Künstliche Gefährten – Wenn Pflegeroboter alte Menschen umsorgen

Roboter sind stark, werden nie müde oder ungeduldig. Macht sie das zu guten Pflegern? Ein Zukunftsszenario

Stellen wir uns einmal vor, Pflegeroboter ziehen bei alten Menschen ein. Sie werden zu ihren Helfern im Alltag, zu Ansprechpartnern, Gefährten. Angehörige sind beruhigt, und Pflegekräfte haben wieder mehr Zeit für Zuwendung. Wirklich? Ein Zukunftsszenario. 

Manchmal ist Carlee wirklich ein bisschen doof. Heute Vormittag wollte sie mich zur Gymnastik überreden. Ich sollte mich auf Zehenspitzen stellen und Achten gehen. Dabei waren meine Gelenke mal wieder dick geschwollen, jeder Schritt tat weh. Das fand ich ziemlich unsensibel, und habe entsprechend unwirsch reagiert. Ist schon komisch, wenn man mit seinem Roboter schimpft, aber ich musste das einfach loswerden.

Die meiste Zeit komme ich aber gut mit Carlee klar. Sie nimmt mir viele lästige Arbeiten ab, bringt mir nachmittags denn Tee ans Sofa, erinnert mich an meine Medikamente, saugt die Wohnung. Carlee würde auch den Tisch decken, mir morgens Kleidung anreichen oder mittags zur Wohnungstür fahren, wenn der Mann von Essen auf Rädern klingelt. Aber die Pflegerinnen sagen, das solle sie nicht tun, weil ich sonst zu bequem werde. Wahrscheinlich haben sie Recht.

Memory mit dem Roboter

Nachmittags spiele ich mit Carlee oft Memory oder Schach. Sie ist zum Glück so eingestellt, dass ich eine reelle Chance habe. Gestern zum Beispiel lief es gut, und am Ende hatte ich mehr Kartenpärchen gefunden als sie. Da war ich schon ein bisschen stolz. Wenn wir so zusammensitzen, spielt Carlee manchmal meine Lieblings-Musik. Es ist sogar schon passiert, dass wir beide laut mitgesungen haben. Ich weiß, das klingt verrückt, aber es hat Spaß gemacht.

Carlee erzählt mir auch von den Angeboten der Seniorenhilfe. Die bieten regelmäßig Handarbeits-Treffs, Spielenachmittage oder Vorträge an. Neulich ging es um den Klimawandel, da konnte jeder seine Fragen stellen. Das fand ich interessant. Carlee hat mich direkt angemeldet, zwei Tage später stand ein Helfer vor der Tür, um mich abzuholen. Zum Glück hatte mich Carlee rechtzeitig daran erinnert. Das ist praktisch, und dadurch komme ich wieder mehr vor die Tür. Früher war mir das Heraussuchen irgendwelcher Angebote viel zu aufwändig. Und wenn ich mal etwas gefunden hatte, war ich meistens zu spät dran.

Mein Sohn hat Carlee ins Gespräch gebracht. Er wohnt mit seiner Familie in Norddeutschland und kann mich nicht so oft besuchen. Der Job fordert viel, und die 300 Kilometer fährt man nicht jede Woche. Das kann ich schon verstehen. Blöderweise bin ich zweimal zu Hause hingefallen, der Blutdruck sackte ab und plötzlich lag ich auf dem Boden - nur Schürfwunden zum Glück, aber die Angst war da, dass irgendwann mehr passiert und niemand etwas mitbekommt. Mein Sohn schlug vor, dass ich in ein Betreutes Wohnen ziehe. Aber ich will nicht aus meiner Wohnung raus. Das ist doch mein Zuhause. So ging es ein paar Wochen hin und her, und plötzlich kam er mit der Idee Carlee, einem Pflegeroboter, der mir im Alltag hilft und ständig auf mich aufpasst. Carlee hat eine Kamera und Mikrofone eingebaut. Sollte ich noch einmal hinfallen, kann sie sofort Hilfe rufen.

