Krieg gegen die Ukraine – Auch Ornithologïnnen rufen zu Solidarität und Hilfe auf

DO-G richtet Kontaktstelle für Hilfe ein: „Wir haben im Guten zusammen Vögel erforscht, und wir werden jetzt genauso zusammenhalten“

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Ein Seggenrohrsänger sitzt auf einem Halm im milden Morgenlicht.

Vögel kennen keine staatlichen Grenzen – da ist es nur logisch, wenn auch die Wissenschaft, die sich mit ihnen beschäftigt, grenzüberschreitend ist: In wenigen Forschungsfeldern ist die Zusammenarbeit zwischen Ost und West seit vielen Jahrzehnten so lebendig und eng, wie in der Ornithologie. Auch zwischen der Ukraine, Russland, Belarus und Deutschland gibt es eine lange Tradition der Zusammenarbeit – und zwischen vielen Beteiligten sind in den Jahren des gemeinsamen Eintretens für die Vögel Freundschaften gewachsen. Umso schockierter reagiert nun auch die Gemeinde der Vogelkundler und Vogelkundlerinnen hierzulande auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Kontaktstelle bringt Hilfe und Hilfsbedürftige rasch zusammen

Um den betroffenen Kolleginnen und Kollegen zu helfen, hat die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) jetzt einen Hilfsappell an die Vogel-Community im deutschsprachigen Raum gerichtet und eine Kontaktstelle für Hilfe-Suchende und Hilfe-Anbietende eingerichtet. Die DO-G hat rund 2.000 Mitglieder überwiegend in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ist damit auch eine der mitgliederstärksten wissenschaftlichen Gesellschaften in Europa. Die Kontaktstelle kann über die E-Mail-Adresse erreicht werden.

Wir sprachen mit Franziska Tanneberger vom Vorstand der DO-G über die Initiative.

Franziska Tanneberger läuft in einem Schilfgürtel entlang eines langen Netzes zum Vogelfang
Franziska Tanneberger beim Beringen von Seggenrohrsängern

Wir sprechen am Tag nach Veröffentlichung Ihres Aufrufs zur Hilfe. Wie ist die Reaktion ?

Wir haben schon ein paar Stunden, nachdem wir ihn über einen Newsletter an unsere Mitglieder verbreitet haben, weit mehr als ein Dutzend E-Mails erhalten. Die meisten kommen von Menschen, die uns wissen lassen, dass sie helfen wollen. Die Hilfsbereitschaft ist groß.

Was genau wollen Sie mit der eingerichteten Kontaktstelle leisten?

Uns geht es so, wie wahrscheinlich vielen „Communities“: In die letzten Tagen erreichten uns Informationen von ukrainischen Freundïnnen oder Kollegïnnen, die vor dem Krieg fliehen müssen oder unter schwierigsten Bedingungen im Land sind. Gleichzeitig kamen auch Angebote von Menschen, die gerne Hilfe leisten würden. Mit unserer Kontaktstelle wollen wir jetzt über das große Netzwerk von Ornithologïnnen möglichst viele Hilfsangebote sammeln und diese dann möglichst schnell zu den Leuten bringen, die jetzt dringend Hilfe brauchen. Natürlich sollten aber auch diverse andere Plattformen genutzt werden wie zum Beispiel die bundesweite Unterkunftsplattform #Unterkunft Ukraine und die weltweite Wissenschaftsplattform ScienceForUkraine.

Um welche Art von Unterstützung bitten die Menschen aus dem Kriegsgebiet?

Eine Kollegin in Lviv schrieb, wir sollen alles tun, was wir können, damit der Krieg endet … Dann sind da ganz unterschiedliche Dinge. Wissenschaftlerïnnen von der Azov-Black Sea Ornithological Station in Melitopol, wo gerade heftige Kämpfe stattfinden, sind innerhalb der Ukraine geflüchtet – für diese Menschen ändert sich die Lage mit jedem Tag oder jeder Stunde. Andere sind schon im Ausland. Bei einer Familie geht es jetzt um die Fortsetzung einer Chemotherapie, die dringend notwendig ist, bei uns in Deutschland. Wir wissen auch von belarussischen Ornithologïnnen, die wegen der Repressionen nicht in Belarus bleiben können und Arbeit in Deutschland suchen.

Können sich an den Hilfsangeboten auch Vogelfreundïnnen beteiligen, die nicht in der DO-G organisiert sind?

Ja. Wir richten als DO-G diese Kontaktstelle ein, weil wir eine vergleichsweise große Organisation sind und hoffen, darüber viele Menschen im deutschsprachigen Raum zu erreichen. Aber der Aufruf zur Unterstützung richtet sich natürlich ebenso an Ornithologinnen und Ornithologen, die nicht in der DO-G organisiert sind.

Sie selbst sind seit langem im Seggenrohrsänger-Schutz tätig. Diese Vogelart hat im Konfliktgebiet ihren weltweiten Verbreitungsschwerpunkt, und Sie arbeiten intensiv mit Ornithologïnnen aus Belarus, der Ukraine und Russland zusammen. Gibt es Kontakt zu Ihren Mitstreiterïnnen dort?

Ja, über das BirdLife International Aquatic Warbler Conservation Team, in dem viele von uns seit über 20 Jahren als Freunde verbunden sind, haben Martin Flade und einige andere unsere Mitstreiterïnnen dort kontaktiert. Wir wissen zumeist, wo sie sich aufhalten und wie die Lage jeweils ist.

Wie ist ihre Lage?

