenwurzeln und Pilzfäden.

Natürlich landet im Boden auch eine Menge Dreck und Müll, der dort nicht hingehört, darunter auch Plastik. Wie viel Mikroplastik in den Böden lagert, wie es sich dort verhält und mit welchen Folgen, ist noch nicht umfassend erforscht.

Mikroplastik kommt im Boden nicht sehr weit, vielleicht zehn bis 20 Zentimeter. (Traugott Scheytt, TU Bergakademie Freiberg)

In Laborversuchen konnte gezeigt werden, dass Regenwürmer Mikroplastik in ihre Tunnel einbauen und von der Oberfläche tiefer in den Boden transportieren können. Wie weit es die Partikel, Fragmente und Fasern aus Kunststoff aber in der Natur tatsächlich in die Tiefe schaffen, ist noch unklar.

Klar ist: Je tiefer, desto dichter und homogener wird die Bodenmatrix – hier bleiben selbst kleine Partikel, die mit dem Wasser nach unten getragen werden, leicht hängen. Und dann ist da noch der Stein, der stärkste Filter, durch den das Wasser passieren muss.

Zwei Männer an einem mit Plastikmüll verschmutzten Fluss in Malawi. Einer hat eine Mülltüte in der Hand, der andere sammelt den Abfall ein.
Nahe Blantyre in Malawi sammeln Anwohner Plastikmüll aus einem Fluss.

Wandert Kunststoff durchs Gestein?

Bei Sand oder Sandstein funktioniert dieser natürliche Filter besonders gut. Denn hier gibt es keine direkten Fließbahnen mehr, das Wasser muss langsam flächig hinabsickern. Selbst feinste Partikel haben es ziemlich schwer, überhaupt noch durchzukommen. Trinkwasser, das aus solchem Stein gewonnen wird, ist also besonders gut vorgereinigt. Für solche Wasserquellen gibt es „praktisch keinen Nachweis für Mikroplastik“, sagt Traugott Scheytt, Professor für Hydrogeologie und Hydrochemie an der TU Bergakademie Freiberg.

Anders sieht es bei Karst- und Kluftgestein aus. Aus solchen Grundwasserleitern speisen sich etwa 30 bis 40 Prozent der weltweiten Trinkwässer, schätzt Scheytt. Diese Gesteinsarten sind anfälliger für Verschmutzungen von oben. Kleine Risse und Hohlräume funktionieren wie Wasserrutschen, über die auch Partikel, Bakterien und Schadstoffe nach unten gelangen können.

Auch der Stein selbst – im Falle von Karst ist das Karbonatgestein wie Kalk aus uralten Korallenriffen – ist durch kleine und größere Zwischenräume und Höhlen poröser und durchlässig. Aus diesem Grund werden solche Trinkwasserquellen in Ländern, die über entsprechende Gesetze und finanzielle Mittel verfügen, besonders streng überwacht und gereinigt.

Das Mikroplastik scheint nicht weit zu kommen

Im Labor versuchen Traugott Scheytt und seine Kollegïnnen besser zu verstehen, wie gut Mikroplastik durch den Boden und darunterliegenden Stein wandern kann. Leicht scheinen es die Überreste des Plastikzeitalters nicht zu haben, wenn der Boden dick genug ist, sagt Scheytt. „Mikroplastik kommt im Boden nicht sehr weit, vielleicht zehn bis 20 Zentimeter.“ Bei einer ausreichenden Bodendicke dürfte der Kunststoff also im Boden zurückbleiben.

Und was passiert mit den Partikeln, die doch tiefer hinunterwandern, etwa entlang von Wurzelwegen?

Kleinste Plastikpartikel auf einer Fingerspitze
Mikroplastik: In kleinen Partikeln gelangen Kunststoffe zum Beispiel aus Duschgel und Reifenabrieb auf verschiedensten Wegen in die Umwelt.

