Leben und Sterben am Vesuv: Die Pompeji-Ausstellung im Archäologiemuseum Chemnitz

Die Ausstellung „Pompeji und Herculaneum“ in Chemnitz führt in die bei einem Ausbruch des Vesuvs 79 n. Chr. verschütteten Römerstädte

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Das Bild zeigt die weiße Statue des römischen Gottes Bacchus in einer Ausstellung.

Schon seit Stunden regnet es Asche aus einem dunklen Himmel, in dem immer wieder Blitze zucken. Schwere Erdbeben erschüttern die Stadt Pompeji am Golf von Neapel in Italien. Endlich entschließt sich eine kleine Gruppe, dreizehn Männer und Frauen, zur Flucht. Noch bevor sie die Stadtmauern erreichen, werden sie von einer Wolke aus heißer Asche und Staub überrascht, die vom nahen Vesuv herangeschossen kommt. Eilig werfen sich die Flüchtenden zu Boden, versuchen, ihr Gesicht mit ihren Armen zu schützen oder kauern sich aneinander. Ohne Erfolg: Gegen das mehr als 250 Grad heiße vulkanische Material haben sie keine Chance. Sie sterben an Ort und Stelle.

Der Untergang der beiden Städte Pompeji und Herculaneum am Golf von Neapel durch den Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. ist eine der bekanntesten Naturkatastrophen der Antike. Zeitgenossen wie der Schriftsteller Plinius der Jüngere haben sie beschrieben. Fast 1.700 Jahre blieben die beiden Städte unter einer rund 6 Meter hohen Ascheschicht verborgen. Nur durch Zufall kamen im Jahr 1771 gut erhaltene Statuen ans Tageslicht, als Bauern einen Brunnen graben wollten. Seither erweist sich die Katastrophe der Antike als Glücksfall für die Archäologie.

Denn weil die beiden Städte innerhalb weniger Stunden komplett verschüttet wurden, haben sie wie in einem Schnappschuss oder einer Zeitkapsel das Leben und – im Falle der dreizehn Flüchtenden – Sterben ihrer Bewohner festgehalten. Pompeji und Herculaneum sind noch lange nicht vollständig ausgegraben. Auch in Zukunft sind neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu erwarten. Den aktuellen Stand aber stellt das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz in einer Ausstellung vor. Ihr Titel: „Pompeji und Herculaneum. Leben und Sterben unter dem Vulkan.“

Das Bild zeigt den weißen Gipsabdruck eines auf dem Boden liegenden Menschen, der beim Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. ums Leben gekommen ist.
Die Gipsabgüsse der Opfer vermitteln ein besonderes anschauliches Bild der Katastrophe.

Der Kontrast von geschäftigem Treiben und dem plötzlichen, grausamen Tod strukturiert die Schau, für die zahlreiche Leihgaben aus Museen in und um Neapel besorgt wurden. Sie beginnt mit einem animierten Video, das, im Stil einer fiktiven Überwachungskamera, von einem festen Punkt im Stadtzentrum Pompejis den schicksalhaften Tag, den 25. August 79, dokumentiert. Leichte Erdbeben erschüttern zunächst die Stadt, im Hintergrund ist zu sehen, wie Rauch aus dem Vesuv aufsteigt. Bald werden die Beben stärker und beschädigen zahlreiche Gebäude. Brände brechen aus, während immer mehr Asche und Gestein aus dem Vulkan geschleudert werden, bis eine sogenannte „pyroklastische Welle“ die Stadt schließlich unter sich begräbt.

Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich die blühende Landschaft in ein Katastrophengebiet

Mit diesem Ende vor Augen erscheint das zuvor blühende Leben der Städte am Golf von Neapel in einem melancholischen Licht. Die Ausstellung rekonstruiert prächtige Villen, deren Bewohner ein Faible für neckische Accessoires hatten, etwa die kleine Bronzestatue eines unbekleideten Mannes. Die Schau führt jedoch nicht nur in noble Herrenhäuser, sondern auch in die Garküchen Pompejis. Hier stärkten sich die Bewohner der Stadt mit einem schnellen Mittagessen.

Dagegen die Folgen des Vulkanausbruchs: Verkohlt hat zum Beispiel ein frisch zubereiteter Laib Brot, der sicherlich am selben Tag hätte verzehrt werden sollen, die Jahrtausende überdauert. Oder die angebrannte Einrichtung eines Hauses: der Beistelltisch, an dessen Beinen und Füßen noch geschnitzte Tatzen und Gesichter zu sehen sind, mit denen er geschmückt war.

Das Bild zeigt zwei Vitrinen in einem Museum. Die linke enthält die kleine bronzene Statue eines Mannes, die rechte zeigt einen verkohlten Brotlaib.
Innerhalb weniger Sekunden verkohlte der Brotlaib, der sich beim Ausbruch des Vulkans in einem Backofen in Herculaneum befand.

Lange Texte spielen in der Präsentation keine Rolle. Stattdessen setzt sie auf vielfältige Sinneseindrücke. Besucher können etwa die verschiedenen vulkanischen Gesteinsarten berühren. Den kühlen, glatten, scharfkantigen Obsidian oder den leichten, rauen Bimsstein. Wer schon einmal wissen wollte, wie die in den Garküchen Pompejis allgegenwärtige Fischsoße wohl gerochen hat, muss in Chemnitz nur die Nase offenhalten.

Das Drama des Jahres 79 wirkt dadurch sehr unmittelbar. Wer kann sich nicht mit jenen Männern und Frauen identifizieren, die, nicht wissend, was sie erwartet, vor ihrer erfolglosen Flucht schnell ihren wertvollsten Schmuck einpacken? Kunstvoll und fein gearbeitete Armreifen beispielsweise, vielleicht ein Geschenk zur Hochzeit. Oder Ketten aus goldenen Halbkugeln, möglicherweise ein Erbstück?

Die Historikerin Barbara Tuchman nannte die Geschichte einmal einen „fernen Spiegel“, in dem wir uns selbst erkennen können. Der Ausstellung in Chemnitz gelingt genau dies.

Weitere Informationen:

Pompeji und Herculaneum. Leben und Sterben unter dem Vulkan. Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz. Noch bis zum 12.3.2023. Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 6 Euro, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre frei.

Zur Ausstellung sind auf dem Podcast „Geschichte Europas“ zwischen dem 11.11.2022 und dem 23.12.2022 insgesamt vier Episoden erschienen.

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Lektorat: Carola Dorner

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