Armut, Knappheit, drohende Unruhen: Die weltweiten Folgen der Inflation

Seit der Invasion Russlands in die Ukraine steigen überall auf der Welt die Preise. Die Konsequenzen sind teilweise dramatisch. In vielen afrikanischen Ländern drohen die Lebensmittel knapp zu werden, in Europa stürzen Tausende in die Armut ab. Der globale Überblick.

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Ein Mann steht vor weißen Säcken.

Wer in diesen Tagen eine der tausenden food banks in Großbritannien besucht, in denen notleidenden Menschen Essen und Alltagsgüter gespendet werden, hört schockierende Geschichten: Manche Leute nehmen Lebensmittel, die man aufwärmen muss, gar nicht erst mit – Gas und Strom sind zu teuer geworden. Die Londoner Feuerwehr hat von mehreren Fällen berichtet, wo jemand in seinem Wohnzimmer ein Feuer gemacht hat, um sich warm zu halten. Auch in den Supermärkten steigen die Preise: Die Inflation liegt derzeit bei neun Prozent, so hoch wie zuletzt vor vierzig Jahren. Ökonomen warnen, dass bald mehr als 250.000 Haushalte in die extreme Armut abstürzen könnten.

Ähnliche Erfahrungen machen derzeit viele Länder rund um den Globus, wie unser globaler Überblick zeigt.

Afrika: Führen teure Lebensmittel zu Unruhen?

In Kenia sind die Preise für Grundnahrungsmittel zwischen März 2021 und März 2022 um über 11 Prozent gestiegen, vor allem, weil der Import von Mais und Weizen sehr viel teurer geworden ist. Kenia war im vergangenen Jahr außerdem verstärkt auf Lebensmittelimporte angewiesen, weil die einheimische Produktion durch unzuverlässige Regenfälle stark zurückging, bei Weizen um fast 40 Prozent. Auch andere lebenswichtige Waren wurden in Kenia deutlich teurer, zum Beispiel pharmazeutische Produkte (23 Prozent). Nicht nur dort, sondern in vielen Ländern des Kontinents bedroht Russlands Einmarsch in die Ukraine die Ernährungssicherheit. Der Internationale Währungsfonds hat Ende April gewarnt, die drohende Nahrungsmittelkrise könnte soziale Unruhen südlich der Sahara auslösen. Das befürchtet auch das Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Mosambik: Selbst die Kokosnüsse werden teurer

In Mosambik hat die Inflation im Mai fast acht Prozent erreicht, teilte Zentralbankpräsident Rogério Zandamela mit und hob die „Effekte der geopolitischen Spannungen in Europa“ hervor. Der Ukrainekrieg hat demnach Folgen für den Import von Weizen, Speiseöl und Sprit. Für die materiell zumeist sehr armen Mosambikaner*innen macht sich das vor allem beim Speiseöl bemerkbar, das mehr als doppelt so viel kostet wie vor einem Jahr. Der für Pendler*innen wichtige Transport in Minibussen wurde um gut zwanzig Prozent teurer. Viele weichen schon seit Beginn der Corona-Pandemie auf Selbstversorgung aus. Eine Folge: Der Preis der Kokosnüsse stieg um das Zwei- bis Dreifache. Wer welche im Garten hat, konsumiert sie selbst, statt sie zu verkaufen. Im Interview mit Weltreporter Stefan Ehlert gab sich der Kokosnussverkäufer Eugénio Sharif dennoch zuversichtlich. Schlimmer als zu Corona-Zeiten, als die Strände gesperrt waren, könne es nicht mehr werden.

USA: Hausgemachte Inflation oder „Putins Preiserhöhung“?

Im vergangenen Jahr kostete in Kalifornien die Gallone (etwa 4,5 Liter) Benzin an Weltreporterin Kerstin Zilms Tankstelle um die Ecke ein bisschen mehr als 3,50 Dollar. Jetzt zahlt sie über sechs Dollar. Eine Tankstelle in Los Angeles hat schon mehr als acht Dollar pro Gallone verlangt. US-Präsident Joe Biden sagt, Russlands Invasion der Ukraine sei der Grund für die gestiegenen Spritpreise – wie auch für die Inflation insgesamt, die in den USA mit 8,6 Prozent so hoch ist wie zum letzten Mal vor vierzig Jahren. Er spricht von „Putins Preiserhöhung“. Doch Wähler machen Biden dafür verantwortlich, dass sie für alles, von Benzin über Bananen zu Briefmarken, mehr bezahlen müssen. Die Demokraten bangen, dass sie auch deshalb bei den Zwischenwahlen im November ihre knappen Mehrheiten im Kongress verlieren werden.