Die ukrainischen Kollegïnnen sind eher im Westen des Landes, wo die Situation derzeit etwas weniger katastrophal ist als im Osten oder in der Hauptstadt Kiew. Unsere belarussischen Kollegïnnen kämpfen um den Erhalt ihrer Organisation APB BirdLife Belarus, die kurz vor einem möglichen Verbot steht. Jetzt geht es darum, Kontakt zu halten, den Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein sind – zu helfen, wo es geht und handlungsfähig zu sein für den Fall, dass weitere Hilfe nötig bzw. möglich ist. Wir haben uns im Guten zusammen mit Vogelforschung beschäftigt, und wir werden jetzt genauso zusammenhalten.

Uns erreichen auch verzweifelte und sehr mutige Statements von russischen und belarussischen Kollegïnnen, die den Überfall auf die Ukraine ablehnen und sich öffentlich dagegen stellen. Für sie gilt das Unterstützungsangebot natürlich ebenso..

Gelingt Ihnen auch aktuell noch die Kontaktaufnahme?

Ja, Anatolii Poluda, der Vorsitzende der ukrainischen Beringungszentrale, schrieb mir zum Beispiel gerade, dass er unsere Informationen auf der lokalen Ornithologen-Website eingestellt hat. Er steht mit rund 100 Ornithologïnnen in Kontakt, und nach seinem Eindruck wollen die meisten erst mal im Land bleiben. Es sind aber Familienangehörige geflüchtet, und unser Unterstützungsangebot bezieht sich natürlich genauso auf sie.

Sie regen in Ihrem Aufruf auch an, Patenschaften einzugehen. Was ist damit gemeint?

Wir wissen selbst natürlich genauso wenig wie alle anderen, wie sich die Dinge entwickeln. Viele Menschen haben überstürzt ihr Land verlassen. Bei ihnen geht es erstmal ganz simpel darum, sie finanziell in ihrer Startphase hier nach der Flucht zu unterstützen. Und sehr wichtig ist auch die moralische Unterstützung – zu zeigen, dass sie nicht alleine sind in ihrer Not. Dann, je nachdem, wie lange der Krieg dauert, wird es aber auch um andere Dinge gehen, bei denen unsere Kolleginnen und Kollegen Hilfe brauchen. Zum Beispiel bei der Suche nach einer Arbeit. Da geht es um die Vermittlung von Informationen über Jobangebote, Hinweise auf Förderprogramme und solche Dinge. Gestern gingen schon erste Angebote ein, dass Geflüchtete bei Planungsbüros oder Vereinen mitarbeiten könnten, beispielsweise bei Vogelkartierungen. Das ist dann ohne große Sprachbarriere machbar. Auch Universitäten bieten kurzfristig Anstellungen an. Viele Vogelkundler werden wahrscheinlich für eine längere Zeit in anderen Ländern Arbeitsplätze bekommen müssen.

Im Aufruf heißt es: „Die Vogelkunde hat davon profitiert, und Ornithologinnen und Ornithologen haben es verstanden, unabhängig von Machtpolitik und Propaganda ihre Gemeinsamkeiten zu finden und zu pflegen.“ Hält das in der jetzigen Krise stand?

Das wird sich zeigen. Uns erreichen auch verzweifelte und sehr mutige Statements von russischen und belarussischen Kollegïnnen, die den Überfall auf die Ukraine ablehnen und sich öffentlich dagegen stellen. Für sie gilt das Unterstützungsangebot natürlich ebenso wie für Menschen aus der Ukraine. Da denke ich auch an die russischen Ornithologïnnen, die den Offenen Brief von über 7.500 Wissenschaftlerïnnen gegen den Krieg unterzeichnet haben.

Können Wissenschaftlerïnnen sich in internationalen Projekten mit Russland in einer Lage wie jetzt darauf zurückziehen, dass sie ja „nur“ Vogelforschung oder „nur“ Moorforschung oder „nur“ irgendeine andere fachliche Forschung betreiben und sich aus den politischen Fragen heraushalten?

Viele Kooperationsprojekte mit staatlichen russischen Einrichtungen sind ja schon seit letzter Woche „eingefroren“. Umso wichtiger ist es, mit einzelnen Menschen in Russland im Kontakt zu bleiben und dabei auch über politische Fragen zu sprechen. Durch die soeben in Russland verabschiedeten neuen Gesetze zu sogenannten Falschaussagen haben wir dabei allerdings jetzt auch eine Situation wie seit vielen Jahren in Belarus – dass man sehr aufpassen muss, die Freunde und Kollegen dort nicht zusätzlich zu gefährden. Mit der Kontaktstelle möchten wir alle Menschen unterstützen, die durch den ihnen aufgezwungenen Krieg des Putin-Regimes gegen die Ukraine unverschuldet in Not geraten sind.

Es wird sicher auch in der DO-G Menschen geben, die sich fragen, warum ausgerechnet eine Organisation von Vogelkundlern jetzt aktiv werden sollte. Was sagen Sie denen?

Dieser Angriffskrieg gegen die Ukraine ist für die Welt, für Europa, für uns alle eine Zäsur von ungekanntem Ausmaß. Es ist einfach der Zeitpunkt, an dem aus allen Teilen unserer Gesellschaft das Angebot zur Hilfe kommen sollte. Und wir Vogelkundlerïnnen können auch etwas tun, gerade weil wir so stark über Ländergrenzen miteinander verbunden sind. Nicht zuletzt über die Zugvögel und ihre Ringe der Beringungsstationen in Kiew, Minsk und Moskau, mit denen wir sie bei uns antreffen. Ein Ornithologe aus Norddeutschland schrieb uns gestern, wie oft er an die belarussischen Beringer denken muss und wie es ihnen jetzt geht, wenn er „seine“ in Belarus beringte Lachmöwe abliest.

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