Die wachsende Angst vor verschmutztem Trinkwasser

Ein Zukunftsszenario

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Stellen wir uns doch einmal vor, die Angst vor verschmutztem Wasser steigt. Welcher Aufwand ist für sauberes Trinkwasser gerechtfertigt?


Benedikt Larson ging nervös auf und ab, während er auf den Makler wartete. Die Suche nach einer neuen Wohnung nervte ihn. Er hatte schon viele Zugeständnisse gemacht, aber einige Dinge waren für ihn nicht verhandelbar. Als Aquaner war es sehr schwer, eine passende Bleibe zu finden. Die Küchen der Wohnungen, die er sich bisher angeschaut hatte, boten keinen ausreichenden Platz für einen zusätzlichen Wassertank und den Flaschenbefüller. Larson kaufte sein Trinkwasser direkt aus Südamerika, am liebsten aus dem Quellgebiet der Amazonas-Flüsse. Europäisches Wasser hatte er seit zehn Jahren nicht mehr getrunken.

Diesmal hatte der Makler gesagt, die Wohnung sei für Aquaner geeignet. Ein schwarzer SUV hielt direkt vor dem Haus. Die Fahrerin stellte das Auto neben den Papiercontainern ab. Die Frau, die ausstieg, kannte Larson von dem Foto auf der Webseite der Holding, die das Gebäude vermarktete: Elli Lowener. Die Chef-Verkäuferin hatte sich die Zeit genommen, den ungewöhnlichen Kunden selbst zu bedienen.

Sie begrüßten sich mit einem kurzen Händedruck. „Sie suchen eine Wohnung mit speziellem Wasserkonzept?“, fragte Lowener. Larson nickte und vermutete, dass sein Gegenüber nur wenig über Aquaner wissen würde. Doch die Maklerin zeigte sich gut vorbereitet. „Ich habe selten mit Aquanern zu tun. Darf ich Sie fragen, warum Sie kein Leitungswasser benutzen?“ Larson hörte diese Frage oft, obwohl der Anteil der Aquaner in der Bevölkerung langsam wuchs. „Das stimmt ja nicht: Wir Aquaner benutzen auch Leitungswasser, aber wir verwenden es weder zur Essenszubereitung noch zum Trinken oder zum Händewaschen.“ Larson berichtete über die Rückstände, die regelmäßig im Leitungswasser gefunden werden: Spuren von Medikamenten, nicht abbaubare Süßstoffe, Hormone, Mikroplastik, Pflanzenschutzmittel, der Wirkstoff der Anti-Baby-Pille und sogar Kokain. „Ich möchte mich diesem Risiko nicht aussetzen. Die Konzentrationen sollen zwar unter den Grenzwerten liegen, aber ich traue den Grenzwerten nicht“, erklärte Larson. Er kannte einige Menschen, die unter den Folgen der chronischen Giftportion litten. Die Ärzte nahmen die Sorgen Aquaner oft nicht ernst, aber er wusste, dass einige Frauen nicht schwanger werden, weil sie auf die Hormone im Wasser reagieren. „Auch in bin einer dieser empfindlichen Menschen. Seit ich sauberes Wasser trinke, fühle ich mich viel besser“, erklärte Larson.

Lowener öffnete die Tür zur Wohnung in der vierten Etage: „Wollen wir gleich in die Küche gehen?“ Larson nickte. Er bemerkte erfreut, dass die Türen breit genug waren, um die 350-Liter-Behälter hantieren zu können, in denen sein Wasser geliefert wurde. Für den Tank war eine Nische in der Wand vorgesehen, direkt davor bot sich Platz für die Kochstation mit den Dampfdrucktöpfen und dem Heißwasserhahn für Tee oder Kaffee. Das Wasser aus Brasilien war sehr teuer, deshalb garte er das Essen nur mit nur dem Dampf aus etwa 100 Milliliter Flüssigkeit. Zudem füllte sich Larson jeden Tag zwei Liter Wasser in Glasflaschen ab. Für das alles wäre genug Platz.

