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Der Tagliamento – Anamnese einer Landschaft.

Eine multimediale Installation von Herwig Turk im Kunst Haus Wien.

von
13.04.2021
7 Minuten
Ein breites Flussbett mit Schotter und verzweigtem türkisem Wasser

Seit mehreren Jahren befasst sich der österreichische Künstler Herwig Turk mit der Flusslandschaft des Tagliamento. Der Wildfluss im oberitalienischen Friaul ist einer der wenigen nicht regulierten Flüsse der Alpen und verfügt über eine sehr hohe Biodiversität. In seiner künstlerischen Auseinandersetzung stellt Turk die Flussgebiete als Orte mit unterschiedlichen Nutzungen und kulturellen Zuschreibungen vor. „Anamnese einer Landschaft“ wird als multimediale Installation im Kunst Haus Wien präsentiert.

Der Fotograf und Künstler Herwig Turk, Jahrgang 1964, ist in St. Veit an der Glan in Kärnten aufgewachsen. Als Kind ist er mit seinen Eltern unzählige Male durch das italienische Kanaltal an die Adria gefahren und hat sich immer gewundert, was das für eine riesige Schotterfläche unter der Autobahnbrücke ist, in der kaum Wasser zu sehen war.

Erst 2016, als ihn UNIKUM, das Universitätskulturzentrum in Klagenfurt/Celovec fragte, ob er an einem Projekt über den Tagliamento mitarbeiten möchte, kam er hinter das Geheimnis des Schotterbandes. Denn es ist der Tagliamento, der sich weit unter der Autobahn seinen Weg durchs Friaul bahnt und bei den berühmten Badeorten Lignano Sabbiadoro und Bibione in die Adria mündet. Er führt bei Hochwasser aus den Karnischen Alpen riesige Schottermengen mit, die er ablagert und sich dazwischen immer wieder neue Wege gräbt. Zwischendurch ist er nur ein Rinnsal oder fällt trocken. Bei Regen jedoch kann er sich in einen reißenden Strom verwandeln und binnen Stunden bis zu einem Kilometer breit werden. Das immense Geschiebe, das er hin und her wälzt, zermahlt er auf seiner Strecke von 170 Kilometern zu feinem Sand, der an der Adria die schönen Strände bildet. Der Tagliamento ist bis weit in die Ebene hinein bis etwa Latisana noch weitgehend unreguliert. Die dynamischen Prozesse des Flusses können großräumig ablaufen und die Topographie bestimmen. Das macht die Faszination dieses Flusses aus und auch seine überdurchschnittlich große Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten und damit große ökologische Bedeutung.

Röntgenkästen und ein Paravent aus einer Arztpraxis mit Fotos des Flusses.
In seiner Ausstellung „Anamnese einer Landschaft“ installiert Herwig Turk die Landschaft des Tagliamento auf altem Ordinationsgerät.
Fotos des Flusses auf Siebdruck-Sieben
Fotos auf Siebdruck-Sieben verschieben die Perspektive der Landschaft.

Herwig Turk hat schon länger über das Thema Landschaft gearbeitet, vor allem über die Salzwüste in Utah in den USA. Diese ist ihm ästhetisch als Labor erschienen und er hat dort verschiedene Versuche der US Army gefunden. Ihn beschäftigt, was er in einer Landschaft vorfindet, was er daraus lesen und welche ökologischen Zusammenhänge daraus verstehen kann. Durch diese Arbeiten ist auch das UNIKUM auf ihn aufmerksam geworden.

Der Fotograf Herwig Turk sitzt vor Videobildschirmen in seiner Ausstellung
Herwig Turk in seiner Ausstellung „Anamnese einer Landschaft“ in der Garage des Kunst Haus Wien.

