„Junge Wälder sind besser für das Klima“

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Junge Buche im Fichtenwald

Wald hat für Menschen unterschiedliche Bedeutungen vom Rohstofflieferanten bis zum Erholungsraum. Auf keine der Waldfunktionen will man verzichten und trotzdem die Wälder als artenreiche Ökosysteme schützen und erhalten. Professor Jens Schröder von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde erklärt im Interview, wie die Wälder der Zukunft aussehen könnten, und warum man sie aktiv gestalten sollte.

Herr Schröder, warum ist Wald gerade jetzt so ein zentrales Thema?

Durch die Medien sind wir international auf viele Waldschäden aufmerksam geworden, etwa die Waldbrände in Kalifornien, Sibirien oder am Amazonas. Und auch unmittelbar vor unserer Haustür sehen wir die Auswirkungen des Klimawandels. Durch den starken Borkenkäferbefall sind viele Flächen gerade im Süden abgestorben oder bereits kahlgeschlagen. Hinzu kommt, dass wegen Corona mehr Leute draußen in der Natur unterwegs sind. Erst mal ist das nicht schlecht, wenn die Öffentlichkeit sensibilisiert wird. Durch den Medienschwerpunkt wird der Wald aber vor allem als Schutzobjekt wahrgenommen, doch auf diesen Status allein sollte er nicht festgelegt werden.

Kann man die Wälder nicht einfach in Ruhe lassen?

Es reicht nicht aus, einfach nichts zu tun. Der Wald kann das Tempo, das der Klimawandel vorgibt, aus eigenen Kräften nicht mitgehen. Wir müssen den Wald unterstützen weiterzubestehen. Gleichzeitig sollten wir Wälder bewusst gestalten und die verschiedenen Interessen der Gesellschaft regional bedienen. Wir können mancherorts Erholungswälder anlegen mit all der nötigen Infrastruktur, andere Wälder können wir unberührter, vielfältiger und strukturreicher werden lassen und wieder andere Wälder verstärkt für die Rohstoffproduktion nutzen. Nach den jeweiligen lokalen Bedingungen sollten wir die Entscheidung treffen, ob wir einzelne Wälder vorrangig schützen oder nützen wollen.

Wie kann man dieses Konzept umsetzen?

300 Jahre nachhaltige Forstwirtschaft begründen sich darauf, dass man das, was man entnimmt, auch wieder nachpflanzt. Heute weiß man, dass zur nachhaltigen Forstwirtschaft weitere Faktoren gehören etwa Biodiversität oder Wilddichte. Eine reine Holzrechnung reicht nicht mehr. Es sind Managementpläne nötig. Dafür haben wir aber zu wenig Fachpersonal. Ich komme aus Brandenburg, da ist die Situation fatal. Seit 30 Jahren geht es uns wie der Charité zu Coronazeiten: zu viele Patienten und zu wenig Pflegerinnen und Pfleger. Wir brauchen gut ausgebildete, motivierte Leute, die sich langfristig in den Regionen engagieren und sich um die Waldökosysteme kümmern.

Kahle Fläche mit abgesägten Baumstümpfen.
Kahlschläge in Fichtenwäldern sind vielerorts keine Seltenheit mehr.

Warum gibt es rund um den Wald so viele Zielkonflikte?

Das liegt darin begründet, dass viele von uns den Wald ganz unterschiedlich sehen oder ihn sich wünschen. In der Gesellschaft gibt es derzeit zwei große Strömungen oder Sichtweisen: Zum einen produzieren Waldökosysteme Holz und das ist ein zentraler Rohstoff, der als Ziel der Bewirtschaftung immer mehr nachgefragt wird. Zum anderen erbringen Waldökosysteme zahlreiche nichtmaterielle Leistungen. Sie säubern Luft und Wasser und sind für den Menschen ein besonderer Erholungsort. Auch die kulturelle Nachfrage steigt, etwa nach Friedwäldern als letzte Ruhestätte. Und nur selten sind all diese Wünsche unter einen Hut zu bringen, sehr oft sind Kompromisse oder auch Verzicht nötig.

Kann der Wald denn all diesen Anforderungen gerecht werden?