Die Maklerin störte ihn in seinen Überlegungen. „Die Küche verfügt über keinen Wasseranschluss“, sagte sie, „wollen Sie das Becken zum Händewaschen und den Tank für die wasserfreie Waschlotion in die Wand einlassen? Ich nehme an, dass Sie damit auch die Spülmaschine betreiben, oder?“ Larson freute sich, dass sich die Maklerin informiert hatte. „Auf jeden Fall“, antwortete er, „Teller und Tassen dürfen nicht mit Leitungswasser in Kontakt kommen, die Gifte könnten daran haften bleiben.“

Elli Lowener musste sich auf die Zunge beißen. Widerspruch war nicht angebracht, denn der Kunde würde viel Geld für die Vermittlung bezahlen. Aber sie persönlich hatte noch Vertrauen in die Qualität des Trinkwassers aus dem Wasserhahn. Das Leitungswasser in Deutschland war nicht schlechter geworden; wenn sich Schadstoffe im menschlichen Gewebe angesammelt haben, so war ihre Konzentration doch sehr niedrig. Dennoch hatten die Aquaner Angst vor den Folgen. Durch die immer empfindlicher werdenden Analysemethoden war in den letzten Jahren die Liste der Stoffe angewachsen, die im Wasser nachgewiesen worden waren und nicht hineingehören. Aber die Dosis war immer so niedrig, dass die Behörden versicherten, für die Verbraucher bestehe keine Gefahr. Lowener dachte an ihr eigenes Verhalten: Sie nutzte das Wasser zum Kochen und Trinken, an einem freien Wochenende nahm sie manchmal sogar ein intensives Vollbad – ganz nackt selbstverständlich und nicht mit einem Schutz für Mund, Nase und andere Körperöffnungen, wie ihn die Aquaner beim Duschen verwenden, damit kein Wasser in den Körper eindringen kann.

„Werden Sie eine Waschmaschine aufstellen?“, fragte sie. Benedikt Larson reagierte gereizt. Das war einer der Punkte, mit denen Kritik am Lebensstil der Aquaner geübt wurde. Der Vorwurf: Aquaner beanspruchen für sich sehr sauberes Wasser, aber sie verschmutzen das der anderen. „Leider kann ich das nicht verhindern“, sagte er, „aber ich habe eine Maschine mit spezieller Filtertechnik, die sehr wenig Leitungswasser benutzt. Und ich verwende aquane Waschmittel, die binnen weniger Stunden wirklich vollständig abgebaut werden. Wir wertschätzen die Natürlichkeit des Wassers, das tun leider nicht alle.“ Larson konnte sich diese Spitze gegen die Maklerin nicht verkneifen. „Wasser hatte viele Jahre keine Lobby. Jeder durfte Produkte herstellen, deren Rückstände von Kläranlagen und Filtern nicht beseitigt werden können. Die Industrie hat diese Verschmutzung billigend in Kauf genommen und die Menschen und die Tiere gefährdet. Erst durch den Protest der Aquaner beginnt sich daran etwas zu verändern.“

„Unser Wasser ist sauber“, protestierte Elli Lowener nun doch. „Jedenfalls sauber genug, dass wir kein Wasser aus Brasilien oder aus dem Himalaya importieren müssen. Sie plündern die letzten Naturreserven.“ „Genau das tun wir nicht. Wir bezahlen einen nachhaltigen Preis und betreiben aktiven Naturschutz, weil die Wasserschützer strenge Kontrollen durchführen. Die Menschen in den Quellgebieten leben sehr gut davon, dass wir ihnen das Wasser abkaufen“, erwiderte Larson. Er wollte weiter ausholen und erklären, wie das Wasser durch den Menschen gequält wird. Doch dann zögerte er, weil er die Wohnung nicht durch einen Streit mit der Maklerin verlieren wollte. „Liebe Frau Lowener, mir gefällt die Wohnung sehr gut. Ich möchte sie gern kaufen. Wollen wir die Einzelheiten beim Mittagessen besprechen?“, fragte er und wertete ihr Lächeln als Zustimmung. „Ich möchte Sie gern einladen. In dieser Stadt gibt es das erste aquane Restaurant. Dort werden alle Speisen mit garantiert sauberem Wasser gekocht. Die haben sogar einen aquanen Wein.“


Hat Benedikt Larson mit seinen Befürchtungen Recht? Diese Frage beantworten wir unten mit einem wissenschaftlichen Überblick zur Qualität und Reinigung von Trinkwasser – und freuen uns vorher über ein kleines Honorar.

