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Unermüdliche Kämpferin für freie Flüsse ausgezeichnet

Andreja Slameršek aus Slowenien erhält Wolfgang Staab-Naturschutzpreis für ihren Einsatz

11.11.2021
4 Minuten
Die Preisträgerin hält freudenstrahlend die Urkunde hoch, neben ihr stehen die anderen Personen bei der Preisverleihung.

Acht Wasserkraftwerke sollten in Slowenien an der Mur entstehen und den Fluss auf mehr als 50 Kilometern aufstauen, die Save sollte in ein Band aus Stauseen verwandelt werden. Dass die beiden großen Flüsse Sloweniens noch weitgehend ungehindert fließen können, ist maßgeblich der Biologin Andreja Slameršek zu verdanken. Heute wurde sie für ihr unermüdliches Engagement mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzpreis 2021 ausgezeichnet.

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Im Juni 2017 lernte ich Andreja Slameršek für eine Sendereihe über Flüsse für die Sendung „Radiokolleg“ von Radio Ö1 kennen. Wir trafen einander an der Mur in Slowenien, dort, wo der Betreiber Dravske Electrarne einen acht Meter hohen Staudamm errichten und den Fluss auf mehr als 50 Kilometern aufstauen wollte, um Strom aus Wasserkraft zu erzeugen. Das Kraftwerk Hrastje Mota sollte das erste von insgesamt acht Kraftwerken an der Mur werden, dem letzten Fluss in Slowenien, der noch nicht für die Energieerzeugung verbaut worden war. „Wir werden das nicht erlauben, deshalb kämpfen wir“, sagte Andreja damals im Interview. Sie ist Präsidentin der Slovenian Native Fish Society und war Koordinatorin der Kampagne „Rešimo Muro!“ (Retten wir die Mur) von Moja Mura, einer Dachorganisation von 21 Nichtregierungsorganisationen.

Im Dezember 2017 sah ich sie in Ljubljana bei der Pressekonferenz zur wissenschaftlichen Evaluierung des Umweltberichts zum Kraftwerk Hrastje Mota wieder. Im September 2018 traf ich sie in Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) beim European Rivers Summit, im Februar 2019 beim Ramsar-Walk in Bad Radkersburg (Österreich) an der Mur. Andreja Slameršek nützte jede Gelegenheit, um für den Schutz der Mur und der Save, wo ebenfalls eine Reihe von Kraftwerken geplant war, einzutreten.

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Mann mit grauem Bart und Frau mit langem Zopf stehen auf Holzplattform am Wasser und unterhalten sich.
Andreja Slameršek und ihr Mitstreiter Stojan Habjanič im Sommer 2017 bei der historischen Schiffsmühle an der Mur in Slowenien, wo ein acht Meter hoher Staudamm gebaut werden sollte.
Zwei Frauen bei einem Interview auf dem Dorfplatz.
Andreja Slameršek 2018 beim Ramsar-Walk in Bad Radkersburg im Interview mit einer slowenischen Journalistin.
Menschen halten ein Transparent und sprechen mit einem Mann im Anzug.
Andreja Slameršek bei einer Protestkundgebung für die Mur.
Menschen in Badekleidung halten am Flussufer ein Transparent hoch.
Protest gegen das Kraftwerk Hrastje Mota an der Mur beim „Big Jump“ im Jahr 2016.

„Ohne den unermüdlichen, fachlich versierten Einsatz von Andreja Slameršek wären die geplanten Kraftwerke an Mur und Save wohl bereits genehmigt“, sagte Laudator Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer von RiverWatch, bei der Verleihung des Wolfgang Staab-Naturschutzpreis 2021 am 11. November 2021 in München, „Andreja ist eine Kämpfernatur, die wesentlich dazu beiträgt, wertvolle Flusslandschaften zu erhalten. Sie ist ein wichtiges Vorbild für alle, die sich für die Natur einsetzen und zwar trotz zum Teil heftiger Angriffe aus Behörden- und Regierungskreisen.“

Wir brauchen mehr solche ‚Davids‘ wie Andreja im Kampf gegen die Goliaths.