Das ist nicht sicher; die zum Teil sehr ambitionierten Pläne einzelner Anspruchsgruppen stehen wie gesagt mit der Realität vieler anderer Interessen in ernsthaften Zielkonflikten. Wünsche nach mehr Wildnis sind mit politischen Forderungen nach mehr nachwachsender Energie nicht wirklich kompatibel. Holz wird künftig mehr an Bedeutung gewinnen, nicht nur als Brenn- oder Baustoff, sondern chemisch aufgeschlossen auch als Kleidung oder Treibstoff. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Bioökonomiestrategie der Bundesregierung. Wenn wir hierzulande die Wälder stilllegen, holt die Industrie ihr Holz eben woanders. Es liegt in unserer Verantwortung, die Übernutzung von Wäldern global zu vermeiden. Wo, wenn nicht hier in Deutschland, haben wir die Möglichkeit einen Kompromiss herzustellen und das auch politisch zu begleiten?

Kann ein Wirtschaftswald gleichzeitig ein gesundes Ökosystem sein?

Der Wirtschaftswald der Zukunft kann nur ein gesundes Ökosystem sein. Dass das geht, sieht man seit Jahrhunderten in süddeutschen Gebirgsbauernwäldern, etwa im Schwarzwald. Es gibt beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft, die seit vielen Jahrzehnten das Ziel verfolgt, verantwortungsvoll mit den Böden und der Lebensgemeinschaft Wald umzugehen. In solchen Wäldern schaut man sich immer den einzelnen Baum an und fragt sich: Kann man den entnehmen, um den nachrückenden etwas Gutes zu tun, ohne Kahlschläge und bodenpfleglich. Das ist eine angepasste Nutzung.

Ist das nicht das gleiche Konzept wie das von Peter Wohlleben?

Nicht ganz. Peter Wohlleben stellt stärker auf den Schutzgedanken ab. Bei ihm sollen Wälder sehr alt werden. Das sehe ich aber kritisch für die Wirtschaft und das Klima. In großen alten Wäldern stellt sich ein Gleichgewicht ein aus CO2-Speicherung und Freisetzung. Aus Klimasicht ist es besser, den Wald künstlich jung zu halten. Man könnte sagen: Junge Wälder sind besser für das Klima. Denn wo ständig mehr Biomasse entsteht als vergeht, da ist die Rohstoffproduktion und auch die CO2-Bindung besser im Vergleich zu alten Wäldern, die nur noch langsam wachsen und zum Teil in Zerfall übergehen. Das ist ein großer Unterschied zu Peter Wohllebens Ansatz.

Wald mit Hinweisschild: Naturschutzgebiet
Wenn Wälder zu Naturschutzgebieten werden, ist die Bewirtschaftung nur noch unter bestimmten Bedingungen möglich.

Welche Baumarten gehören in einen klimastabilen Zukunftswald?

Alle Baumarten, die bei uns überleben und wachsen. Priorität hat die biologische Stabilität, zusammen mit der Ökosystemverträglichkeit. Da sind auch Bäume dabei, die bisher nicht hier gewachsen sind, etwa Atlaszedern und Edelkastanien. Dazu ist freie Forschung notwendig. Derzeit gibt es aber noch zahlreiche Förderhindernisse, etwa in Brandenburg eine Vorschrift für Aufforstungen als Ausgleichsmaßnahmen: Man darf nur solche Baumarten zur Wiederaufforstung verwenden, die auch bisher hier gewachsen sind, die „gebietsheimisch“ sind. Da gibt man aber ein wichtiges Instrument für möglicherweise bereichernde Experimente aus der Hand. In anderen Bundesländern ist mehr Zug dahinter, da ist man schon weiter in der Reaktion auf den Klimawandel. Hemmschuh vielerorts ist eine in meinen Augen übertriebene Beschränkung auf das Althergebrachte.

Gibt es noch weitere Herausforderungen bei der Wiederaufforstung?

Sind Flächen erst mal kahlgeschlagen oder großflächig abgestorben, dann ist es schwierig, sie wieder in Wald zu verwandeln. Wenn dann Birken und andere Pioniere von allein wachsen, dann sollte man diese Hilfe auch annehmen. Alles was die Natur anbietet, sollte man nutzen, einschließlich erprobter „Fremdländer“, sonst kommt der Waldumbau nicht in Gang. Wir haben zum einen riesige Kahlflächen, zum anderen kommt man kaum an Pflanzen oder Saatgut. Es braucht Baumschulen, die die Bäumchen kultivieren und Leute, die das Saatgut ernten, etwa Zapfenpflücker. In manchen Bundesländern wurde das immer weiter reduziert und deshalb gibt es auf dem Gebiet einen Riesenbedarf. Die Baumschulen kommen nicht hinterher. Hinzu kommt, dass viele Baumarten nicht alle Jahre Früchte tragen. Große Mengen an Saatgut sind selten, zur Zeit ist die Nachfrage riesig und das Angebot sehr überschaubar.