Ende der 1990er Jahre brachten Gewebeuntersuchungen von Eisbären einen unheimlichen Befund. Im Fettgewebe der Tiere wurden chemische Substanzen festgestellt, mit denen die Bären nie in Kontakt gekommen waren. Pestizide aus der Landwirtschaft und Industriechemikalien hatten sich darin angereichert. Damals wurde der Begriff des "dreckigen Dutzend" geprägt. Gemeint sind chemische Verbindungen, die sich weltweit verteilen und mittlerweile fast überall nachgewiesen werden können. Dazu zählen Massenprodukte wie das Insektengift DDT und die Industriechemikalie PCB, aber auch unerwünschte Nebenprodukte der Produktion wie Dibenzodioxine, Diese Substanzen werden nach dem Eintrag in die Umwelt gar nicht oder nur sehr langsam abgebaut. Sie widerstehen Sonnenlicht und anderen Wetterbedingungen genauso wie den Abbaumechanismen im menschlichen oder tierischen Stoffwechsel. Die Herstellung und der Gebrauch des dreckigen Dutzend - offiziell heißen sie langlebige organische Schadstoffe - wurden im Stockholmer Übereinkommen im Jahr 2001 verboten. Bis 2018 haben 152 Staaten das freiwillige Verzichtsabkommen unterzeichnet. Die Liste der unerwünschten langlebigen Schadstoffe wächst mit jeder Konferenz der Vertragsstaaten - inzwischen kann man von den dreckigen 29 sprechen.

Dieser Gedanke steht hinter dem oben beschriebenen Szenario. Denn auch das Wasser ist mit den Spuren unserer Lebensführung belastet. Beispiele dafür gibt es etliche: Mitte Juni wurde Deutschland vom Europäischen Gerichtshof verurteilt, weil der Nitratgehalt im Grundwasser an vielen Messstellen die Grenzwerte überschreitet. Das Nitrat stammt vermutlich aus Düngemitteln. Deutschland droht eine Strafzahlung in Milliardenhöhe, weil das Problem seit Jahren nicht angemessen bearbeitet wird. Als der "schwimmende Professor" Andreas Fath im Jahr 2014 den Rhein von der Quelle bis zur Mündung durchschwamm, entnahm der Chemiker mit seinem Neoprenanzug regelmäßig Wasserproben. Dabei fand er 128 verschiedene Verbindungen im Rhein, darunter Süßstoffe, Antibiotika, Hormone, Betäubungsmittel und Pestizide. Sogar im sauberen, eiskalten Tomasee in den schweizerischen Alpen entdeckte Fath Mikroplastik. Wasser wird verschmutzt, aber meist ohne Aufschrei.

Wissenschaftler schätzen die Gesundheitsgefährdung, die von diesen Substanzen für den Menschen ausgeht, meistens als sehr gering ein. Die Konzentration der Umweltgifte in Flüssen oder auch im Grundwasser ist meist so gering, dass der Mensch sehr große Mengen trinken müsste, um Schaden zu erleiden. Ein Beispiel dafür ist die Glyphosat-Konzentration in Lebensmitteln, etwa in Bier. Für einige Substanzen gibt es Grenzwerte, die gesundheitliche akzeptable Mengen beschreiben. Doch der Mensch ist nicht allein im Ökosystem. Welche Auswirkungen die Verunreinigungen für Kleinstlebewesen haben, ist ein aktuelles Forschungsthema.