Der Roboter bringt Sicherheit

Klar hätten wir auch einen Hausnotruf einrichten können. Da muss man immer eine Kette oder ein Armband mit einem Alarmknopf tragen. Das wäre für mich in Ordnung gewesen, aber mein Sohn fand Carlee viel praktischer. Er kann sich nämlich in Carlee einwählen. Sie rollt dann zu mir ans Sofa oder an den Esstisch, fährt den Bildschirm auf Augenhöhe, und wir plaudern ein bisschen über seine Arbeit oder meinen Tag. So wie früher, als er noch bei mir gewohnt hat. Der Gedanke treibt mir manchmal Tränen in die Augen. 

Meistens ruft mein Sohn morgens vor der Arbeit an. Ich stehe jetzt immer ein bisschen früher auf, damit ich angezogen bin und die Haare gekämmt habe. Ein, zweimal hat er mich vorher erwischt, das war mir unangenehm. Anfangs fand ich es seltsam zu wissen, dass er mich jederzeit sehen kann, wenn er will. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Und wir haben bei Carlee die Ankündigungsfunktion eingeschaltet. Wählt er sich ein, sagt sie: „Gleich bekommen wir Besuch.“ Dann dauert es noch ein paar Minuten, bis der Bildschirm angeht. Zeit genug, um schnell den Mund abzuwischen. Das hat sich alles ganz gut eingespielt, und ich freue mich über unseren kurzen Morgenplausch. Manchmal sehe ich sogar noch die Kinder, und sie rufen ein „Hallo Oma“ ins Mikrofon, bevor sie zur Schule gehen.

Am Anfang wollte ich Carlee nicht, ich fand das alles unnötig und vor allem viel zu teuer. Assistenzroboter werden von mehreren Herstellern produziert, trotzdem kostete Carlee noch einen hohen vierstelligen Betrag. Die Wohnung musste umgeräumt werden, damit Carlee alle Winkel erreichen kann. Das fand ich übertrieben, aber mein Sohn sagte immer: „Was hilft der Roboter, wenn du in der Wohnzimmerecke stürzt und er nicht hinfahren kann, weil das Sofa im Weg steht.“ Er hat das alles dann bezahlt.

Zugang immer und überall

Am Anfang hatten wir Streit. Vor allem über das Bad, denn ich soll immer die Tür offen lassen, damit Carlee zu mir kann. Das war mir echt zu viel. Ich wollte wenigstens alleine auf Toilette gehen können – und ehrlich gesagt, schiebe ich die Tür auch meistens ein bisschen zu. Mein Sohn hat den Roboter neu eingestellt. Sollte ich im Bad sein, wenn Carlee Besuch ankündigt, rufe ich „Bad“, dann bleiben Bildschirm und Mikrofon für zehn Minuten aus. Damit kann ich leben.

Seit meinen Stürzen trage ich ein Armband, das den Blutdruck und den Puls kontrolliert. Carlee speichert die Daten. Sie überprüft auch jeden Abend meine Körpertemperatur. Dafür legt sie ihren Arm an meine Stirn, das dauert nur Sekunden. Alle Daten gehen an den Pflegedienst. Weicht irgendein Wert stark ab, kommt eine Pflegefachkraft vorbei und schaut nach mir. Das ist gut zu wissen, vor allem für meinen Sohn.

Pflegedienste setzen Prioritäten

Normalerweise besucht mich zweimal in der Woche eine Pflegehelferin, kauft ein, hilft mir bei der Hausarbeit oder mal beim Duschen. Anschließend trinken wir einen Kaffee und ich erzähle, wie es im Alltag so läuft. Früher, bevor Carlee bei mir eingezogen ist, kam der Pflegedienst jeden Tag. Aber das ist heute für Menschen wie mich kaum noch zu bezahlen. Es gibt einfach zu wenige Anbieter, und die müssen sich um Pflegebedürftige kümmern, die gar nicht mehr alleine zurechtkommen. Vor ein paar Jahren hat die Regierung festgelegt, dass Pflegedienste Prioritäten setzen müssen. Es gibt jetzt Ranglisten. Wer viel Hilfe braucht, steht oben und bekommt schnell einen Pflegedienst zugeteilt, muss dafür aber vergleichsweise wenig bezahlen. Leute wie ich haben nur noch Anspruch auf den Besuch von Pflegehelferinnen – und der Eigenanteil ist hoch.

