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Waldbaden: Fans treffen sich zum Kongress

26.09.2020
8 Minuten
Mann mit T-Shirt, auf dem „Wir lieben Waldbaden“ geschrieben steht.

Innerhalb von nur zwei Jahren hat das Waldbaden Deutschland im Sturm erobert. Doch was ist dran an den Heilkräften des Waldes? Sollten Krankenkassen das Naturerlebnis bezahlen und welchen Stellenwert hat es in der Forstwissenschaft? Über solche Fragen tauschten sich Fachleute ein ganzes Wochenende lang aus, beim zweiten Kongress für Waldbaden in Bad Bergzabern am Rande des Pfälzerwalds.

Wer bisher noch dachte, dass „Waldbaden“ in die Esoterikszene gehört, wurde spätestens beim Vortrag von Doreen Sallmann eines Besseren belehrt. Die Chefärztin der Regiomedklinik Masserberg referierte zum „Waldbaden in der onkologischen Rehabilitation“ beim zweiten Kongress für Waldbaden Mitte September im rheinland-pfälzischen Bad Bergzabern. Sallmann zufolge stehen Krebspatienten nach Operation und Chemotherapie oft unter Schock, viele leiden neben chronischer Müdigkeit auch unter einer veränderten Selbstwahrnehmung. Die Medizinerin fügt hinzu: „Unser Auftrag ist es, sie ins Leben zurückzuschicken.“ Dabei habe man mit angeleitetem Waldbaden große Erfolge erzielt. Um ihre Aussage zu untermauern, ließ Sallmann ihre Patienten sprechen. In anonymisierten Tonaufnahmen berichteten die Menschen von ihren Erlebnissen in der Natur, von Begegnungen mit Tieren oder von den Gefühlen, die sie hatten, als sie zum ersten Mal bewusst einen Baum berührten. Zwei Stunden dauern die Waldbade-Einheiten, bei denen Sallmann den Menschen beibringt, vom hektischen Alltagsleben zu entschleunigen und sich auf ihre eigenen Gefühle zu konzentrieren.

Waldbaden als Prävention

Beim Waldbaden geht es darum, mit allen Sinnen in die Waldatmosphäre einzutauchen. Die Methode kommt aus Japan. Dort heißt sie Shinrin-yoku und steht für das Verinnerlichen von Anblicken, Gerüchen und Geräuschen des Waldes mit dem Ziel körperliche wie geistige Gesundheit zu fördern. Innerhalb nur weniger Jahre hat das „Waldbaden“ die westliche Welt im Sturm erobert. Seit 2018 gibt es eine Deutsche Akademie für Waldbaden und Gesundheit (DAWG). Leiterin Jasmin Schlimm-Thierjung erklärt das Konzept: „Wir bieten als Akademie keine Kurse an, sondern bilden Kursleiter aus.“ Der jährlich stattfindende Kongress mit Vorträgen und Workshops sei aber auch für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich.Das Angebot der DAWG ist umfangreich. Es gibt mittlerweile nicht nur die sechstägige Ausbildung zum „Kursleiter für Waldbaden und Achtsamkeit im Wald“, sondern auch diverse Natur-Trainer-Ausbildungen. Nach dem Abschluss an der DAWG erhalten die Kursleiter ein Zertifikat, das bei Krankenkassen als einheitliches Leistungsangebot für Prävention und Gesundheitsförderung gelten kann. „Wir kämpfen dafür, dass Waldbaden in Deutschland anerkannt wird“, betonte DAWG-Leiterin Schlimm-Thierjung. Die Methode sei „präventiv mit der Natur in der Natur“.

Ob es eine einheitliche und kostenpflichtige Ausbildung zum Waldbade-Kursleiter geben sollte, darüber schieden sich die Geister. Während eine Kongress-Teilnehmerin kritisierte, dass man in Deutschland für alles ein Zertifikat brauche, erklärte eine andere: „Um Menschen diese Erfahrung nahezubringen, muss ich sie selbst gemacht haben. Nur ein Buch lesen reicht da nicht.“ Teilnehmerin Jessica Schmitz hat sich an der DAWG zur Kursleiterin für Waldbaden ausbilden lassen und bietet das Naturerlebnis nun im Nationalpark Kellerwald-Edersee an. Sie sagt: „Als ich 2018 zum ersten Mal Waldbaden gegoogelt habe, kamen nur fünf Ergebnisse, jetzt sind es sehr sehr viele.“ Man müsse aufpassen, dass es keine Marküberflutung gebe.

