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Kampagne für den Schutz der Vjosa

Nationalpark-Status für den einzigartigen Wildfluss wäre große Chance für Albanien

22.10.2021
8 Minuten
Der Fluss Donau mit der Stadt Wien von hoch oben fotografiert, unten auf der Wiese ein weißer Schriftzug.

Die Vjosa ist der zweitlängste Fluss Albaniens und weitgehend naturbelassen. Der Fluss mit seinen tiefen Schluchten und breiten Schotterbänken ist beeindruckend und einzigartig in Europa. Eine Kampagne möchte weltweit darauf aufmerksam machen, dass dieser Fluss unter höchsten Naturschutz gestellt werden sollte.

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„Vjosa National Park Now“ in etwa vier Meter großen weißen Buchstaben aus Baumwollstoff war diese Woche im Donaupark in Wien zu lesen. Die Fluss-Schutzorganisation Riverwatch hat sie gemeinsam mit freiwilligen Helferïnnen aufgelegt, um der Forderung nach einem Nationalpark für das Einzugsgebiet des albanischen Flusses Vjosa aufmerksam zu machen, der einzigartig in seiner Intaktheit ist, aber bedroht durch Kraftwerke und andere Projekte. Insgesamt 23 Mal in verschiedenen Städten und an Orten in Europa und den USA hat Riverwatch eine derartige Aktion nun schon durchgeführt.

Wir haben Ulrich Eichelmann von Riverwatch bei der Aktion gefragt, was sie bezwecken soll und wie es um die Nationalpark-Pläne steht.

Mann mit blauer Jacke und weißen Haaren im Park spricht.
Ulrich Eichelmann von Riverwatch im Donau-Park in Wien bei der Aktion für den Vjosa Nationalpark.
Das muss ein internationales Anliegen sein, das kann nicht nur auf den Schultern Albaniens liegen.

(Ulrich Eichelmann, Riverwatch)

Menschen halten weiße Tücher in ihren Händen.
Die großen Buchstaben aus Baumwollstoff werden ausgebreitet.

Erster Fluss-Nationalpark weltweit

Die Vjosa wäre der erste Nationalpark rund um einen Wildfluss weltweit, sagt Ulrich Eichelmann. Er betont, dass es eine derartige Kategorie bei der IUCN, der International Union for Conservation of Nature, nicht gibt, die Schutzgebiete werden je nach Management des Schutzes in sieben Kategorien eingeteilt.

Mit der Bezeichnung „Wildfluss-Nationalpark“ wollen wir den Charakter des Nationalparks mehr verdeutlichen.

(Ulrich Eichelmann, Riverwatch)

In den meisten Naturschutzgebieten seien land- und forstwirtschaftliche Nutzungen erlaubt und die Nationalparks seien oft zu klein, so Ulrich Eichelmann. Er selbst war an der Entwicklung des Nationalpark Donau-Auen in Österreich beteiligt, der dann vor 25 Jahren gesetzlich begründet wurde, aber dieser sei viel zu klein.

Bei einem Wildfluss-Nationalpark gehören auch die Zuflüsse bis zu den kleinsten Bächen dazu.

(Ulrich Eichelmann, Riverwatch)

Wiese im Park, weiße Buchstaben aus Stoff auflegen.
Aktion für einen Vjosa-Nationalpark in Wien.
Hoher Turm im Hintergrund, vorne Wiese mit weißen Buchstaben.
Donaupark mit Donauturm in Wien.

Der Ansatz von Riverwatch und aller, die die Idee eines Vjosa Nationalparks befürworten und unterstützen ist, das gesamte Fluss-System unter Schutz zu stellen und zu managen.

Das ist noch nie passiert und das ist wirklich schwierig, deshalb braucht Albanien nicht nur finanzielle Unterstützung, um das zu planen und zu betreiben, sondern auch Knowhow, denn das müste neu entwickelt werden.

(Ulrich Eichelmann, Riverwatch)

In Österreich gab es große Pläne für ein Donau-Kraftwerk südöstlich von Wien, wodurch die Donau-Auen bei Hainburg zerstört worden wären. Dagegen formierte sich Widerstand. Im Dezember 1984 wurde die Stopfenreuther Au von Kraftwerksgegnerïnnen besetzt. Das Innenministerium schickte Polizisten zur Auflösung der Blockade, die Baugewerkschaft hetzte Bauarbeiter auf, die Bevölkerung unterstützte die Au-Besetzer mit heißem Tee und Essen. Am Ende rief der Bundeskanzler zu einem „Weihnachtsfrieden“ auf und schließlich wurden die Kraftwerkspläne ad acta gelegt. Die Bundesländer Wien und Niederösterreich beschlossen dann, einen gemeinsamen Nationalpark zu errichten.