Eine Tankstelle, im Hintergrund Häuser
Tankstelle in Los Angeles

Österreich: Gutschein soll Inflationsfolgen lindern

Acht Prozent betrug die Inflationsrate im Mai 2022 in Österreich im Vergleich zum Vorjahresmonat. Dennoch sprach Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) im Zusammenhang mit den Berichten über die aktuelle Teuerung von einer „Hysterie“, die von der Opposition sowie den Boulevardmedien geschürt werde. Inzwischen nahm Kogler den Begriff zurück: Er sei „völlig verfehlt und falsch“ gewesen. Die Regierung aus Volkspartei (ÖVP) und Grünen debattiert gerade, welche Haushalte nun staatliche Hilfen bekommen sollen. Bisher herrscht das Gießkannenprinzip vor: Alle Haushalte haben kürzlich einen Energiekosten-Gutschein im Wert von 150 Euro bekommen. Personen mit mehr als 55.000 € Jahreseinkommen in Einzelpersonen- bzw. 110.000 € in Mehrpersonenhaushalten dürfen den Gutschein nicht einlösen. Wenn die Geldspritze aber, wie geplant, erst bei der Jahresabrechnung des Energieversorgers berücksichtig wird, könnte das für manche zu spät sein.

Polen: Sündenbock Putin?

Seit weit über einem halben Jahr hat Polens liberale Opposition einen baldigen Inflationsschub bemängelt, doch die rechtspopulistische Regierung um Jaroslaw Kaczynski schlug sämtliche Warnungen in den Wind. Auch dessen alter Kämpe und Nationalpräsident Adam Glapinski behauptete bis Ende 2021, in Polen drohe keine Inflation . Inzwischen wurden die beiden Politiker der regierenden PiS-Partei eines Besseren belehrt. Im Mai erreichte die Inflationsrate mit 13,9 Prozent eine seit 1997 nicht gesehene Rekordmarke. Der Schuldige war schnell gefunden: Wladimir Putin hatte gerade die Ukraine angreifen und Polen den Gashahn zudrehen lassen. Nach den hohen Sozialhilfeausgaben der PiS-Regierung, die 2023 wiedergewählt werden will, fragt nun keiner mehr. Im gleichgeschalteten Staatsfernsehen TVP wird dazu betont, in der ganzen EU herrsche eine hohe Inflation. Brüssel und Putin eignen sich bei PiS bestens als Sündenböcke.

Tschechien: Mit dem Simulator gegen Preissteigerungen

Ihr neues Besucherzentrum hat die Prager Nationalbank nach langjähriger Vorbereitung ausgerechnet jetzt eröffnet: 14 Prozent betrug die Inflation in Tschechien zuletzt. An dieser rasanten Teuerung konnte es auch nichts ändern, dass die Nationalbanker den Leitzins seit Monaten kontinuierlich erhöhen. Derzeit liegt er bei sechs Prozent – ein starker Kontrast zur Europäischen Zentralbank mit ihrer bis Juli geltenden Null-Zins-Politik. Teil des neuen Infozentrums ist übrigens ein Inflations-Simulator: Auf einem Hometrainer steuern Besucher durch eine virtuelle Stadt und müssen durch langsameres oder schnelleres Treten versuchen, ein gleichbleibendes Tempo zu halten – ob nun bei Rücken- oder Gegenwind, bergauf oder bergab. Klar, das kontinuierliche Tempo dient als Symbol für die angepeilten zwei Prozent Inflation. Erste Erkenntnis: Gar nicht leicht, diese Aufgabe zu meistern – nicht einmal auf dem Hometrainer-Simulator.

Eingangshalle der Tschechischen Nationalbank
Tschechische Nationalbank.

Italien: Schlimmer als Covid

Valeria und Marco, beide 33, führen ein gutes Leben. Sie zahlen für ihre Pförtnerwohnung im Zentrum von Rom keine Miete, haben eine feste Anstellung und zwei tolle Kinder. Damit stellen sie nicht den Durchschnitt ihrer Altersklasse dar, sondern die Ausnahme. Die soziale Lage der jungen Generation in Italien ist prekär, die Arbeitslosigkeit hoch und das Vertrauen in die Zukunft so gering, dass die Geburtenrate zu den niedrigsten in Europa gehört. Valeria und Marco haben auch die Corona-Pandemie gut überstanden, ihre Jobs als Verwaltungsangestellte und Pförtner sind nicht gefährdet. Aber der Krieg in der Ukraine trifft jetzt auch sie. „Das ist schlimmer als Covid“, sagt Valeria. „Nicht nur die Preise steigen rasant, sondern auch die Angst vor der Zukunft, die wir bis jetzt nicht hatten.“

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