Hände beim Pflanzen eines kleinen Bäumchens
Die Atlaszeder war bisher in Deutschland nicht heimisch. Angesichts des Klimawandels könnte sie ein Zukunftsbaum sein.

Wie sollte man mit dem Thema „Wald und Wild“ umgehen?

Da habe ich auch kein Patentrezept. Die Wälder, vor allem die gewünschten Verjüngungspflanzen, leiden vielerorts unter überhöhten Wildbeständen. Vor allem Rehe verbeißen gern zuerst die seltenen Pflanzen und können so den Waldumbau verhindern. Manche Baumarten werden regelrecht aus dem Wald herausgefressen. Auch deshalb wird teilweise massiv eine Erhöhung der Abschüsse eingefordert, und es gibt zum Teil erbittert geführte Streits. Aber am Problem an sich führt nichts vorbei.

Was kann man tun, um den Wildverbiss zu reduzieren?

Man müsste die Situation insgesamt, also das Nahrungsangebot, auf großer Flächen verbessern, eventuell Ausweichflächen schaffen und die Wildbestände auf waldverträgliche Zahlen absenken. Berufsjäger sind gut ausgebildet und könnten relativ schnell für angepasste Wildbestände sorgen, das müsste man dann aber auch bezahlen wollen. Das Recht auf Eigentum ist geschützt, Forderungen nach stärkerer Bejagung sind deshalb am besten mit Anreizen zu unterfüttern. Außerdem könnte staatliche Förderungen an Bedingungen geknüpft werden, zum Beispiel, dass die Wildbestände akzeptabel sind.

Sie forschen gerade an stressvermeidender Waldbewirtschaftung. Was versteht man darunter?

Es gilt, Stress für das System zu vermeiden, beispielsweise wenig Licht auf den Waldboden und möglichst viel Feuchtigkeit im Wald zu lassen. Viele Baumarten brauchen etwas höhere Luftfeuchtigkeit und wachsen auch im Schatten oder Halbschatten gut. Zu viel Licht heißt Stress, denn viel Licht bedeutet viel Wärme und Verdunstung. Das sind abiotische Stressbedingungen, die sich auch durch lebendige und stufige Waldränder verringern lassen. Zusätzlich geht es um Stoffeinträge, etwa den Stickstoff aus der Landwirtschaft. Der bringt vielerorts das Gleichgewicht in Boden und Grundwasser durcheinander. Die Bäume wachsen dann schneller und verholzen nicht rechtzeitig. Das ist vor allem in Nordwest-Deutschland ein Thema durch Gülle und Ausdünstungen aus der Massentierhaltung. Vieles davon gelangt als Ammoniak in Atmosphäre.

Sonne scheint durch die Baumkronen.
Zu viel Licht im Wald bedeutet Stress für das Ökosystem.

Was wird sich künftig am Wirtschaftswald ändern?

Holz ist der Baustoff der Zukunft. Es kann Stahl und Beton in vielen Bereichen ersetzen, braucht aber nur ein Zehntel der Energie bei der Produktion. Wir wollen aber künftig Monokulturen rein zur Holzproduktion vermeiden, sondern den Wald als Ökosystem gestalten und nutzen. Gerade für den Biorohstoff Holz und auch die Kohlenstoffbindung in Holz und seinen Produkten gilt es, die Systeme in der Wachstums- bzw. in der Aufbauphase halten. Denn die produktivste Zeit ist eine gesunde Jugendphase. Als Antwort auf die vielen verschiedenen Ansprüche wird der Wald zum Mosaik, wo alle Nutzungen ihren Platz finden müssen. Die Holzwirtschaft wird sich zwangsläufig anpassen, sie wird künftig mit vielen verschiedenen Holzarten arbeiten und neue Verarbeitungstechniken entwickeln. Das ist meiner Meinung nach ein eher kleines Problem.

Porträt Jens Schröder
Professor Jens Schröder von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE)

Professor Jens Schröder ist promovierter Forstwissenschaftler und gelernter Forstwirt. Er forscht und unterrichtet im Fachbereich „Wald und Umwelt“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde auf den Gebieten „Grundlagen des Waldbaus“ und „Waldökologie“.

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