Wir müssen reden

Die ZukunftsReporter unterwegs. Beobachtungen bei den Unterhausdebatten in Hamburg und Düsseldorf zu Themen, die unser Leben verändern.

Ernst Schorn Eine alte Schreibmaschine und ein modernes Netzwerk

Die ZukunftsReporter -

ein Projekt von Carina Frey, Rainer Kurlemann und Alexander Mäder.

Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen.


Die ZukunftsReporter sind unterwegs. In Hamburg und in Düsseldorf diskutieren wir aktuelle Themen: Gentechnik, Designerbabys, Datenflut und künstliche Intelligenz. Wir lassen unser Publikum zu Wort kommen und suchen die offene Debatte. Ein Fazit: Um die Diskussionskultur ist es in Deutschland nicht so schlecht bestellt, wie es viele Kritiker vorgeben. Beobachtungen von Alexander Mäder und Rainer Kurlemann.


Wie das Publikum reagieren wird, ist schwer vorauszusagen. Als wir ZukunftsReporter neulich in Hamburg bei der Körber-Stiftung mit rund 200 Gästen über Gentechnik und Designerbabys diskutierten, hatten wir Fragen als Diskussionsgrundlage vorbereitet, von denen wir dachten, dass sie das Publikum spalten werden. Schließlich ist die Veränderung der Gene des Menschen durch Techniken wie Crispr-Cas ein umstrittenes Thema. Doch in einem Fall waren sich die Teilnehmer dann doch einig: Alle sprachen sich gegen genetische Eingriffe aus, wenn diese nur dazu dienen, Menschen etwas intelligenter oder kräftiger zu machen. Niemand war dafür, den Menschen auf diese Art zu optimieren.

Als wir genauer nachfragten, wollte eine klare Mehrheit solche Manipulationen sogar verbieten und äußerte gleichzeitig die Sorge, dass nicht alle Länder bei einem Verbot mitmachen werden. Dabei hatten wir diese Frage gestellt, weil wir erwarteten, dass einige Besucher ihren Kindern im gesellschaftlichen Wettbewerb einen kleinen Vorteil verschaffen wollen. Wer sich bewusst für nur ein Kind entscheidet, wird vielleicht weniger dem Zufall überlassen wollen, so unser Kalkül. Doch die Gäste hatten für diesen Wettbewerb nichts übrig.

Ein anderes Publikum hätte vielleicht anders entschieden, aber es geht uns ZukunftsReportern nicht um eine repräsentative Meinungsumfrage. Wir möchten vielmehr die Vorstellungen kennenlernen, die zu diesen sehr persönlichen Urteilen führen. Das geht nur in einem offenen Gespräch, in dem die Diskutanten aufeinander eingehen, den anderen zustimmen oder sie kritisieren, Gegenbeispiele formulieren oder einen Konsens feststellen.

Körber-Forum in Hamburg: Das Publikum in Bewegung. Mit der Wahl des Sitzplatzes bringen die Teilnehmer ihre Meinung zum Ausdruck.
Platzwechsel: Als Antwort auf die neue Frage der ZukunftsReporter wechseln die Besucher der Unterhausdebatte ihren Platz auf die Ja- oder Nein-Seite. Danach erklären sie ihre Position.

Ein paar Tage später diskutierten wir in der Zentralbibliothek Düsseldorf mit unserem Publikum über Datenflut und Künstliche Intelligenz. Eine Überraschung für uns: Die meisten Besucher standen dem Sammeln von Daten gar nicht skeptisch gegenüber, viele befürworteten das sogar, weil sie nützliche Ergebnisse erwarten. Doch in den Beiträgen wurde schnell deutlich: Unser Publikum in Düsseldorf hat keinerlei Vertrauen in diejenigen, die die Daten sammeln: Diese Skepsis richtete sich sowohl gegen internationale Konzerne als auch gegen staatliche Stellen. Der gemeinsame Vorwurf: Die Datensammlung erfolge nicht nur für den angegeben Zweck, die Auswertung sei viel weitreichender. Es gehe in Wahrheit beispielsweise häufig nicht darum, den angekündigten Service zu erbringen, sondern nur um den Verkauf von Werbung.

Die Antworten der Düsseldorfer Debatte auf unsere Fragen zeigte noch ein anderes (und uns gut bekanntes) Problem in Diskussionen über die Zukunft: Viele Begriffe werden von den Menschen unterschiedlich verstanden, wir benutzen die gleichen Wörter, aber meinen etwas anderes damit: Künstliche Intelligenz (KI) ist ein gutes Beispiel dafür. Für einige ist sie eine Art Spielzeug, sie fürchten sich nicht vor KI in Alltagsanwendungen, die sie eher als Gerät oder technische Hilfe verstehen. Andere verknüpfen mit KI sofort weitreichende Überwachung. Erst wenn Menschen ins Gespräch kommen, werden diese unterschiedlichen Perspektiven/Bedeutungszuweisungen deutlich und die Gegenseite versteht die Argumente der anderen besser als zuvor.