Herwig Turk fuhr also hin an den Tagliamento, um sich für das UNIKUM gemeinsam mit Studierenden der Universität für angewandte Kunst in Wien mit „Auflösung und Zusammenhalt“ zu beschäftigen. Und – man kann es wohl so sagen – der Tagliamento ließ ihn nicht mehr los: „Seit 2016 war ich ungefähr 20 Mal dort. Für mich ist nicht nur der Fluss interessant, sondern dass die Landschaft dort instabil ist in mehrfacher Hinsicht. Es gab Erdbeben, es gibt Erosion, es war immer eine Transitzone und eine umkämpfte Zone. Man findet viele Spuren der Verwicklungen von kulturellen und natürlichen Faktoren.“

Besonders markant für die Generation von Herwig Turk waren auch die beiden schweren Erdbeben im Friaul um Gemona und Venzone am 6. Mai und am 15. September 1976 mit großen materiellen Schäden; jenes im Mai forderte rund 1.000 Todesopfer. Die Spuren dieser Erdbeben sieht man heute noch in Form von Ruinen verlassener Dörfer und von Bauschutt, der in den Fluss gekippt wurde und dort langsam vom Strom erodiert wird. Herwig Turk: „Die Reste sehen mittlerweile ähnlich aus wie das Konglomerat, das angeschwemmt wird. Es ist eigentlich nicht mehr unterscheidbar.“

Diese und andere Spuren haben den Fotografen so fasziniert, dass er begann, sich mit ihnen künstlerisch auseinanderzusetzen. Aus zahlreichen unterschiedlichen Foto-, Audio- und Video-Dokumenten über die Landschaft und die menschliche Nutzung des Tagliamento hat er für das von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Kunst Haus Wien eine Ausstellung mit dem Titel „Anamnese einer Landschaft“ gestaltet.

Ufer mit Mauerresten und Steinen
Herwig Turk, Schichtung/Stratification 2020.
Röntgenkasten mit Lupe, darin das Foto des Ufers
Herwig Turks Foto Schichtung/Stratification im Röntgenkasten mit Lupe
Der Künstler schaut auf einen Leuchtkasten mit Lupe.
Herwig Turk an einem der Leuchtkästen für Röntgenbilder, die er gesammelt hat und darin nun Fotos des Tagliamento präsentiert.

Der Fluss im Labor

In der Garage des Kunst Haus Wien stehen Röntgenkästen verschiedener Größe, in denen man Fotos der Landschaft des Tagliamento betrachten kann.

„Mit den Röntgenkästen mit Lupe aus der Dentalmedizin suggeriere ich, dass man noch genauer hineinschauen kann in die Landschaft, wie bei der Anamnese eines Patienten“,

erklärt der Künstler. Darin sind z.B. die Reste zerstörter Gebäude zu sehen, die nach den Erdbeben im Fluss landeten.

Bei einem Planschrank kann man mehrere flache Schubladen herausziehen und verschiedene Ebenen des Flusses auf großen Fotos betrachten: Marginale Pflanzengesellschaften zum Beispiel oder angeschwemmtes Totholz, das Inseln und Tümpel bildet und zum neuen Lebensraum für Insekten und Wasserlebewesen wird. Wenn die Schotterinseln und Totholzansammlungen größer sind, entstehen sogar Auwälder darauf. Das Besondere am Tagliamento ist, dass diese Inseln in größeren Zeiträumen auftauchen und wieder verschwinden. Dieser extreme Lebensraum hat die Entwicklung von angepassten Spezialisten ermöglicht (oder erzwungen) und damit eine große Artenvielfalt geschaffen. „Das ist ein Zeichen von Wildflüssen und zeigt uns, was wir in Mitteleuropa weitgehend verloren haben“, sagt Herwig Turk. Der Tagliamento ist in Europa einer der letzten Flüsse, an denen man die Flussdynamik in diesem Ausmaß beobachten und erleben kann.

Künstler öffnet einen Planschrank mit Fotos darin
Im Planschrank kann man sich verschiedene Schichtungen der Landschaft ansehen.

Auf vier Bildschirmen sieht man nebeneinander den wilden Fluss und dann wieder völlig kanalisierte Stellen, was deutlich macht, wie der Mensch in die natürliche Dynamik eingreifen kann.

Man sieht Bauwerke in der großen Schotterlandschaft, wie eine völlig skurriles Brückenteil, das im wahrsten Sinne des Wortes allein auf weiter Flur steht und man sich fragt, was das werden hätte sollen und ob es angesichts eines völlig chancenlosen Unterfangens aufgegeben wurde.