Um das besser zu verstehen, haben die Freiberger das poröse Karstgestein in kleinen Säulen im Labor nachgestellt. Sie beobachteten, dass das Mikroplastik aus Polystyrol zwar mit dem Wasserstrom nach unten rauschte, aber unten nicht vollständig ankam. Wo die fehlenden Partikel blieben, ist ihnen ein Rätsel.

„Wir vermuten, dass es zu einer Extra-Filtration kommt“, sagt Wasserforscher Scheytt, „aber sicher können wir das gerade noch nicht sagen.“ Sammeln sich die Teile vielleicht im Stein, klumpen sie zusammen, oder werden sie vielleicht sogar biologisch abgebaut? Letzteres hält der Wissenschaftler für unwahrscheinlich, anschauen will er sich das trotzdem noch einmal genauer.

Expertïnnen machen sich derzeit wenig Sorgen

Dennoch gibt es bereits erste Forschungsarbeiten, in denen von Mikroplastik-Funden im Grundwasser berichtet wird. Allerdings weisen einige der Studien methodische Mängel auf. Für die Wissenschaft ist es eine Herausforderung, zu verhindern, dass die Proben auf ihrem Weg zur Untersuchung durch feinstes Plastik verschmutzt werden – etwa aus der Luft, der Kleidung und im Labor. Und da oft nicht die gleichen Partikelgrößen herausgefiltert werden, sind die Ergebnisse kaum vergleichbar.

Über Trinkwasser nehmen Sie keine relevanten Mengen Plastik auf. (Thilo Hofmann, Universität Wien)

Die Vielzahl der Funde von Kunststoff-Resten im Grundwasser zeige aber, dass auf jeden Fall Plastik vorhanden ist, sagt Traugott Scheytt. Doch der Hydrogeologe ist entspannt. „Ich persönlich mache mir beim Thema Plastik im Grundwasser derzeit keine Sorgen“. Die Anzahl der gefundenen Plastikpartikel ist bei den Studien, die Expertïnnen als fundiert einstufen, relativ gering. Scheytt hält beim Trinkwasserschutz andere Probleme für wichtiger als die mit Mikroplastik – darunter Bakterien und Arzneimittelrückstände aus dem Abwasser sowie Pestizide aus der Landwirtschaft.

Kleinste Plastikteile zwischen Sandkörnern.
In den meisten Gegenden der Welt ist Plastik in der einen oder anderen Form allgegenwärtig – wie hier in einer Sandprobe aus Portugal. Doch das Grundwasser ist gegen Kunststoffe erstaunlich gut abgeschirmt.

Auch das deutsche Umweltbundesamt (UBA) sieht keine Gefahr einer Verschmutzung des Trinkwassers durch Plastikpartikel und keine gesundheitlichen Risiken durch eventuell auftretende Partikel. „Das Trinkwasser kommt zu einem Großteil aus Grundwasserleitern, die sehr gute und sehr große Filter darstellen – Plastik kann aus physikalischen Gründen nicht bis zum Trinkwasserbrunnen vordringen“, sagt Aki Sebastian Ruhl, Fachgebietsleiter am UBA.

Auf dem Weg zum Hahn: Abrieb aus den Rohren?

Das österreichische Umweltbundesamt führt Grundwasser ebenfalls bisher nicht als Medium, das stark mit Mikroplastik kontaminiert ist. Es sei „grundsätzlich gut geschützt”, schreibt Sabine Enzinger, die dort für die Kommunikation zuständig ist. “Ein möglicher Mikroplastik-Eintrag” könne aber “im Nachhinein durch die Trinkwasseraufbereitung oder den Transport passieren, zum Beispiel als Abrieb von Plastikrohren.”

Aus Leitungen, Ventilen oder Armaturen, über die das Wasser zu den Verbraucherïnnen gelangt, könnten kleinste Mengen Kunststoff ins Wasser gelangen, erläutert Aki Sebastian Ruhl vom deutschen UBA. So könnten im Leitungswasser kleinste Mengen zu finden sein. Allerdings könnte es sich dabei auch um Kontaminationen bei der Sammlung, Behandlung und Analyse handeln. Plastik ist einfach so allgegenwärtig, dass es leicht in den Proben landen kann.