Nach einem Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA sind Flüsse, Seen und Grundwasser in Deutschland in einem schlechten Zustand. Nur 8,4 Prozent der deutschen Oberflächengewässer wurden bei ökologischen Kriterien mit gut oder sehr gut bewertet. Dabei wird die Biologie des Wassers untersucht, der Zustand von Kleinstlebewesen und Pflanzen ermittelt. Bei der chemischen Analyse nach Rückständen und Verunreinigungen schneiden die Oberflächengewässer noch schlechter ab. Im europäischen Ländervergleich gehöre Deutschland zu den Schlusslichtern, berichtet die EEA.

Doch wenn Benedikt Larson seine Wandlung zum Aquaner mit Messwerten aus Flüssen und Seen begründet, argumentiert er fehlerhaft. Trinkwasser wird in Deutschland zwar zu einem großen Anteil aus Grundwasser (69 %), aus Oberflächenwasser (16 %) und Uferfiltraten (8 %) gewonnen, aber das Wasser wird in Kläranlagen gereinigt, bevor es als Trinkwasser an den Verbraucher weitergeleitet wird. Deshalb erfüllen nach dem aktuellen Bericht des Bundesministeriums für Gesundheit und des Umweltbundesamtes mehr als 99,9 % der untersuchten Proben die Anforderungen der Trinkwasserverordnung. Im Bericht wird aber auch deutlich, dass die Kontrollen in seltenen Fällen eine Überschreitung der Grenzwerte ergeben.

Die Reinigung in Kläranlagen sorgt auch dafür, dass die hohen Nitratwerte des Grundwassers und andere Schadstoffe nicht den Verbraucher erreichen. Mehr und mehr entwickelt sich aber die Frage, wer diesen Reinigungsaufwand bezahlen muss. Bisher zahlt der Verbraucher die Reinigung seiner Abwässer und die Aufbereitung von Trinkwasser. Aber der Aufwand für die Wasserversorger steigt, schon die Beseitigung des Nitrats erfordert neue Investitionen.

Die Reinigung wird immer teurer: Viele Arzneimittelrückstände wie beispielsweise Hormone oder das Schmerzmittel Diclofenac können in gängigen Kläranlagen derzeit nicht aus dem Abwasser entfernt werden. Sie geraten dadurch in die Umwelt. Aber die Verwendung und Produktion der Arzneimittel lässt sich nicht einfach verbieten. Technologisch besteht die Möglichkeit, die Abwässer zumindest von einem Teil der Arzneimittelrückstände und anderer Mikroschadstoffe zu befreien. Dazu müssten die Betreiber der Kläranlagen eine sogenannte vierte Reinigungsstufe installieren. Wissenschaftler des Helmholz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig erörtern in einem Gutachten, ob die Kosten für die Spezialreinigung über eine Arzneimittelabgabe auf die Hersteller übertragen werden sollen. Dann würde der Verursacher zahlen. "Rechtlich wäre die Einführung einer Arzneimittelabgabe ohne Probleme möglich und auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll", urteilt der Umweltökonom Erik Gawel. Liegt eine eindeutige gewässerschädigende Wirkung vor, wäre eine erhöhte Abgabe fällig. Kann aber nachgewiesen werden, dass das Arzneimittel gewässerunschädlich ist, würde der Wirkstoff von der Abgabenzahlung befreit werden, schlagen die Forscher vor. Eine politische Mehrheit hat dieser Vorschlag aber bisher nicht.

Wie es zur Verunreinigung des Wassers kommt, ist oft eine Art Blackbox. Für einige Schadstoffe ist noch immer nicht ganz klar, auf welchem Weg sie in welcher Menge ins Abwasser gelangen. Das gilt beispielsweise auch für den Eintrag von Mikroplastik. Verschiedene Wissenschaftler-Teams untersuchen die Herkunft dieser Partikel im Wasser. Neben Plastiktüten könnten das Kosmetikprodukte sein, aber auch Textilien, die in der Waschmaschine gewaschen werden, oder der Abrieb von Reifen und Bremsbelägen, der vom Regen in die Kanalisation gespült wird.

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