Mittlerweile bietet die DAWG ihre Kurse auch im Ausland an, etwa in Schottland, Schweden, Spanien oder auch Brasilien. Auch das Zusatz-Angebot wird breiter. Jüngst gehört auch die Ausbildung zum Natur-Resilienz-Trainer ins Sortiment. Was das genau ist, konnten die Teilnehmer beim Kongress in einem der zahlreichen Workshops erfahren.

Workshop „Natur-Resilienz“

„Resilienz bezeichnet die seelische Widerstandskraft, die man braucht, um aus Krisen weitestgehend unbeschadet hervorzugehen“, erklärte Natur-Trainerin Bea von Borcke im Vorfeld des Workshops. Eine solche Widerstandskraft könne man in der Natur besonders gut aufbauen, denn „in der Natur kannst du sein wie du bist, frei von Ansprüchen". Naturräume würden Menschen helfen, ihre Gefühle besser wahrzunehmen, Klarheit zu erlangen und somit die eigenen Bedürfnisse besser formulieren zu können. Ziel sei es, Lebensfreude und Zuversicht zu entwickeln. Wie das geht, zeigte die Trainerin während einer praktischen Übung im Grünen. Die Teilnehmer wurden gebeten aus vielen verschiedenen Bildkarten eine auszuwählen und in Stichworten zu begründen, warum sie genau dieses Bild so sehr anspreche. Aus den Stichworten wurden dann individuelle Lebensmottos gebastelt. Beispielsweise inspirierte das Foto eines Schweins eine Teilnehmerin zu: „Ich folge voll Gelassenheit und Neugierde meiner Intuition.“ Zum Bild eines Baumes schrieb eine andere: „Ich entfalte meine Stärken natürlich und standhaft.“ Workshop-Leiterin Bea von Borke fasst zusammen: „Durch Bilder von der Natur, entsteht auch ein Bild von dir selbst.“

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Frau spricht im Freien vor Teilnehmern
Workshop Natur-Resilienz mit Natur-Trainerin Bea von Borcke
Menschen suchen Bilder aus, die unter einem Baum am Boden liegen
Beim Natur-Reslienz-Workshop suchten Teilnehmer Bilder aus …
Teilnehmer mit Notizblöcken sitzen auf einer Wiese
… und bastelten daraus ein Lebensmotto.

Waldbaden in der Medizin

In Japan wird Shinrin-yoku nicht nur als Prävention angesehen, sondern auch als Therapie, unter anderem für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen, Burnout und Depressionen oder Immunschwächen. Japanische Studien, die die Heilwirkung der im Duftcocktail der Bäume enthaltenen Terpene belegten, sehen westliche Forscher als nicht ausreichend belegt.

Warum aussagekräftige medizinische Studien zur Heilkraft des Waldes schwierig sind, erklärte die Wiener Umweltmedizinerin Daniela Haluza beim Waldbadekongress in Bad Bergzabern: „Jeder Naturraum ist ein Unikat mit vielfältigen sensorischen Reizen.“ Jeder Wald habe andere Strukturen, schon allein hinsichtlich der Baumartenzusammensetzung. Bisherige Forschungsergebnisse seien „heterogen und kulturell überlagert“. In der Medizin übliche Doppelblindstudien, bei denen weder Arzt noch Patienten wissen, wer Medikament und wer Placebo bekommt, sei auf einen Waldaufenthalt nicht anwendbar. Haluzas Arbeitsgruppe musste sich für ihre Experimente also ein anderes Konzept überlegen: Eine Gruppe von Personen, die in Alter und Geschlecht repräsentativ ist für die Bevölkerung, verbringt die gleiche Zeit in Wald und Stadt. Danach werden die Effekte gemessen. Psychologische Parameter wie Zufriedenheit und Stresserleben werden anhand von Fragebögen ermittelt, aber auch körperliche Effekte wie Herzrate, Blutdruck und die Konzentration von Stresshormonen im Speichel lassen sich messen. Haluza zufolge sind vor allem Hirnstrommessungen „erleuchtend“ gewesen. „Die Entspannungswellen werden mehr, wenn die Leute im Wald sind“, sagte sie. Den gleichen Effekt erreiche man auch im Labor, indem man den Versuchspersonen Waldbilder zeige. Die Herzratenvariablität gibt Aufschluss über die Fähigkeit des Körpers, den Herzrhythmus zu verändern. Im Wald ist sie erhöht. Das deutet auf mehr Balance im vegetativen Nervensystem hin. Der Erholungseffekt von Wald in Kombination mit Wasser, etwa in Form von Bächen oder Seen, sei am größten, bestätigte Haluza.