Kaum Plastik-Konsum durch Trinkwasser

„Sie müssten schon wirklich Klimmzüge machen, um sich eine Situation vorzustellen, wo Mikroplastik ins Trinkwasser gelangt“, sagt Umweltwissenschaftler Thilo Hofmann von der Universität Wien. Hofmann hat zum Transport von Nanopartikeln und organischen Schadstoffen im Grundwasser geforscht. Auch er macht sich um Mikroplastik im Trinkwasser keine Sorgen, vor allem dann nicht, wenn es aus Grundwasser stammt.

Selbst, wenn Trinkwasser von der Oberfläche von Flüssen oder Talsperren geschöpft wird, lasse sich die Mikroplastik-Belastung durch gute technische Aufbereitung auf ein Minimum reduzieren, erklärt der Wissenschaftler. „Über Trinkwasser nehmen Sie keine relevanten Mengen Plastik auf“, ist sein Fazit. Tausende Partikel in einem Liter Trinkwasser klängen vielleicht nach einer Menge, seien aber im Vergleich zu den unzähligen natürlich vorkommenden Partikelchen im Trinkwasser verschwindend wenige.

Einzig, wenn Trinkwasser von der Oberfläche geschöpft und dann nicht richtig aufbereitet würde, könnte es zu höheren Belastungen mit Plastik kommen, sagt Hofmann. Doch in Ländern, in denen das Wasser nicht so aufwändig gereinigt werden kann, gäbe es deutlich wichtigere Probleme für die Trinkwasserversorgung, etwa pathogene Keime, die schwere gesundheitliche Folgen haben können.

Sauberes Wasser in einer unterirdischen Betonkammer.
Der Wasserspeicher in Krottenbach fasst Millionen Liter Trinkwasser für die Stadt Nürnberg. Er speichert Grundwasser aus dem rund 100 Kilometer entfernten Wasserwerk Genderkingen im Donau-Lech-Dreieck.

In einer neuen, noch unveröffentlichten Forschungsarbeit haben Thilo Hofmann und seine Kollegïnnen auch die Frage untersucht, ob Mikroplastik als Vehikel dienen könnte, um Schadstoffe ins Grundwasser zu transportieren. Ihr Ergebnis ist beruhigend: „Da geht in der Regel nichts“, sagt Hofmann, „bei der Verschmutzung des Grundwassers mit Schadstoffen spielt Mikroplastik keine große Rolle“.

Die richtig fiesen Wasser-Saboteure

Größere Sorgen bereiten dem Umweltwissenschaftler die sehr mobilen und langlebigen Stoffe, die verbreitet im Trinkwasser vorkommen, toxikologisch bedenklich sind und sich selbst mit Aktivkohle nicht richtig aus dem Wasser reinigen lassen, wie etwa Perfluoroktansäure (PFOA). PFOA und verwandte Chemikalien kommen in Feuerlöschschäumen, Outdoor-Textilien und anderen Produkten zum Einsatz und wurden etwa für die Produktion beschichteter Teflon-Pfannen eingesetzt.

Die Chemikalien stehen zum Teil im Zusammenhang mit Kunststoffen oder ihrer Produktion, wo es schon schwere Lecks mit desaströsen Folgen gab. Doch ihr Einsatz geht weit über die Plastikwelt hinaus. Sie sind deutlich schwerer zu entfernen als Mikroplastik-Partikel oder -Fasern, die in der Trinkwasserfiltrierung meist im Sand hängen bleiben. In der Europäischen Union ist PFOA mittlerweile verboten. Um solche sogenannten „Forever Chemicals“ aus dem Trinkwasser zu holen, müsse man die persistenten Chemikalien bei der 4. Reinigungsstufe des Abwassers aufwändig zerstören und filtern, erklärt Hofmann – und das sei sehr teuer.

