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„Wir brauchen ein Netzwerk von Biotopen, damit mehr Tierarten bessere Chancen haben“

Der Vogelfragebogen des Radiojournalisten Volker Finthammer

von
13.01.2021
5 Minuten
Durch die Äste eines Nadelbaumes ist ein oranges Auge eines grauen Vogels zu sehen.

Berlin, Anfang Januar. Volker Finthammer hat Urlaub. Den kann der Radiojournalist gut gebrauchen, denn er hat turbulente Wochen und Monate hinter sich. Finthammer ist Hauptstadtkorrespondent des Deutschlandradios; er berichtet aus Berlin für alle drei Programme des Senders – also Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova. Seine Schwerpunktthemen sind Wirtschaft- und Sozialpolitik sowie die AfD, die Partei „Alternative für Deutschland“. 2020 war auch für ihn von der Berichterstattung rund um Corona geprägt.

Vor einem Jahr sah das noch ganz anders aus. Da streifte Finthammer durch den Anklamer Stadtbruch in Mecklenburg-Vorpommern, mit Fernglas und Kamera. Beides hat er immer dabei, die Kamera allerdings nur, um Belegfotos aufzunehmen oder wenn er ein Tier, das er gesehen hat, genau bestimmen möchte. Darum muss die Ausrüstung für ihn leicht und handlich sein: Er hat einen Apparat, den er ans Spektiv montieren kann, sowie eine kleine kompakte Digitalkamera mit einem ordentlichen Teleobjektiv.

Portrait eines grauhaarigen Mannes. Im Hintergrund winterlich kahle Bäume in einem Park.
Volker Finthammer, Hauptstadt-Korrespondent für die drei Sender des Deutschlandradios, ist begeisterter Vogelbeobachter.

Eigentlich hatte er geplant, jetzt zu Jahresbeginn ein paar längere Touren zu unternehmen. Aber die Ausgangsbeschränkungen lassen das zurzeit kaum zu – man findet ja nirgends eine Unterkunft. Außerdem verdirbt das nasse Wetter dem Journalisten die Lust, längere Zeit im Freien zu verbringen. Einen kleinen Trost in Corona-Zeiten bietet immerhin der Grünspecht, den er vor dem Fenster seiner Wohnung in Berlin beobachten kann.

„Bildschirm und Tastatur halten mich vom Beobachten ab.“

Wann, wie und wo haben Sie den Zugang zur Vogelwelt gefunden?

Bereits als Kind. Aber so richtig erst nach der Wende, als ich auf dem Darß einen Seeadler am Straßenrand sitzen sah.

Was bedeutet Ihnen Vogelbeobachten in Ihrem Alltag – und was hält Sie vom Beobachten ab?

Vögel bieten mir Kontemplation, immer wieder. Bildschirm und Tastatur sind die großen Hindernisse.

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Teilen Sie ein besonders schönes Beobachtungserlebnis mit uns?

Just heute Morgen: Ein Eichhörnchen links am Baumstamm vor meinem Fenster und rechts klettert der Grünspecht hoch. Bis sie sich sehen …

„Wenn ich die Nachtigall höre, weiß ich, der Frühling ist da.“

Bei welchen Vögeln tun Sie sich bei der Bestimmung schwer?

Bei den kleinen „bräunlichen“ Singvögeln.

Welchen Gesang hören Sie am liebsten?

Die Nachtigall – dann weiß ich, der Frühling ist da. Und der Habicht – der ist ein Zeichen für die lebendige Stadt.

Ein Vogel mit grün-gelbem Rücken und einem breiten roten Streifen auf dem Köpf hat sich an den Stamm eines Baumes geklammert und hämmert ein Loch in die Rinde.
Von seinem Küchenfenster aus kann Volker Finthammer diesen Grünspecht beobachten.

Gibt es eine Vogelart, die Sie nicht ausstehen können?

Straßentauben, aber nicht wirklich.

Wenn Sie sich CO2-frei an einen beliebigen Ort der Erde zum Vogelbeobachten beamen könnten, wohin?

Südliches Afrika, um die Schlafgemeinschaften der Schreiadler zu sehen.

Was machen Sie mit Ihren Beobachtungen?

Den Moment genießen und ein Foto wagen.

Wenn Sie sich in einen Vogel verwandeln dürften, welcher wäre das?

Da nehme ich den Schreiadler, der langen Zugstrecke wegen.