Beitrag von Terra x: Die Sprache der Bäume

Forschung zu „Doktor Wald“

Haluza gilt als Expertin in Sachen Waldgesundheit. Sie wird von den Medien häufig um ihre Meinung gebeten. Auch in der Terra-X-Dokumentation „Unsere Wälder“ ist ein Interview mit ihr zu sehen. Ihre Arbeitsgruppe schrieb eine der wohl meist zitierten Publikationen im Zusammenhang mit dem Waldbaden: „Green Public Health – Benefits of Woodlands on Human Health and Wellbeing“. Haluza und ihre Mitarbeiter sind Teil eines neuen europaweiten Projekts namens Dr. Forest, in dem es darum geht, den Erhalt der Artenvielfalt in den Wäldern mit den Gesundheitseffekten für den Menschen zu vereinen. Dabei soll es um den Wald als grüne Apotheke gehen, um die Eigenschaften von Pilzen, Nüssen, Bärlauch oder Lärchenharz, um die ätherischen Öle von Nadelbäumen, um die sogenannte Soundscape, die Geräuschkulisse des Waldes, und auch um die Rolle, die Terpene spielen für die Kommunikation zwischen Bäumen und für die Gesundheit des Menschen.

Wald oder Streuobstwiese?

„Die Liebe zur Natur ist uns angeboren“, erklärte Haluza. Eine mögliche Erklärung dafür gebe die Savannenhypothese, die besagt, dass in den menschlichen Genen eine Vorliebe für savannenartige Landschaften verankert ist. Demnach finden Menschen Streuobstwiesen am erholsamsten, weil sie – wie ihre Vorfahren – weit schauen und sich bei Gefahr theoretisch auf Bäume flüchten können. „Eine Streuobstwiese ist der Savanne am ähnlichsten“, so Haluza. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen die Forschenden, als sie verschiedene Landschaften im Hallerwald in Österreich auf ihr Erholungspotential analysierten. Das Ergebnis: Geordnete Forstwege werden von den Probanden positiv wahrgenommen, unübersichtlicher Urwald wirkt ist weniger erholsam.

Obstbäume auf einer Blumenwiese
Sind Streuobstwiesen besser geeignet zur Erholung als Wälder?

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Aus ihren Forschungsergebnissen folgerte Haluza entscheidende Faktoren für die stresslindernde Wirkung des Waldes: Zugänglichkeit, Übersichtlichkeit, Helligkeit und biologische Vielfalt. Der Umweltmedizinerin zufolge gehört auch eine entsprechende Infrastruktur dazu, mit Mülleimern und Toiletten. Eigens dafür angelegte Erholungswälder könnten für viele Regionen Mehrwert schaffen. Dieses Konzept stand der Auffassung mancher Kongressteilnehmer entgegen, dass möglichst naturnahe Wälder zum Waldbaden genutzt werden sollten. Was den Ablauf des Waldaufenthalts angeht, gab es ebenfalls unterschiedliche Ansichten. Während es beim Waldbaden vor allem um sanfte Bewegungen, Schlendern, Rasten, Meditieren und Entspannen geht, sagte Haluza: „Bei uns geht es darum, dass sich Menschen, die sonst viel sitzen, im Wald bewegen.“

