Basisdemokratische Energieerzeugung

Eine alte Idee macht Karriere

von Daniela Becker
11 Minuten
Lärmschutzwand aus Photovoltaikmodulen an einer Autobahn

Was mit wenigen Pionieren und vereinzelten Wind- und Solaranlagen begann, hat sich in eine bürgerliche Bewegung entwickelt. Über Tausend Genossenschaften realisieren in Deutschland professionell Energieprojekte aller Art. Für die Bürgerinnen und Bürger, die auf diese Weise die Energiewende aktiv und demokratisch mitgestalten, lohnt sich auch finanziell.

Hinter dem Wort “Energiewende” versteckt sich eine komplexe Aufgabe und die technischen Aspekte schrecken viele Menschen ab, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Doch um erfolgreich zu sein, muss die Energiewende von der Gesellschaft mitgetragen werden.
Bürgerenergiegenossenschaften ermöglichen jedem Bürger Energieprojekte aktiv mitzugestalten und an der Energiewende teilzuhaben. Doch auch Genossenschaften sind keine Selbstläufer. Sie müssen fortlaufend im Austausch mit ihren Mitgliedern stehen und transparent erklären, warum und wie sie Projekte umsetzen. 


Blassrosa, efeuberankt und mit rot–weißen gestrichenen Fensterladen ragt mitten im bayrischen Altötting das Haupthaus der Herrenmühle malerisch empor. Wie der Name vermuten lässt, wurde hier in der Vergangenheit Wasserkraft genutzt, um eine Getreidemühle zu betreiben – und dies bereits seit 1441. Die zahlreichen Kleinwasserkraftanlagen haben den Grundstein für den Wohlstand dieser Region gelegt. Dennoch kam 1967 per Verordnung das Aus für diese Art der Energieversorgung. Wasserkraft sei verzichtbar; die Atomkraft, so der Zeitgeist, stattdessen die Zukunft.

Wenn man so will hat die Atomkraft allerdings das Wasserrad der Herrenmühle auch wieder zum Laufen gebracht. Im März 2011 erschüttert ein Erdbeben die Küste Japans. 18.000 Menschen sterben wegen eines Tsunamis, ein Atomkraftwerk in Fukushima havariert. Erstmals seit dem Gau in Tschernobyl treten die zahlreichen Risiken der Nuklearenergienutzung deutlich zu Tage. Viele Bürger möchten sich dagegen engagieren. Auch in Altötting.

Denn im Jahr 2013 gründete sich die EnergieGenossenschaft Inn-Salzach eG (EGIS eG) als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima. „Gleich beim ersten Treffen erschienen 140 Teilnehmer. „Viele Wohnungseigentümer oder Mieter können sich nicht so einfach an der Energiewende beteiligen. Das wollten wir aber möglich machen. Wir hatten damals noch gar kein konkretes Projekt im Auge, aber alle wollten aktiv werden“, erinnert sich Pascal Lang, heute einer der Vorstände bei EGIS. Deswegen entschieden sich die engagierten Bürger für die Gründung einer Genossenschaft.

Mehr als tausend Energiegenossenschaften

„Die Idee der genossenschaftlichen Energieversorgung ist alles andere als neu“, sagt Lars Holstenkamp, der an der Leuphana Universität in Lüneburg zu diesem Thema forscht. Bereits in den 1920er und 30er Jahren gab es im Deutschen Reich etwa 6.000 Energiegenossenschaften, vorwiegend in ländlichen Regionen. Von diesen alten "Elektrizitätsgenossenschaften" existieren heute noch rund 40. Holstenkamp identifiziert drei verschiedene Phasen der neueren Entwicklung: In den 1970er Jahren entstanden im Zusammenhang der Ölkrise so genannte "Versorgungsgenossenschaften", zur gemeinsamen Versorgung der Mitglieder mit Strom, Wärme und Gas. In den 1980er Jahren begannen Umweltaktivisten als Reaktion auf die Explosion des Atomreaktors in Tschernobyl Solar- und Windkrafträder zu errichten. Zu den Pionieren zählt beispielsweise die Lübecker Windkraft eG. Im Jahr 1999 wurde die Greenpeace energy eG gegründet, um erstmals Ökostrom bundesweit anzubieten und so die Chancen der Liberalisierung des Strommarktes zu nutzen.

Das zur Jahrtausendwende verabschiedete Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EEG) mit seinen festgesetzten Einspeisevergütungen und dem Einspeisevorrang für Strom aus regenerativen Energien begünstigte die Entwicklung weiter. Ab 2007 fand ein regelrechter Gründungsboom von Bürgerenergiegenossenschaften statt. „Faktoren dafür waren, dass nach der Novellierung des Genossenschaftsgesetzes und durch Imagekampagnen etwa der Genossenschaftsverbände die Rechtsform positiver wahrgenommen wurde. Dazu hat vielleicht auch die Finanzkrise beigetragen. Und es gab einige Vorbilder und fertige Konzepte, die nachgeahmt und weitergetragen wurden“, sagt Holstenkamp. Sicher ist, dass in diesen Jahren nicht die großen Energiekonzerne, sondern die deutschen Bürger begannen, Land auf, Land ab Wind- und Solarparks zu bauen. Inzwischen existieren über ganz Deutschland verteilt über tausend solcher Energiegenossenschaften.

Basisdemokratie trifft auf Wirtschaftsinteressen

Ein halbes Jahr trafen sich die Alt- und Neuöttinger wöchentlich, formulierten eine Satzung, sammelten Ideen und bereiteten Projekte vor. „Das war ein sehr spannende und auch spannungsreiche Zeit“, erinnert sich Pascal Lang an die Gründungszeit der EGIS. „Wir haben Leute dabei, die sind sehr basisdemokratisch orientiert und wir haben Unternehmer dabei, deren Denken sehr wirtschaftlich orientiert geprägt ist.“ Beim Mitgliedsbeitrag zum Beispiel wollten die einen 50 Euro nehmen, die anderen 500 Euro veranschlagen. Nach vielen durchaus heftigen Diskussionen gab es einen Kompromiss auf 150 Euro, was deutlich günstiger ist als der Beitrag bei vielen anderen Genossenschaften. „Wir haben viele nicht so finanzkräftige Mitglieder, die zunächst mit einem Anteil gestartet sind und dann ein Jahr sparen und jedes Weihnachten einen neuen Anteil zeichnen“, erzählt Lang stolz.

Ein Wasserrad erzeugt Energie.
Das restaurierte Wasserkraftrad in Altötting erzeugt umweltfreundliche Energie.
Lärmschutzwand bestehend aus Solarmodulen an einer Autobahn
Lärmschutzwand aus Solarmodulen, gebaut und finanziert von der Bürgerenergiegenossenschaft EGIS
Verlegung einer Wärmeleitung. Im Hintergrund ist eine Kirche zu sehen
Die Weiler Wärme ist die erste Genossenschaft, die in Süddeutschland ein Nahwärmenetz gebaut hat.