Geringe Beweislage, mediale Verwirrung

2019 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Bericht über “Mikroplastik in Trinkwasser”, der in den Medien einige Verwirrung auslöste. Während manche Schlagzeilen suggerierten, der Bericht der WHO sei als Warnung zu verstehen, interpretierten ihn andere als das Gegenteil.

Selbst Nanoplastik dürfte an die Grenze kommen. (Nils Bohmer, Dechema)

Dabei hatte die Weltgesundheitsorganisation lediglich erklärt, nach derzeitigem Wissensstand gäbe es keinen Anlass zur Beunruhigung – und wichtigere Probleme. Man sehe keine Hinweise, dass Plastikpartikel im Trinkwasser, die darin enthaltenen Chemikalien oder Schadstoffe und Pathogene auf ihrer Oberfläche ein ernstzunehmendes Risiko für die Gesundheit des Menschen darstellten. Allerdings fehle es an fundierten Studien und vergleichbaren Daten, um sichere Schlussfolgerungen ziehen zu können, so die WHO-Expertïnnen.

Das darauf folgende mediale Chaos nannte die Plastikforscherin Chelsea Rochman auf Twitter “ein perfektes Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Bericht angefordert wird, bevor die Beweislage über die Auswirkungen von Mikroplastik auf die menschliche Gesundheit ausreichend klar ist.”

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Je winziger, desto…? Offene Fragen zu Nanoplastik

Auch eine andere Frage bleibt ungeklärt: Nämlich die nach den noch viel kleineren Partikeln aus Plastik, dem Nanoplastik, das möglicherweise in der Umwelt durch den Zerfall größerer Müllteile entstehen könnte. Nanoplastik ist bis zu tausendfach kleiner als Mikroplastik und spielt von der Größe her in derselben Liga wie Viren.

Wie viel Nanoplastik überhaupt in der Umwelt vorhanden ist, wie es sich verhält, und welche Folgen es für Menschen und Ökosysteme hätte, ist nicht geklärt. Könnte Nanoplastik den natürlichen Bodenfilter zum Grundwasser überwinden und so eine größere Gefahr für die Trinkwasser-Versorgung sein als Mikroplastik?

“Selbst Nanoplastik dürfte an die Grenze kommen”, sagt Nils Bohmer, Nanotoxikologe bei der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. (DECHEMA). Je kleiner die Plastikpartikel werden, desto mehr ihrer Atome befinden sich an ihrer Oberfläche, die dann wiederum mit ihrer Umgebung chemische oder physikalische Bindungen eingehen können. In Abhängigkeit ihrer Materialbeschaffenheit können Nanopartikel dadurch stärker mit der Umwelt reagieren. Sie kleben praktisch fest.

“Im Boden gibt es Molekülstrukturen, in denen die Nanopartikel gefangen werden könnten”, vermutet Bohmer. Das könnte die Nanopartikel auf dem Weg ins Grundwasser aufhalten, sagt der Experte. Doch ob das tatsächlich so ist, muss erst noch erforscht werden – und könnte unter anderem auch von der Beschaffenheit des Bodens und der Höhe des Grundwasserspiegels abhängen.

Wandert Nanoplastik durch die Bodenporen und den Stein?

Denise Mitrano, die an der ETH Zürich zur Umweltchemie anthropogener Materialien forscht, hat in einem Laborversuch mit getrocknetem Abwasserschlamm allerdings festgestellt, dass Nanoplastik mobiler sein kann als Mikroplastik. In der Bodensäule, die die Wissenschaftlerin nutzte, um den Prozess zu simulieren, bewegte sich das Nanoplastik genauso gut wie das organische Material.

Das könnte bedeuten: Wenn Nanoplastik im Klärschlamm ist und dieser auf die Felder ausgebracht wird, könnte das Plastik ebenso gut in den Boden eindringen wie die organischen Stoffe, mit denen der Boden gedüngt wird.