Wälder zur kommerziellen Nutzung

Waldbaden kostet, je nach Anbieter und Dauer unterschiedlich viel, aber in der Regel um die 30 Euro pro Teilnehmer. Ein häufiges Problem von Waldbade-Kursleitern scheint es zu sein, geeignete Wälder für das Naturerlebnis-Angebot zu finden, denn in Deutschland steht jedes Waldstück im Eigentum von Staat, Kommunen, Stiftungen oder Privatleuten. Zwar gibt es das sogenannte Betretungsrecht, dass es der Öffentlichkeit erlaubt, die Wälder zum Zwecke der Erholung zu betreten, doch organisierte, kommerzielle Veranstaltungen fallen nicht darunter. „Es ist immer sinnvoll, Kontakt zu den Besitzern zu suchen“, sagte Förster Martin Grünebaum. Er nahm als Vertreter von „Landesforsten Rheinland-Pfalz“ am Waldbade-Kongress in Bad Bergzabern teil. Waldbaden falle im Staatsforst in die Sparte „Waldbezogener Tourismus“, so Grünebaum. Wenn ein seriöser Partner Waldbaden im Staatsforst anbieten wolle, sei es normalerweise kein Problem einen sogenannten Kooperationsvertrag abzuschließen. „Wir freuen uns sehr, dass der Wald als Therapieraum an Bedeutung gewinnt und, dass es spürbare Nachfrage gibt“, so Grünebaum, der die Gelegenheit nutzte, um die Kongressteilnehmer auf die Deutschen Waldtage hinzuweisen, die am gleichen Wochenende mit bundesweit mehr als 600 Veranstaltungen stattfanden. Die Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), unterstützt vom Deutschen Forstwirtschaftsrat, fand dieses Jahr zum dritten Mal statt mit dem Thema „Wald im Klimastress“. Um ihre Solidarität mit den Menschen zu zeigen, die sich für den Erhalt des Waldes einsetzen, können Bürgerinnen und Bürger sich mit einem grünen Herzen ablichten und Bilder und Videos auf die BMEL-Website hochladen.

Man hält Blatt Papier mit grünem Herz in die Kamera
Förster Martin Grünebaum von „Landesforsten Rheinland-Pfalz“ zeigt sein „grünes Herz“ anlässlich der Deutschen Waldtage

Waldbaden und Forstwissenschaft

Wo das Thema „Waldbaden“ derzeit in der Forstwissenschaft steht, erklärte ein 24-jähriger Kongressteilnehmer, der das Fach in Göttingen studiert und sich parallel dazu an der DAWG zum „Kursleiter für Waldbaden und Achtsamkeit im Wald“ ausbilden hat lassen. Er erklärte: „In der Forstwissenschaft sind Fakten wichtig. Zum Beispiel finden die Leute aus der Uni Wohlleben nicht gut, weil er Thesen aufstellt die wissenschaftlich noch nicht belegt sind.“ Dass hierzulande „Waldbaden“ manchmal etwas ins Lächerliche gezogen wird, liege seiner Meinung nach am Begriff selbst. Würde man die Japanische Bezeichnung Shinrin-yoku wählen, klänge es seriöser, so der angehende Forstwissenschafter. Im Studium könne man das Thema innerhalb des Fachs Waldpädagogik einordnen. Er selbst habe erlebt, dass ihn das regelmäßiges Waldbaden beim Sport effizienter mache. Er sagte: „Wald ist nicht nur ein Wirtschaftsraum, sondern auch unser wichtigstes Mittel für die Selbstheilung.“

Menschen sitzen auf einer Burgruine und blicken in die Ferne
Ausblick über den Pfälzerwald auf Burg Neudahn in der Nähe von Bad Bergzabern
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Adriane Lochner

Adriane Lochner

Adriane Lochner ist promovierte Biologin und arbeitet seit 2013 als freie Journalistin. Sie schreibt über Natur- und Gesellschaftsthemen, unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), National Geographic Online, die tageszeitung (taz), Süddeutsche Zeitung und die britische Tageszeitung The Guardian.


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Adriane Lochner ist promovierte Biologin und arbeitet seit 2013 als freie Journalistin. Sie schreibt über Natur- und Gesellschaftsthemen, unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), National Geographic Online, die tageszeitung (taz), Süddeutsche Zeitung und die britische Tageszeitung The Guardian.

Jens Eber, gelernter Forstwirt, hat mehrere Jahre Berufserfahrung als Lokalredakteur und arbeitet seit 2003 freiberuflich, unter anderem für Tageszeitungen, Magazine und Fachzeitschriften. Sein Themenschwerpunkt liegt auf der Beziehung zwischen Mensch und Wald, von Waldnaturschutz über Wildmanagement bis hin zu nachhaltigen Methoden in der Forstwirtschaft.  


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