(Ulrich Eichelmann)

Andreja Slameršek schrieb und koordinierte zum großen Teil ehrenamtlich die Eingaben und Klagen mehrerer Naturschutzorganisationen in allen relevanten Genehmigungsprozessen zum Bau der Wasserkraftwerke. Sie vernetzte betroffene Bewohner und Gruppen aus Politik und Kultur, organisierte Diskussionen, Filmvorführungen, Ausstellungen und Medienaktionen.

Ihr unermüdlicher Einsatz führte schließlich zum Erfolg: Seit 2019 ist die energetische Nutzung der Mur im nationalen Energie- und Klimaplan Sloweniens ausgeschlossen. Im selben Jahr stoppte der slowenische Verwaltungsgerichtshof den Bau des geplanten Wasserkraftwerks Mokrice am Fluss Save aufgrund formaler und inhaltlicher Mängel. Im Sommer 2021 bestätigte der Oberste Gerichtshof diese Entscheidung. Die Save und ihre einzigartige Fischfauna sind vorerst geschützt.

„Andreja Slameršek ist es gelungen, die hohe Bedeutung des Schutzes von Flüssen einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln und das Thema erfolgreich auf die politische Agenda zu setzen. Mit der Verleihung des Wolfgang Staab-Naturschutzpreises 2021 möchten wir sie in ihrer wichtigen Arbeit unterstützen und ihren herausragenden Einsatz würdigen“, begründet die Jury, bestehend aus Dr. Dorette Staab (Stifterin), Prof. Dr. Emil Dister (ehem. Karlsruher Institut für Technologie/Aueninstitut), Andreas Krug (Bundesamt für Naturschutz) und Dr. Niels Kohlschütter (Schweisfurth Stiftung), ihre Entscheidung.

Andreja Slameršek

Andreja Slameršek wurde 1980 in Ptuj in Slowenien geboren. Sie studierte Chemie und Biologie und arbeitete im Slowenischen Institut für Naturschutz. Von 2016 bis 2020 war sie Geschäftsführerin der von ihr gegründeten Nature Conservation Consulting, seit 2015 ist sie ehrenamtliche Präsidentin der Slovenian Native Fish Society (DPRS).

Mur und Save sind bedeutende Flüsse für Slowenien und Europa

Der Schutz der Mur in Slowenien ist auch wichtig, weil sie Teil einer europäisch bedeutenden Flusslandschaft ist, dem „Amazonas Europas“. Er umfasst die Flusssysteme von Mur, Drau und Donau und erstreckt sich über Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn und Serbien. An der slowenischen Mur gibt es die größten Auenwälder Sloweniens und eine ungewöhnlich große Fischartenvielfalt mit über 60 Arten. Außerdem leben dort bedrohte Tierarten wie Eisvogel, Schwarzstorch, Seeadler, Biber, Fischotter und viele mehr. Die slowenischen Mur-Auen sind als Natura 2000-Gebiet geschützt und wurden 2019 als Biosphärenpark von der UNESCO anerkannt.

Die Save ist Sloweniens größter Fluss. Sie ist teilweise als Natura 2000 Gebiet geschützt und ebenfalls aufgrund ihrer Fischfauna von großer ökologischer Bedeutung. Die Bestände von Huchen, der aufgrund der Wasserkraft überall stark gefährdet ist, sind besonders wertvoll.

Der Wolfgang Staab-Naturschutzpreis

Der Wolfgang Staab-Naturschutzpreis wird aus Mitteln des Wolfgang Staab-Naturschutzfonds der Schweisfurth Stiftung gefördert. Um den natürlichen Zustand der Flüsse und Auen zu bewahren und wiederherzustellen, wird der mit 20.000 Euro dotierte Preis jährlich für besondere Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung der Fluss- und Auenlandschaften vergeben. Für die Verleihung des Preises in 2022 können bis Ende Februar 2022 Bewerbungen und Nominierungen eingereicht werden.

Wolfgang Staab (1938–2004) war leidenschaftlicher Umweltschützer in Rheinland-Pfalz, Vorsitzender des Landesverbandes Rheinland-Pfalz des BUND und später Schatzmeister im BUND-Bundesverband. 2014 richtete Dorette Staab den Wolfgang Staab-Naturschutzfonds innerhalb der Schweisfurth Stiftung ein.

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Sonja Bettel

Sonja Bettel

Sonja Bettel ist freie Wissenschaftsjournalistin und interessiert sich für große und kleine Vorgänge in der Natur.


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