Undercover: Ein Journalist recherchiert im rechten Lager.

Rassismus, gemeinsame Sache mit Neo-Nazis und manipulative Web-Strategien, so geht Éric Zemmour auf Stimmenfang.

6 Minuten
Portrait Aufnahme mit schwarzem Hintergrund. Vincent Bresson sieht ernst in die Kamera.

Vier Monate lang infiltrierte der unabhängige Journalist Vincent Bresson die Kampagne Éric Zemmours, Kandidat für die Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Offen praktizierter Rassismus, Kollaboration mit Neo-Nazis und Web-Strategien, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren: In seinem Buch “Au coeur du Z”, zu Deutsch Im Herzen des Z, enthüllt der als pro-Zemmour-Aktivist getarnte Journalist, wie ein verurteilter Polemiker Wahlkampf betreibt, Anhängerïnnen mobilisiert und ein ernstzunehmener Herausforderer Emmanuel Macrons werden konnte.

„Ich bin offensichtlich schlecht, was politische Prognosen angeht“, sagt der freie Journalist, der unter anderem für Zeitungen wie Le Monde oder Street Press arbeitet. Niemals hätte der 27-Jährige mit Trump an der Spitze der amerikanischen Regierung gerechnet und genauso heftig trifft ihn der Schock, als zwischen September und Oktober 2021 auf einmal die Umfragewerte Éric Zemmours durch die Decke gehen. 15 Prozent der französischen Bürgerïnnen hätten dem Autor zu diesem Zeitpunkt ihre Stimme gegeben. Ein enormes Ergebnis für den politischen Neuling. Bisher war er vor allem für rassistische, misogyne und antisemitische Äußerungen in TV-Auftritten und seinen Büchern bekannt. Für einige wurde er angezeigt und wegen Volksverhetzung rechtskräftig verurteilt.

„Migranten haben in Frankreich nichts zu suchen. Sie sind Diebe, Vergewaltiger und Mörder.“ – Éric Zemmour über minderjährige unbegleitete Geflüchtete am 29.09.2020 im TV-Sender CNEWS

Laut aktueller Umfragewerte würden ihm 11 Prozent der Französinnen und Franzosen ihre Stimme geben. Damit liegt er hinter Emmanuel Macron, Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon auf dem vierten Platz. Mit Zemmour als Präsident würde sich einiges ändern. Er will nicht nur „unerwünschte Ausländer“ abschieben, sondern auch das Geburtsortprinzip, das in Frankreich geborene Kinder ausländischer Eltern zu französischen Staatsbürgerïnnen macht, abschaffen. Außerdem sollen diese Kinder per Gesetz nur noch französische Namen tragen. Und das ist nur der Anfang der „Reconquête“, seiner „Rückeroberung“, nach der er auch seine Partei benannt hat.

Das wirft Fragen auf. Vincent Bresson will wissen: Wer sind diese Menschen, die ihn wählen würden? Und mit welchen Methoden erarbeitet sich ein solcher Kandidat realistische Chancen auf das französische Präsidentschaftsamt?

Bresson trägt eine normal große Brille mit dunkler Fassung, Drei-Tage-Bart und Wuschelfrisur. Er ist ein unauffälliger Typ. Perfekt für eine Infiltration. Er schließt sich unter dem Pseudonym Vincent Carayon der „Génération Z“ (Z für Zemmour) an. Eine Armee an jungen, intelligenten und eifrigen pro-Zemmour-Aktivistïnnen, „die die Wahlkampf-Maschinerie am Laufen halten.“ Sie sind zwischen 18 und 30 Jahre alt, digital natives, fast immer weiß, katholisch und haben einen klassischen französischen Namen. So wie er. „Sie sind zahlreich und entschlossen“, schreibt er in seinem Buch und taucht in das Universum am äußersten rechten Rand ein. „Ich habe es nur meiner Freundin gesagt. Meine Eltern haben aus Sicherheitsgründen erst am Vorabend der Publikation des Buches davon erfahren.“