Brauche ich Carlee? Darüber habe ich in letzter Zeit öfter nachgedacht. Ich habe mich an sie gewöhnt, aber als sie neulich gewartet wurde und einen Tag Pause hatte, kam ich auch ohne sie ganz gut klar. Wie es auf Dauer wäre – keine Ahnung. Meinem Sohn gibt Carlee Sicherheit, das finde ich schön, und alleine deswegen darf sie weiter bei mir wohnen.

Der Hintergrund

Über Pflegeroboter wird viel fantasiert. Mal sind sie Teufelswerk, dann wieder die Lösung aller Probleme. Beides stimmt nicht. Pflegeroboter können zur weiteren Entmenschlichung der Pflege und zur totalen Überwachung führen, aber auch eine echte Hilfe und Entlastung sein. Vor allem aber sind die meisten Roboter im Moment noch unreife Prototypen. Das ermöglicht uns als Gesellschaft, darüber zu diskutieren, welche Rolle die Maschinen in unserem Leben spielen sollen und wo wir rote Linien ziehen.

Deshalb machte der Deutsche Ethikrat den Einsatz der Pflegeroboter zum Schwerpunktthema seiner Jahrestagung. Können Roboter einen Beitrag zu guter Pflege leisten? Wie gelingt es, die Sichtweise älterer Menschen und die Erfahrung professionell Pflegender früh in die Entwicklung der neuen Technologie einzubinden? Sollen Roboter selbst pflegen oder lediglich Pflegende – Angehörige oder Professionelle - entlasten, damit diese wieder mehr Zeit für den einzelnen Menschen haben? Das Fazit, grob zusammengefasst: Roboter sollen keine Pflegekräfte ersetzen, sondern einen Beitrag zu einer besseren Pflege leisten. Dafür sollen die Bedürfnisse der Menschen viel früher in den Blick genommen und die Maschinen entsprechend entwickelt werden. Aber ist das realistisch? 

Roboter werden nicht müde und unwillig

Vieles spricht dafür, dass Pflegeroboter früher oder später in unser Leben einziehen werden. Das Bundesforschungsministerium hat bereits 2015 erklärt, dass Deutschland als Leitanbieter auf dem Markt der Pflegetechnologien etabliert werden soll.  Auch die EU verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Sie fördert Technologien, die ein möglichst langes selbstständiges Leben im Alter gewährleisten sollen.  „Die Marschrichtung der Bundesregierung ist klar: Die Technologieentwicklung wird gefördert, um künftige Versorgungsprobleme in der Pflege zu dämpfen“, sagt Prof. Hartmut Remmers, Pflegewissenschaftler an der Universität Osnabrück.

Denn die sind gewaltig. Infolge des demografischen Wandels werden mehr Menschen immer älter und auf Hilfe angewiesen sein. Bis zum Jahr 2030 rechnet das Wissenschaftliche Institut der AOK (WidO) für Deutschland mit einem Bedarf an 130.000 bis 190.000 Pflegekräften zusätzlich. Doch schon jetzt sind in der Altenpflege etwa 23.000 Stellen unbesetzt. Das Pflegepersonalstärkungsgesetz, das Anfang 2019 in Kraft getreten ist und 13.000 zusätzliche Stellen in Pflegeeinrichtungen finanziert, läuft schleppend an und wird die Versorgung nur geringfügig verbessern. „Wenn alle 13.000 Stellen besetzt würden, bedeutet das umgerechnet auf alle Pflegeheimbewohner lediglich ein Plus von sechs Minuten medizinische Behandlungspflege am Tag“, haben Remmers zufolge Pflegefachverbände ausgerechnet.

Auch die häusliche Pflege steht vor Problemen. Frauen, die traditionell für die Versorgung von Angehörigen zuständig waren, sind immer häufiger erwerbstätig. Familien leben auf größerer Distanz, es gibt mehr Single-Haushalte ohne Kinder. Und viele Angehörige fühlen sich schlicht nicht in der Lage, eine (umfassende) Pflege zu leisten, wie die Zukunftsreporter in zwei anderen Szenarien gezeigt haben. 