Man sieht eine Ölleitung, die den Fluss quert. Man sieht Schotter, der von einem Berghang herunterrieselt und unten von einer Betonkonstruktion aufgehalten werden soll, wobei man erkennt, dass auch dieses Unterfangen chancenlos ist.

Man sieht Siebdruck-Siebe mit Fotos drauf, über die der Künstler sagt: „Durch die Siebe weiß man nicht, aus welcher Zeit das Foto stammt. So wird Landschaft immer wieder neu verhandelt.“

Darum gehe es ihm, sagt Herwig Turk: „Ich bin kein Aktivist, der nur wild fließende Flüsse verteidigt, was natürlich in unser aller Interesse ist, dass das erhalten bleibt. Mich interessiert, dass die Raumpolitik so ineinander verwoben ist. Das, was der Mensch sich an Raum nimmt, nimmt er dem Fluss weg. Genau da fangen die Probleme an und die Krisen.“

So hat er auch Menschen interviewt, die am Fluss leben und ihn unterschiedlich erleben:

  • Ein Geologe, der Führungen macht für Schulen und versucht, ein Bewusstsein für die Zusammenhänge eines natürlichen Flusssystems zu erzeugen.
  • Ein pensionierter Gärtner, der ein Gartencenter an einer Stelle am Fluss betrieben hat, die von Überschwemmung bedroht ist, und der sich Sorgen macht und die Naturschützer kritisiert, die ja nicht dort leben würden.
  • Die Vorsitzende einer Bürgerinitiative zum Schutz des Tagliamento, die erfolgreich verhindert hat, dass bei Spilimbergo große Auffangbecken für das Geschiebe gebaut werden zwecks Hochwasserschutz, aus denen dann Schotter entnommen worden wäre, was wiederum die Flussmorphologie verändern würde. Die Frau habe Wissenschaftler wie Klement Tockner um sich geschart, der maßgeblich und als einer der ersten zum Tagliamento geforscht hat, erzählt Herwig Turk. So sei es ihr gelungen, das Bauprojekt bisher zu verhindern.

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Videoausschnitt einer Frau am Fluss.
Video eines Interviews von Herwig Turk mit einer Frau, die den Tagliamento schützen möchte.
Bildschirme in Ausstellung, Landkarte, zwei Besucherinnen.
Mehrere Bildschirme mit Videos zeigen die verschiedenen Situationen am Fluss.

Die Ausstellung

„Herwig Turk. Anamnese einer Landschaft“ über den Tagliamento wurde am 13. März 2021 im Kunst Haus Wien eröffnet und soll bis 16. Mai 2021 zu sehen sein. Derzeit sind die Museen in Wien wegen der hohen Covid-19-Zahlen leider geschlossen.

Kunst Haus Wien, Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien, www.kunsthauswien.com

Am 16. April gibt es eine Online-Veranstaltung, bei der Herwig Turk beteiligt sein wird:

Online Future Talk: Climate X Change über Gewässerschutz und Wasserkraft

Freitag 16. April 2021, 18 Uhr

Anmeldung erforderlich unter anmeldung@kunsthauswien.com

„Der Schutz der Gewässer spielt eine zentrale Rolle für den Erhalt unserer Wasserressourcen und natürlichen Lebensräume, die durch die Klimakrise stark gefährdet sind. Nur rund ein Drittel der Fließgewässer in Österreich befindet sich in einem guten oder sehr guten ökologischen Zustand. Welche Schritte sind nötig, um einen langfristigen Schutz der Fließgewässer zu gewährleisten? Wie ist eine Energiewende im Einklang mit Gewässerschutz möglich?“

Mit Paul Ablinger, Geschäftsführer Kleinwasserkraft Österreich, Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer Riverwatch, Regina Hügli, Künstlerin, Herwig Turk, Künstler, Ivo Wakounig, Fridays for Future Aktivist, Moderation: Michael Huber, Kurier.

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Sonja Bettel

Sonja Bettel

Sonja Bettel ist freie Wissenschaftsjournalistin und interessiert sich für große und kleine Vorgänge in der Natur.


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