Das Feuer ist fast außer Kontrolle

Stephen Hawking über die Zukunft der Menschheit

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Stephen Hawking ist ein Meister darin, lange Entwicklungen auf den Punkt zu bringen. Zur Geschichte der Menschheit schreibt er in seinem neuen, posthum erschienenen Buch: „Nachdem wir das Feuer erfunden hatten, haben wir uns ein paarmal dumm angestellt. Und dann den Feuerlöscher erfunden.“ Der Mensch ist also lernfähig, aber er tut sich schwer damit. Zwischen den Erfindungen des Feuers und des Feuerlöschers liegen viele Tausend Jahre.

Wie sieht es bei den technischen Revolutionen unserer Zeit aus? Hier diagnostiziert Hawking eine Krise und rät dringend dazu, bei den anstehenden Entdeckungen sogleich an den Feuerlöscher zu denken. Wie der Bestsellerautor Yuval Noah Harari, dessen jüngstes Buch die Zukunftsreporter kürzlich besprochen haben, sieht der Bestsellerautor Hawking zwei wissenschaftlich fundierte Revolutionen heraufziehen: die genetische Veränderung des Menschen – selbst wenn man es verbieten sollte, wird es irgendjemand tun – und die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz, die ihren Namen verdient. Hinzu kommen zwei Bedrohungen, die wir aus dem 20. Jahrhundert geerbt haben: die Gefahr eines Atomkriegs und der Klimawandel. Es kommen aus Hawkings Sicht also mehrere Gefahren zusammen. Die Menschheit steckt ganz schön in der Klemme.

Hawkings Buch ist aus einer Sammlung von Antworten auf Leserfragen entstanden, denn der Physiker gilt vielen auch als kritischer Beobachter der Gegenwart und als moralische Instanz. Es sind, wie sollte es anders sein, „kurze Antworten auf große Fragen“ – so der Titel des Buchs. Es geht also nicht nur um Kosmologie, Hawkings eigentliches Fachgebiet. Die Kapitel tragen auch die Überschriften „Werden wir auf der Erde überleben?“ und „Wie gestalten wir unsere Zukunft?“.

Der Physiker Stephen Hawking in jungen Jahren und sein neues Buch "Kurze Fragen auf große Antworten", das bei Klett-Cotta erschienen ist
Der Physiker Stephen Hawking in jungen Jahren und sein neues Buch "Kurze Fragen auf große Antworten", das bei Klett-Cotta erschienen ist
NASA, Klett-Cotta

Im Unterschied zu Yuval Harari hält es Hawking durchaus für möglich, dass die Maschinen ihrer selbst bewusst werden und den Ehrgeiz entwickeln, die Menschheit zu unterjochen. „Wenn sehr komplizierte chemische Moleküle beim Menschen zusammenwirken und ihn intelligent werden ließen“, schreibt er, „könnten vergleichbar komplizierte elektronische Schaltkreise bei Computern dazu führen, dass sie intelligent agieren.“ Und wenn die Computer diese Stufe erst einmal erreicht haben, könnten sie Maschinen konstruieren, „die noch komplexer und intelligenter sind als sie selbst“. Die Menschen würden wiederum versuchen, ihr Erbgut so zu verbessern, dass sie mit den Maschinen mithalten können.

Für alle, denen diese Gedankenspiele zu weit in die Zukunft reichen, hat Hawking – der sich selbst als Optimisten bezeichnet – immer noch die aktuellen Gefahren des Atomkriegs und des Klimawandels parat. Schon diese beiden Risiken sind für ihn so greifbar, dass er laut und ausführlich darüber nachdenkt, die Erde aufzugeben und einen neuen Planeten zu suchen. Damit soll die Menschheit im schlimmsten Fall die Möglichkeit haben, neu anzufangen. „Der Aufbruch ins Weltall ist vielleicht die einzige Möglichkeit, uns vor uns selbst zu retten“, schreibt er.

Dieses Szenario kann man leicht abtun, weil es keines der menschengemachten Probleme löst. Auch auf einer zweiten Erde können autonome Killerroboter gegen genetisch optimierte Supermenschen kämpfen und dabei Atomwaffen einsetzen. Und womöglich gibt es auf der Erde 2.0 auch fossile Rohstoffe, die wir verfeuern könnten. Es würde uns nicht schwer fallen, auch einen zweiten Planeten zu ruinieren.

