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Alles im Fluss?

Wenn das Wasser abhanden kommt

von
07.06.2021
3 Minuten
Es ist trocken, die Weiden treiben aus, mitten im Flussbett. Die Schwarza bekommt  das nur mehr wenig Wasser nach dem Wehr.

Schifffahrt, Stromerzeugung, Bewässerung. Es gibt viele Begehrlichkeiten, die den Flüssen das Wasser entziehen. Mit zunehmender Technisierung schwillt das Problem deutlich an. Weltweite Mega-Flussbauten und ihre Auswirkungen.

Spricht man von Fluss, denkt man an Wasser. Doch das ist nicht immer vorhanden. Weltweit fallen 60 Prozent aller Flüsse trocken- natürlicherweise. Manchmal verschwindet das Wasser plötzlich in den Untergrund.

Flüsse besitzen ihre ganz eigene Dynamik- sofern der Mensch nicht eingreift. Das tut er aber seit zwei Jahrhunderten immer intensiver. Befahrbarkeit, Stromerzeugung und Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen rauben den Flüssen oft ihre Lebenskraft.

Vor etwa 200 Jahren begann der Mensch Flüsse nach seiner Façon zu formen. Statt der mäandrierenden, von Wirbeln und Kaskaden geprägten Fließgewässer entstanden Kanäle und gleichförmige Gerinne. Saisonale Begleiterscheinungen wie Hochwässer und Trockenzeiten waren eine Plage! Also wurden Flussläufe begradigt und Flussabschnitte aufgestaut: perfekte Voraussetzungen für Wasserstraßen und für eine kalkulierbare Energieversorgung. Nun zeigt sich, was das für die Natur und die Biodiversität bedeutet.

Denn bilden natürlich trockenfallende Flüsse wie der Tagliamento in Italien oder der Flinders Fluss im australischen Queensland durch die „gepulste“, also an- und abschwellende Wasserführung wichtige Korridore und Wanderrouten für terrestrische Tiere, so bewirken menschengemachte Eingriffe genau das Gegenteil.

Ein Rundblick um die Welt

Der Gewässerökologe und Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt, Klement Tockner, hat den Tagliamento vor vielen Jahren ausführlich erforscht. In einem Online-Vortrag sprach er kürzlich über die Veränderung der Welt, in der ganz und gar nichts im Fluss ist.

Beispiel Balkan: In den vergangenen 40 Jahren hat die Wassermenge in den Flüssen um 80 Prozent abgenommen. Mehr als Dreiviertel des gesamten Abflusses sind versickert, im wahrsten Sinne des Wortes: Denn das Wasser wird hauptsächlich für die Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen verwendet.

Beispiel Nil: Der Assuan Staudamm befindet sich in Oberägypten, er wurde 1970 fertiggestellt, vier Jahre dauerte die Befüllung des Nasserssees mit bis zu 169 Kubikkilometer Inhalt. Damit werden pro Jahr Wassermengen in der Größe des Rheins an seiner Mündung zurückgehalten. Damit wird Strom erzeugt, unter anderem für Fabriken zur Herstellung von Kunstdünger, erzählte Klement Tockner. Als der Nil noch frei fließen durfte, überschwemmte und düngte er die Felder auf natürliche Weise mit seinem Schlamm.

Mit der Grand Ethiopian Renaissance Talsperre, die seit dem Jahr 2011 in Äthiopien errichtet wird, geht das Bauen von Megaprojekten am Nil weiter. Allein die Staumauer ist 145 Meter hoch. Dieses Kraftwerksprojekt ist das größte in Afrika mit erwarteten 6000 Megawatt Leistung.

Beispiel Rogun: Zwischen Tadschikistan/ Kirgistan und Usbekistan wurde in den 1970er Jahren, also noch zu Sowjetzeiten, begonnen ein Wasserkraftwerk zu bauen. Nach mehr als vierzig Jahren wurde im November 2018 das Kraftwerk Rogun in Betrieb genommen. Es soll 3.600 Megawatt Leistung bringen. Tadschikistan verfügt nicht über Erdöl und Gas, dafür über große Flüsse. Dank derer will man Strom erzeugen und diesen auch exportieren. Das allerdings bekommt Usbekistan negativ zu spüren, fehlt dem Land doch wegen des im Stausee zurückgehaltenen Wassers das wertvolle Nass zur Bewässerung seiner landwirtschaftlichen Flächen.

Beispiel Aralsee: Die Fläche des Sees so groß wie die Schweiz, sein Wasser wurde solange für die Bewässerung der Baumwollfelder genutzt, bis der See austrocknete. Bis Mitte der 1960er Jahre war der Aralsee noch der viertgrößte Binnensee der Welt. Nun werden alte Projekte wieder hervorgeholt, die Wasser aus anderen Regionen liefern sollen.

Immer ausufernder und einschneidender

Die Ausmaße der menschlichen Eingriffe in den natürlichen Lauf und in den Wasserhaushalt der Flüsse erreichen immer gewaltigere Dimensionen. Klement Tockner nennt diese Entwicklung „pandemische Transformation“ des Wasserkreislaufs. In Indien werden die von den Himalaya- Gletschern gespeisten Flüsse auf 15.000 Kilometer umgeleitet. Neue Flusssysteme entstehen, ohne auf den globalen Wasserhaushalt zu achten. Tockner spricht von 203 Kubikkilometern Wasser, das in Zukunft umgeleitet werden soll. Das übertrifft die Gesamtwassermenge großer Flüsse wie dem Rhein.

Auch der Bau von Mega-Wasserkraftwerken geht weiter. Dabei werden sehr oft die Risiken eines Kraftwerks unterschätzt und die erhofften Vorteile überschätzt. Weltweit sind laut Klement Tockner mehr als 3.700 Dämme in Planung oder in Bau. Und das gerade dort, wo die biologische Vielfalt am größten ist: am Amazonas, in Südost-Asien (an den Flüssen Irawadi und Salween), im Balkan.

Gewässer sind aber die artenreichsten Lebensräume weltweit, vergleichbar mit Korallenriffen und tropischen Regenwäldern! Der Appell des Gewässerforschers Klement Tockner: „Die höchste Priorität liegt im Erhalt der freifließenden Flüsse!“

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Ilse Huber

Ilse Huber

Ilse Huber ist im Riff für die Koralle Flussreporter aktiv. Sie thematisiert Lebensräume in Wechselwirkung von Mensch, Klima, Natur und Umwelt.


Flussreporter

Flüsse sind die Lebensadern unserer Landschaften. Sie sind Teil des Wasserkreislaufs der Erde, bedeutender Lebensraum, Wirtschaftsfaktor, Transportmittel, Energielieferant, Sehnsuchtsort. Flüsse sind Biotop und Psychotop gleichermaßen. Wir Flussreporterinnen und Flussreporter verbringen viel Zeit an Flüssen, um Ihnen diesen faszinierenden Lebensraum, seine Bedeutung und seine Bedrohungen in Reportagen, Interviews und Porträts nahe zu bringen. Unsere Beiträge gibt es im Einzelkauf, als Teil der RiffReporter-Flatrate und teils gratis als Leseproben.

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