Zwischen den Welten

September. Ein paar Klicks auf der offiziellen Website der aktivistischen Gruppe, ein paar Unterhaltungen auf Discord, wenige SMS und eine Einladung für einen verschlüsselten Telegram-Chat später und Bresson beziehungsweise Carayon ist Teil der „Gen-Z“. „Es war eigentlich erschreckend leicht. Es gab keine Kontrolle, ob ich auch wirklich der bin, für den ich mich ausgebe.“

Es dauert nicht lange und Vincent kleistert die ersten Zemmour-Plakate in Nacht-und Nebelaktionen an die Mauern der schicken Pariser Viertel. Bereits bei diesen ersten Begegnungen wird klar, welcher Ton hier die Musik macht. Das N-Wort wird ohne Skrupel genutzt, kein Einwand, nicht mal ein Stirnrunzeln. Als ein Schwarzer Fahrer die neue Lieferung an Flyern und Plakaten den jungen Aktivistïnnen aushändigt, kommen Bemerkungen wie „Wenn der wüsste, was er da transportiert hat“ und die Gruppe lacht.

Das Doppelleben wird zur Belastung. Eines Abends geht Bresson mit seinem Bruder, grün-links politisiert, im selben Viertel essen, in dem er später mit der GenZ Plakate aufhängen würde. Das Risiko zwischen dem Rollenwechsel erkannt zu werden, war hoch. Vincent Bresson ist gelegentlicher Party-Raucher, doch nach ein paar Wochen in der Haut von Vincent Carayon raucht er Kette. „Ich bin normalerweise jemand, der natürlich und schnell auf Dinge reagiert. Doch während der Infiltration war ich ständig am Kalkulieren und Abwägen, was ich sagen muss, wie ich reagieren muss, um in meiner Rolle zu bleiben. Ich hatte große Angst es könnte schief gehen.“

Hüter des Hauptquartiers

Nach knapp einem Monat ist er Mitglied in zwölf Telegram-Gruppen und antwortet auf viele der Aufrufe, die nach freiwilligen Helferïnnen fahnden. „Suchen Aktivisten für eine Nacht in Paris. Das wird euch interessieren, ich zähle auf euch. (eine sehr nette Mission;)) Bitte privat antworten“, lautet einer dieser Gesuche, für die sich Vincent Carayon als Freiwilliger zur Verfügung stellt.

In dieser „sehr netten Mission“ geht es um nichts weniger, als das Wahlkampfbüro und Hauptquartier der GenZ im 8. Arrondissement von Paris zu hüten. Vor Ort übernachten, sicherstellen, dass sich niemand unbefugten Zutritt verschafft – vor allem keine schnüffelnden Journalistïnnen – und in einem Heft Uhrzeit und Name notieren, wenn andere Mitglieder vorbeikommen. Und einfach so findet sich ein Undercover-Journalist alleine mit den Schlüsseln des Dreh-Und Angelpunkts eines potenziellen zukünftigen Präsidenten wieder. Doch in den Dokumenten wühlen kommt für Bresson nicht in Frage. Er will die Rolle des Beobachters spielen, nicht die eines Saboteurs.

Fake News und Manipulation

Die Infiltration wird zum Vollzeitjob. Vincent Bresson ist nun nicht mehr nur Teil der „Twitter-Wache“, einer Gruppe, die Twitter nach unerwünschten Kommentaren, vertraulichen Informationen oder sonstigen Erwähnungen in Verbindung mit Zemmour durchkämmt. Die Operation „Wikizédia“ hat zur Aufgabe, Wikipedia zu „zemmourisieren“, das heißt: Die Wikipedia-Seite zu seinen Gunsten umzuschreiben. Wörter wie „radikal“, „rassistisch“ etc. verschwinden zu lassen und pro-Zemmour-Content unauffällig zu streuen und zu verlinken. Diese Aktion wird aber nicht von irgendwelchen stümperhaften Schreiberlingen durchgeführt. Samuel Lafont, der Direktor für digitale Strategie, leitet diese „Einheit“, in der beispielsweise jemand unter dem Pseudonym „Cheep“ arbeitet. Dieser Cheep ist auf Platz 64 der Top-Contributor des französischen Wikipedia – ein angesehener Account, der seit mehr als 15 Jahren tätig ist und über 150.000 Artikel verfasst oder ergänzt hat.