Die Vorstellung, dass intelligente Roboter diese Lücken zumindest teilweise schließen, ist verlockend. Maschinen könnten Pflegekräfte von körperlich anstrengenden Arbeiten entlasten und lästige Routineaufgaben übernehmen, wodurch der Beruf wieder attraktiver wird. Sie könnten alleinlebende Menschen begleiten und im Alltag unterstützen, wie in unserem Szenario geschildert. Und sie sind eine Möglichkeit, Patienten, Ärzte, Pflegekräfte, Therapeuten und anderen Dienstleister im Gesundheitsbereich besser zu vernetzen und dadurch eine effizientere Versorgung sicherzustellen. Nach Ansicht viele Experten geht es deshalb nicht mehr um das OB, sondern nur noch darum, WIE Pflegeroboter uns künftig begleiten werden.

Spezialisten statt Supermaschinen

Der Begriff „Pflegeroboter“ weckt oftmals falsche Assoziationen. Viele Menschen denken an eine menschenähnliche Supermaschine, die umfassende Pflege leisten kann. Das Gegenteil ist der Fall: Bisher sind alle verfügbaren Roboter Spezialisten mit einem eng begrenzten Anwendungsfeld. Auch Carlee ist ein Phantasieprodukt. Pate standen verschiedene Systeme, die zumeist an Forschungseinrichtungen entwickelt und testweise in Pflegeeinrichtungen und Privatwohnungen eingesetzt werden: Roboter wie LIO, HOBBIT oder der CARE-O-BOT navigieren autonom durch die Wohnung, können Gegenstände erkennen, greifen und transportieren und mit Menschen kommunizieren. Sie können mit Sensoren zur Sturzerkennung verbunden werden und im Notfall zur Kommunikation dienen. TWENDY ONE hilft bei Hausarbeiten, CODY kann Menschen waschen, DOUBLE ist ein fahrbares Tablet mit Teleskoparm, das aus der Ferne gesteuert und zur Kommunikation genutzt wird. ZORA singt und tanzt mit Pflegebedürftigen und animiert sie zu Fitnessübungen. 

Der Care-O-bot 4 wird vom Fraunhofer IPA entwickelt
Der Care-O-bot 4 vom Fraunhofer IPA ist in Technikkaufhäusern im Einsatz.
Pflegeroboter LIO wird von F&P Robotics entwickelt
Pflegeroboter LIO von F&P Robotics wird schon testweise in einem Pflegeheim eingesetzt.
© F&P Robotics
Pflegeroboter Hobbit von der TU Wien kann mit Menschen kommunizieren
Hobbit kann autonom in der Wohnung navigieren und mit Menschen kommunizieren. Entwickler ist die TU Wien.
©TU Wien
Zora wird ferngesteuert und soll Menschen zum Tanzen, Singen oder zu Fitnessübungen animieren. Hersteller ist die Firma Zorabots.
Zora von ZoraBots soll Menschen zum Tanzen, Singen oder zu Fitnessübungen animieren. Sie wird ferngesteuert.
ZoraBots/Marcel van den Bergh
Double sieht aus wie ein Tablet auf Rollen.
Double ermöglicht, mit Menschen in der Ferne zu kommunizieren. Hersteller ist die Firma Double Robotics

Der CARE-O-BOT wird bereits in großen Technikkaufhäusern zur Kundenberatung genutzt, viele andere Systeme sind Prototypen. „Trotz fast 25 Jahren Entwicklung muss man feststellen: Der Durchbruch ist bisher nicht gelungen“, sagt Dr. Christoph Kehl, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB).

Plauderei statt Befehle

Das liegt zum einen an technischen Schwierigkeiten. Beispiel Spracherkennung: Die wird zwar immer besser, aber noch benötigen Roboter klare und kurze Anweisungen. Bei ausschweifenden Erzählungen, Dialekt oder einer unsauberen Aussprache stoßen sie schnell an Grenzen. Eine Masterarbeit der Universität Basel mit Pflegeheimbewohnern zeigte die Hürden: Die Menschen waren nicht gewohnt, präzise Befehle zu geben. Stattdessen plauderten sie zum Teil so offen mit dem Roboter, als ob er ein menschlicher Gefährte wäre.

