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„Ich habe Angst, dass mein Sohn mich nicht mehr erkennt“

Lasse steckte sich in Ischgl an. Er hatte Glück: Er war nicht lebensgefährlich krank. Trotzdem hat das Virus sein Leben nachhaltig verändert

von
10.07.2020
3 Minuten
Einer von 50 Survivors

Meine Freunde und ich fahren jedes Jahr zum Skifahren, immer in unterschiedliche Orte, dieses Jahr, im März, war Ischgl dran. Wir wollten uns eigentlich eine nette Woche machen, durch die Gegend ziehen, ein bisschen feiern, Skifahren. Aber schon nach zwei Tagen explodierte die Lage. Erst wurde die „Kitzloch“-Bar geschlossen, dann wurden Skilehrer krank. Spätestens jetzt war klar: Hier passiert etwas, was wir nicht kontrollieren können. Das war uns zu heikel. Wir fuhren mit dem nächsten Zug nach Hause. Einen Tag später wurde Quarantäne ausgerufen für das ganze Tal.

Wir waren mehr als 15 Leute in der Reisegruppe – alle wurden später positiv getestet, bis auf eine Mitreisende. Aber wir gehen davon aus, dass sie falsch negativ getestet wurde. Bei mir ging es schon in Ischgl los, mit einem leichten Husten. Auf dem Weg nach Hause bekam ich Schüttelfrost. Ich rief meine Mutter an und sagte: „Mama, bitte mach einen Großeinkauf für mich, ich begebe mich erstmal in Quarantäne.“ Als ich nach Hause kam, standen zwei große Einkaufstüten auf der Fußmatte. Ich ging in die Wohnung, machte die Tür zu – und die nächsten drei Wochen nicht mehr auf.

„Viel schlimmer sind die Konsequenzen, die Corona für mein soziales Leben hat“

In den Tagen danach bekam ich die typischen Symptome: Husten, Fieber, Geruchs- und Geschmacksverlust, Kopf- und Gliederschmerzen. Aber ich hatte nicht das Gefühl, sterbenskrank zu sein. Ein Freund von mir ist Arzt. Er hat mich alle zwei Tage angerufen. Er machte sich Sorgen, weil ich etwas Atemnot hatte. Das war aber alles nicht so schlimm.

Viel schlimmer sind die Konsequenzen, die Corona für mein soziales Leben hat. Ich habe einen kleinen Sohn. Er ist zwei Jahre alt und lebt bei seiner Mutter. Weil nicht klar war, wie lange ich ansteckend sein würde, habe ich ihn seit März nicht mehr gesehen. Ich habe ihm Karten geschrieben, Kuchen gebacken und den per Post geschickt. So habe ich versucht, Kontakt zu halten. Damit er seinen Papa nicht vergisst. Trotzdem habe ich Angst, dass er mich bald nicht mehr erkennt. Das belastet mich sehr. Viel mehr als irgendein Krankheitssymptom.

Corona-Überlebender Lasse

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„Mir ist es wichtig, derartige Vorhaben zu unterstützen“

Überhaupt merke ich, dass Corona emotional viel mit den Menschen macht. Das Virus schafft ein neues Verhältnis zu Nähe und Distanz. Es ist ein Gefühl der „Körperlosigkeit“ entstanden, weil wir Abstand halten müssen. Auf der einen Seite wünschen wir uns Nähe. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, wie wir uns begegnen sollen. Wie verhalte ich mich richtig? Umarmen oder nicht? Daran merke ich am meisten, wie sehr Corona meinen Alltag verändert hat. Eine simple Sache wie Nase putzen hat eine völlig neue Qualität bekommen. Was früher normal war, wird seit Corona kritisch beäugt.

Und noch eine Sache hat sich verändert: Ich habe mittlerweile an zwei medizinischen Forschungsprogrammen teilgenommen. Die wollen Antikörper herstellen, um Kranken zu helfen. Mir ist es wichtig, derartige Vorhaben zu unterstützen. Ich habe Glück gehabt. Andere nicht. Wenn ich mit meinem Blut Menschen helfen kann, die nicht gesund sind, dann mache ich das gerne.

Das Projekt wurde von der Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

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Christina Barilaro

Christina Barilaro

tactile.news ist ein journalistisches Innvoationslabor mit Sitz in Lüneburg. Als Partner für Redaktionen bietet das Lab Workshops, Design Sprints und Formatentwicklungen an. Im Team mit Entwickler*innen, Maker*innen, Designer*innen und Social-Media-Expert*innen entsteht Treibstoff für überraschenden, einzigartigen Journalismus – ausgezeichnet etwa mit dem Deutschen Reporterpreis oder nominiert für den Grimme Online Award.

Für tactile.news schreiben Isabelle Buckow, Astrid Csuraji, Jakob Vicari und Bertram Weiß.


#50survivors

Wie schön, dass Sie Deutschlands erste Dialog-Recherche besuchen: Willkommen bei #50survivors!

Viele Menschen überleben Covid-19 tragischerweise nicht. Aber für die Hunderttausenden Menschen in Deutschland und viele Millionen Menschen weltweit, die eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden haben, ist die Sache damit nicht vorbei. Sie alle teilen eine einschneidende Erfahrung. Manche trifft es besonders hart. Wie gehen sie damit um? Das hat unsere journalistische Dialog-Recherche #50survivors anhand von 50 Betroffenen gezeigt. Über mehrere Monate im Jahr 2020 hinweg ist mit unserem Projekt ein facettenreiches Bild der Erfahrungen, Gedanken und Gefühle von Corona-Überlebenden entstanden. 

Das Projekt wurde von der Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert. Das Projekt #50survivors ist seit dem 2.11.2020 abgeschlossen.

Hier finden Sie die Ergebnisse unserer Dialog-Recherche.

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