Ein großer brauner Greifvogel fliegt mit weit ausgebreiteten Schwingen auf den Betrachter zu. Im Hintergrund Äste.
Ein Schreiadler im Nordosten von Brandenburg. Diese Vögel faszinieren Volker Finthammer besonders, weil sie auf ihrem Zug zwischen WInter- und Sommerquartier so lange Wege zurücklegen.

Wenn Vögel unsere Sprache verstehen könnten, was würden Sie ihnen gerne sagen?

Ich würde sie bitten, dass sie nicht aufhören, sich an die Veränderungen durch den Klimawandel, die Belastung durch die intensive Landwirtschaft und durch die Zersiedlung anzupassen. Manche Vogelarten schaffen das schon jetzt, sich mit uns zu arrangieren. Ein Beispiel, wo mir das auffällt: Als ich klein war, gab es kaum Graureiher. Jetzt sehe ich sie häufig mitten in Berlin. Denen hilft es, dass die Gewässer heute sauberer sind als früher. Für andere Vogelarten ist es schwer, weil die Bedingungen nicht mehr stimmen für sie. Naja, und für die Bedingungen sind ja wir verantwortlich.

Wenn Sie sich einen Begleiter zum Vogelbeobachten aussuchen dürften, wer wäre das?

Ein sehr guter Freund aus Leipzig, mit dem ich schon seit mindestens 15 Jahren drei oder viermal im Jahr losziehe. Er macht etwas ganz anderes als ich, arbeitet an einem Museum, aber wir teilen die Begeisterung für Vögel, suchen uns eine interessante Ecke aus, wo wir hinfahren und uns dann überraschen lassen, was da so fliegt. Vorwiegend liegen unsere Ziele in Ostdeutschland. Wir würden beispielsweise nicht nach Südamerika fliegen, nur um mal den Andenkondor zu Gesicht zu kriegen.

Wer ist Ihr Held/Ihre Heldin in Biologie/Naturschutz?

Die Naturschutzverbände und ihre vielen freiwilligen Helfer. Die tun viel für den Schutz der Landschaft und der Lebensräume. So etwas unterstütze ich mit Spenden.

Auf welche ornithologische Frage hätten Sie gerne eine Antwort?

Warum geht die Habicht-Population in Berlin zurück? Von den vier Revieren die ich in meinem Stadtbezirk kenne, ist inzwischen keines mehr besetzt.

„Nachbars Katze fängt die Vögel in meinem Garten.“

Was tun Sie zum Schutz der Vogelwelt? Würden Sie gerne mehr tun? (Und wenn ja, was?)

Spenden und Füttern. Aber Nachbars Katze fängt leider die Vögel in meinem Garten und in der Nachbarschaft. Und dann legt sie ihre Beute auch noch mir vor die Tür! Zum Glück nicht mehr ganz so oft, seit sie älter geworden ist. Ich habe sie den ganzen Winter über nicht draußen gesehen. Solche Katzen, die gefüttert werden, sollten keine Vögel fangen. Aber wenn der Instinkt erst einmal ausgeprägt ist, wird es schwer …

Wie macht Umwelt- und Naturschutz Ihnen am meisten Freude?

Wenn Naturschutzverbände oder Stiftungen Flächen kaufen und so dafür sorgen, dass sie extensiv bewirtschaftet werden, um bestimmte Biotope zu erhalten. Bei Rostock gibt es mehrere solcher Flächen zum Schreiadlerschutz. Wir brauchen ein Netzwerk von Biotopen, damit mehr Tierarten bessere Chancen haben.

Ein braun-gelb gemustertes Entenküken auf einer olivgrünen Wasserfläche. Um das Tier herum Flocken von Pappel-Pollen.
Diese junge Mandarinente hat Volker Finthammer im Mai 2020 auf dem Weißensee in Berlin fotografiert. Sie ist umgeben vom „Schnee“ der Pappeln. An dem Tag waren gleich sieben Küken unterwegs.

Was beunruhigt Sie für die Zukunft der Artenvielfalt am meisten und warum?

Intensivierung der Landwirtschaft und Flächenversiegelung. Beides wirkt extrem auf Lebensräume ein.

Woher nehmen Sie Hoffnung?

Stirbt die nicht zuletzt?

Wenn Sie sich von der Evolution eine neue Vogelart wünschen dürften, wie würde sie heißen?

Da gibt es keinen Wunsch. Es wäre schon toll, wenn bedrohte Arten bessere Überlebenschancen bekämen.

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Joachim Budde

Joachim Budde

Joachim Budde ist freier Wissenschaftsreporter und arbeitet zu allem rund um Insekten. Twitter: @buddepiept


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