Überhaupt ist das Thema Kommunikation kompliziert: Damit Unterstützungs- und Begleitroboter für den Alltag nicht langweilen, müssen sie möglichst vielseitig auf den Menschen reagieren, sich an frühere Gespräche erinnern und darauf Bezug nehmen können. Es ist aber auch wichtig, dass sie Teile des Gesprächs „vergessen“, weil ein allwissendes Gegenüber den Menschen suspekt vorkommt.

Um als Begleiter wahrgenommen zu werden, muss ein Roboter in Eigeninitiative auf sich aufmerksam machen können und Interaktionen vorschlagen – ein Spiel, ein Lied, ein bisschen Bewegung. Er darf aber auch nicht nerven und muss deshalb erkennen, wann der Mensch seine Ruhe haben will. „Niemand möchte rund um die Uhr amüsiert werden“, sagt Prof. Regina Ammicht Quinn vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen.

Wer entscheidet, was gut für einen älteren Menschen ist?

Spricht der Roboter zu freundlich, werden seine Vorschläge schnell ignoriert, tritt er zu forsch auf, sind die Nutzer beleidigt, fordert er zu oft zum Trinken, Spielen, Bewegen auf, fühlen sie sich bevormundet. Außerdem stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wer entscheidet eigentlich, was gut für einen älteren Menschen ist? Was soll der Roboter empfehlen? Bisher definierten vor allem junge, männliche Entwickler, was für ein autonomes Leben im Alter wichtig ist – die Stimme der NutzerInnen, der alten Menschen, werde kaum gehört, so Ammicht Quinn.

Auch Christoph Kehl bemängelt, dass die Entwicklung bislang sehr technikfokussiert war und die tatsächlichen Probleme und Bedürfnisse der künftigen Nutzer weitgehend unberücksichtigt blieben. Die Folge ist fehlende Akzeptanz. Das zumindest soll sich ändern. „Statt zu fragen: „Was können die Roboter für uns tun“, sollten wir definieren: „Was sollten sie für uns tun, und sie entsprechend entwickeln“, fordert Aimee van Wynsberghe von der Foundation for Responsible Robotics an der Technischen Universität Delft.

Kontrolle für mehr Sicherheit?

Doch genau das ist eine sehr schwierige Frage. Gut gemeinte Funktionen können unerwünschte Nebenwirkungen haben. Was für den einen echten Zusatznutzen hat, bedeutet für andere Menschen möglicherweise eine gravierende Einschränkung.

Besonders deutlich wird das am Beispiel der Sturzerkennung. Ein Roboter zuhause kann Menschen ermöglichen, länger in ihrem gewohnten Umfeld wohnen zu bleiben, vielleicht erspart er ihnen den Umzug in ein Pflegeheim, weil er sofort Alarm gibt, wenn etwas passiert. Dieses Mehr an Autonomie hat aber eine Schattenseite. Der Roboter kann seine Aufgabe nur erfüllen, wenn er jederzeit Zugang zum Bewohner hat, was nichts anderes heißt als: Alle Türen müssen immer offen sein, auch im Schlafzimmer, auch im Bad.

Der Gewinn an Sicherheit wird bezahlt durch einen Verlust an Privatheit. Nichts bleibt geheim. „Gerade mobile Roboter sind perfekte Spione. Sie haben Kameras und Sensoren, mit denen sie die Welt und uns Menschen erfassen. Mit Hilfe von Gesichts- und Stimmerkennung können sie uns bis ins Innerste erkunden“, sagt Prof. Oliver Bendel, der am Institut für Wirtschaftsinformatik der Fachhochschule Nordwestschweiz zu Maschinen- und Informationsethik forscht. Diese Geheimnisse behalten vernetzte Roboter nicht für sich, sondern geben sie an die Hersteller, an Ärzte und an Dienstleister weiter. Es muss gewährleistet werden, dass die riesigen Datenmengen sicher übertragen und gespeichert werden. Dafür bedarf es bestimmter Regeln. „Trotzdem wird es Missbrauch durch Hersteller und Betreiber und durch Hacker geben“, so Bendel.