Eskalation

Mit seinen „Kameraden“ tourt Vincent Carayon durch Frankreich, immer an den Fersen Zemmours, um bei dessen Auftritten, den „Meetings“, dabei zu sein. Im Dezember, bei einer dieser Kundgebungen in Villepinte, einem Vorort nordöstlich von Paris, eskaliert die Situation. Menschen schreien, Stühle fliegen durch die Luft. „Die Antworten auf meine Frage, was der Grund für diese Gewaltausschreitungen sei, überraschten mich. Man sprach von ‘legitimer Gewalt’ und ‘Provokation’.“ Was genau geschah, kann nicht rekonstruiert werden. Nach dem Bresson mit der Polizei spricht, wird klar: Aktivistïnnen des Vereins „SOS Racisme”, die sich eingeschleust hatten, wurden von Mitgliedern der Zouaves Paris (ZVP), einer gewaltbereiten rechtsextremen Gruppierung, die Nazi-Ideologien verbreitet, heftig attackiert. Eine Videoaufnahme zeigt das blutüberströmte Gesicht einer Aktivistin. Ob die ZVP zum Treffen eingeladen waren, ist nicht belegt. Allerdings existiert ein weitere Aufnahme, in der zu hören ist, wie sich ein GenZ-Aktivist für „den guten Job“ bei der ZVP bedankt.

Die Zeit danach: Immer auf der Hut

Kurz vorm Jahreswechsel hält Éric Zemmour ein Meeting ab, um allen Aktivistïnnen für ihren Einsatz zu danken und ihnen ein einen guten Rutsch ins neue Jahr zu wünschen. Bei dieser Gelegenheit schießt Vincent Bresson ein Selfie, Arm in Arm mit „le Z“, wie ihn seine Anhängerïnnen nennen. Danach steigt er aus, arbeitet den ganzen Januar an seinem Buch, das Mitte Februar erscheint. Seit der Publikation hat sich einiges verändert. Die Administration von Wikipedia geriet unter Druck und beschloss durchzugreifen. Sie verbannten einige der Contributors von der Plattform und erhöhten die Sicherheitsstandards der Seite Zemmours, um „einen Editierkrieg zu vermeiden“.

Aktuell versucht Bresson im Hintergrund zu bleiben. Er ist vielleicht ein bisschen paranoid, sagt er, versucht aufzupassen, „wobei ich nicht weiß, wie nötig das wirklich ist“. Aber sicher ist sicher. Er schaut wenig bis gar nicht in die Messenger seiner Social Media Kanäle, um sich selbst zu schützen. Es gibt die Nachrichten voller Hass und Drohungen, aber auch andere, die nur um ein Gespräch bitten. Er antwortet nicht. Das 8. Arrondissement meidet er. Ansonsten beantwortet Bresson die vielen journalistischen Anfragen, die er seit der Publikation erhält. Das Interesse ausländischer Medien übersteigt aber deutlich das der französischen, sagt er. Zemmour fasziniert offenbar über Landesgrenzen hinaus.

Ob er sein Ziel erreicht hat? „Die ganze Sache ging sehr viel weiter, als wir ursprünglich dachten. Ich glaube diese Informationen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, die ich aber während meiner Recherche zu Tage fördern konnte, sind wichtig, für die Bevölkerung, die bald wählen wird.“

Wen wird Vincent Bresson im kommenden April wählen? Niemanden, sagt er. Auch wenn er nicht glaubt, dass purer objektiver Journalismus möglich ist, will er zumindest versuchen, so neutral und unabhängig wie möglich zu bleiben. „Andernfalls könnte ich politische Themen nicht so behandeln, wie ich es jetzt tue.“

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Giorgia Grimaldi

Rue de la Loge
25
13002 Marseille

www: https://www.torial.com/giorgia-vanessa.grimaldi

E-Mail: grimaldigiorgia135@gmail.com

Tel: +33 7 66 32 01 69

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Faktencheck: Giorgia Grimaldi

VGWort Pixel