Doch mit diesem Einwand entledigt man sich nicht der Krise, die Hawking umtreibt. Seine Untergangsstimmung ist nicht unbegründet: Die Menschheit wird sicher nicht der fortschreitenden Erderwärmung tatenlos zusehen wie der Frosch im Topf auf dem Herd, der die langsam steigende Temperatur erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Die Menschheit wird sich vielmehr, wenn sie den Klimawandel nicht verhindert, schon bald über die spürbaren Konsequenzen streiten. Über die Fragen, wer für Missernten und Wassermangel verantwortlich ist und wer das Recht hat, die verbleibenden Ressourcen des Planeten auszubeuten, könnten Kriege ausbrechen.

„Denkt also daran, zu den Sternen zu schauen und nicht auf eure Füße“

Außerdem wirbt Hawking für die interstellare Raumfahrt mit einem unschätzbaren Nebeneffekt: Um dem Missbrauch der Genetik und der Informatik vorzubeugen, sollten seiner Ansicht nach möglichst viele Menschen naturwissenschaftlich geschult werden. Ein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm könnte, so Hawkings Logik, das Interesse an diesen Fächern wecken. Denn nur wer in Grundzügen versteht, wie die Welt der Zukunft funktioniert, wird sie kontrollieren können – also verhindern können, dass Wissen und Technik zum Schlechten genutzt werden. „Eine Welt, in der lediglich eine ganz kleine Superelite dazu in der Lage ist, komplexere Themen aus Naturwissenschaft und Technik und deren diverse Umsetzungsmöglichkeiten zu verstehen, wäre meiner Meinung nach gefährlich beschränkt und verblendet“, warnt Hawking.

Dass auch Kompetenz in sozialen und ethischen Fragen helfen könnte, den richtigen Weg zu finden, erwähnt Hawking in seinem neuen Buch nicht. Das ist schade, denn er präsentiert das technische Wissen nur als einen Schutz davor, von einer Elite ausgenutzt zu werden, die weiß, wie man Maschinen programmiert und das Erbgut manipuliert. Dieses Wissen gibt aber für sich genommen noch keinen Aufschluss darüber, wie man mit den neuen Technologien umgehen sollte. Dafür ist eine gut organisierte gesellschaftliche Debatte nötig.

Doch Hawking macht einen anderen interessanten Punkt: Er fordert Fantasie, sich mögliche Zukünfte vorzustellen – und zwar dynamische Zukünfte und keine statischen wie in der TV-Serie „Star Trek“, denn gesellschaftliche Stabilität sei unrealistisch. In vielen Science-Fiction-Szenarien schlittert die Menschheit in eine Katastrophe, aus der sie sich aber erholt. Sie lernt aus ihren Fehlern und gründet eine stabile Gesellschaft auf technologisch und moralisch hohem Niveau. Ein aktuelles Beispiel dafür bietet der düstere Roman „Der dunkle Wald“ des chinesischen Autors Liu Cixin: Etwa 200 Jahre in der Zukunft leben die Menschen bequem in unterirdischen Metropolen – gut gelaunt und ihrer selbst gewiss. Doch Liu zeigt, wie schnell diese Selbstzufriedenheit verschwindet, wenn die Menschen erneut unter Druck geraten. Auch Hawking findet: Die menschliche Gesellschaft wird nie stabil sein, die Arbeit an einer guten Zukunft geht nie zu Ende.

Vielleicht sollte man Hawkings Aufruf zum Aufbruch ins Weltall daher metaphorisch auffassen: Wir müssen nach den Sternen greifen, um uns den Widrigkeiten des Lebens immer wieder aufs Neue entschlossen stellen zu können. Wir werden die Erde auf diese Weise nicht in ein Paradies verwandeln, aber wir können ein gutes und erfülltes Leben führen, wenn wir es versuchen. Und wer könnte diese Botschaft glaubwürdiger vertreten als ein Patient, der mehr als 50 Jahre jeden Tag seiner unheilbaren Krankheit trotzte und darüber nicht den Mut verlor? Hawkings Buch endet mit diesem Appell: „Ganz egal, wie schwierig euch euer Leben vorkommt: Es gibt immer etwas, das ihr tun – das ihr erfolgreich tun könnt. Gebt nie auf, das ist am wichtigsten!“


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