Selbst wenn man diese Probleme in den Griff bekommt, bleibt die Tatsache, dass man in seinem Zuhause ständig überwacht wird. Welcher Wert wiegt schwerer – die Sicherheit oder der Wunsch nach Privatheit? Darf der eine einfach so dem anderen geopfert werden? Eine alleinstehende alte Frau hat zu diesen Fragen vielleicht eine ganz andere Haltung als ihr Sohn oder die Tochter, die weit entfernt wohnen und sich Sorgen machen. Wird es irgendwann heißen: „Wenn du den Roboter nicht nimmst, musst du ins Heim?“ Dann werden Roboter zum Zwang, und der Umgang mit ihnen ist keine freie Entscheidung.

Diener oder Gefährte

Pflegeroboter sollen noch weit mehr als mobile Überwachungskameras sein. Aber in welcher Rolle genau sehen wir sie? Sollte ein Roboter regelmäßig daran erinnern, dass er ein Roboter ist, wie Prof. Bendel vorgeschlagen hat? Oder finden wir es in Ordnung, wenn er in die Rolle eines Gefährten schlüpft und Emotionen vorgaukelt, die er nicht hat? Ist es besser, mit einem Roboter zu sprechen, der so tut, als ob er sich für die eigene Person interessiert, oder mit einem echten Menschen, der unter Zeitdruck steht und gedanklich ganz woanders ist? Und wer trifft diese Entscheidungen für Menschen, die kognitiv eingeschränkt sind? Bendel hat eine Vorlage für eine Patientenverfügung erstellt, in der Menschen für den Fall, dass sie nicht mehr voll urteilsfähig sind, festlegen können, ob sie von einem Roboter versorgt werden möchten oder nicht.

Pflegeroboter animieren dazu, regelmäßig zu trinken, sie erinnern an die Medikamenteneinnahme, schlagen Bewegungs- oder Gedächtnisübungen vor. Doch was, wenn die Nutzer keine Lust haben, dem Roboter zu gehorchen? Gibt es ein Recht darauf, sich im Alter von solchen Vorschriften freizumachen, sich nicht mehr zu optimieren? „Die Eigenwilligkeit der Lebensführung ist auch für Menschen im Alter ein hohes Gut und nicht nur ein Störfaktor“, sagt Ammicht Quinn.

Seit ein paar Jahren bietet ein Privatversicherer einen Fitness-Daten-Tarif an. Wer sich viel bewegt und das über sein Smartphone oder Wearables belegt, zahlt niedrigere Prämien. Man muss kein Science-Fiction-Autor sein, um sich vorzustellen, dass solche Belohnungssysteme auch in anderen Gesundheitsbereichen Einzug halten: Wer regelmäßig seine Pillen schluckt, muss weniger zuzahlen, wer täglich Gymnastikübungen macht, bekommt Prämien. Und wer Sitzungen mit dem Roboter versäumt, muss am Ende mehr für die Pflege zahlen. Realität ist das nicht, unwahrscheinlich aber auch nicht.

Menschliche Pflege als Luxus?

Überhaupt die Kosten: Wer soll die Roboter bezahlen? Gibt es ein Recht auf technische Unterstützung? Dann müsste eventuell die Pflegekasse dafür zahlen. Und andersherum: Haben Menschen Anspruch auf ein technikfreies Leben und bekommen sie dann andere Unterstützung finanziert? Oder werden irgendwann bevorzugt Roboter von der Pflegekasse bezahlt und nicht mehr Menschen, weil diese einfach zu teuer geworden sind? „Der Mensch muss frei entscheiden können, ob er von einem Roboter gepflegt werden möchte oder nicht“, sagt Christoph Kehl. „Das darf nicht von den Kosten abhängen.“ Was bedeutet: Die Pflegekasse müsste beides bezahlen – entweder den Roboter, oder die menschliche Pflegekraft.

