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Und morgens erst mal „Fox News“

Ob Nordkorea, Klimaschutz oder Nato: Als US-Präsident wirbelte Donald Trump die US-amerikanische Außenpolitik mächtig durcheinander. Eine Arte-Dokumentation zieht Bilanz.

von
07.04.2021
3 Minuten
Mehrere ältere Männer und Herren stehen bzw. sitzen um einen Tisch herum und reden.

Über Donald Trump ist schon alles gesagt worden? Das mag sein. Aber vielleicht liegt gerade darin ein Problem. Die schiere Summe von verbalen Ausfällen, Drohungen und Hauruck-Entscheidungen macht es schwer, einen Überblick über die Amtszeit des 45. US-Präsidenten zu bekommen. Was wollte Trump? Was hat er erreicht? Und was bleibt von ihm, nachdem der letzte Tweet gesendet wurde?

Die Arte-Dokumentation „America First – Bilanz einer Amtszeit“ (auch abrufbar in der Mediathek) versucht diesen Fragen nachzugehen. Obwohl die Sendung auf drei Folgen aufgeteilt wurde, befasst sie sich nur mit Außenpolitik. Hätte die US-amerikanische Filmemacherin Norma Percy auch Trumps innenpolitische Eskapaden aufgenommen, würde den meisten Zuschauerïnnen wohl schon nach fünf Minuten der Kopf dröhnen.

Doch keine Sorge: Selbst die Reduktion auf Außenpolitik verspricht – ganz im Trump’schen Sinne – nie langweilig zu werden. Der Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen. Drohungen gegen die Nato. Schmeicheleien gegenüber Putin. So beginnt das Aufwärmen. Doch da ist Trump noch lange nicht in Fahrt. Filmemacherin Percy leider auch nicht.

Donald Trump erhebt den Zeigefinger
Der ehemalige US-Präsident Donald Trump beim Nato-Gipfel 2018: Er soll mit einem Alleingang in Verteidigungsfragen gedroht haben, wenn die anderen Nato-Mitglieder nicht sofort ihre Verteidigungsausgaben erhöhten.

Die Doku tastet sich durch den Blick von außen an Trump heran. Zahlreiche Weggefährtïnnen und ausländische Diplomatïnnen kommen zu Wort, darunter hochkarätige Charaktere wie der ehemalige Nationale Sicherheitsberater John Bolton oder der französische Ex-Präsident François Hollande.

Die Mischung ist durchaus vielfältig: Neben europäischen Politikerïnnen schildern iranische, israelische und palästinensische Offizielle ihre Sicht, ebenso der rechte Publizist Steve Bannon, der acht Monate lang als Trumps „Chefstratege“ fungierte. Obwohl die negativen Kommentare überwiegen, reden längst nicht alle nur schlecht über Trump. Einige scheinen auch heute noch hinter dessen Politik zu stehen.

Der Titel der Doku hätte auch lauten können: „Wie ein Verrückter die Welt an den Rand einer Katastrophe trieb.“

Insgesamt dominiert aber die Kritik. Während der Titel des Dokumentarfilms – eine „Bilanz“ – noch recht nüchtern daherkommt, hätte er auch anders lauten können. Zum Beispiel: „Wie ein Verrückter die Welt an den Rand einer Katastrophe trieb.“ So direkt sagt das Percy nicht. Aber es ist gemeint.

Beispiel Naher Osten: Aus innenpolitischen Erwägungen löst Trump beinahe einen Krieg mit dem Iran aus, bläst den bereits befohlenen Angriff dann aber doch in letzter Minute ab, ganz zum Ärger von „Falken“ wie John Bolton, die einen Militärschlag für richtig gehalten hätten (und dies im Beitrag auch sagen).

Nicht zu vergessen: die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, die das Konfliktpotenzial in einer ohnehin instabilen Region weiter anheizt, sowie der Teil-Abzug aus Syrien, der beinahe zu einem Völkermord an den Kurdïnnen geführt hätte.

Mehrere Politikerinnen und Politiker sitzen sich an einem Tisch gegenüber.
US-Präsident Donald Trump (li.) und der nordkoreanische Staatschef Kim Jong Un (re.) treffen sich beim zweiten US-Nordkorea-Gipfel im Sofitel Legend Metropole Hotel in Hanoi am 28. Februar 2019.

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All diese Thesen sind nachvollziehbar und sicherlich richtig. Trotzdem hätte dem Film der eine oder andere Perspektivwechsel gutgetan. Was sagen eigentlich Trump-Anhängerïnnen zu Nato und China? Zum Ausstieg aus dem Iran-Deal? Zum Treffen mit Nordkoreas Diktator? Es wäre spannend gewesen, das zumindest mal zu hören.

Rechnet man alle drei Teile zusammen, kommt man auf fast drei Stunden. Da wäre sicherlich Platz gewesen, ein wenig mehr über Trumps Innenleben zu lernen. Was treibt diesen Mann an? Warum wünscht er sich Militärparaden in Washington? Wieso schaltet er lieber Fox News an, als auf seine eigenen Beraterïnnen zu hören?

Und, ja, in eine „Bilanz“ gehören auch die Erfolge. Dass Trumps Schwiegersohn Jared Kushner zahlreiche arabische Staaten überredet, Friedensverträge mit Israel zu schließen, kommt eher als Fußnote daher. Auch dass Trump in manchen Dingen eben doch erstaunlich traditionelle Politik macht, wird kaum erwähnt.

Mehrere Personen sitzen in einem Zelt. Im Hintergrund hängt die US-amerikanische Fahne.
Der ehemalige US-Präsident Donald J. Trump (Mi.li.) und seine Ehefrau Melania (Mi.re.) bei einem überraschenden Kurzbesuch von US-Truppen im Irak 2018

Beim Nato-Gipfel 2018 erweist er sich als verblüffend gut vorbereitet, als er den versammelten Regierungschefs einzeln die Meinung geigt. Angela Merkel wirft er vor, sich wegen der Nordstream-II-Pipeline in „Geiselhaft Russlands“ zu begeben – sein Nachfolger Biden sieht es ähnlich, wenngleich er sich nicht so plump ausdrückt wie Trump.

An solchen Stellen wäre Potenzial gewesen, das altbekannte Trump-Narrativ zumindest kurz aufzubrechen. Ja, er war ein erratischer, egoistischer, in vielen Bereichen gefährlicher Präsident. Die Chance, etwas wirklich Neues zu erfahren, hat die Doku leider vertan. Schade eigentlich, denn der Rest ist wirklich gut.

Externer Link: „America First – eine Bilanz“ in der Arte-Mediathek

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Steve Przybilla

Steve Przybilla

Steve Przybilla (Jg. 1985) ist freier Journalist. Zu seinen Schwerpunkten gehören USA-Reportagen sowie Mobilitäts- und Datenschutz-Themen. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, der NZZ und bei FAZ Quarterly.


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"Amerika ist wunderschön -- wenn nur die Amerikaner nicht wären." Als Steve Przybilla seinen ersten USA-Flug buchte, fasste ein Reisebüro-Mitarbeiter das Land mit genau diesem Satz zusammen.

Das Erlebnis ist lange her, das Reisebüro längst geschlossen. Was geblieben ist, ist Steves unstillbare Neugier auf dieses verrückte, unbekannte, uns Europäern oft fremde und gerade deswegen so faszinierende Land. Seit 15 Jahren bereist Steve für verschiedene Medien (u.a Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Spiegel online) als Reporter die USA.

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