Trotzdem zeichnete sich bei beiden Veranstaltungen der Wille zur Einigung ab. Bei der Crispr-Cas-Debatte in Hamburg wollten die Teilnehmer eine Linie zwischen sinnvollen und übertriebenen Anwendungen der Gentechnik ziehen. Ihnen war an einem möglichst rationalen Kriterium gelegen, das die erlaubten oder sogar erwünschten Therapien von anderen abgrenzt. Viele Gäste zeigten sich zwar offen für Eingriffe ins menschliche Erbgut, um schwere genetisch bedingte Krankheiten zu vermeiden. Sie befürworteten sogar Manipulationen in Ei- und Samenzelle vor einer künstlichen Befruchtung. Aber nicht um jeden Preis.

In der öffentlichen Debatte sind diejenigen ohne klare Prinzipien oft im Nachteil. Ihnen wird vorgeworfen, schwammig zu bleiben. Doch was ist verkehrt daran, sich nicht der ersten Neigung hinzugeben, sondern zunächst alle Seiten zu hören und dann an seiner Meinung zu arbeiten? In der Debatte im Forum der Körber-Stiftung wurden die Umrisse einer möglichen Ethik der Gentherapie deutlich: Dem Publikum war zum Beispiel wichtig, die Betroffenen nicht zu bevormunden – auch nicht die Kinder – und die gentherapeutischen Angebote, wenn es sie einmal geben sollte, auch den Ärmeren zugänglich zu machen und nicht nur den Reichen. Viele Teilnehmer wollten vermeiden, dass die Versprechen der Gentechnik eine Selbstoptimierungs-Spirale der Menschen in Gang setzen. Aber sie wollten sich nicht auf eine grundsätzliche Ablehnung der Gentechnik festlegen, sondern vielmehr die Chancen und Risiken abwägen.

Bei der Debatte in Düsseldorf forderten die Teilnehmer mehr Transparenz oder sogar eine Kontrolle der Algorithmen. Ihnen war zwar klar, dass diese Art TÜV nicht einfach umzusetzen sein wird, weil hinter der Auswertung von großen Datenmengen oder in neuronalen Netzwerken eine schwer zu durchschauende und sehr komplizierte Mathematik steckt. Aber sie erwarteten Aufklärung, welche Daten die KI verwendet, welche sie weitergibt und sogar, wie eine Entscheidung entsteht. Gleichzeitig erwies sich das Publikum als selbstbewusst: Es hatte nur wenig Angst davor, den Arbeitsplatz durch KI zu verlieren. Ein Argument: Die Teilnehmer erwarteten, dass dadurch andere Jobs entstehen, oder sie erhofften sich gar die Freiheit, sinnvolleren Tätigkeiten nachzugehen.

Das Publikum kommt zu Wort. Alexander Mäder befragt die Besucher im Körber-Forum in Hamburg.
Das Publikum kommt zu Wort. Alexander Mäder befragt die Besucher im Körber-Forum in Hamburg.

Nach der Diskussion im Hamburg fragte uns ein Teilnehmer, ob wir ZukunftsReporter neue Argumente gehört hätten. Uns fiel sofort ein Diskutant ein, der erzählte, früher Marathon gelaufen und heute durch eine genetisch übertragene Krankheit gehbehindert zu sein.  Er sprach sich für genetische Tests aus – nicht nur, um mögliche Therapien für sein Leiden zu ermöglichen, sondern auch, um Klarheit über die Ursachen seiner Behinderung zu bekommen. Doch jenseits solcher persönlichen Berichte, die in der Öffentlichkeit zu selten gehört werden, suchen wir nicht nach immer neuen Argumenten. Es geht uns vielmehr darum, aus den bekannten Argumenten eine Haltung zu entwickeln, die das Zeug zum gesellschaftlichen Konsens hat. Die Abende im Körber-Forum und in der Zentralbibliothek haben uns gezeigt: Die Bürgerinnen und Bürger lassen sich nicht so leicht polarisieren, selbst wenn wir ZukunftsReporter es mit unseren Fragen darauf anlegen. Das ist doch ein gutes Zeichen für die Demokratie.

Sprechen Sie uns an, wenn wir Ihr Interesse geweckt haben und Sie eine Diskussion in diesem interaktiven Format mit uns veranstalten wollen: [email protected]

Unsere nächsten Termine:

15.11.2019 – Düsseldorf, Forum St. Martin – eine Reise in die Zukunft

03.12.2019 – Stuttgart Stadtbücherei – Bürgerdialog: Für alles ist gesorgt? Zukunft der künstlichen Intelligenz

24.03.2020 – Düsseldorf, Zentralbibliothek – Unterhausdebatte zur Gleichberechtigung von Mann und Frau


Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Wenn Ihnen der Ansatz der Zukunftsreporter gefällt, freuen wir uns über eine finanzielle Förderung unseres Projekts - möglich ist das unter diesem Link. Ohne finanzielle Unterstützung können wir den redaktionellen Aufwand für unsere Artikel nicht stemmen, auch wir müssen von den Einnahmen des Journalismus leben. Herzlichen Dank! Einmal in der Woche schicken wir Ihnen gern unseren kostenlosen Newsletter über unsere Arbeit und Nachrichten, die wichtig für die Zukunft sind.

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