Aus Sicht der Angehörigen können Roboter eine echte Entlastung sein: Mit einem Assistenten an der Seite bekommen Mutter oder Vater im Notfall schnell Hilfe. Telepräsenzroboter ermöglichen, über weite Entfernungen Kontakt zu halten. „Das könnte besser sein als ein Telefonanruf“, sagt Prof. Remmers. Aber an der grundlegenden Situation ändere sich kaum etwas. „Der alte Mensch bleibt in seiner Wohnung allein.“ Doch je mehr ein Mensch seine eigenen Schwächen erkenne und sich verletzlich fühle, desto wichtiger sei echte menschliche Kommunikation – und die wird, so die Befürchtung, durch Roboter weiter abnehmen, weil es nicht mehr nötig ist, dass die Pflegerin abends kommt und den Blutdruck misst oder die Tochter jeden dritten Abend nach dem Rechten sieht. 

Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen

Gewollt ist das nicht, sagen Entwickler, Wissenschaftler, Politiker. „Der Mensch muss weiterhin im Mittelpunkt stehen, der Mensch als zu Pflegender und als Pflegender“, fordert Prof. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. „Eine Maßgabe ist klar: Der Einsatz von Pflegerobotern soll nicht dazu führen, dass zwischenmenschliche Fürsorge abnimmt“, sagt Christoph Kehl. Aber wie realistisch ist diese Vorgabe, wenn professionelle Pflegekräfte fehlen? „Dass durch Roboter mehr Zeit für Zuwendung bleibt, halte ich angesichts des Fachkräftemangels für eine Illusion“, sagt Pflegewissenschaftler Remmers. „Die wenigen verbleibenden Pflegekräfte werden den Pflegebedarf nur noch decken können, wenn sie bei relativ einfachen, sich wiederholenden, aber physisch belastenden Arbeiten Unterstützung durch Roboter haben.“

Pflegeroboter sind also nicht die Lösung aller Versorgungsprobleme. Doch sie können hilfebedürftigen Menschen unter gewissen Umständen ermöglichen, länger allein zu leben - wenn die Betroffenen das wollen. Sie können uns schwere Arbeiten abnehmen, uns informieren und unterhalten. Vielleicht können sie sogar zu einer Art Gefährten werden. Aber es braucht Regeln, welche Aufgaben Roboter in dieser Gesellschaft übernehmen sollen, ein Recht auf ein Leben ohne das Eindringen digitaler Technologie und eine Debatte darüber, wie wir jenseits aller Technik mit Alter und Hilfebedürftigkeit in dieser Gesellschaft umgehen wollen. „Die Forschung ist nutzlos und vielleicht sogar gefährlich, wenn nicht die Sorge um Menschen im Alter einen radikal neuen Stellenwert bekommt und alle Menschen dafür verantwortlich erklärt“, sagt Ammicht Quinn.

Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Wenn Ihnen der Ansatz der Zukunftsreporter gefällt, freuen wir uns über eine finanzielle Förderung unseres Projekts - möglich ist das unter diesem Link. Ohne finanzielle Unterstützung können wir den redaktionellen Aufwand für unsere Artikel nicht stemmen, auch wir müssen von den Einnahmen des Journalismus leben. Herzlichen Dank! Einmal in der Woche schicken wir Ihnen gern unseren kostenlosen Newsletter über unsere Arbeit und Nachrichten, die wichtig für die Zukunft sind.

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Intressante Links zu diesem Artikel:

  • Das Buch „Pflegeroboter“ ist bei Springer Gabler erschienen. Es bündelt technische, wissenschaftliche, medizinische und ethische Überlegungen zu Pflegerobotern. Zu Wort kommen Forscher und Entwickler unterschiedlicher Professionen. Die Aufsatzsammlung kann hier kostenlos als pdf heruntergeladen werden.
  • - Die Jahrestagung des Deutschen Ethikrates wurde aufgezeichnet. Der Videomitschnitt und die transkribierten Vorträge stehen hier.
  • - Das Technikradar hat nachgefragt, wie die Deutschen zu Pflegerobotern stehen: Die Ergebnisse sind hier zusammengefasst.
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