In Albanien ist der politische Prozess über Schutz oder Nutzung der Vjosa und ihres Einzugsgebietes noch im Gange:

Die Meinung des Premierministers ist, das Kraftwerk soll nicht mehr kommen, aber es soll auch kein Nationalpark werden.

(Ulrich Eichelmann)

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Blick vom Donauturm auf Donau, Hochhäuser, Donaupark und den Schriftzug auf der Wiese.
Die Forderung nach einem Nationalpark für die albanische Vjosa vor der Kulisse der Donau in Wien Donaustadt. Etwa 10 Kilometer flussabwärts befindet sich der Nationalpark Donau-Auen.

Die Vjosa ist nicht ausreichend geschützt

Ein Nationalpark an der Vjosa könnte Vorbild für andere Nationalparks rund um naturbelassene Flüsse sein. Am Balkan gäbe es dafür noch ein paar gut erhaltene Gebiete, sagt Ulrich Eichelmann, aber alle seien bedroht durch Kraftwerksprojekte.

Auch die Vjosa ist noch lange nicht gerettet. Am Oberlauf der Vjosa will Shell nach Erdöl suchen, an der Mündung in die Adria, beim unter Schutz stehenden Vjosë-Nartë Delta, möchte der Premier einen Flughafen bauen lassen, wogegen sich die Berner Konvention und dieEuropäische Kommission ausgesprochen haben. Der Bau wird von der Europäischen Union als Verstoß gegen nationale Gesetze und internationale Konventionen angesehen. Außerdem wird in dem Bericht betont, dass der gesamte Fluss Vjosa einschließlich des Flussdeltas einen eigenen Status erhalten muss.

In April 2021, Albania signed the contract to build Vlora Airport within the Vjosa-Narta Protected Area, in contradiction with national laws and international biodiversity protection conventions that Albania has ratified. This Protected Area is a candidate for the Emerald site network, which provides shelter to more than 62 species of birds listed in the EU Birds directive. Vjosa River, as one of Europe’s last wild rivers, should receive proper protection status.

(European Commision, Report for Albania 2021, pg. 114)

Ulrich Eichelmann von der NGO Riverwatch kritisiert, dass die internationale Gemeinschaft, also die politische Ebene, immer Willenserklärungen abgebe, wie jetzt beim Biodiversitätsgipfel in Kunming, wir aber neue Instrumente brauchen, damit Naturschutz wirklich wirkt. Ein Wildfluss-Nationalpark könnte hier etwas bewirken, glaubt er, auch als „Marke“. Ein Nationalpark würde die Menschen anziehen, die einen natürlichen Fluss erleben und erfahren wollen, wie ein Fluss „funktioniert“. Die Vjosa ist jetzt schon Anziehungspunkt für Forscherïnnen, die kaum sonst wo natürliche Prozesse eines Flusses untersuchen können.

Ein in Summe mehr als 400 Kilometer langes Fluss-System zu schützen – von der Quelle des Aoos in Griechenland bis zur Mündung der Vjosa in Albanien – wäre eine einzigartige Chance, aber auch eine große Herausforderung für das Management.

Wie sicher vor Profitinteressen und neuen Kraftwerks- oder anderen Plänen wäre die Vjosa als Nationalpark? Wenn die EU, die Weltbank und viele andere internationale Organisationen und Institutionen den Nationalpark finanzieren würden, wäre das eine Garantie, dass er auch geschützt wird, glaubt Ulrich Eichelmann.

Frau mit blonden Haaren schaut in den Park.
Cornelia Wieser von Riverwatch organisierte die Aktion für die Vjosa im Wiener Donaupark.

Bei der Aktion im Donau-Park in Wien am 19. Oktober 2021 blieben einige Spaziergängerïnnen neugierig stehen und fragten, was hier vor sich gehe. Flüsse vor weiterer Verbauung mit Kraftwerken zu schützen, sei eine wichtige Sache, sagte eine Frau, die zuvor noch nie von der Vjosa gehört hatte.

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Sonja Bettel

Sonja Bettel

Sonja Bettel ist freie Wissenschaftsjournalistin und interessiert sich für große und kleine Vorgänge in der Natur.


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