Mikroplastik sei zu groß, um die Poren des Bodens zu durchwandern, erklärt Mitrano. Nanoplastik hingegen könnte den Boden leichter passieren, vermutet die Forscherin. Wichtig sei natürlich zu differenzieren, was für ein Boden das genau sei, und was für ein Plastikmaterial. Pauschal könne man nicht sagen, wie gut und weit sich die winzigen Kunststoffteile bewegen und ob sie das Grundwasser erreichen können oder nicht.

Es ist von der Analyse her sehr schwer, überhaupt Nanoplastik in Proben zu finden. (Denise Mitrano, ETH Zürich)

In einem Paper in Nature Nanotechnology umreißen Mitrano und ihre Kollegen Peter Wick und Bernd Nowack das noch junge Thema Nanoplastik und seine vielen offenen Fragen. Dass das Grundwasser frei von Nanoplastik sei, sei auf jeden Fall längst noch nicht sicher, so die Forscherin.

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Eine Frau mit Handschuhen nimmt an einer großangelegten Säuberungsaktion am verschmutzten Uru Uru-See teil.
Plastik, so weit das Auge reicht. Am Uru-Uru-See in Bolivien haben sich über viele Jahre Plastikabfälle angesammelt. Diese Frau nimmt Anfang April 2021 an einer großangelegten Sammelaktion teil.

In der Erforschung des Plastikmülls ging es viele Jahre nur um die Meere, dann rückten die Flüsse und Seen in die Aufmerksamkeit, mittlerweile haben Forscher kleinste Plastikteile auch im Boden, in der Luft, im Schnee und arktischen Meereis gefunden – und in zahlreichen Lebewesen. Zum Grundwasser und dem ganz kleinen Nanoplastik dringt die Forschung erst jetzt vor. Da setzt aber allein die Methodik noch Grenzen: „Es ist von der Analyse her sehr schwer, überhaupt Nanoplastik in Proben zu finden“, sagt Denise Mitrano.

Trinkwasserwerke dürften Mikro- und Nanoplastik entfernen

Die Stadt Zürich, wo die Forscherin arbeitet, bezieht ihr Trinkwasser aus einem großen See. Mithilfe eines Markers haben Mitrano und ihre Kollegïnnen untersucht, wie der typische Ablauf an Filterstufen das Wasser aus dem See reinigt. Das Ergebnis sieht gut aus: „Nanoplastik und Mikroplastik werden in der üblichen Trinkwasseraufbereitung sehr gut ausgefiltert“, berichtet die Wissenschaftlerin.

Allerdings müsse man sich bewusst sein, dass es viele Quellen für Mikroplastik gibt, sagt Mitrano. Das Wasser könne „völlig sauber aus dem Hahn kommen, und dann fällt möglicherweise doch etwas Plastik aus der Raumluft ins Glas“, sagt Mitrano. Ob drinnen oder draußen, oft schweben bereits kleinste Mikropartikel in der Luft. Ob und wie groß die Gefahren für die menschliche Gesundheit durch den Konsum kleiner Plastikteile sind, ist allerdings noch gar nicht wirklich klar.

Plastikflaschen bis zur Decke gestapelt im Supermarkt.
Wir sind es gewohnt, Wasser aus Plastik zu trinken. Forschende untersuchen, ob Stoffe von der Verpackung ins Wasser übergehen.

Wasserflaschen enthalten mehr Plastik als Leitungswasser

In Ländern mit gutem Trinkwasser wie Deutschland lässt sich das Leitungswasser direkt aus dem Hahn trinken – sofern keine Verunreinigungen wie die aus alten Bleileitungen im Haus dagegen sprechen. Das spart Verpackung, Flaschen, und damit Müll, der möglicherweise in die Umwelt gelangt. Wasser aus dem Hahn enthält auch weniger Mikroplastik als verpacktes Wasser.

