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Der Mensch in der Maschine – oder die Maschine in uns?

In Zukunft werden wir mit Maschinen verschmelzen. Das erweitert unsere Möglichkeiten: wir sind nicht mehr an unseren biologischen Körper gebunden. Und wir können andere Menschen fernsteuern. Ein Besuch in der Zukunft.

von
16.07.2019
27 Minuten
Eine Person, vier Arme. Während der Träger des Projektes „Fusion“ seine beiden Arme wie gewohnt verwendet, steuert eine weitere Person, die dem Träger dank des Kamerakopfes über die Schulter blicken kann, die beiden anderen Arme völlig unabhängig.

Der Schleier fällt der alten Dame vor die Augen, als die Braut sie umarmt. Er ist weiß und zart. Die alte Dame sieht durch ihn hindurch die nackten Schultern der Braut, ihr leichtes Zittern. Sie bewundert das silbrig-weiß schimmernde Haarband, den dunklen Dutt. Er ist so glatt, als wäre er aus Porzellan. Dann hebt die Braut den Schleier. Die weinrot geschminkten Lippen, die weiß glänzenden Zähne, das Gesicht kommt immer näher, so nah, dass es unscharf wird. Ein schöner Traum, der beim Aufwachen im Nebel verschwindet, noch bevor sich die Augen öffnen. So stehen sie da, Wange an Wange, die alte Dame und die Braut.

Sie sieht die Brautmutter, die vor Rührung weint, den Brautvater, der ihre Hand hält. Sie sieht die anderen Gäste, alle sind aufgeregt. Der weiße Strauß in den Händen der Braut zittert. Und dann kommt er endlich. Der Bräutigam! Ihr Enkel! Er ist wie ein Sohn für sie.

Wie ist er groß geworden! Und nun wird er also heiraten. Gibt es einen größeren Moment im Leben? Für die alte Dame war klar, da würde sie dabei sein, in der Menge der Feiernden, eine der ersten Gratulantinnen. Doch das Leben kam anders. Und mit ihm eine Horde junger Männer, Freunde ihres Enkels, die sie zu einem Versuchskaninchen machten für eine neue Technologie, die sie „Augmented Human“ nennen, der erweiterte Mensch. Die Grenzen des Menschen verschwimmen in dieser Technologie. Eine Technologie dank der Menschen überall gleichzeitig sein können, Raum und Zeit werden relativ.

Das spürt die alte Dame gerade am eigenen Körper, sie ist dabei, ganz sicher ist sie dabei. Sie fühlt es doch! Sie steht mitten zwischen diesen Menschen, und wer von ihnen bewundert ihren Enkel mehr als sie selbst. Doch sie ist nicht da. Nicht wirklich.

Ihr Enkel sieht sich ein wenig unsicher um, dann stürzt er auf die alte Dame zu und schlägt seine Arme um sie. Seine großen, erwartungsvollen Augen, das silbern glänzende Hemd ohne eine einzige Falte, die Krawatte, an der eine kleine weiße Blume steckt – die alte Dame betrachtet alles ganz genau. Sie hebt ihre Hände, es wirkt fragend. Was geschieht hier? Dann schlingt sie ihre Arme um ihn. Der Enkel küsst sie auf den Mund.

Auf den Robotermund.

Eng umschlungen von ihren Roboterarmen.

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Eine alte Dame liegt halb aufgerichtet in ihrem Bett. Sie trägt eine große, klobige VR-Brille.
Die alte Dame bekommt dank moderner Telepräsenz-Technologie die Möglichkeit, von ihrem Zimmer im Altenpflegeheim aus an der Hochzeit ihres geliebten Enkels teilzunehmen.
Ein weißer, menschenähnlich aussehender Roboter mit zwei Kameras auf seinem Kopf wird gerade von der Braut umarmt.
Das andere Ende der Verbindung: Diesen Roboter hat die alte Dame bezogen. Die beiden Kameras auf seinem Kopf ermöglichen es ihr das Geschehen in über 300 Kilometern Entfernung zu verfolgen, als wäre sie selbst anwesend.
Eine begeistert wirkende Frau sitzt auf einem Hocker. Auf ihrem Rücken trägt sie zwei Roboterarme, die sie mit ihren Füßen steuert.
Die VR-Reporterin Eva Wolfangel probiert die „MetaLimbs“ aus. Die beiden zusätzlichen Arme werden über spezielle Sensor-Socken an den Füßen gesteuert.
Eine Person lässt einen blauen Stift fallen. Eine zweite Person soll ihn auffangen. Das gelingt ihr jedoch nur, weil das Computersystem von Prof. Nishida die Hand „befehligt“.
Ohne Hilfsmittel ist es kaum möglich, den Stift zu fangen, doch dank des Systems von Professor Nishida schafft man es scheinbar ganz von selbst.
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Eva Wolfangel

Eva Wolfangel

Eva Wolfangel ist freie Wissenschafts- und Reportagejournalistin, Speakerin und Moderatorin und beschäftigt sich mit Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz und virtueller Realität, Ethik und Hirnforschung. Twitter: @evawolfangel 


VR-Reporterin

"Wir gehen virtuell" ist in der Corona-Krise schon zum geflügelten Wort geworden. Im digitalen Raum entstehen gerade ganz neue Realitäten, und sie führen zu einer verrückten Entwicklung: Digitales und Physisches rücken wieder näher zusammen, näher als je zuvor in der Geschichte der Computer. Und auch unser Realitätsbegriff steht in Frage. Virtuelle und digitale Welten sind ebenso Realität wie die materielle Welt. Unser aller Leben wird von den Vorgängen in diesem riesigen "Raum zwischen den Computern" bestimmt - von digitalen Meetings über die Algorithmen sozialer Netzwerke bis hin zu dreidimensionalen virtuellen Welten. Wie wollen wir in Zukunft leben in und mit diesen Realitäten?

VR-Reporterin Eva Wolfangel befragt Forscher und Entwickler, Philosophen und Nerds und sie schreckt vor nichts zurück: sie erweitert ihre Realität technisch, sie reist in die Virtuelle Realität und real um die Welt, um zu berichten, was Menschen auf diesem Planeten mit diesem neuen Raum anstellen. LeserInnen dieser Koralle können in Echtzeit zusehen, wie das Digitale unsere Realität verändert und welche Fragen das für unser Leben in Zukunft eröffnet.

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