Darena Schymanski vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe hat in einer Studie die Mikroplastik-Konzentrationen im Wasser aus Plastik- und Glasflaschen sowie Getränkekartons verglichen. Mehrweg-Flaschen, aus Plastik wie aus Glas, schnitten dabei schlechter ab als Einweg-Flaschen und Kartons.

Das liegt möglicherweise daran, dass sie mitsamt Etiketten und Deckel aus Kunststoff durch einen Waschungsprozess gehen. Die höchsten Konzentrationen befanden sich in den Mehrwegflaschen aus Plastik, die womöglich auch eigenes Material ins Wasser abgaben.

Wir müssen verstehen, was da unten passiert, um frühzeitig reagieren zu können, wenn das Trinkwasser in Gefahr ist. (Traugott Scheytt, TU Bergakademie Freiberg)

Keine Panik, mehr Forschung, weniger Müll

Mit wachsender Plastik-Produktion landet eine wachsende Menge an Müll in der Umwelt – und die zerfällt, Stück für Stück, in immer kleinere Teilchen. Das wird nach und nach zum Erbe für zukünftige Generationen. „Was ich mich frage, ist, ob es sich über die Zeit dort unten ansammelt, “ sagt Hydrogeologe Traugott Scheytt, der die Bewegungen von Plastik im Karstgestein untersucht hat. „Deshalb müssen wir das weiter beobachten und messen. Wir müssen verstehen, was da unten passiert, um frühzeitig reagieren zu können, wenn das Trinkwasser in Gefahr ist.“

Gleichzeitig heißt es verhindern, dass noch mehr Kunststoff in der Umwelt landet. Denn selbst, wenn das Plastik auf seiner globalen Odyssee noch nicht das Trinkwasser erobert haben sollte, so doch so ziemlich alles andere.

Wenn der Boden es als natürlicher Filter aufhält, ist es immer noch dort, wo es nicht hingehört. Was Mikro- und Nanoplastik in der Luft, in Meeren, Flüssen, Böden und Körpern so alles anstellt, ist auch heute noch nicht vollständig geklärt. Aber ganz sicher wäre es schlau, nicht immer mehr dieser kleinen Kunststoffteile auf Reise zu schicken. Zurückholen können wir sie nicht.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden vom European Journalism Centre durch das Programm „European Development Journalism Grants“ gefördert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

Danksagung: Eine ganze Reihe von Menschen haben Tipps und Hintergründe zu dieser Recherche beigesteuert, über Twitter, E-Mail und persönliche Gespräche. Herzlichen Dank dafür an R. Andreas Kraemer, Anne Jäger, Alexandra Bartschat, Bethanie Carney Almroth, Carolin Völker, Dorothy Horn, Hans Peter Arp, Jenni Gadd, Johanna Kram, Katharina Wojczenko, Katrin Mackenzie, Laura Markley, Martin Wagner, Melanie Bergmann, Nina van Toulon, N.S. Magesh, Patricia Villarrubia-Gómez, Patrick Chandler, Paul S. Schernitzki, Pia. M. Kohler, Rebecca Altman, Robert Lütkemeier, Scott Coffin, Sarah Schönbauer, Sonja Bettel, Stefan Bröker, Steve and Deonie Allen, Stefanie Maaß, Teresa Baraza, Timnit Kefela, Thomas Track und Thomas Baker.

Transparenzhinweis: Die Studie zum Transport von Mikroplastik durch Regenwürmer wurde im Labor von Matthias Rillig an der Freien Universität Berlin durchgeführt. Die Autorin hat im Winter 2020/1 mit dem Labor für die Produktion der Podcast-Serie “Life in the Soil” zusammengearbeitet.

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Anja Krieger

Anja Krieger

Anja Krieger ist Kulturwissenschaftlerin, freie Journalistin und Produzentin des Plastisphere-Podcasts. Sie beleuchtet die ambivalente Beziehung der Menschen zu Kunststoffen und die Frage, wie die Vermüllung der Umwelt durch Plastikmüll aufgehalten werden kann.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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